Picturing Victory from Brooklyn to Buchenwald: Leela Corman on history, fiction, and putting faces to facts

Illustratorin: Leela Corman

Leela Corman is an illustrator, cartoonist and teacher at the College of Fine Arts/University of Florida and the SequentialArtists’ Workshop. Besides numerous shorter pieces, she has published the graphic novels Subway Series (Alternative Books) and Unterzakhn (Schocken/Pantheon), which won the Prix Millepages in 2013. Corman recently visited Berlin to research her latest graphic novel, Victory Parade, which is set during the Second World War in both Brooklyn and Buchenwald.

Interview by stef lenk

What prompted you to set your new book during the Holocaust?

I had gone through a long period of my life being obsessed with the Holocaust. My family were survivors who were not in camps – they were on the run, in ghettos and in the woods. And then I thought I was done with it. It had to do with a really specific and intense vision I had had of dying in Auschwitz, which went on for a long time, and my husband had to shake me out of it – it was head-down-to-the-ground relentless. This vision came to me as I was reading Ludwig Bemelmans’s The Best Of Times, his chapter about Dachau, in which he wrote that he could not draw in that place.

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„Wir kommen ja nicht aus der Walachei“: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Jan Koneffke über Rumänien

Rumänien ist „Schwerpunktland“ auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse (15.-18. März). Jan Koneffke wird dort seinen neuen Gedichtband Als sei es dein vorstellen und über Rumänien als Ort der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sprechen. Am kommenden Montag, den 5. März, wird er außerdem im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin bei der Veranstaltung Rumänien entdecken zu Gast sein. Ana-Maria Schlupp hat ihn in Bukarest getroffen.

Interview von  Ana-Maria Schlupp
Bukarester Kontraste. © Ana-Maria Schlupp

A.-M. S. – Herr Koneffke, Sie haben eine Romantrilogie geschrieben, die von der Familie Kannmacher aus Pommern handelt. Der Protagonist der ersten beiden Romane hört von der Bediensteten der Familie die Redewendung „Wir kommen ja nicht aus der Walachei“. Diese macht ihn neugierig, sodass er sich auf die Reise dorthin begibt. Warum die Walachei? Warum Rumänien?

J. K. – Der kleine Felix Kannmacher fragt nach der Bedeutung dieser Redewendung, das tun Kinder ja, nach Dingen zu fragen, die für sie nicht selbstverständlich sind. Doch die Bedienstete weiß gar nicht, was die Walachei ist, wo sie liegt. Je weiter weg etwas Fremdes ist, je unbekannter eine Kultur, desto besser funktioniert sie als Objekt der Ablehnung, der Ressentiments oder Stereotype. Aber das Kind will eine Antwort, fragt weiter. Der Postkutscher kann ihm schließlich eine geographisch genaue Auskunft geben. Für die Imaginationskraft des Kindes bleibt aber noch genug Unbekanntes übrig, um weiterhin erfahren zu wollen – er-fahren im wahrsten Sinne des Wortes – was diese Walachei nun eigentlich ist.

Auch bei der Bezeichnung „Schwarzes Meer“ fragt sich Felix, der ja an der Ostsee lebt, warum dieses Meer nun schwarz sein soll, ob es aus blubberndem Pech besteht usw. Die Walachei wird zu einem aus seinem Namen hervorgehenden Ort der Neugierde. Kinder richten sich nach Worten, durch die sie einen unmittelbaren Bezug zur Welt herstellen. Das wollte ich erzählen. Doch das Motiv der Walachei verband sich schon früh mit einer kompositorischen Absicht: Ich wusste bereits, dass es einen zweiten Band geben wird und Felix Kannmacher als Emigrant ausgerechnet Rumänien und die Walachei erreichen wird, also dort ankommt, wohin ihn in der Kindheit schon seine Imagination geschickt hatte.

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Neue Impressionen: Maximilian Gilleßen und Anton Stuckardt sprechen über ihr Verlagsprojekt ‚zero sharp’

Maximilian Gilleßen ist Übersetzer und zusammen mit dem Buchgestalter Anton Stuckardt Begründer des Berliner Verlags zero sharp. Ihr Interesse gilt AutorInnen der französischen Avantgarde. So sind bisher Bände von Raymond Roussel, Jean-Pierre Brisset, Gaston de Pawlowski und René Daumal erschienen. Seit Juli 2017 ist Maximilian Gilleßen Einstein-Projektstipendiat an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien, wo er an einer Dissertation über Raymond Roussel arbeitet.

Interview von Chris Fenwick

Wie würden Sie das Korpus von Texten beschreiben, die bei zero sharp erscheinen? Was fanden Sie so spannend an diesen Texten, dass Sie die schwierige Arbeit zahlreicher Übersetzungen  unternehmen wollten?

Maximilian Gilleßen: Die von uns bisher verlegten Autoren gehören ganz verschiedenen Generationen an: Brisset wuchs in der Julimonarchie auf und erlebte noch den Ersten Weltkrieg, aber sein prägendes Erlebnis war die Schlacht von Sedan; Roussel und de Pawlowski gehörten der Belle Époque an; Daumal war zwölf Jahre jünger als André Breton. Auch die Ziele, die sie verfolgten, ihre Absichten, wenn man so will, waren sehr verschieden: Brisset wollte den amphibischen Ursprung der Sprache aufzeigen, Roussel erstrebte einen literarischen Ruhm nach dem Vorbild von Victor Hugo, de Pawlowski verstand sich als Zeitkritiker, der Satire mit spekulativer Science-Fiction verband, und Daumal betrachtete das Schreiben als eine Tätigkeit, deren Wert nicht in ihr selber liegt, sondern in der möglichen Erfahrung, auf die sie verweist. Bei all diesen Autoren – und das wäre eine erste Gemeinsamkeit – stellt sich also die Frage, inwieweit ihre Werke überhaupt der sogenannten Literatur zuzurechnen sind.

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Orhan Pamuk on The Museum of Innocence: Seminar at the Centre Marc Bloch

Orhan Pamuk, recipient of the 2006 Nobel Prize for Literature, gave the 2017 Peter Szondi–Lecture on 17 October at the Freie Universität, discussing
his Museum of Innocence project. He visited the Centre Marc Bloch on 18 October to lead a seminar discussion on the project. The following is an abridged transcript of that discussion and the order of some questions has been changed.

The Museum of Innocence

Pamuk opened the Museum of Innocence  in Istanbul in 2012 as an accompaniment to his 2008 novel of the same name. The novel’s protagonist, Kemal, constructs a museum to honour his love, Füsun. The text is based around objects collected by Pamuk and subsequently displayed in the real museum, which is presented as that made by Kemal and whose exhibits follow the chronology of the novel. In some cases, objects are reconstructions, such as cigarettes, which would naturally decay. In others, they are wholly fictional.

Unlike large-scale museums that narrate national histories, Pamuk’s museum focuses on individual lives and everyday experience. He has expressed his ideas on the role of such small museums in a “modest manifesto.”  Pamuk argues that museums should be like novels: they should tell “everyday stories of individuals,” which are “richer, more humane, and much more joyful” than epic historical narratives. “Monumental museums “do not bring out our humanity,” he claims; “on the contrary, they quash it.”

Transcript by Chris Fenwick

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Berlin als literarisches Trugbild: Ein Interview mit Bernardo Carvalho

Interview von Laura Gagliardi und Caio Yurgel
Bernardo Carvalho                         Bildquelle: FSGS

Im Rahmen des Workshops de/localizing literature, der vom 24. bis zum 26. Januar 2017 an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien (Freien Universität Berlin) stattfand, fand das Interview mit dem brasilianischen Schriftsteller Bernardo Carvalho statt. Im Fokus des hier veröffentlichten Gesprächs steht die Rezeption seines letzten Buches Simpatia pelo demônio [Mitgefühl für den Teufel, 2016, Companhia das Letras] und seine Beziehung zu den verschiedenen Gattungen, denen er sich in seinem Werk widmet. Das portugiesische Originalinterview finden Sie am Ende der deutschen Übersetzung.

Bernardo Carvalho, geboren 1960 in Rio de Janeiro, ist ein renommierter Schriftsteller, Journalist und Dramatiker. Er war Korrespondent der brasilianischen Zeitung „Folha de S. Paulo“ in Paris und New York sowie Herausgeber  der literarischen Beilage. Seine Bücher wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt und in vielen Ländern veröffentlicht. Neben Aberração, einer Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Jahr 1993, schrieb er elf Romane, zuletzt Simpatia pelo demônio, die in Brasilien in dem Verlag Companhia das Letras erschienen sind. Seine literarische Produktivität lässt sich in zahlreichen Publikationen und Anthologien sowohl in Brasilien als auch im Ausland nachverfolgen. Sein Theaterstück BR-3 (2006), geschrieben für das experimentelle Teatro da Vertigem, wurde am Fluss Tietê in São Paulo und auf Booten in der Bucht von Rio de Janeiro aufgeführt. Ein weiteres Theaterstück (Dire ce qu’on ne pense pas dans des langues qu’on ne parle pas) wurde im Mai 2014 im Théâtre National in Brüssel uraufgeführt, bevor es für das Avignon Festival in Frankreich ausgewählt wurde. Einige seiner Chroniken, literarischen Rezensionen und Kurzgeschichten, die in „Folha de S. Paulo“ erschienen, wurden in dem Band O mundo fora dos eixos versammelt und neu herausgegeben (Publifolha, 2006).

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Joshua Cohen in Berlin: An Interview

Joshua Cohen is an American writer. He is author of five novels, including Witz (2010), Book of Numbers (2015) and, most recently, Moving Kings (2017), as well as numerous short stories and non-fiction pieces. He has worked as a contributing editor for Harper’s Magazine, the New York Times, the Jewish Daily Forward and the London Review of Books, and has taught at Columbia University and the New School in New York, where he lives. In the winter semester of 2017/18 he is Samuel Fischer Guest Professor at the Peter Szondi Institute of the Freie Universität Berlin.

Interview by Chris Fenwick

You’ve lived in Berlin on previous occasions – I think you first came here in 2001, and the final part of Book of Numbers is set in a more recent incarnation of the city. What drew you here in the first place, and how do you feel about the way the city has changed?

I was told, I forget by whom, that the city was cheap. And the truth was, it was – it was cheaper. I had a job working for the venerable Jewish newspaper The Forward – I was the paper’s Europe correspondent. That meant: a whole lot of territory, not a whole lot of Jews. So I was on planes and trains and buses a lot, and that’s where I began writing fiction. In transit. In the window seat.

As for how I feel about how the city has changed, I don’t know. Let me just say that it’s cleaned up a lot. But then so have I. When I was here back then I felt as if Berlin and I were at the same stage of life: irresponsible about everything – about our money, our health, our sleeping – because our true responsibility was to history.

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The Politics of Psychoanalysis; Samo Tomšič on The Capitalist Unconscious

Samo Tomšič currently works at the interdisciplinary laboratory Bild Wissen Gestaltung at the Humboldt University in Berlin. In 2015, he wrote The Capitalist Unconscious; Marx and Lacan.

Interview by Dennis Schep

Dennis: Why Marx and Lacan?

Samo: The underlying question is: Why Marxism and psychoanalysis? Looking back, one would perhaps conclude that most past attempts to combine these fields of thought ended up in failures. Then there were the years of postmodernism, when Marx was no longer perceived as a key economic thinker and instead became an exotic curiosity in cultural thought. Freud, too, was no longer taken as the founder of an efficient clinical practice and the interest in his work was mostly limited to his cultural writings. However, it is no coincidence that since the crisis of 2007/2008 both made a return, since they essentially are thinkers of crises. They explore the causal link between critical developments in society and the production of what could somewhat pathetically be called “damaged life.”

Marx, on the one hand, thematized the subjective damage caused by capitalism in various ways, exposing the devastating consequences of precarization, exploitation, drive for profit etc. Then there is the political-economic notion of homo oeconomicus, which is less a description of human nature than an ideological tool to reshape the human subject in accordance with liberal and neoliberal fantasies about society, market, and value. In a system proclaiming that “greed is good” – in the first place, of course, the greed of the system – the duty of every individual is to constitute him-or-herself as a narcissistic egomaniac. Although this notion of subjectivity lost its ideological efficacy during the last crisis, the damage its enforcement created remains.

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„Die Wirklichkeit des Möglichen“; ein Gespräch mit Thomas Heise

Fotograf: Lorenz Becker

Am 29. September 2017 fand im Rahmen der Jahrestagung der Friedrich Schlegel Graduiertenschule eine Podiumsdiskussion statt zwischen der Autorin Svetlana Alexijewitsch und dem Dokumentarfilmemacher Prof. Thomas Heise, moderiert von Prof. Dr. Wolfram Ette. Im Anschluss an die Diskussion sprachen wir mit Thomas Heise. 

Interview von Dennis Schep

Dennis: In der zweiten Einstellung von Ihrem Film Material sind Bilder vom 14. November 1990 von der Räumung der Mainzer Strasse zu sehen. Sie nehmen eine Schlüsselposition im Film ein: Es sind die ersten Bilder, die klar datierbar sind. Was kam mit dieser Räumung zu Ende?

Thomas: Am Anfang gibt es das Bild von den Kindern – ein Tafelbild, könnte man sagen. Dann wird es schwarz und es kommt nur Text. Und dann sieht man das Gegenteil des Tafelbildes – die Wackelkamera. Es geht da um das Sprechen: „Ihr da oben, ich will mit euch reden“, sagt der Polizist. Oben und Unten, Bühne und Zuschauerraum versuchen miteinander in Kontakt zu treten, sei es mit Wörtern, mit Steinen oder mit der Wasserkanone. Der Vorgang ist das Abschaffen der sich entwickelnden Utopie eines anderen Zusammenlebens und das Wiederherstellen von Besitzverhältnissen, die im Grundbuch eingetragen sind. Ein Jahr lang hatte Anarchie geherrscht und das war toll und dann war das vorbei. Wenn ich Revolution machen würde, würde ich zuerst die Grundbücher vernichten, und zwar alle. Das hat die DDR nicht gemacht, und deswegen konnten Leute kommen und sagen: „Das ist mein Haus!” Diese Wiederherstellung der Eigentumsverhältnisse war die erste Maßnahme des gemeinsamen Senats von Ost- und West-Berlin. Und so begann die deutsche Wiedervereinigung: mit einer Straßenschlacht um Grund, Boden und Immobilien, Besitzende gegen Besitzlose.

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The irreducible significance of literature: David Wellbery on Goethe, Cavell and de Man

Interview with David E. Wellbery

David E. Wellbery is LeRoy T. and Margaret Deffenbaugh Carlson Professor at University of Chicago, where he chairs the Department of Germanic Studies and is a member of the Committee on Social Thought. A renowned scholar of the German tradition, he has published numerous books and essays on Lessing, Goethe, Kleist, Schopenhauer and many others.

Interview by Chris Fenwick

Professor Wellbery, you’re visiting Berlin as a guest speaker at the ZfL, so it’s perhaps appropriate to begin with a couple of questions about internationalism in academia. Do you think that German and US academics have different approaches within your own field of German Studies? What do you think are the major differences between German and US universities?

First of all, let me say something about internationalism in general, which I see as really having accelerated over the past five years. The conference I’m involved in here is co-organized by colleagues from Potsdam, Tel Aviv and Chicago, and I have a bit of a hand in the organization too. This is rather typical of today. Just before coming here I had a guest from the University of Curitiba in Southern Brazil who is working on a very interesting project, making digitally available all of the German-language publications in Brazil in the nineteenth century. This is the kind of thing we could also do in the US and I am interested in pursuing such possibilities. Moreover, his project is co-supported by the Fritz Thyssen Stiftung, so you get a kind of triangulation there, which I think is typical. Again and again I’m experiencing at conferences that Asian students are listening in, if not participating. It’s only going to be a generational question before we see more of their participation, which I think is really good.

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Tension, Failure, Errantry – 10 Years of the ICI Berlin

ICI BerlinRecently, the ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry celebrated its 10th anniversary. We spoke to the director, Christoph Holzhey, and the staff researcher, Arnd Wedemeyer.

Interview by Dennis Schep

Dennis: During the first seven years of its existence the ICI worked on Tension / Spannung. Could you tell me something about the background of this first core project?

Christoph: The project was initiated by myself and a group of nine associate members who took part in setting up the institute. The idea was to think about the tensions between different cultures in the broadest sense possible. We wanted to see how productive tensions can be developed, what the potentials and limits are. Looking at the coexistence of cultures, we wanted to question the paradigm of harmony or integration, and investigate whether we can look at cultures from the perspective of their internal tensions.

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