Kleine Formen – an der HU Berlin nimmt ein neues literaturwissenschaftliches DFG-Graduiertenkolleg seine Arbeit auf

Am 1. April 2017 nimmt das DFG-Graduiertenkollegs 2190 “Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen” seine Arbeit an der Humboldt-Universität auf. Ein Interview mit dem Sprecher des Graduiertenkollegs, Prof. Dr. Joseph Vogl.

Interview von Dennis Shep

Können Sie kurz schildern, womit das Kolleg sich beschäftigen wird?

Der Ausgangspunkt des Forschungsprojekts “Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen” besteht zunächst in der Annahme, dass kleine Formen, die genremäßig wenig fixiert sind, einen großen Anteil an der Verfertigung, Zirkulation und Organisation von Wissen haben, oft aber unter der Beobachtungsschwelle bleiben. Damit hängt – und das wäre ein zweiter Punkt – zusammen, dass der Bezug dieser Formen zu unmittelbaren Praxiskontexten oder Gebrauchsroutinen sehr stark ist; dass sie sich weitgehend durch bestimmte praxeologische Perspektiven definieren, unter anderem in Zusammenhang mit bestimmten Medienformaten, und zwar vom medizinischen Aphorismus in der Antike bis zu Fragen von sozialen Netzwerken und Twitter in der gegenwärtigen Kommunikation.

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Die unsichtbare Germanistik. Über eine Debatte in ihrer Krise

Manuel Clemens promovierte 2013 an der Yale University mit einer Dissertation über „Das Labyrinth der ästhetischen Einsamkeit. Eine kleine Theorie der Bildung.“ Derzeit unterrichtet er German Studies an der Rutgers University in New Jersey. Jüngste Veröffentlichung: „Dumme Fragen beantworten. Für einen populistischen Turn in der Literaturwissenschaft“ (KulturPoetik, Heft 16, Vol. 2, 2016). In diesem Artikel schlägt er vor, dass sich die gegenwärtige Literaturwissenschaft nicht nur mit ihren kanonischen Werken und Diskursen beschäftigen sollte, sondern auch mit dummen Fragen und populistischen Themen. Würde man diesen Fragen und Themen so gewissenhaft nachgehen wie der Lektüre Kafkas oder Benjamins, könnte sich eine neue Literaturwissenschaft mit einem neuartigen Wissen im öffentlichen Raum etablieren.

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Rilkes Sonette an Orpheus

Lecture cum Seminar mit Prof. Dr. Christoph König

Zeit: 5.– 6. Januar 2017
Ort: FU Berlin
Organisation und Kontakt: Prof. Dr. Caroline Torra-Mattenklott (Aachen), Prof. Dr. Irene Albers (FUB), Louisa Künstler (FUB)
Programm und weitere Informationen

Die Sonette an Orpheus entstanden im Jahr 1922. Rilke hatte sich ins Chateau de Muzot in der Schweiz zurückgezogen, um die lange unterbrochene Arbeit an den Duineser Elegien fortzusetzen. Will man Rilkes brieflichen Aussagen Glauben schenken, erlebte er hier einen Schaffensrausch, in dessen Zuge er nicht nur die Elegien vollendete, sondern auch – in insgesamt nicht einmal vierzehn Tagen – die 55 Sonette an Orpheus aufs Papier warf. Sie waren der letzte Gedichtzyklus, den Rilke veröffentlichen sollte. Während in der Rilke-Forschung lange die Elegien im Fokus der Aufmerksamkeit standen, gelten inzwischen die Orpheus-Sonette als der „poetisch avanciertere und ästhetisch radikalere Teil der lyrischen Doppelproduktion“ (Wolfram Groddeck). Für manche bilden sie gar die „Summa poetica Rilkes“ (Dietrich Bode).

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Autor und Werk: Wechselwirkungen und Perspektiven zweier (immer noch) umstrittener Begriffe

Workshop mit einem Abendvortrag

Zeit: 06.–07. Juli 2017
Ort: FU Berlin, Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien
Konzept, Organisation, Kontakt: Svetlana Efimova
Bericht: Svetlana Efimova

„Autor und Werk“ gehören zu denjenigen Basiskategorien der Literaturwissenschaft, deren Definition oder Ablehnung das Selbstverständnis der gesamten Disziplin betreffen. Bekanntlich besitzen die beiden Begriffe eine lange und kontroverse Geschichte, die durch einen Wechsel zwischen Ablösung und Regeneration vorangetrieben wurde. Trotz des zum Klassiker gewordenen Schlagworts „Rückkehr des Autors“ (1999) und trotz der im 21. Jh. aufgeblühten Autorschaftsforschung besitzt die Autorkategorie noch ein großes Diskussionspotenzial in ihrem Verhältnis zum Werk und Œuvre. Bereits Michel Foucault hat im Aufsatz „Was ist ein Autor?“ (1969) das Begriffspaar „Autor und Werk“ als eine „solide und grundlegende Einheit“ in der Geschichte der Literatur, Philosophie und Wissenschaft bezeichnet. Allerdings fristete der Begriff „Werk“ während der Autorschaftsdebatte um die Jahrtausendwende zum Teil ein Schattendasein und wurde erst 2015 zum Gegenstand des Symposiums „Wiederkehr des Werks? Zur Gegenwart des literaturwissenschaftlichen Werkbegriffs“ in Hannover. Angesichts der heutigen Revision des Werkbegriffs lässt sich nicht nur nach Theorien und Praktiken des Werks, sondern auch nach der Bedingtheit dieses Begriffs durch das Konzept der Autorschaft fragen.

In den Philologien gibt es bisher keinen übergreifenden Konsens über die Theorie und analytische Anwendbarkeit der beiden Kategorien „Autor“ und „Werk“. Der Workshop „Autor und Werk“, der am 06. und 07. Juli 2017 an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule stattfand,  brachte VertreterInnen unterschiedlicher Teilphilologien (Germanistik, Slavistik, Anglistik, Romanistik, Komparatistik) in einen produktiven Dialog über Wechselwirkungen und Perspektiven dieser Kategorien. Konzipiert und organisiert wurde die Veranstaltung von Svetlana Efimova (FSGS).

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Epiphane Wirklichkeiten. Sprachen der Dinge in Literatur und Künsten

Triangel-Colloquium Berlin – Cambridge – Chicago

Zeit: 16.–18. Februar 2017
Ort: FU Berlin, JK33/121

Während des dreitägigen Workshops gingen an der Friedrich Schlegel-Graduiertenschule Doktorandinnen und Doktoranden der Partneruniversitäten FU Berlin, Cambridge University und University of Chicago der Frage nach der symbolischen und materiellen Präsenz der Dinge besonders in literarischen Texten nach. Die spezifische materielle Widerständigkeit von Dingen in der Literatur und den Künsten wird immer wieder zum Auslöser von Wahrnehmungsveränderungen und Präsenzerfahrungen, die gemeinhin unter dem Begriff Epiphanie gefasst werden. Die literatur-, kultur- und filmwissenschaftlichen Beiträge untersuchten unter dem Motto ad rem (zu den Dingen, zur Sache) eben diesen transgressiven Charakter der Dingwelt in Texten und anderen Kunstwerken, die Bedingungen wie auch die ästhetischen wie poetischen Verfahren, die die Dinge beredt werden lassen. Dabei war es das besondere Anliegen des Workshops, sich nicht auf den Symbolgehalt der Dinge, die phänomenologische Dimension der Ding-Erfahrung allein zu beschränken, sondern sie mit Ansätzen der Material Studies, also der besonderen Aufmerksamkeit hinsichtlich der materialen Faktur der Zeichen, Medien und Dinge in Reibung zu bringen und unter anderem danach zu fragen, welche Sprach- und Ausdrucksformen sich in Hinsicht auf die materielle Widerständigkeit der Dinge literarisch ausprägen und Wirklichkeiten epiphan machen.

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Zeit für einen „conscious turn“?

Plädoyer für eine politisch aufmerksame Literaturwissenschaft

von Eva Murasov

Vergangenen Herbst lud die Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien (FSGS) im Rahmen ihrer Jahrestagung zu einer Podiumsdiskussion ein über „Techniken und Technologien der Lektüre – Alte Kulturtechniken, literaturwissenschaftliche Methoden und die Digital Literary Studies“. Fünf LiteraturwissenschaftlerInnen (Irmela Krüger-Fürhoff, Christine Ivanovic, Thomas Weitin, Hans Ulrich Gumbrecht und Bernhard Metz) dachten öffentlich darüber nach, wie sich das Fach in einer digitalisierten Gesellschaft positionieren kann. Bedarf es unter den sich ändernden medialen Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Umgangs mit Texten? Wenn ja, welchen? Die Diskussion blieb keinesfalls bei einer Auseinandersetzung mit Methodik stehen, sondern warf die Frage nach dem Selbstverständnis der Literaturwissenschaft und ihrer gesellschaftlichen Relevanz auf. Die politische Tragweite von Debatten über Forschungsrichtungen und Studienfächern zeigte sich nicht nur jüngst im Germanistik-Bashing des Spiegels – oder vielmehr in Frauke Berndts kluger Antwort  darauf –, sie rückte auch auf dem FSGS-Podium im November 2016 in den Vordergrund.

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