Februar 2021

Do11Feb16:15Do17:45Christina Maria KochKrankheitserfahrung als Körpererfahrung im autobiographischen Comic

Details

Teil der Ringvorlesung „Comic – Kunst – Körper. Konstruktion und Subversion von Körperbildern im Comic“ im Rahmen des Programms „Offener Hörsaal“ der Freien Universität Berlin.

Als ‚neunte Kunst‘ erfreuen sich Comics großer Beliebtheit sowie wachsender Aufmerksamkeit im kulturellen Leben und akademischen Kontext. Vertreter*innen zahlreicher Fächer und Hochschulen forschen zu diesem Bild-Text-Medium und integrieren graphische Erzählungen in ihre Lehrveranstaltungen. Die Ringvorlesung möchte die vielfältigen Aktivitäten in Kunst und Wissenschaft disziplin- und institutionsübergreifend sichtbar machen und dabei Brücken zwischen akademisch Forschenden, Studierenden und einer interessierten Öffentlichkeit schlagen.

Im Mittelpunkt der Vorlesungsreihe stehen die unterschiedlichen Körper, in denen Comics ihre Protagonist*innen visualisieren. Ob es sich dabei um Wunschbilder, Stereotype oder Karikaturen handelt, immer werden kulturelle Vor­stellungen von menschlichen, tierischen oder technischen Körpern, von Gender, Alter, ethnischer und kultureller Zugehörigkeit, sozialer Schicht und körperlichen oder geistigen Fähigkeiten vermittelt. Die Vorträge der Vorlesungsreihe diskutieren Comics als Seismograph von und Kommentar zu kulturellen Normierungen, Hoffnungen und Ängsten, die häufig über Körper­bilder ausgehandelt werden.

Die Vorlesungsreihe ist öffentlich und kostenfrei. Sie findet vor Publikum statt und wird zusätzlich gestreamt. Da die Plätze wegen der Hygieneauflagen begrenzt sind, ist für den Besuch der Präsenzveranstaltung eine einmalige Anmeldung unter comic-vl@fsgs.fu-berlin.de erforderlich.

Christina Maria Koch (Amerikanistik, Marburg)
Schwere Krankheit wird oft als biographischer Bruch für das Individuum gedeutet (Couser; Kleinman), Selbstverhältnis und Körperverhältnis ändern sich und geraten in Krisen (Kaufman) und die „Verborgenheit der Gesundheit“ (Gadamer) wird im Krankheitsfalle enthüllt. Die persönliche Erfahrung von Krankheit – die Bewusstwerdung körperlicher Prozesse, das Erleben von Schmerz, Kontroll- und Funktionsverlust, von diagnostischen und therapeutischen Verfahren, die Integration von Therapie in den Alltag, die Veränderung sozialer Beziehungen und Abhängigkeiten – umfasst alle Lebensbereiche und Körper und Geist gleichermaßen. Diese Erfahrung ist außerdem wichtig zu kommunizieren, um Diagnose und Therapie zu ermöglichen und um sich des Verständnisses und der Zuwendung des Umfelds zu versichern. Diese Kommunikation ist allerdings von Fallstricken und Missverständnissen geprägt, wie populäre Bestseller wie Danielle Ofris What Patients Say, What Doctors Hear bezeugen. Auch in Krankheitserzählungen, die langwierige Phasen des Schreibens oder Zeichnens und Lektoratsprozesse durchlaufen haben und schon dadurch eine interpretative Rückschau sind, liegt das Begehren der Lesenden oft in einem unmittelbarem Zugriff auf eine authentische Erfahrung der Autobiographin, die Gefühle von Nähe und Empathie hervorrufen soll. Auch wenn das eine Vereinfachung ist, die übersieht, dass wir uns unserer Erfahrung erst im Prozess des Erzählens (uns selbst oder anderen) gewahr werden und somit eine Erfahrung nicht einfach „haben“, sondern herstellen (Scott; Mattingly), so wird doch eine Art der Krankheitserfahrung kommuniziert: die des retrospektiven Schauens.

Im Comic schauen wir dabei gemeinsam mit dem*der Zeichner*in auf Körper, die immer und immer wieder gezeichnet im Bild stehen und in der Serie zwischen Wiederholung und Variation Bedeutungsangebote machen (Hatfield; Køhlert), deren Zeichen wir nachspüren – wird das Innenleben der Figur äußerlich visualisiert, gibt es subtile Veränderungen am Körper? Auch Zeichenstile bieten unterschiedliche Möglichkeiten, Krankheitserfahrung verkörperlicht zu erzählen. Die Inszenierung von Körpern in Beziehung zu anderen ist ein Mittel, um die Zwischenmenschlichkeit der erlebten Krankheit zu zeigen. Imaginierte Reisen durch den Körper oder anthropomorphisierte Zellen setzen sich mit dem medizinischen Blick auf und in den kranken Körper und den Grenzen des Vorstellbaren auseinander. Monstrositäten deuten auf soziale Angst vor Ansteckung. Der Vortrag wird mit vielen Bildbeispielen dieser Art aus dem U.S.-amerikanischen Raum der Frage nachgehen, welche Arten von Krankheitserfahrung auf welche Weise mit welchem Effekt in Comics in Szene gesetzt werden – und wo Körper erzählen, wenn Worte zu fehlen scheinen, oder doch vielleicht überflüssig sind.

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