Workshop über den Roman „Satin Island“ von Tom McCarthy

von Jan Lietz

Der Workshop zu Tom McCarthys Roman Satin Island (2015) hat am 9. Februar 2018 an der Friedrich Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien an der Freien Universität Berlin stattgefunden.

Konzeption: Eva Murašov (FU Berlin), Jan Lietz (FU Berlin

Am 09. Februar 2018 fand unser Workshop zu Tom McCarthys Roman Satin Island (2015) an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien an der Freien Universität Berlin statt. Der Workshop ist Teil der Reihe Unform, die sich mit der Form des modernen Romans auseinandersetzt.

Den Ausgangspunkt unserer Reihe bildet die Beobachtung, dass dem Roman in der Geschichte der Gattungstheorie wiederholt eine Sonderstellung zugewiesen wurde. Insbesondere im deutschen Sprachraum erscheint der moderne Roman seit dem 18. Jahrhundert als ein Ausnahmefall literarischer Formbildung, da er keinen der rhetorischen und regelpoetischen Schemata aus der Antike, dem Mittelalter oder der Frühen Neuzeit folgt. In der spezifischen Tradition des deutschen ‚Bildungsromans‘ ist diese Formbildung – so etwa in Friedrich von Blanckenburgs Versuch über den Roman (1774) – vom ‚inneren Leben‘ des Protagonisten her gedacht: Die Individuation des Helden und die jeweilige formale Ausgestaltung des Romans können als analoge Instanzen eines nunmehr als morphologisch oder als

„endogen“[1] aufzufassenden Formbegriffs verstanden werden. Zunehmend entsteht auch ein poetologisches Bewusstsein dafür, dass die Fülle an Varianten des Romans ebenjener Fülle des „Lebens“ selbst entspricht.[2] Obwohl der moderne Roman sich damit durch einen genuinen Formreichtum auszeichnet, wurde er aufgrund dieser Unbestimmtheit und Offenheit wiederholt negativ als ‚Unform‘ (Clemens Lugowski), ‚dissonant‘ (Georg Lukács) oder ‚amorph‘ (Hans Blumenberg) beschrieben. Aus dieser Spannung heraus verstehen wir den Begriff der ‚Unform‘ nicht als Negation der Möglichkeit von ‚Form‘, sondern als Bestimmung eines produktiven Formsinns jenseits der klassischen Gattungs- und Regelpoetik: als Unform. Verfolgt werden kann diese auf verschiedenen Ebenen: sei es in Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand des Romans, seinem Verhältnis zu ‚kleinen Formen‘ wie der Novelle, Gedichten oder Liedern oder seinem produktiven Bezug auf Formbegriffe aus anderen epistemischen Feldern wie den Naturwissenschaften, der Ökonomie oder der Informatik.

Tom McCarthys Roman SI nimmt auf diese gattungstheoretische Frage auf vielfältige Weise Bezug. Bereits auf seinem Cover finden sich die Gattungsbezeichnungen „A treatise, An essay, A report, A confession, A Manifesto“ allesamt durchgestrichen, allein die Bezeichnung „A novel“ bleibt stehen. Angezeigt scheint damit kein Ausschlussverfahren, sondern vielmehr die spezifische Form, in der SI zugleich treatise, essay, report, confession und manifesto ist – als Roman. Diese paratextuelle Mehrfachcodierung und Hypersemantisierung spiegelt sich im Auftrag des Protagonisten U., als Anthropologe in einer Beratungsfirma einen ‚Great Report‘ über die Gegenwart zu verfassen, der nicht weniger als die Bedeutung der Welt aushandelt. „It was all a question of form. What fluid, morphing hybrid could I come up with to be equal to that task?“[3], fragt U. und ruft damit eine Bemerkung des britischen Philosophen Simon Critchley aus einem Gespräch mit McCarthy wieder auf: „For the German Romantics such as Schlegel, the aesthetic form capable of bearing that question of meaning is the novel, and the task becomes writing the great novel of the modern world.“[4]

SI eignet sich nicht bloß die Frage der Unform an, sondern aktualisiert den tradierten Anspruch des modernen Romans unter den Bedingungen einer umfassenden Ökonomisierung seiner Produktions- und Rezeptionsmöglichkeiten. Vor diesem Hintergrund erschien es uns als vielversprechend, den Roman im Rahmen unserer Reihe hinsichtlich der Aspekte (I.) seiner Form, (II.) seiner narrativen Verfahren und (III.) seiner politischen Dimensionen zu diskutieren. Weiterlesen…