Dezember 2019

Fr06Dez19:00Fr23:00Die Verqueerung der WeltThemen und Formen nach Hubert Fichte

Details

War der Schriftsteller Hubert Fichte (1935-1986) ein Vordenker der Queer Studies und des Postkolonialismus? Dieser Frage geht die aktuelle Ausstellung Liebe und Ethnologie im Haus der Kulturen der Welt nach. Im Dialog damit präsentiert das Schwule Museum am 6. Dezember einen Filmabend, der sich mit Formen und Inhalten von Fichtes Arbeiten auseinandersetzt. Wie verhält sich Hubert Fichtes Utopie einer „Verschwulung der Welt“ zu einem queeren und feministischen Gegenwartsprojekt? Welche Bezüge lassen sich zwischen den Arbeiten Fichtes – der schwul und bisexuell lebte –, seiner Poetik des Faktischen und den Sammlungen des Museums herstellen?
Der Abend „Die Verqueerung der Welt“ nähert sich diesen Fragen vor allem über das Medium Film – und will die Themen und die formalen Fragen, die Fichte beschäftigt haben, mit Blick auf die filmischen und fotografischen Arbeiten anderer Künstler*innen weiterverfolgen: als Angebot, sie in einem aktuellen, queeren, postkolonialen und feministischen Rahmen zu diskutieren.

Konzeption und Moderation: Brigitte Weingart & Peter Rehberg
Gäste: Nadja Abt, Anselm Franke, Jasco W. Viefhues

Es gibt viel zu sehen:
Den Anfang machen Ausschnitte aus Thomas Palzers Fichte-Doku „Der Schwarze Engel“ (2005) zur Einführung in Leben und Werk von Hubert Fichte. Der Film spricht viele der Fragen an, die in den Diskussionen an diesem Abend eine Rolle spielen werden: Reisen, „Empfindlichkeit“ und das Projekt einer „Verschwulung der Welt“, Cruising und schwule Sexualität.

Im zweiten Abschnitt zeigen wir den Kurzfilm „Der Tag eines unständigen Hafenarbeiters“ (1966, 13 Min), realisiert von Hubert Fichte und der Fotografin Leonore Mau, die zeitweise seine Lebensgefährtin war. Direkt im Anschluss zeigen wir den konzeptuellen Dokumentarfilm „Der Tag einer Seefrau“ an Bord (2017, 10 Min) von Nadja Abt. Nicht nur wegen der thematischen Verwandtschaft mit Fichtes Begeisterung fürs Reisen – und für Matrosen – lässt sich Abts Film mit Fichte/Maus Fotofilm zusammenführen. Zum Tragen kommt dabei auch Fichtes journalistisches/literarisches Verfahren des Parataktischen: Filmischer „Realismus“ stellt sich her als ein Aneinandermontieren knapper Aussage-Sequenzen. Was bedeutet dieses Verfahren Fichtes, das oft auch im Kontext „Popliteratur“ diskutiert worden ist, für Abts feministischen Ansatz, der die Arbeitsbedingungen von Frauen an Bord beleuchtet?

Im dritten Teil wird „Rettet das Feuer“ (2019, 83 Min) zu sehen sein – Jasco Viefhus’ Dokumentation über den Fotografen Jürgen Baldiga, der wie Fichte ein Protagonist in der deutschen schwulen Subkultur der 1980er Jahre war. Während der Film formal andere Wege geht, als Fichte sie eingeschlagen hätte, sind die inhaltlichen wie persönlichen Parallelen zwischen Baldiga und Fichte offensichtlich: offensiv gelebte Sexualität, Faszination für schwule Subkultur, schließlich HIV/Aids. Fichte starb 1986 an den Folgen der Immunschwächekrankheit, Baldiga 1993. Hier nehmen die beiden Künstler ganz unterschiedliche Positionen ein: Fichtes Blick richtet sich in seinen Texten zwar sehr präzise auf die homophobe Rhetorik der Aids-Berichterstattung seiner Zeit; gleichzeitig jedoch neigt er zu Verschwörungstheorien und präsentiert sich mitunter sogar als „Aids-Leugner“. Darüber, dass Fichte selbst an den Folgen von Aids starb, wurde lange geschwiegen. Ganz anders bei Baldiga, der wie kein anderer Künstler in Deutschland den eigenen körperlichen Verfall durch HIV/Aids akribisch dokumentiert hatte.

Fichtes Werk ist thematisch progressiv und formal avanciert. Als Experimentierfeld unterschiedlicher Formate erweist sich aber als überaus heterogen – und im Kontext aktueller Debatten auch nicht als unproblematisch. Dieser Widerständigkeit und Widersprüchlichkeit will sich dieser Abend stellen.

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Schwules MuseumLützowstraße 73, 10785 Berlin