1. FSGS-Summer School „Rhetorik(en) der Literaturwissenschaft“ (Berlin, 23.–30. Juli 2017)

Verfasser_innen: Organisationsteam der Summer School Jennifer Bode, Simon Godart, Alexandra Ksenofontova, Anna Sophie Luhn, Eva Murašov

Vom 23. bis 30. Juli richtete die Friedrich Schlegel Graduiertenschule ihre erste internationale Summer School zum Thema „Rhetorik(en) der Literaturwissenschaft“ aus. 32 Teilnehmer_innen, in der Regel Doktorand_innen, waren aus den eingegangenen Bewerbungen ausgewählt worden.

Mit einer Führung durch die Ausstellung „Kunst und Narration“ im Hamburger Bahnhof und einer Eröffnungsfeier im Garten der Schlegel Graduiertenschule bot der 23. Juli Gelegenheit zum Kennenlernen. Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm und das Team der Geschäftsstelle hießen die NachwuchswissenschaftlerInnen und eingeladenen ProfessorInnen an der Freien Universität willkommen; Spoken Word Poesie von Ken Yamamoto und Musik von Sonic Drilling bereicherten den Abend.

Sektion 1: Einführung in Theorie und Geschichte der Rhetorik

24. Juli

1. Sitzung unter Leitung von Anita Traninger

Impulsvortrag: „Dissent and Disguise: Rethinking the Legacy of Classical Rhetoric“

Prof. Dr. Anita Traninger (FUB) kam es in der Eröffnung der Summer School zu, den historisch breitesten Rahmen unserer Auseinandersetzung im Rückgang auf klassische rhetorische Theorien und insbesondere Cicero abzustecken. Dass dabei sowohl vor wie nach Baumgarten 1750 „die“ klassische Rhetorik eine Fiktion sei, stellte den Ausgangspunkt ihrer historischen Darstellung dar, die sich an De Oratore orientierte, das 55 v. Chr. verfasst und erst 1421 wieder verbreitet wurde. Entgegen einer modernen Konzeption, die im Rhetorischen besonders das Ornament und die schön gestaltete Rede erkennen will, ließe sich an den klassisch-lateinischen Texten nachweisen, dass es im Kern des Denkens von Reden um den Wettbewerb zwischen den Rednern gehe – „It’s battle, not beauty“. Im Unterschied zu einer eher topisch organisierten Rhetorik, wie man sie bei Aristoteles finden kann, der es um standardisierte Verfahren zur Argument-Findung gehe, ließe sich die Inventio in einem kontroversen Konzept als Parcours des Streites verstehen. Hier gelte vor allem die Technik des in utramque partem disserrere – eine Pro- und Kontra-Abwägung, die dazu befähigt, jede Seite einer Streitfrage vertreten zu können, ungeachtet der eigenen Überzeugungen. In Anschluss an Sloane machte Traninger dabei deutlich, dass die tatsächlichen Gegebenheiten und Überzeugungen für den Rhetor in Praxis und in Ausbildung beliebig austauschbar gewesen sind. Die Praxis des Redens und der Selbstdarstellung im Reden habe sich im Anschluss an Cicero (und damit nach der Republik, und somit mit dem Wegfallen der juridisch-politischen Rednerfunktion auf dem Forum) von der Vertretung von eigenen Positionen völlig emanzipiert und sei beispielsweise bei Quintilian und den Kirchenvätern im Konzept der Persona aufgegangen, im „Stimme-Geben“. Die Einübung in die Rhetorik verlief über die Verteidigung oder Anklage in völlig fiktiven Streitfällen, deren Personal ebenso frei gesetzt wurde wie das zugrundeliegende geltende Recht. Um seine Kunst unter Beweis zu stellen, habe der Redner in der Ausbildung dabei versucht, durch die Wahl besonders schwacher und marginalisierter Stimmen hervorzustechen. Augenfällig wird dies vor allem an Reden, die als Frauen gesprochen wurden, während nur Männern der Zugang zu juristischen Institutionen und auch zum Rhetoren-Unterricht gestattet war.

Die Möglichkeit, die Erzählerstimme in den Literaturwissenschaften mit diesem Reden für andere ins Verhältnis zu setzen, wurde von der Diskussion bereitwillig aufgenommen. Insbesondere die Frage nach der ethischen Position innerhalb des völlig normfreien Exerzierraums der Rhetorikausbildung wurde dabei mit der Frage nach Sprecherstimmen von Texten, die sich als Vertreter_innen marginalisierter Gruppen inszenieren, verschränkt. Anstelle eines Sprechens für jemanden sei das Sprechen als jemand aber eher als Distanzierung zu verstehen, die es ermöglicht, unterschiedliche Momente von Fiktionalisierung in Texten umzusetzen. Die Ich-Origo von Erzählungen ist wie die Maske des Sprechers leer. Damit ließe sich vielleicht am historischen Material zeigen, wie die Persona Auswirkungen auf die Konzeption narrativer Texte der Frühen Neuzeit hatte.

 

2. Sitzung unter Leitung von Karen Feldman

Impulsvortrag: „Deconstructions: Tropes and Narrativity“

Hatte Paul de Man schon in der vorangegangenen Sektion eine größere Rolle gespielt, so wurde er bei Prof. Dr. Karen Feldman (UC Berkeley) mit Hayden White zum Gegenstand der Darstellung einer Rhetorik des 20. Jahrhunderts. Feldman verfolgte zwei Ziele: sie wollte a) zeigen, wie die Tropologie bei de Man zum theoretischen Gerüst der Dekonstruktion wird und b) wie Hayden Whites Narratologie sich mit Raum- und Zeitverhältnissen beschäftigt. Versammelt wurden diese beiden Positionen unter der Annahme, dass beide Autoren ihre Konzeptionen maßgeblich im Austausch mit Momenten der klassischen Rhetorik entwickeln.

De Mans Denken ist von der Umkehr von Ordnungen durchdrungen. Während ein modernes Verständnis vom Redeschmuck der Eloquenz sagen würde, dass er der eigentlichen Sache des Sprachlichen hinzugefügt werden könne, sieht de Man gerade die Tropen im Herzen der Sprache selbst funktionieren. Er nutzt die von Nietzsche vorbereitete Zirkularität von Tropen zur Kritik eben dieses binären Sprachkonzepts, das eigentliches und uneigentliches Sprechen als streng differenziert annimmt. Wie bei Nietzsche ist diese Umkehr allerdings nicht einfach zu verstehen. Ihr abyssaler Charakter besteht gerade darin, die Binarität – bspw. von Philosophie und Literatur und von literaler und figuraler Bedeutung – nicht einfach umzuwenden, sondern in der Wendung eine Zirkularität einzuzeichnen. Wer einen der beiden Pole favorisiert, wird unmittelbar auf den anderen zurückverwiesen und gelangt so in Widersprüche. Die Konzeption der Dekonstruktion, die im Text stattfindet, ist somit rhetorisch fundiert. Sie mündet nicht zwingend in einem Nihilismus, wie Rodolphe Gasché de Man sieht, sondern kann, auch im Vergleich zu Adorno, nach Feldman als Ideologiekritik verstanden werden.

In ähnlicher Weise ließ sich an Hayden White zeigen, wie rhetorische und hier insbesondere narrative Momente seine Theorie stützen und zu einer kritischen Befragung von Wirklichkeit nutzbar gemacht werden. Für White ist es gerade das Narrativieren in der Geschichtsauffassung, das sich als Rhetorik der Historiographie verstehen ließe. In seiner von Kant geprägten Analyse wird deutlich, dass die non-fiktionalen Erzählungen der Geschichtsdarstellung sich derselben rhetorischen Momente bedienen wie diejenigen von Kunstprosa. An verschiedenen Beispielen – der Chronik, den Annalen und an modernen Geschichtsnarrativen – konnte Feldman Whites Überlegungen ausführen, dass das Versprechen von Ganzheit und Geschlossenheit ein Moment ist, das die Wahrnehmung des Gewesenen erst strukturiert und eröffnet. Der Eindruck, den diese Erzählungen erwecken wollen, nämlich ihre Gegenstände objektiv darzustellen, gipfelt im Versuch, die Erzählerstimme unhörbar zu machen und dem Text den Anschein zu geben, als sprächen die zu verhandelnden Res sich selbst aus. Dass dieser Effekt seinerseits ein höchst rhetorischer sei, der u. a. mit dem vorher diskutierten Persona-Konzept in eins falle, bildete die Basis für die gemeinsame Diskussion.

Hier beschäftigten uns vorrangig Fragen der Ethik der Rhetorik, wie sie am Sprechen-für-Andere sowie am Nihilismus-Vorwurf gegen de Man und White sich stellen ließen. Zum einen stehe die Literaturwissenschaft in der Verantwortung, diese und vergleichbare Momente von Literatur und Sprachhandlung zu identifizieren und an der Kritik zu partizipieren. Zum anderen habe man erkennen können, in welchem hohen Maße rhetorische Verfahren nicht nur sprachliche Objekte gestalten, sondern an unserer Weltauffassung und der Sprache im Allgemeinen partizipieren.

 

25. Juli
3. Sitzung unter Leitung von Dietmar Till

Impulsvortrag: „Beyond Persuasion/Persuasion renewed – ‚New Rhetoric‘ after 1945“

Prof. Dr. Dietmar Till (Universität Tübingen) unternahm den Versuch, die so bezeichneten Neuen Rhetoriken des 20. Jahrhunderts mit antiken und klassischen Konzeptionen zu vergleichen und die Funktionen rhetorischer Verfahren zu bestimmen. Ebenfalls dem Plural der Veranstaltung verpflichtet, ließ er keinen Zweifel daran, dass systematische Projekte wie dasjenige Lausbergs verfehlt seien und die Schlüsseltexte der Rhetorik, allen voran Ciceros De Oratore, keine einfachen Lehrbücher, sondern komplexe Präsentationen von Kernmomenten überzeugender Rede und Interaktion darstellen. Im aristotelischen Zusammenspiel von Ethos, Logos und Pathos ginge es dabei in rhetorischen Momenten vorrangig um Persuasion, die sich je nach Gewichtung der drei Momente in unterschiedlichen Feldern umsetze.

Um die Beziehung zwischen Literatur und Rhetorik näher zu bestimmen, schlug Till drei Bestimmungen des Rhetorischen vor, die den Vergleich ermöglichen sollten. Zu rhetorischem Sprechen gehöre so a) die klare Absicht, jemanden zu überzeugen, b) der strategische Charakter dieses Plans, der sich auch an der Künstlichkeit oder der Technizität des Textes erkennen lasse, sowie c) die sozial-historische Situiertheit eines rhetorischen Momentes, die als Kontext maßgeblich an der Funktion des Textes beteiligt sei. Wie auch schon bei Traninger und Feldman wurde so die Medialität besonders betont.

Mit diesem Konzept nun kamen wir auf die breite Literaturauswahl zu sprechen, die Till aus Vertretern einer anglo-amerikanischen Variante der Rhetorik zusammengestellt hatte. Während Perelman mit seiner Nouvelle Rhetorique an Aristoteles‘ stark argumentativ geprägte Annahmen anschloss und eher Logos und Ethos zuzusprechen wäre, war unser Fokus vornehmlich auf Kenneth Burkes Texte insbesondere zu Identifikation als Schlüsselmoment der Rhetorik gelegt. Hier ließe sich im Emotionalen der Ansprache und der politischen Rede mehr als deutlich zeigen, welche Rolle Pathos bei der Erzeugung von Evidenz und Meinungen spielt.  Im Moment der Identifikation, das wiederum stark an die Persona-Konzeption erinnerte, stellte sich eine nicht logisch einholbare – und, wie sich mit Fisher sagen lässt, oft auch wesentlich extratextuell unterstütze – Wahrnehmung von jemandem als bspw. „strong leader“ ein, und zugleich werde durch die Adresse das Publikum geeint. Diese Neue Rhetorik versucht weniger, an Mittel der Überzeugung klassischer Provenienz anzuknüpfen, als dass sie ein Beschreibungsinstrument für Momente politischer Manipulation und Propaganda bereitstellen will. Aktualität komme diesem Konzept gerade in Hinblick auf die Erstarkung von Populismus in Europa und der Welt zu.

Diese dezidiert politisch geprägte Auffassung von Rhetorik wurde von einigen Teilnehmenden begeistert aufgenommen im Versuch, die Kategorien Burkes auf literarische Texte anzuwenden. In Zusammenführung aller drei Panelvorträge wurde dabei an der rhetorischen Gemachtheit beklagt, dass ihr Sprechen vom beliebigen Standpunkt, aus dem Nihilismus heraus oder in bloßem Formalismus ethisch bedenklich sei. Am Beispiel von Burkes Ausführungen, die den Akt des Tötens unter bestimmten Gesichtspunkten ebenfalls zum identifizierenden Akt erklären wollen, ließ sich diese Problematik deutlich machen.

4. Sitzung: Vertiefende Diskussionsgruppen und Abschlussdiskussion
Im Anschluss an die drei ersten Sitzungen, deren Inhalte und Schwerpunkte durch die Impulsvorträge der Speaker_innen bestimmt und in den direkt anschließenden Plenumsgesprächen bereits vertieft und erweitert wurden, wurde im Format der Kleingruppendiskussion die Möglichkeit geboten, je nach spezifischer Interessenlage der Teilnehmer_innen in kleineren Konstellationen bestimmte Themen oder Lektüren noch eingehender zu besprechen. Auf Vorschlag einzelner Teilnehmer_innen fanden sich so Diskussionsgruppen von etwa 5-10 Personen zusammen, die sich unter anderem vertiefenden Lektüren von Paul de Man, Koselleck und Sloane, aber auch Fragestellungen widmeten, die keinen expliziten Ausdruck in den vorangegangenen Sitzungen gefunden hatten, wie beispielsweise der Umgang und Vergleich europäischer Rhetorikkonzepte mit der Tradition der arabischen Rhetorik.

In der anschließenden gemeinsamen Abschlussdiskussion der ersten Sektion, in der die Ergebnisse, moderiert von den Impulsgeber_innen, zusammengeführt wurden, zeigte sich zum einen das große Interesse (und auch die Eingeschränktheit der Vorkenntnisse der meisten Teilnehmer_innen) an nicht-europäischen Rhetorikkonzeptionen und -systemen. Formuliert wurde der Wunsch und das Bedürfnis, komparative Arbeit in der Literaturwissenschaft eben an diesem Punkt zu leisten und in „cross-cultural comparisons“ das Verständnis für und Wissen um die unterschiedlichen Traditionen, um gemeinsame Referenz- und mögliche Vergleichspunkte zu schaffen. In der erneuten Diskussion von de Mans und Sloanes Positionen wurde zudem noch einmal deutlich, wie dringlich und kontrovers die Frage nach der ethischen Dimension (in) den Konzepten und Anwendungen von Rhetorik(en) der Teilnehmer_innengruppe schien. Die Rolle und Wirkmacht der Literatur in ihrer spezifisch textuellen Verfasstheit im Verhältnis zur alltäglichen Sprachverwendung und das jeweilige Verhältnis beider zu Konzepten und Anwendungen von Rhetorik(en), wie auch die Kapazitäten und Möglichkeiten der (Selbst-)Reflexion auf deren Macharten und Mechanismen, wurde ausführlich besprochen.

 

26. Juli

Sektion 2: Projektpräsentationen der Teilnehmer_innen

Entsprechend ihres Forschungsthemas waren die Teilnehmer_innen an diesem Tag einer von drei Kleingruppen zugeteilt. In einem knappen Vortrag – weniger als zehn Minuten pro Präsentation mussten genügen – stellte jede_r das eigene Projekt beziehungsweise einen Teilaspekt der eigenen laufenden Forschung mit Rhetorikbezug vor. Im Anschluss an jeden Vortrag nutzten die Teilnehmer_Innen die Möglichkeit zur Diskussion. In der Gruppe „Rhetorik und Polemik“, moderiert von Dr. Robert Walter-Jochum (FUB), wurde deutlich, welche Möglichkeiten das Feld der Rhetorik(en) für interdisziplinäre Projekte bietet, und die Teilnehmenden bewiesen, wie konkret politische und gesellschaftliche Veränderungen in den Blick genommen werden können. In der von Prof. Dr. Melanie Möller (FUB) betreuten Gruppe wurden die historischen Verknüpfungen und immanenten Verflechtungen, Überlagerungen und Bezüge der Bereiche „Rhetorik und Ästhetik“ anhand der konkreten Projekte der Teilnehmer_innen diskutiert. Der Verbindung von „Rhetorik und Poetik“ waren die Vorträge in unserer dritten Gruppe, moderiert von Bernhard Metz (FUB), gewidmet. Auch hier nutzten die Teilnehmer_innen die Gelegenheit, die methodischen Konventionen in den verschiedenen Fächern zu vergleichen und zu reflektieren. Jede Gruppensitzung endete mit einer Abschlussdiskussion, die es erlaubte, auf die Vortragsthemen zurückzublicken und, aufbauend auf dem Verständnis der Rolle der Rhetorik in den unterschiedlichen Projekten, Fragen und Thesen bezüglich der Rolle der Rhetorik an den Universitäten und außerhalb der Universitäten generell zu formulieren. Diese Überlegungen dienten als Vorbereitung für die fachpolitische Abschlussdiskussion am 29. Juli.

Ein gemeinsames Abendessen markierte die Halbzeit der Summer School.

 

Sektion 3: Rhetorik und Literaturtheorie

27. Juli

1. Sitzung unter Leitung von Frauke Berndt

Impulsvortrag: „The Art of Interpretation – The Art of Text“

Prof. Dr. Frauke Berndt (Universität Zürich) fragte in ihrem Vortrag, ob es eine Ethik der Form gebe – lies letztlich jedoch offen, wie diese zu verstehen oder beschreiben sei.
An Beispielen aus der konkreten Poesie aus den 60er Jahren in Deutschland (Reinhard Döhl, Apfel (1965)) führte sie dekonstruktive Lektüren vor, die die komplexen Strukturen von Bedeutung (in ihrer Widersprüchlichkeit und Selbstreferenz/Selbst-Demontage) hervorhoben. Dabei bezog sie sich auf die Baumgartensche Ästhetik, Theorien der Kognition und Aspekte der Materialität der Schrift (Schriftbild, räumliche Anordnung der Schrift, Formatierung eines Texts, Spiel mit Schriftsatz usw.), Strukturalismus und intratextuelle Verfahren. Den literarischen Text begreift Berndt, zumal in Rückgriff auf letzteren Aspekt, nicht als ein Sender-Empfänger-Gefüge, sondern vielmehr als ästhetisches Artefakt. Auch bzw. gerade in der digitalen Ära werde der Text primär als Objekt gehandelt und wahrgenommen. Im klassisch dekonstruktiven Sinn hob Berndt die radikale Offenheit von Bedeutung hervor. Bei ihren Beispielanalysen schlug sie fünf Elemente der klassischen Rhetorik vor, die sie als Parameter zur Analyse der Gedicht-Artefakte anwendete:  1.) Form – memoria, 2.) space – dispositio, 3.) image – elocutio, 4.) time – inventio, 5.) voice – actio/ pronuntiatio.

 

2. Sitzung unter Leitung von Amy Devitt

Impulsvortrag: „Meanings and Meaningfulness of Genre: A View from Rhetorical Genre Studies“

Prof. Dr. Amy Devitt (University of Kansas) stellte ihre Genre-Theorie und die mit ihrem Genre-Begriff einhergehenden, weniger rein philologisch als interdisziplinär orientierten Forschungsfragen vor. Devitts Ausgangsüberlegung ist es, Genre als soziales Handeln – also im Kontext seiner kulturellen Codierung – und nicht als rein textuelle Konventionen oder Regelwerk zur Genese bestimmter künstlerischer oder kommunikativer Formate zu begreifen. Sie unterschied zunächst drei Arten bzw. Funktionen des Genre-Begriffs: als Zuschreibung (label), als (poetische, literarische, kommunikative) Form, und als Äußerung bzw. Handlung. Mit Verweis auf Michail Bachtins Überlegungen zu Redensarten bzw. Formen der Rede als „relatively stable types of (…) utterances“ bemerkte Devitt, dass das Gerne zunächst einfach als Reaktion auf wiederkehrende rhetorische Situationen verstanden werden kann. Entsprechend vermittelt und reproduziert es auch bestimmte Rezipienten bzw. Sprecherrollen, zeugt von sozialen Beziehungen, Status, kulturellen Normen und Werten. Devitts Überlegungen ließen sich letztlich also als eine metasprachliche wie auch soziologische Kritik verstehen, die auf Blind-Spot-Problematiken aufmerksam machen möchte. Auf Literatur bezogen unterstrich Devitt zusammenfassend: Wer schreibe, komme nicht umher sich an bestehenden Genres oder Äußerungskonventionen abzuarbeiten – ob konformistisch, affirmativ, innovativ oder subversiv.

 

28. Juli

3. Sitzung unter Leitung von Olaf Kramer

Impulsvortrag: „From Rhetorical Criticism to Critical Rhetoric. Rhetoric as Interpretive Paradigm in Literary Studies“

Prof. Dr. Olaf Kramer (Universität Tübingen) bot in seinem Vortrag einen Überblick über mehrere rhetorische Denkmodelle des 20. Jahrhunderts: von Hans-Georg Gadamer, Heinrich Lausberg, Roland Barthes, Paul de Man, Hans Blumenberg und Peter Lothar Oesterreich. Als zentral und hilfreich sah er die Vorstellung von Rhetorik als Rhizom (Deleuze/Guattari) an, mit deren Erläuterung er seine Ausführungen begann.

Die zweite Hälfte des Vortrags widmete sich dem zeitgenössischen rhetorical criticism. Kramer legte präzise dar, wie sich der Fokus des rhetorical criticism verschieben ließ: Von der Konzentration auf den (idealen) Adressaten und den Effekt eines Textes, wie sie u. a. Edwin Black beschrieb, über Wanders Etablierung der third persona, d. h. den Aufruf, die nicht angesprochenen und ausgeschlossenen Adressaten in den Blick zu nehmen, bis zu Eagletons Verständnis der Rhetorik als wirkungsvolles Instrument der Analyse und Kritik im Hinblick auf Machtdynamiken. Detailliert ging Kramer auch auf McKerrows „Critical Rhetoric: Theory and Praxis“ ein, den die Teilnehmer_innen als Vorbereitung auf diese Sitzung gelesen hatten.

In der anschließenden Plenumsdiskussion wurden die Konvergenzen zwischen rhetorical criticism und der Kommunikationstheorie sowie den Werken von Michel Foucault besprochen.

 

4. Sitzung: Vertiefende Diskussionsgruppen und Abschlussdiskussion

Für die vertiefende Arbeit in Kleingruppen, die an diesem Nachmittag zum zweiten Mal stattfand, wurden von den Teilnehmer_innen der Summer School folgende Texte gewählt: „Poetische Topik“ von Frauke Berndt, „Syllepsis“ von Michael Riffaterre und „A Rhetoric of Motives“ von Kenneth Burke. Außerdem setzte sich eine weitere Gruppe mit der Relevanz der in dieser Sektion besprochenen rhetorischen Theorien für die eigenen Projekte auseinander.

 

29. Juli

Fachpolitische Diskussion und Abschlussrunde

Die fachpolitische Diskussion, an der sich die Teilnehmer_innen sowie F. Berndt, A. Devitt, O. Kramer und A. Traninger beteiligten, kreiste zunächst um die Frage, ob die verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen hinsichtlich ihrer Definition der und ihres Umgangs mit der Rhetorik überhaupt entscheidende Gemeinsamkeiten aufwiesen. Wurde Rhetorik von einigen Diskutierenden als eine Dimension der Sprache allgemein aufgefasst, so argumentierte Traninger gegen eine solche, die Rhetorik gleichsam als Synonym für Sprache verstehende, Definition. Auch debattierten die Anwesenden, aufbauend auf den vorhergegangenen Plenumsdiskussionen, den Nutzen des Intentionsbegriffes und die Vor- und Nachteile des Kontexteinbezuges bei der Textanalyse. Devitt plädierte nachdrücklich für eine Berücksichtigung des Kontextes. In der Diskussion um eine geeignete Rhetorikdefinition wurde vielfach auf die von den Expert_innen während der Woche vorgebrachten historischen und aktuellen Definitionen zurückgegriffen.

Obgleich viele die Unterschiede zwischen Literaturwissenschaften und anderen Geisteswissenschaften, aber auch zwischen den verschiedenen Philologien, noch am Ende der Summer School als schwer überbrückbar charakterisierten, wurde doch deutlich, dass die Teilnehmer_innen im interdisziplinären Austausch ihre eigene Rhetorikdefinitionen und ihr Verständnis des Feldes geschärft hatten. So erklärten beispielsweise Teilnehmer_innen aus den Bereichen der Film-, Theater- und Rechtswissenschaft, wie sie nach den Tagen der Textarbeit und Diskussion die Rhetoriknutzung in ihren Fächern beurteilten und welche Perspektiven sie in Zukunft für den Einbezug sahen. Während Kramer die derzeitige eingeschränkte Rolle der Rhetorik in den Literaturwissenschaften bedauerte, wies Berndt auf die erfolgreich laufende Forschung im deutschsprachigen Raum hin. Sie betonte, dass Rhetorik als mögliche Leitdisziplin betrachtet werden könnte, der es gelänge, verschiedene Disziplinen zu integrieren.

Dank des Engagements der eingeladenen Expert_innen und Teilnehmer_innen wurde gerade dieses Potenzial der Disziplin Rhetorik während der Summer School aufgedeckt und benannt. Zugleich zeichnete sich in der Woche bereits ab, dass sich der Austausch in diesem Programm vielfältig in den Forschungsprojekten der Teilnehmer_innen niederschlagen wird.

Die internationale Gruppe feierte das Ende der Summer School und den Abschied gemeinsam in Berlin.