„Die Wirklichkeit des Möglichen“; ein Gespräch mit Thomas Heise

Fotograf: Lorenz Becker

Am 29. September 2017 fand im Rahmen der Jahrestagung der Friedrich Schlegel Graduiertenschule eine Podiumsdiskussion statt zwischen der Autorin Svetlana Alexijewitsch und dem Dokumentarfilmemacher Prof. Thomas Heise, moderiert von Prof. Dr. Wolfram Ette. Im Anschluss an die Diskussion sprachen wir mit Thomas Heise. 

Interview von Dennis Schep

Dennis: In der zweiten Einstellung von Ihrem Film Material sind Bilder vom 14. November 1990 von der Räumung der Mainzer Strasse zu sehen. Sie nehmen eine Schlüsselposition im Film ein: Es sind die ersten Bilder, die klar datierbar sind. Was kam mit dieser Räumung zu Ende?

Thomas: Am Anfang gibt es das Bild von den Kindern – ein Tafelbild, könnte man sagen. Dann wird es schwarz und es kommt nur Text. Und dann sieht man das Gegenteil des Tafelbildes – die Wackelkamera. Es geht da um das Sprechen: „Ihr da oben, ich will mit euch reden“, sagt der Polizist. Oben und Unten, Bühne und Zuschauerraum versuchen miteinander in Kontakt zu treten, sei es mit Wörtern, mit Steinen oder mit der Wasserkanone. Der Vorgang ist das Abschaffen der sich entwickelnden Utopie eines anderen Zusammenlebens und das Wiederherstellen von Besitzverhältnissen, die im Grundbuch eingetragen sind. Ein Jahr lang hatte Anarchie geherrscht und das war toll und dann war das vorbei. Wenn ich Revolution machen würde, würde ich zuerst die Grundbücher vernichten, und zwar alle. Das hat die DDR nicht gemacht, und deswegen konnten Leute kommen und sagen: „Das ist mein Haus!” Diese Wiederherstellung der Eigentumsverhältnisse war die erste Maßnahme des gemeinsamen Senats von Ost- und West-Berlin. Und so begann die deutsche Wiedervereinigung: mit einer Straßenschlacht um Grund, Boden und Immobilien, Besitzende gegen Besitzlose.

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FSGS-Jahrestagung 2017 „Fabrics of Time“

AutorInnen: Prof. Dr. Stefan Keppler-Tasaki und Prof. Dr. Cordula Lemke

Jahrestagung FSGS 2017Organisiert von Stefan Keppler-Tasaki, Cordula Lemke und Rebecca Mak fand die Jahrestagung 2017 der FSGS am 29. und 30. September unter dem Titel Fabrics of Time im Clubhaus der Freien Universität statt. Knapp 30 Vorträge in neun Panels adressierten ein unter anderem ideengeschichtlich und kulturtheoretisch, ästhetisch und narratologisch gleichermaßen spannendes Spektrum an Zeittexturen, Zeitkonzeptionen und Zeitverständnissen aus zwei Jahrtausenden. Neben einem Großteil der Stipendiatinnen und Stipendiaten engagierten sich viele PIs der FSGS, darunter von der Philosophie, der englischen, deutschen und romanischen Philologie und der AVL, sowie mehrere Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler unter anderem aus New York, Oxford und Tokyo. Zu den Leitfragen gehörte, in welchen Formen und mit welchen Funktionen literarische und bildkünstlerische Texturen die Texturen von Zeit aufgreifen bzw. in sie eingreifen, wie sie sie produzieren und reflektieren. Zyklisch-episodische und mythisch-achrone Zeit, absolute Zeit nach Newton und relative Zeit nach Einstein, demgegenüber die eigenlogische Zeit von Naturdingen, Artefakten und Biographien waren häufige Bezugspunkte der Vorträge und Diskussionen.

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The irreducible significance of literature: David Wellbery on Goethe, Cavell and de Man

Interview with David E. Wellbery

David E. Wellbery is LeRoy T. and Margaret Deffenbaugh Carlson Professor at University of Chicago, where he chairs the Department of Germanic Studies and is a member of the Committee on Social Thought. A renowned scholar of the German tradition, he has published numerous books and essays on Lessing, Goethe, Kleist, Schopenhauer and many others.

Interview by Chris Fenwick

Professor Wellbery, you’re visiting Berlin as a guest speaker at the ZfL, so it’s perhaps appropriate to begin with a couple of questions about internationalism in academia. Do you think that German and US academics have different approaches within your own field of German Studies? What do you think are the major differences between German and US universities?

First of all, let me say something about internationalism in general, which I see as really having accelerated over the past five years. The conference I’m involved in here is co-organized by colleagues from Potsdam, Tel Aviv and Chicago, and I have a bit of a hand in the organization too. This is rather typical of today. Just before coming here I had a guest from the University of Curitiba in Southern Brazil who is working on a very interesting project, making digitally available all of the German-language publications in Brazil in the nineteenth century. This is the kind of thing we could also do in the US and I am interested in pursuing such possibilities. Moreover, his project is co-supported by the Fritz Thyssen Stiftung, so you get a kind of triangulation there, which I think is typical. Again and again I’m experiencing at conferences that Asian students are listening in, if not participating. It’s only going to be a generational question before we see more of their participation, which I think is really good.

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