Zeit für einen „conscious turn“?

Plädoyer für eine politisch aufmerksame Literaturwissenschaft

von Eva Murasov

Vergangenen Herbst lud die Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien (FSGS) im Rahmen ihrer Jahrestagung zu einer Podiumsdiskussion ein über „Techniken und Technologien der Lektüre – Alte Kulturtechniken, literaturwissenschaftliche Methoden und die Digital Literary Studies“. Fünf LiteraturwissenschaftlerInnen (Irmela Krüger-Fürhoff, Christine Ivanovic, Thomas Weitin, Hans Ulrich Gumbrecht und Bernhard Metz) dachten öffentlich darüber nach, wie sich das Fach in einer digitalisierten Gesellschaft positionieren kann. Bedarf es unter den sich ändernden medialen Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Umgangs mit Texten? Wenn ja, welchen? Die Diskussion blieb keinesfalls bei einer Auseinandersetzung mit Methodik stehen, sondern warf die Frage nach dem Selbstverständnis der Literaturwissenschaft und ihrer gesellschaftlichen Relevanz auf. Die politische Tragweite von Debatten über Forschungsrichtungen und Studienfächern zeigte sich nicht nur jüngst im Germanistik-Bashing des Spiegels – oder vielmehr in Frauke Berndts kluger Antwort  darauf –, sie rückte auch auf dem FSGS-Podium im November 2016 in den Vordergrund.

Die aktuelle Bedeutung der Digitalisiserung nahezu im gesamten Wissenschaftsbereich steht außer Frage. Dem neu gegründeten Berliner „Einstein Center Digital Future“  wurden im Herbst 2016 38,5 Mio Euro bewilligt, um in den kommenden Jahren 50 neue IT-Professuren auszuschreiben: zum Beispiel in Neurowissenschaften, Medizin, Robotik, im Programmieren von Clouds und Logistiksystemen sowie für das „Internet of Things“ (Industrieprodukte plus digitale Dienstleistung) und „Wearable Computing“ (als interaktive, vernetzte Kleidung). Kooperationspartner sind neben den Berliner Universitäten, Fraunhofer Instituten und anderen Forschungszentren auch Unternehmen wie u.a. SAP, Telekom, Zalando, Cornelsen und die Berliner Wasserbetriebe, die insgesamt 12 Mio. Euro zur Forschung beisteuern.

Im Ankündigungstext der Tagung, die den Anlass zur Podiumsdiskussion gab, hieß es einleitend: „(Medien-) Technologische Innovationen und gesellschaftlich-ökonomischer ›Fortschritt‹ werden von Euphorie, Kritik und Resignation begleitet. Literatur partizipiert am technischen Diskurs, indem sie (medien-) technologische Innovationen aufnimmt, reflektiert, aber auch auf sie vorausweist. Als Kunst prägt Literatur zugleich spezifische Gegendiskurse zu einer gesellschaftlichen Generalisierung technischer Zweckrationalität“. Literatur als Gegendiskurs zum ökonomischen Mainstream und zu naiver Technik-Euphorie zu begreifen und gleichzeitig offen für die Möglichkeiten des Digitalen, für Experimente mit Programmen und Interfaces zu sein, scheint mir auch für jüngere Promovierende ein anschlussfähiger Ansatz. An einem wenn auch kleinen Teil des Fachdiskurses schreiben schließlich viele mit, die schon fast zu den digital natives zählen.

Zu Beginn der Diskussion wurde ein ähnlich aufgeschlossener Ansatz erwogen, der sich eher für die Kontinuitäten in den analog sowie digital rezipierten/produzierten Texten interessiert, als von radikalen Einschnitten ausgeht. Sybille Krämer hob hervor, dass auch die Naturwissenschaften, „die zählenden, die messenden Wissenschaften“, durch „das Medium der Textualität vermittelt“ seien. Den Umgang mit digitalen Oberflächen als absoluten Gegensatz zum Lesen alphabetisch-linearer Texte zu begreifen, verkenne die „strukturellen Gemeinsamkeiten“. In beiden Fällen wird visuell wahrgenommen und versucht, Kohärenz herzustellen. Zwei Tendenzen der Kommunikationsgesellschaft sprach die Philosophin an, die ein Bündel an Phänomenen meines Erachtens nach gut auf den Punkt bringen: Einerseits sei die Mediensphäre geprägt von einer „Kulturtechnik der Verflachung“, da der Zugang vorwiegend zweidimensional sei: über Interfaces, Graphen, Diagramme, Karten, Videos, etc. Andererseits lasse sich inhaltlich „eine Rhetorik der Tiefe“ sowie ein Streben zurück zum Material, dem Unmittelbaren beobachten. Für ihre These der „Rhetorik und Nobilitierung der Tiefe“ finden sich allein schon in aktuellen Werbe- und Start-Up-Sprachen (sowie vermutlich der Kunst?) zahlreiche Beispiele, die über die Suggestion von Spiritualität, Esoterik, von Authentizität oder dem Wahren, Unverfremdeten funktionieren.

Das Gespräch spitzte sich jedoch bald zu einer Diskussion darüber zu, ob es noch angebracht sei, sich ‚nach alter Schule‘ mit Deutung und Poetik, mit Rhetorik, Semantik, Referenzen oder Zeichenordnungen weniger Texte zu befassen – etwa im Sinne des close reading. Oder ob nicht Datenerhebungen zu großen Textmengen (anhand von Parametern wie Satzlänge, Frequenz von Schlagwörtern, Stilmitteln, etc.) – im Sinne des von Franco Moretti geprägten Begriffs des distant readings – zu verlässlicheren, weniger subjektiv gefärbten Ergebnissen und somit mehr Evidenz führe.

Darüber ergab sich eine Methoden-Debatte mit letztlich politischer Dimension. Die moderierende Irmela Krüger-Fürhoff und ihre Kollegin Sybille Krämer wiesen in Bezug auf die digital humanities bzw. literary studies immer wieder darauf hin, dass computergestützte, schematisierende Methoden der semantischen und rhetorischen Komplexität vieler Fragestellungen kaum gerecht werden können. Sie schlugen sich so eher auf die Seite eines close als eines distant readings und verstanden Literatur (entsprechend dem cultural turn) auch als Medium, das soziale und (kultur)historische Wirklichkeiten reflektiert. Zudem zeigten sie dabei ein (wohl poststrukturalistisch geschultes) Bewusstsein dafür, dass Digitalisierung nicht zwingend zu mehr Objektivität der Forschung führt, insofern hermeneutische (d.h. auf Deutung und Sinnbildung angelegte) Vorannahmen bei jeder Art des Forschens unvermeidbar sind – ob computergestützt oder nicht. Wer eine Versuchsanordnungen entwirft, egal in welcher Disziplin, hat bereits Anteil am Ergebnis und damit an der Macht der Wissensproduktion. Dieses Argument wurde von der Germanistin Krüger-Fürhoff mit Verweis auf Donna Harraways Theorie des situierten Wissens noch einmal bekräftigt, um die sich andeutende positivistische Tendenz ihrer Gesprächspartner angesichts digitaler Technik zu kritisieren. Die Positionalität der Forschung, wie sie es nannte, dürfe auch im digitalen Zeitalter nicht vergessen werden.

Trotz dieser Einwände blieb das blind-spot-Problem einiger Diskutanten bestehen. Als die Rede gegen Ende erneut auf den cultural turn kam, der zuvor schon kritisiert worden war, nahm dies sogar ungewollt komische Züge an. Zur kulturwissenschaftlichen Erweiterung des Fachs bemerkte Hans Ulrich Gumbrecht, sie käme einem „heute ganz peinlich vor (…) – it sound’s so like the 90ies“. „Race, class, gender, (…) im Grunde politische Fragestellungen“, so fasste er zentrale kulturwissenschaftliche Untersuchungsaspekte richtig zusammen, seien vielleicht noch von Bedeutung. Es würde aber vermutlich „ins Trockene laufen, wenn man die Fragen von früher wiederholt“. Die Aussage blieb etwas rätselhaft in der Luft hängen, bis ein anderer Diskutant eine Idee hinzufügte, wie sich genannte Aspekte (Herkunft, Klasse, Geschlecht) in die digital literary studies integrieren ließen. Die Information, ob ein Werk etwa ein Mann oder einer Frau verfasst habe, ließe sich wunderbar als Variable statistisch erfassen und algorithmisieren.

Als kurz vor Schluss die Medienphilosophin an einer Stelle das Aufkommen des Gender-Themas im IT-Kontext noch nutzte, um – im Kontext der Verteidigung des cultural turns – auf die Rolle Ada Lovelaces für die Computergeschichte hinzuweisen (die das erste lauffähige Programm zur Berechnung einer Sequenz von Bernoulli-Zahl geschrieben und veröffentlicht hat), wollte ihr Gesprächspartner dies gar als ideologisches Statement diskreditieren. Dabei wurde ein Vergleich bemüht, der aus Zeiten des Kalten Kriegs stammen könnte. „Solche Argumente, ‚die erste war ’ne Frau‘“, erinnerten ihn an Aussagen wie „Sputnik ist in Russland erfunden worden“ (siehe 1:29:13). Bemerkenswert finde ich an diesem Vergleich den stark suggestiven Parallelismus, nach dem Schema: ‚hegemonialer Anspruch beim Schreiben von Wissensgeschichte‘ (Erster in irgendwas mit Technik-Sein) – ‚vermeintlich unterlegener Akteur (Frau/Russe)‘. Am Ende waren es die USA, die den ‚Wettlauf ins All‘ gewannen. Weiter meinte der Redner, solche Argumente liefen „normalerweise immer auf ‚equality‘ hinaus, die sagen, ‚also wenn die erste ’ne Frau war, dann können die Frauen nicht schlechter sein’“ (1:29:28). Heute seien wir aber „vielleicht in einer intellektuellen Lage, wo wir (…) ausgehend von empirischen Beobachtungen“ hinterfragen könnten, ob es überhaupt möglich sei, Geschlechtergleichheit in den Naturwissenschaften herzustellen (1:29:35).

Eine komplexe Diskussion um Machtverhältnisse in Gesellschaft und Wissenschaft zu einem Kausalschluss dergestalt zu verkürzen und zu parodieren, das soll nicht nur feministische Geschichtsschreibung delegitimieren. Wer so spricht, scheint in Erwägung zu ziehen, dass Frauen kognitiv tatsächlich in manchen Dingen „schlechter“ sind als Männer. Was die Kritik am feministischen Tenor betrifft, wäre es natürlich wünschenswert, dass Emphasen wie „die erste war ‚ne Frau“ sowie z.B. Frauen-Quoten bei Stellenvergaben überflüssig würden. Sie erscheinen aber insofern bis heute berechtigt und notwendig, als gleiche Chancen auf allen Ebenen beruflicher Hierarchien noch keine Selbstverständlichkeit sind (vergleiche hierzu eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums von 2010-2014), und die 2016 in Kraft getretene 30-Prozent-Quote für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in mitbestimmungspflichtigen, börsennotierten Unternehmen.

Der assoziative Monolog zum „equality“-Stichwort gipfelte dann in der Behauptung, es gäbe „offenbar ethnisch spezielle Talente für Software“ (1:30:40, auf Zuschauerprotest hin relativiert zu: „eine spezifische Produktivität von Leuten, die aus Indien kommen“, 1:31:02). Dies leitete Gumbrecht mit der Erinnerung daran ein, der Deutsche Bundestag habe vor einigen Jahren ein „ganz eigenartiges“ Gesetz verabschieden wollen, Software-Experten aus Indien die Zuwanderung nach Deutschland zu erleichtern (1:30:28). Der kritische Verweis steht damit in semantischer Nähe zu einer im Vorfeld der NRW-Landtagswahl 2000 durch CDU-Politiker Jürgen Rüttgers ausgelösten Debatte. Auch Rüttgers hatte die rot-grüne Regierung damals für den Vorschlag kritisiert, IT-Fachkräfte aus Indien mit einem Green-Card-Modell anzuwerben. Stattdessen sollte man laut Rüttgers „unsere Kinder an die Computer“ bringen. (Die rechtsnationalistischen Republikaner verkürzten dessen Forderung damals dann zu ihrem Wahlkampfslogan „Kinder statt Inder“.)

Als aus dem Publikum Empörung darüber aufkam, einer Ethnie eine gewisse (biologische?) Prädisposition zuzusprechen, quittierte der Redner den Einspruch, das sei rassistisch, damit, man müsse unterscheiden zwischen dem eigenen „normativen politischen Willen und einer empirischen Beobachtung“ (1:30:51). By the way – die Gegenposition als „normativ“ entkräften zu wollen, das ist nun auch ziemlich 90er.

Sollten bei der Inder-Pauschalisierung „nicht die Gene“ gemeint, sondern das Wort Ethnie im Sinne von Kultur verwendet worden sein, sei dies als Entschuldigung angenommen. Die Diskreditierung feministischer Ansätze bleibt derweil ungebrochen im Raum stehen. Damals, am Tag 3 nach Trumps Wahlsieg, wie heute hat eine derartige Herabwürdigung im Namen der Empirie ein besonderes Gewicht, denn die Gegenwart ist, wie wir sehen, historisch. Mit latent biologistischen Statements innerhalb einer „Bildungselite“ schafft man einen Kontext, in dem Diskriminierung leicht tolerierbar wird.

Davon abgesehen war es in einem Umfeld, das sich als intellektuell versteht, geradezu peinlich zu erleben, wie die persuasive Kraft von „Empirie“ genutzt wird, um daraus Urteile über die Unfähigkeiten bzw. Fähigkeiten soziokultureller Gruppen zu ziehen. Unter den heutigen Umständen kann es nicht zu viel verlangt sein, von einem Intellektuellen wenn schon nicht ein Bewusstsein für die Situiertheit von Wissen, dann zumindest für die Gefahren der Instrumentalisierung subjektiv wahrgenommener Mehrheitsverhältnisse zu erwarten.

Was bleibt nach diesen Existenz- und Methoden-Fragen zur Literaturwissenschaft zu sagen? Wie so ziemlich alle Teilsysteme der modernen Gesellschaft hat sie sich extrem ausdifferenziert. Abgesehen von der breiten Wahl an Themen, Literaturen, Textformen und Narrativen (Filme, Ausstellungen, Graphic Novels, etc.) gibt es ein Spektrum an Methoden und Ansätzen: Mikro- oder Makroperspektiven auf Text(e) (close oder distant readings), diskursanalytische, ästhetiktheoretische, dekonstruktive, literatur-/ kulturhistorisch interessierte Untersuchungen. Dabei tragen zur Selbsterhaltung des Fachs die entstandenen Diskurse über Literatur genauso bei wie die Reflexion von Literatur- und Kritischer Theorie. Eine gewisse Selbstreferenzialität gehört zum Spiel dazu.

Gleichzeitig hat die Diskussion ein weiteres Mal gezeigt, wie dringlich Texte und eine politische Gegenwart nach genauen Lektüren verlangen, sowie danach, Texte, Redeweisen, Metaphern (durchaus im Sinne des cultural turns) soziologisch, historisch oder politisch zu verorten. Im digitalen Zeitalter lässt sich auf content immer leichter zugreifen, über Wissen immer schneller verfügen. Seit den sozialen Medien ist es zudem möglich, schnell und effizient Einfluss auf den öffentlichen Diskurs zu nehmen, Meinungen zu bilden und auf diese Weise effektiv Wahrheiten zu schaffen. Die neue sozial-mediale Ereignislogik hat die Rede vom Postfaktischen. hervorgebracht (ob das nun politisch hilfreich ist, sei dahingestellt). Was die humanities von den diversen Verwaltungsberufen unterscheidet, ist sich Zeit zum aufmerksamen, informierten Lesen zu nehmen.

Dabei finde ich es nicht zuletzt wichtig, dass Intellektuelle, Geisteswissenschaftler und Kreative ihr Schaffen und Nachdenken in einem politischen Kontext verstehen. Damit ist nicht gemeint, die eigene Arbeit einer politischen Haltung unterzuordnen oder unreflektiert Dogmen zu verbreiten, sondern Leben und Arbeit nicht losgelöst von der Gesellschaft zu sehen: auch mal auf Demonstrationen zu gehen, anstatt sich in eine Blase der reinen (mehr oder weniger technikaffinen) Ästhetik zu flüchten.

Glücklicherweise gibt es in den Literatur- und Geisteswissenschaften genug AkteurInnen, die einem anderen als dem oben kritisierten Kurs folgen. Doch in der breiteren Öffentlichkeit ist die traurige Tatsache, dass die Rechte in den vergangenen Jahren viel erfolgreicher als die Linke darin war, den öffentlichen Diskurs zu dominieren. Man denke nur an das starke Gewicht der AfD-Pegida-Agenda in der Themensetzung der TV-Talkshows im Jahr 2016. Angesichts der Trump-Wahl und des Rechtsrucks in Europa herrscht viel Ratlosigkeit. Der Post- bzw. Finanzmarktkapitalismus wird in absehbarer Zeit wohl kaum zu überwinden sein, und es ist zu befürchten, dass außerparlamentarische linke Bewegungen immer am Individualismus unserer neoliberal geprägten Zeit scheitern werden. Daher gilt es wohl neben den üblichen Protestformen auch auf der parlamentarischen Seite nach Handlungsspielraum zu suchen. Mit genug Gleichgesinnten ließe sich schließlich selbst auf Parteiprogramme ein wenig Einfluss nehmen, sodass sie den heutigen sozialen und ökologischen Herausforderungen besser gerecht werden.

Kaum zuvor war die Gesellschaft dermaßen von finanzwirtschaftlicher Deregulierung auf der einen Seite und euphorischer Weltoffenheit auf der anderen geprägt. Dabei birgt die virtuell erweiterte Wahrnehmung gerade auch die Möglichkeit, sich vom Denken in binären Oppositionen zu lösen und hegemoniale Verhältnisse zu hinterfragen. Eine Fülle an Theorien dazu gibt es ja bereits – bloß wurden Begriffe wie ‚Diversität‘ oder ‚Grenzauflösung‘ bisher leider am erfolgreichsten von Unternehmen und Agenturen produktiv gemacht.

Vielleicht wäre der nächste ‚turn‘ also ein ‚conscious turn‘? Dann muss auch die ZEIT, wie in der Ausgabe vom 23.2.2017, auch keine „Krise der Klugen“ mehr ausrufen und das unpolitische Klima an den Universitäten beklagen.