„Wir kommen ja nicht aus der Walachei“: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Jan Koneffke über Rumänien

Rumänien ist „Schwerpunktland“ auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse (15.-18. März). Jan Koneffke wird dort seinen neuen Gedichtband Als sei es dein vorstellen und über Rumänien als Ort der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sprechen. Am kommenden Montag, den 5. März, wird er außerdem im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin bei der Veranstaltung Rumänien entdecken zu Gast sein. Ana-Maria Schlupp hat ihn in Bukarest getroffen.

Interview von  Ana-Maria Schlupp
Bukarester Kontraste. © Ana-Maria Schlupp

A.-M. S. – Herr Koneffke, Sie haben eine Romantrilogie geschrieben, die von der Familie Kannmacher aus Pommern handelt. Der Protagonist der ersten beiden Romane hört von der Bediensteten der Familie die Redewendung „Wir kommen ja nicht aus der Walachei“. Diese macht ihn neugierig, sodass er sich auf die Reise dorthin begibt. Warum die Walachei? Warum Rumänien?

J. K. – Der kleine Felix Kannmacher fragt nach der Bedeutung dieser Redewendung, das tun Kinder ja, nach Dingen zu fragen, die für sie nicht selbstverständlich sind. Doch die Bedienstete weiß gar nicht, was die Walachei ist, wo sie liegt. Je weiter weg etwas Fremdes ist, je unbekannter eine Kultur, desto besser funktioniert sie als Objekt der Ablehnung, der Ressentiments oder Stereotype. Aber das Kind will eine Antwort, fragt weiter. Der Postkutscher kann ihm schließlich eine geographisch genaue Auskunft geben. Für die Imaginationskraft des Kindes bleibt aber noch genug Unbekanntes übrig, um weiterhin erfahren zu wollen – er-fahren im wahrsten Sinne des Wortes – was diese Walachei nun eigentlich ist.

Auch bei der Bezeichnung „Schwarzes Meer“ fragt sich Felix, der ja an der Ostsee lebt, warum dieses Meer nun schwarz sein soll, ob es aus blubberndem Pech besteht usw. Die Walachei wird zu einem aus seinem Namen hervorgehenden Ort der Neugierde. Kinder richten sich nach Worten, durch die sie einen unmittelbaren Bezug zur Welt herstellen. Das wollte ich erzählen. Doch das Motiv der Walachei verband sich schon früh mit einer kompositorischen Absicht: Ich wusste bereits, dass es einen zweiten Band geben wird und Felix Kannmacher als Emigrant ausgerechnet Rumänien und die Walachei erreichen wird, also dort ankommt, wohin ihn in der Kindheit schon seine Imagination geschickt hatte.

Sie haben darüber gesprochen, dass gerade das Nichtwissen zu Ressentiments bzw. Vorurteilen gegenüber etwas Fremdem führt. Diese Vorurteile funktionieren nicht nur in eine Richtung, sondern in beide. Nach seiner Ankunft in Rumänien sieht sich ja auch der pommersche Protagonist einigen Vorurteilen ausgesetzt. Wie stehen Sie in Zeiten der politischen Korrektheit zu solchen Vorurteilen, die als Redewendungen in der Sprache manifest werden; denn einerseits ist ja klar, dass man diese Redewendungen kritisch sehen muss, andererseits schöpfen Sie als Autor daraus und machen sie ungemein produktiv. In Ihren Romanen erscheinen, neben der Redewendung über die Walachei, auch andere solche Wendungen, die heute undenkbar wären, etwa über die Hottentotten.

Dass die Dienstmagd nicht zu sagen vermag, was sich wirklich hinter dem Wort Walachei versteckt, stachelt Felix’ Einbildungskraft ja erst richtig an. Im Unterschied zum ersten Band, Eine nie vergessene Geschichte, werden die Vorurteile zu Beginn des zweiten, Die sieben Leben des Felix Kannmacher, allerdings einem Kind in den Mund gelegt: Virginia, der Tochter des rumänischen Pianisten Marcu, welcher den Emigranten bei sich aufgenommen hat. Sie nimmt Felix damit freilich auf die Schippe, provoziert ihren Hauslehrer ihre „Kinderfrau“ absichtlich. So wie für Felix die Walachei ein Imaginationsort war, stellt auch sie sich dessen Heimat am Baltischen Meer als „ein im Nebel versinkendes Wiesen- und Sumpfland“ vor, das von Wichten und Gnomen bewohnt wird, die im ewigen Dunkel um Feuerstellen springen. Anders als bei der Floskel über die Walachei spielen beide Kinder, erst Felix, jetzt Virginia, mit Stereotypen auf poetische Weise und brechen sie auch. Und genau das macht den Unterschied aus, ob man die blinde Floskel nur wiederholt oder ob sie einen neugierig macht, ob sie der Ablehnung dient oder Anziehung erzeugt, ob man kreativ mit ihr umgeht und dadurch einen besonderen, individuellen Zugang zur Welt qua Sprache findet.

Die ganze Reise nach Osten, nach Bukarest in Rumänien, entspringt der initialen Neugierde von Felix, denn die Familie Kannmacher hat keine anderen Bezüge zur Walachei. Wie sieht es in den Vorbildern für die Familie Kannmacher aus? Bei den Koneffkes? Was ist Ihr Bezug zu Rumänien? Würden sie etwas über das Verhältnis von Fiktionalem und Biographischen in den drei Romanen sagen?

Bei den Koneffkes gibt es keine Bezüge zur Walachei. Koneffke/Konefka heißt Gießkanne auf Polnisch, in dem Namen verbarg sich aber auch die Berufsbezeichnung des Kannengießers, unschwer zu erraten, dass „Kannmacher“ nur eine winzige Verschiebung ist. Der erste Roman, Eine nie vergessene Geschichte, arbeitet sich ab an einem Vorfall, der tatsächlich stattgefunden hat bzw. nicht stattgefunden hat, nämlich an der Doppelhochzeit, vor der Felix in letzter Minute Reißaus nimmt. In der Familie wird er so zur persona non grata. Das ist der authentische Kern, das war der Stoff, den ich erzählen wollte. Bei der Überlieferung der wirklichen Geschichte gab es unendlich viele Lücken und ich fragte mich, warum dieser Onkel, mein Großonkel, der das Vorbild für Felix Kannmacher abgab, vor der Hochzeit geflohen und Anfang der 1930er Jahre dann tatsächlich verschollen ist. Im zweiten Roman, Die sieben Leben des Felix Kannmacher, wollte ich ihm, nach seinem Verschwinden, zu einem weiteren Leben verhelfen. Es handelt sich also um eine fiktive Biografie.

Die hat nun nichts mehr mit der Familiengeschichte zu tun, aber umso mehr mit mir. Ich kam in den späten 1990er Jahren nach Rumänien, und seit 2003 verbringe ich hier bis zu sechs oder sieben Monate im Jahr. Ich schicke im Buch aber nicht nur meinen Onkel bzw. Felix Kannmacher in die Walachei der 1930er Jahre, sondern auch mich selbst. Denn bei meiner Ankunft in den 90ern hörte ich immer wieder, die Zwischenkriegszeit sei das goldene Zeitalter Rumäniens gewesen. Das kam mir wie ein Mythos vor, in den das Land sich flüchtete, um die Aussichtslosigkeit seiner gegenwärtigen Situation zu verdrängen. Es hat mich interessiert, was da kollektiv passiert, und ich habe zu lesen begonnen: Tagebücher, Memoiren, Romane jener Zeit. Und ich stellte fest, dass die Zwischenkriegszeit zwar ein Mythos ist, aber ein realer. Denn tatsächlich hatte Rumänien damals eine Welle der Modernisierung erlebt, besonders in den urbanen Zentren, die durch das Versagen der politischen Klasse, die europäische Großwetterlage, Krieg und Machtergreifung der Kommunisten tragisch abgebrochen war.

Ihre ausführliche Beschäftigung mit dem Mythos der Zwischenkriegszeit in Rumänien spiegelt sich auch darin, dass Felix, bevor er nach Bukarest kommt, erst Station in Baltschik am Schwarzen Meer macht.

Der Aufenthalt in Baltschik 1935 bildet den paradiesischen Anfang eines Romans, der in der Folge, parallel zu den historischen Ereignissen, immer düsterer wird. Der rumänische Pianist Victor Marcu macht mit seinen Begleitern, einer Art orientalischem Gefolge, Urlaub am Schwarzen Meer, in der von Bulgaren, Tartaren und Rumänen bewohnten Stadt Baltschik. Hier befindet sich die Sommerresidenz, das „Stille Nest“ der Königin-Mutter Maria. Hier finden sich in den Sommermonaten Industrielle, Politiker und Künstler ein. Für meine Beschreibungen von Ort und Landschaft konnte ich auf ein Buch mit Abbildungen von Ölgemälden zurückgreifen, die seinerzeit in Baltschik entstanden sind. Für das Ferienhaus des Victor Marcu hatte ich ein ganz bestimmtes Haus im Blick, ein modernes Haus im sachlichen Stil mit einer wunderschönen Terrasse zum Meer, das heute ein Café beherbergt. Als ich den Roman schrieb, begleitete mich die Vorstellung, dass Felix hier so etwas wie eine Rettung erfahren würde, nachdem er aus Nazi-Deutschland geflohen ist. Allerdings ziehen am Horizont bereits die ersten dunklen Wolken auf. Baltschik steht für das Paradies – aber auch für die Vertreibung daraus.

Baltschik als Paradies, so beschreibt es auch Virginia, die es, wie erwähnt, in Kontrast zu Felix nebligem Herkunftsort setzt. Felix flieht also aus seinem Heimatstädtchen in Pommern über Rom und Berlin nach Bukarest. Er sehnt sich danach, seiner heimatlichen Welt zu entkommen, die als Folge des Ersten Weltkrieges und des aufsteigenden Nationalsozialismus zerfällt. Sobald er dann aber in Bukarest ankommt, sehnt er sich nach seinem Heimatstädtchen Freiwalde zurück und verzehrt sich vor Heimweh. Die Symptome dieser beiden Sehnsüchte, die ihn plagen, sind sehr ähnlich. Muss es immer etwas geben, wonach er sich sehnt? Muss man immer weiter getrieben bleiben?

Das Fernweh ist zunächst eine Herausforderung der Imagination. Man hört von einem Ort, einer Gegend, und lässt sich von dem verzaubern, was einem die Einbildungskraft vor die inneren Sinne malt – wenn man dann den Ort erreicht, ist man nicht selten enttäuscht. Fernweh kann nur schwer befriedigt werden. Felix erlebt aber einschneidende Brüche. Weil sein Bruder und er dieselbe junge Frau lieben, der Bruder aber den Zuschlag bekommt, soll Felix deren Schwester heiraten. Erst stimmt er der Doppelhochzeit zu, dann macht er sich aus dem Staub. Das ist der erste Bruch: In die Familie und seine pommersche Heimat, die er fluchtartig verlassen hat, kann er nicht mehr zurückkehren. Der zweite Bruch ist der Aufstieg der Nazis und seine Emigration nach Bukarest. Als Kind hatte er Fernweh nach der Walachei, jetzt ist er dort und hat Heimweh. Wäre er freilich gänzlich eingebettet in seine neue Umgebung, nicht abhängig von seinem Gönner und dessen verzogener Tochter, wäre er in dieser Welt auf der Schwelle zum Orient zu Hause, fiele sein Heimweh geringer aus.

In dem Moment, in dem man zurück kann, gibt es auch kein Heimweh. Das ist meine Erfahrung. Ich lebe ja seit 23 Jahren im Ausland, aber Heimweh hatte ich nie. Woran das liegt? Ich bin ja zu einer Zeit aufgewachsen, als viele Heimwege abgeschnitten waren, nicht zuletzt der meiner Familie väterlicherseits, die zu Kriegsende aus Hinterpommern floh. Und dann bin ich in einer Neubausiedlung bei Frankfurt aufgewachsen, mitten im Wald, auf einer Rodungsinsel. Das war eine im wahrsten Sinne des Wortes entwurzelte Gegend, in der ich in diesen frühen 1960er Jahren zudem noch von lauter ebenso entwurzelten Flüchtlingsfamilien umgeben war. Zur Erfahrung von Heimatlosigkeit gehörten nicht zuletzt auch das Schweigen und Verschweigen in der Nachkriegszeit. Das alles wird vorwiegend im dritten Roman, Ein Sonntagskind, verhandelt. Und trotzdem kann ich heute natürlich in meine heimatlose Heimat zurück. Jederzeit. Ich bin kein Autor im Exil. Warum und wonach sollte ich also Heimweh empfinden? Ich denke, umgekehrt wird ein Schuh daraus. Ich muss meine Heimat erst noch finden. Deshalb dieser Drang, im Ausland zu leben. In Rom, in Wien, in Bukarest, in den Karpaten … Ich habe mir die Heimat aber auch schon erfunden – in der Vergangenheit meiner Romantrilogie um die Familiengeschichte der Kannmachers.

Felix sehnt sich ja nach dem kleinen Freiwalde an der Ostsee und nicht etwa nach Berlin, das auch eine Station auf seinem Weg ist, bevor er nach Bukarest kommt. Macht er ähnliche Erfahrungen in diesen beiden Großstädten?

In beiden Städten holt ihn die Geschichte ein, die Gewalt, der Krieg. Aber in Bukarest findet er sich natürlich weniger zurecht als in Berlin. Daher ist dort die Verunsicherung größer. In Berlin verunsichern ihn seine Selbstzweifel und die politische Lage. In Bukarest gibt es eine kulturelle Verunsicherung, die auf Fremdheitserfahrung beruht.

Bestätigt sich in Bukarest, was die unwissende Bedienstete anfangs über die Walachei behauptet, es sei ein „Kuddelmuddelland“, es herrsche Tohuwabohu, es gehe schlimmer zu als in einer polnischen Wirtschaft?

Natürlich stellt Felix fest, dass Bukarest anders ist, chaotischer, bunter. Er lernt das balkanische Leben kennen, die Straßenverkäufer, die Bodegas … Er hat konkrete Dinge vor Augen, gegen die sich das schöne Wort „Kuddelmuddelland“ doch recht abstrakt ausnimmt: die Basare, Tanzschuppen, Tabakfabriken, Glasdachpassagen und Hammeltreiber, die Boxkampfarenen, den Pferdemarkt. Vor allem auch die Gegensätze von Tankstellen, Eseln und Ochsenfuhrwerken, von Leuchtreklamen und Zigeunerinnen im Glockenrock, von Hermelinpelzen und filzigen Schafsfellen.

Dieses Bukarest scheint zeitlos zu sein, nicht nur jenes der Vergangenheit. Vielleicht wird hier deutlich, dass nicht nur Felix, sondern auch Jan Koneffke Bukarest erkundet?

Dem Bukarest der 1930er Jahre kann man im heutigen Bukarest durchaus noch wiederbegegnen. Selbst wenn es keine Bodegas mehr gibt, in denen man im Stehen einen Schnaps trank, Oliven aß. Aber man kann noch die Bauhaus-Architektur jener Jahre bestaunen – keine Stadt in Europa hat eine so große Menge an Bauten der Neuen Sachlichkeit aufzuweisen –, es wurde enorm viel gebaut, es war ja die Zeit der Modernisierung.

Diese Verknüpfung von Modernem und Archaischem in Bukarest, die Gegensätze, sind sie heute noch für die Stadt charakteristisch?

Ja, da gibt es auf jeden Fall Parallelen. Bei meinen Beschreibungen der Stadt um 1935 hatte ich nicht selten das Gefühl, als ob ich alles selbst vor Augen gehabt hätte. Als ob nicht nur Felix Kannmacher in jener Zeit in Bukarest gewesen wäre, sondern auch ich selbst. Ich habe nicht nur ihm zu einer weiteren Biografie verholfen, sondern auch meine eigene in die Vergangenheit verlängert. Wahrscheinlich ging das auch ganz gut, weil ich Bukarest und Rumänien genauso erfahre, nämlich als eine Welt, deren Transformation noch nicht abgeschlossen ist. Das ist auch einer der Gründe, warum sie mich besonders interessiert. Alles gärt noch, im Guten wie im Schlechten. Man hat ja heute das Gefühl, als ob sich in Europa wenig Gutes entwickelt, und das trifft auch für Rumänien zu. Aber es ist ein Übergang. Immer noch oder vielleicht wieder ein Übergang.

Bukarest wurde gerade damals in seiner Modernisierungsphase als kleines Paris oder Paris des Ostens bezeichnet. Heute wird es als neues Berlin gehandelt. Warum?

Das sind Etikettierungsversuche. Bei der Beschäftigung mit dem Bukarest der 1930er Jahre hat sich mir kein Paris-Vergleich aufgedrängt. Das ist ein gängiges Verfahren: Man greift auf Ultrabekanntes zurück, um etwas Unbekanntes zu beschreiben. So heißt es bisweilen in Romanen: „XY sah wie George Clooney aus …“, ein billiger Trick, mit dem sich der Autor davor drückt, seine Figur individuell zu beschreiben. Gleichzeitig kann er mit der Sympathie des Lesers für George Clooney rechnen. So ungefähr ist das mit Klein-Paris oder Paris des Ostens für Bukarest. Gewiss, Rumänien war nicht nur damals frankophil. Aber die Hauptstadt eines nicht gerade illuminierten Landes auf der Schwelle zwischen Orient und Okzident hatte und hat ihr eigenes Flair und mit Paris nur wenig tun. Mit Berlin teilt das heutige Bukarest vielleicht sogar mehr. Als christlich-orthodoxe und balkanische Stadt ist es zwar denkbar weit von Protestantismus und Preußentum entfernt. Aber eine Parallele erkenne ich darin, dass Bukarest und Berlin, anders als Paris oder Rom, junge, unfertige Städte sind. Städte in Bewegung.

In Bewegung. Dabei sagt eine Figur in Ihrem Roman, dass die Zeit hier, in Rumänien, anders fließe, ja sogar stillstehe: „Wie andere im Geld schwimmen, schwimmen wir in Zeit.“

Dieses von Tudor Arghezi entlehnte Zitat lege ich der Figur des Architekten Haralamb Vona in den Mund. Es geht dort um einen Vertreter von Krupp, der in Bukarest einen Handel abschließen will und verzweifelt ist, weil er die Vertragspartner nicht antrifft. Die sind nämlich in Urlaub, und der dauert in dem im Sommer südlich-heißen Land gleich mehrere Monate. Der Vertreter bleibt in der Stadt, um auf ihre Rückkehr zu warten, und passt sich in der Zwischenzeit den Landessitten an. Am Schluss will er Rumänien gar nicht mehr verlassen und heiratet eine Hiesige. Diese ironische Selbstdarstellung der rumänischen Gesellschaft durch Haralamb Vona reflektiert natürlich auch die Anforderungen der modernen Welt: Wo Zeit Geld ist, wird die gemütliche und lebensfrohe Haltung zum Problem. Im Übrigens verbirgt sich in der Geschichte um den Krupp-Vertreter augenzwinkernd auch meine eigene: Auch ich habe mich ja von dieser Fremde anstecken lassen, bin hiergeblieben und habe eine Hiesige geheiratet.

Sie sind offensichtlich ein großer Leser von rumänischer Literatur, haben auch Kontakte in der rumänischen Literaturszene. Warum denken Sie, ist Rumänien in diesem Jahr Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse?

Rumänien war ja schon einmal Schwerpunktland in Leipzig, vor genau 20 Jahren. Übrigens noch nie auf der größeren Messe in Frankfurt, im deutschen Westen. Wahrscheinlich gibt es aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang engere Verbindungen zwischen dem Osten Deutschlands und Rumänien. Auch dürfte der kommerzielle Aspekt für Frankfurt nicht attraktiv genug sein. Während es der kulturelle für Leipzig offenbar ist. Dass Rumänien nun erneut Gastland in Leipzig ist, hängt vielleicht mit der rumänischen Hundert-Jahr-Feier zusammen. 1918, mit Ende des Ersten Weltkriegs, wurde das Land ja territorial für seine Allianz mit der siegreichen Entente belohnt.

Große Namen der rumänischen oder internationalen Literatur mit Rumänienbezug werden auf der Buchmesse zugegen sein, etwa Herta Müller, Norman Manea, Mircea Cărtărescu, u.a. Werden Sie auch in Leipzig auf der Buchmesse sein?

Ja, ich bin eingeladen. Einmal soll ich als Autor der Sieben Leben des Felix Kannmacher über Rumänien in der deutschsprachigen Literatur diskutieren. Außerdem werde ich in Leipzig meinen neuen Gedichtband vorstellen, der Anfang März unter dem Titel Als sei es dein erscheint und auch ein Kapitel mit Gedichten über meine Wahlheimat Rumänien enthält. Darüber hinaus werde ich mehrere Veranstaltungen als Moderator bestreiten. In einem Gespräch mit Norman Manea und Gabriela Adameșteanu soll es um das Thema Exil in der rumänischen Literatur gehen: Fremde, Heimat – Fremde Heimat. In einer anderen mit Mircea Cărtărescu, Lavinia Braniște und Filip Florian um Bukarest als Ort literarischer Inspiration und Imagination; und in einer dritten um die jüdische Erfahrung in der Zwischenkriegszeit, unter anderen mit Cătălin Mihuleac, einem Autor aus Iași, dessen frisch übersetzter Roman Oxenberg & Bernstein vom Pogrom in Iași erzählt. Das ist ein eigenwilliges, sarkastisches, bitteres, jedenfalls überzeugendes Buch, vor allem auch bei der Schilderung des Pogroms selbst, das sich ja kaum schildern lässt.