Über Houellebecq und eine engagierte Literaturwissenschaft. Ein Interview mit Jule Govrin

Im September 2016 erschien Sex, Gott und Kapital; Houellebecqs Unterwerfung zwischen neoreaktionärer Rhetorik und postsäkularen Politiken von Jule Govrin bei Edition Assemblage. Wir sprachen mit der Autorin.

Interview von Dennis Schep

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Wieso Houellebecq?

Houellebecq ist bereits in den 1990er Jahren als agent provocateur der französischen Literaturszene in die öffentliche Aufmerksamkeitssphäre vorgedrungen. In seinen ersten Romanen wie Ausweitung der Kampfzone und Elementarteilchen wird die Hyperkommerzialisierung des Sexuellen grell ausgeleuchtet. Und es wird lautstark Kritik an der sexuellen Revolution zur Sprache gebracht. Die kruden Argumentationen und Ressentiment-Polemiken seiner Protagonisten mal beiseite gelassen, dienen die Romane als Aushandlungsflächen, auf denen sich schwelende soziale Konflikte kristallisieren. Dementsprechend hitzig werden seine Romane sowie sein Auftreten als Autor diskutiert, wobei er in den Medien kunstvoll eben die Jammergestalt verkörpert, die seine Protagonisten sind. Gleichermaßen wurde in akademischer Hinsicht, besonders von Seiten einer kulturwissenschaftlich ausgerichteten Sexualwissenschaft, die Aussagen seiner Literatur durchaus ernstgenommen und als Thesenromane in ihren Argumenten betrachtet. Wie viel Ernsthaftigkeit einem Autor entgegenschlägt, dessen Prosa ironische Pirouetten vollführt, die unsägliche Stereotypen zu bestätigen wie zu verunsichern scheint, das ist zunächst einmal ein spannendes Phänomen. Man kann über Houellebecq viel sagen, man kann viel Schlechtes über ihn als öffentlichen Intellektuellen, über die Inhalte seiner Bücher, über die Qualität seines Schreibens sagen, doch er ist ein guter Beobachter seiner Gegenwart. Er erkennt, wo es schmerzt, und presst seinen Finger darauf.

Seine letzte Publikation Unterwerfung potenziert diese provokative Kraft, die bereits den früheren Romanen innewohnt. Unterwerfung erzählt, wie sich Frankreich von einem laizistischen zu einem muslimischen Staat wandelt. Dementsprechend heftig waren die Reaktionen. Noch bevor der Roman erschienen war, fühlte sich die französische Regierung genötigt, Stellung zu beziehen und sich öffentlich von Houellebecqs dsytopischer Darstellung zu distanzieren. Das ist durchaus beachtlich, dass Regierungsmitglieder meinen, sich öffentlich zu einem Roman verhalten zu müssen, dass sie sich durch Literatur in die Defensive gedrängt fühlen. Dass dann im Januar 2015 der Erscheinungstag mit dem Attentat auf Charlie Hebdo zusammenfiel, hat ein übriges getan, um die Wirkungskraft des Romans zu verstärken.

Doch es sind nicht nur die äußeren Umstände, durch die sich derartige Effekte erklären lassen. Indem Houellebecq die Dystopie einer Regierung der Muslimbrüderschaft in naher Zukunft, im Jahr 2002, ansiedelt, werden Widerhaken in die sozialen Realitäten der Gegenwart gesetzt. Dadurch wird zu Zeiten eines aufgewühlten Gesellschaftszustandes geradewegs ins kollektive Imaginäre interveniert, affektiv aufgeladene Bilder in die sozialpsychologische Maschinerie eingespeist. Und wie man im Blick auf die Rezeption schließen kann, werden rassistische und besonders anti-muslimische Topoi auf kultureller Ebene legitimiert, so z.B. das eugenische Modell des ‚Großen Bevölkerungsaustauschs’ von Renaud Camus, der als öffentlicher Intellektueller auf Seiten des rechtsextremen Front National schreibt, und vorrechnet, dass die ‚originäre’ französische Bevölkerung, wer auch immer das sein soll, aufgrund ihrer schwachen Reproduktionsrate existentiell gefährdet sei. Dieses Modell von Camus, das ähnlich unsinnig und hetzerisch ist wie die Warnungen vor einer ‚Islamisierung des Abendlandes’, zirkulierte bereits in den französischen Medien, bevor Unterwerfung erschien. Wenn Camus’ Modell von Houellebecq als ästhetisches Motiv umgewandelt wird, kann man das verschiedentlich deuten: als Affirmation oder als kritische Persiflage. Man muss für solche Beobachtungen nicht nach einer vermeintlichen Intention des Autors fragen, hingegen sollte man die Wechselwirkungen zwischen seinen literarischen Texten und Mediendiskursen sorgfältig analysieren. Und dann stellt man fest: Ob ironisch oder bitterernst gemeint, zu diesem Zeitpunkt dieses Buch zu veröffentlichen, hat dazu beigetragen, rassistische Ressentiments und Ängste zu schüren. Und ganz nebenbei gesagt, Houellebecq hat neulich in seiner Dankesrede beim Frank-Schirrmacher-Preis die These des Bevölkerungsaustauschs unverblümt vorgetragen. Außerdem interessant ist, dass die rechtsextreme Zeitschrift Blaue Narizsse schon seit 2014 zum Jugendliteraturwettbewerb mit dem Michel-Houellebecq-Preis aufruft, ohne dass der DuMont-Verlag die angekündigten rechtliche Schritte eingeleitet hat. Solche Ereignisse müssen nicht die Lesart eines literarischen Textes verkürzen, aber es wäre meiner Meinung nach fahrlässig, derartige Querverbindungen zwischen Literatur und Politik zu ignorieren.


Was hat er uns über den Spätkapitalismus zu sagen?

Was seine Bücher zu sagen haben, ließe sich folgendermaßen zusammenfassen: Wir befinden uns im desolaten Zustand der Vereinzelung. Der westliche Begehrensmensch ist in der Krise. Wobei der benannte Begehrensmensch in seinen Büchern ausnahmslos männlich, weiß, bürgerlich ist und die Krise als Krise der Heterosexualität beschrieben wird. Als Ursachenquellen werden die sexuelle Revolution und der Feminismus ausgemacht. Durch Mai 1968 sei die Sexualität in die Fänge des Kapitalismus getrieben und damit Intimität verunmöglicht worden. Interessant ist an dieser These, dass hier linke Selbstkritik und feministische Kritik an 1968 aufgenommen und quasi gegen sich selbst gewendet werden. Dieses Manöver nimmt mitunter absurde Ausmaße an, wenn Feministinnen angekreidet wird, sie hätten ein narzisstisches Schönheitsideal der Jugendlichkeit bestärkt, wohingegen feministische Kritik gerade derartig normative Körperideale anprangert.

In Houellebecqs Texten erkennen wir alte Instrumentarien linker Kapitalismuskritik, wie die Idee der Entfremdung, die aufgenommen und gegen linke Politiken gewendet werden. Der Romanist Niklas Bender hat diese Tendenz gut auf den Punkt gebracht: Man könne Houellebecq zwar nicht auf rechtsextreme Inhalte festnageln, doch es sei klar, dass er vehement gegen links anschreibe. Dem kann ich nur zustimmen. Houellebecq ist kein Utopist, auch kein Verkünder einer reaktionären Heilslehre. Das, was seine Romane freilegen ist der Blick auf ein sozialdarwinistisches Gerangel, das die atomisierte Gesellschaft im spätkapitalistischen Frankreich plagt. Schuld an dieser Misere sind: Sozialdemokrat_innen, arbeitende Frauen, Muslim_innen, linksliberale Bürgerliche, Deleuze, 1968, der Feminismus, die EU, Libération-Leserinnen, das Verbot der Prostitution, etc.

Gibt es keinen Widerspruch zwischen der politischen Stellungnahme deines Buches und dem analytischen Blick der Wissenschaftlerin?

Ich finde es eher widersprüchlich, in den Geisteswissenschaften auf dem Primat der Neutralität zu beharren und sich dahinter zu verschanzen, wenn man sich mit gesellschaftspolitischen Fragen befasst. Eine gründliche Analyse, aus der sich eine politische Einschätzung ergibt, wird ja nicht durch letztere verunmöglicht. Vielmehr wäre es naiv anzunehmen, wir könnten uns in wissenschaftlicher Neutralität wägen. Lesen, Schreiben, Forschen sind habituell geprägte Praktiken, folglich bringen wir Wahrnehmungsraster und Wertemaßstäbe in die Forschung hinein, die mitreflektiert werden müssen. Solch eine Reflexionsschleife mag nicht immer bequem sein, schärft aber den machtanalytischen Blick mitsamt dem Bewusstsein über mögliche Flecken der Betriebsblindheit.

Woran ich mich in den Literaturwissenschaften bisweilen störe, ist ein oft vertretener Pathos, der in den Ambivalenzen und Mehrschichtigkeiten eines Textes schwelgt, ohne die soziopolitischen Effekte des Literarischen, die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Literatur zu beachten. Mein Bestreben, aufzeigen, dass Houellebecq in Frankreich als neoreaktionärer Denker gehandelt wird und dass sich die narrativen Strategien seines Romans mit rhetorischen Strategien von rechten Gruppierungen überschneiden, widerspricht solch einem Ehrencodex der textimmanenten Lesart. Ich befasse mich in philosophischer Perspektive mit Literatur, insofern habe ich da eine gewisse Narrenfreiheit oder nehme sie mir zumindest heraus. Dennoch ist es vor allem schade für die Literaturwissenschaften, weil sie sich damit ihres Potenzials an kritischem Engagement berauben. Zum Glück gibt es andere Stimmen, die sich aus ihren literaturwissenschaftlichen Forschungen heraus in soziale Aushandlungen einbringen.

Ich habe mich dezidiert in der Haltung einer politischen Philosophie mit Houellebecqs Roman und dem Äußerungsgefüge, in dem es entstanden ist, befasst – einer politischen Philosophie, die sich in ihrer Gegenwart versteht, um es mit Foucault zu sagen, und die sich als philosophische Praktik Problemen stellt, die außerhalb des Philosophischen liegen, um es mit Deleuze zu sagen. Das bedeutet, eine Bandbreite von diskursiven, ästhetischen, affektiven Artikulationen zusammenzudenken. Hierfür ist der Begriff des Gefüges, des agencement, von Deleuze und Guattari wichtig, denn er erlaubt, verschiedene Phänomene, Artikulationsformen, Ereignisse in Verbindung zu bringen und als dynamische, historisch spezifische Konstellationen zu betrachten. Und da nach Deleuze und Guattari Begehren die Kraft ist, die Gefüge oder agencements erzeugt, eröffnet dieses Denken die Aussicht auf Begehren als sozialmobilisierende, als politische Kraft, ein Aspekt, dem ich mich in meiner Dissertation verschrieben habe.

Wie verhält sich dieses Buch zu deiner Forschung über Begehren und Ökonomie? Wie geht es weiter?

In meiner Dissertation verfolge ich, ausgehend vom Anti-Ödipus von Deleuze und Guattari, etwas wahnwitzig und weitschweifend das Wechselspiel von Begehren und Ökonomie quer durch die Philosophiegeschichte, von Platon, über die Psychoanalyse bis in den Poststrukturalismus. Als vorletzte genealogische Etappe ist ein Kapitel Houellebecqs literarischer Begehrensökonomie gewidmet, anhand derer ich mich von den 1990ern bis in die Gegenwart hangle, um einen Ausblick auf Begehren im Neoliberalismus zu werfen. Aktuell habe ich Houellebecq hinter mir gelassen, schreibe meine Dissertation fertig und arbeite parallel dazu an einem Essay, der beim Merve-Verlag erscheinen wird. Dieser Essay ist ein Streifzug durch das Labyrinth von Ideengeschichte und Gegenwartsphänomenen, bei dem ich versuche, eine politische Ökonomie des Begehrens im Spätkapitalismus zu skizzieren.

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