Masse – Körper – Affekt

r n o CC BY-NC-ND 2.0
r n o     CC BY-NC-ND 2.0
Zeit: 28. und 29. Januar 2016
Ort: Habelschwerdter Allee 30
Konzeption & Organisation: Prof. Dr. Hilge Landweer und Jule Govrin

Foucaults Analyse der Biopolitik hat eine Wende in der politischen Philosophie und Sozialphilosophie herbeigeführt. Die anschließenden Untersuchungen zum Verhältnis von Körper, Sozialität und Macht berücksichtigen allerdings kaum die zentrale Rolle von Affektivität; allenfalls behandeln sie Gefühle in diskursiver Hinsicht.

 

 Der Workshop möchte ausgehend von Affekten neue Perspektiven darauf eröffnen, wie Kollektivkörper politisch agieren.Dabei handelt es sich nicht nur um vordergründig politische Versammlungen, sondern z.B. auch um künstlerische Inszenierungen oder sportliche Wettkämpfe, die somatisch-affektive Einheiten erzeugen. Die Masse kann nicht auf eine Ansammlung isolierter Einzelkörper reduziert werden, vielmehr ist es für Massen charakteristisch, dass imaginäre Körpergrenzen affektiv aufgesprengt oder zumindest verflüssigt werden. Epistemologisch folgt daraus,

dass der in Analogie zum solipsistischen Subjekt vorgestellte Einzelkörper nicht ohne weiteres Ausgangspunkt der Sozialtheorie sein kann. Stattdessen müssen Leiblichkeit und Affektivität immer schon subjektübergreifend aufgefasst werden, denn die Einheit des Einzelkörpers zergliedert, zerstreut und zersetzt sich in der Affizierbarkeit durch andere Körper. Verschieben und verwischen sich die kulturell bestimmten Körpergrenzen dadurch, dass Massenkörper und Körpermassen von vornherein in Bewegung sind (vgl. Canetti)? Wie akkumulieren sich die Emotionen und Affekte im Kräftespiel des Kollektivkörpers? Ist der Begriff der affektiven Ansteckung hinreichend, um diesen Prozess zu beschreiben? Ist der Affekt zugleich aktivisch und passivisch zu denken und falls ja, überschreitet er dadurch die Unterscheidung von Aktion und Reaktion, Perzeption und Handlung?

Vor diesem Horizont erscheinen gegenwärtige Gesellschaftsgefüge in neuem Licht: Wie wirken Körper- und Affektpolitiken in neoliberalen Gesellschaftsverhältnissen? Wie verändert sich die Perspektive auf die Biopolitik, wenn man den Massenkörper und seine Instrumentalisierung miteinbezieht?  Wie wirken neue körperpolitische Protestformen wie etwa Occupy (vgl. Butler/Athanasiou)? Unter welchen Bedingungen strebt ein Massekörper nach einer homogenen kulturellen Identität, welche die Alterität bedroht und zugleich all das, was ihr fremd ist, als bedrohlich empfindet, wie z.B. bei Pegida?

Tagungsbericht

Der Workshop wurde von der Stipendiatin Jule Govrin und Prof. Hilge Landweer vom Institut für Philosophie konzipiert und organisiert. Die zweitägige Veranstaltung, die am Institut für Philosophie abgehalten wurde, begann am 28. Januar 2016 mit einem Abendvortrag. Am 29. Freitag wurde in großer Runde diskutiert, wobei für jedes Panel ein Impulsvortrag stattfand, an dem sich die gemeinsame Diskussion entzünden konnte.

Die Themenauswahl des Workshops war zweifach motiviert. Erstens, vor dem Hintergrund, dass aktuell ein affekttheoretischer Trend interdisziplinär zu beobachten ist, wurde danach gefragt, wie die Pluralität des Affektivem im Verhältnis zu Phänomen der Masse gedacht werden kann. Insofern wurden ausgehend von Affektivität neue Perspektiven darauf eröffnet, wie Kollektivkörper politisch agieren.

Zum Auftakt lud Petra Gehring (TU Darmstadt) in ihrem Vortrag über die Einheit und Vielheit von Körpern zu einer spannungsreichen Lektüre Foucaults ein, um darzulegen, dass Foucault zwar keine in sich geschlossen Theorie des Körpers oder der Masse aufzuweisen habe, aber dennoch quer durch sein Werk aufschlussreiche Szenen aufspürbar sind, die verdeutlichen, wie Körperlichkeit im Zusammenspiel machtvoll organisierter Körper gedacht werden kann.

Am darauffolgenden Tag eröffnete Thomas Bedorf (Fernuniversität Hagen) das erste Panel mit seinem Beitrag zu Politischen Gefühlen, in dem er ausgehend von der Unterscheidung zwischen Politik und Politischem die emotionalen und affektiven Dimensionen des Politischen durchleuchtete.

Im zweiten Panel erörterte Hilge Landweer (FU Berlin), wie sich im Rekurs auf Hermann Schmitz’ Phänomenologie die Wirkkraft von geteilten Gefühlen in leiblicher Affektion entfalte, weshalb der Leibbegriff unabdingbar sei, um kollektive Präsenz nachzuvollziehen.

Während des dritten Panels stand im Zentrum von Ursula Renz (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) Vortrag die Frage der Sensibilität der Materie und ihre Implikationen für die Konzeption von Kollektivkörpern. Hierbei befasste sich Ursula Renz insbesondere mit Diderots Denken.

Im vierten Panel befasste sich Marie-Luise Angerer (Universität Potsdam) in ihrem Vortrag Vom Kurzschluss der Massen mit medienwissenschaftlichen Aspekten der Masse und plädierte für ein breit gefächertes Vokabular, durch das ermöglicht werde, Massen-Phänomenen und ihre Rezeption im Informationszeitalter in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen.

Im abschließenden fünften Panel fragte Jule Govrin (FU Berlin) nach Bewegtem Begehren, akkumulierten Affekten und legte dar, wie sich Begehren in Massenkörper in Verbindung zum Affekt artikuliert. Der nachfolgende Kommentar von Jan Slaby bot schließlich den anregenden Auftakt, um in die Abschlussdiskussion überzugehen.

Jule Govrin

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