Januar 2021

Do14Jan16:15Do17:45Kalina KupczynskaDer Körper als Politikum im polnischen alternativen Comic

Details

Teil der Ringvorlesung „Comic – Kunst – Körper. Konstruktion und Subversion von Körperbildern im Comic“ im Rahmen des Programms „Offener Hörsaal“ der Freien Universität Berlin.

Als ‚neunte Kunst‘ erfreuen sich Comics großer Beliebtheit sowie wachsender Aufmerksamkeit im kulturellen Leben und akademischen Kontext. Vertreter*innen zahlreicher Fächer und Hochschulen forschen zu diesem Bild-Text-Medium und integrieren graphische Erzählungen in ihre Lehrveranstaltungen. Die Ringvorlesung möchte die vielfältigen Aktivitäten in Kunst und Wissenschaft disziplin- und institutionsübergreifend sichtbar machen und dabei Brücken zwischen akademisch Forschenden, Studierenden und einer interessierten Öffentlichkeit schlagen.

Im Mittelpunkt der Vorlesungsreihe stehen die unterschiedlichen Körper, in denen Comics ihre Protagonist*innen visualisieren. Ob es sich dabei um Wunschbilder, Stereotype oder Karikaturen handelt, immer werden kulturelle Vor­stellungen von menschlichen, tierischen oder technischen Körpern, von Gender, Alter, ethnischer und kultureller Zugehörigkeit, sozialer Schicht und körperlichen oder geistigen Fähigkeiten vermittelt. Die Vorträge der Vorlesungsreihe diskutieren Comics als Seismograph von und Kommentar zu kulturellen Normierungen, Hoffnungen und Ängsten, die häufig über Körper­bilder ausgehandelt werden.

Die Vorlesungsreihe ist öffentlich und kostenfrei. Sie findet vor Publikum statt und wird zusätzlich gestreamt. Da die Plätze wegen der Hygieneauflagen begrenzt sind, ist für den Besuch der Präsenzveranstaltung eine einmalige Anmeldung unter comic-vl@fsgs.fu-berlin.de erforderlich.

Kalina Kupczynska (Germanistik, Łódź, Polen)
Comics, die ich hier als alternativ bezeichne, entstanden in den letzten drei Jahrzehnten jenseits der etablierten Publikationsstrategien und positionieren sich gegen die mainstream-Ästhetik sowie gegen konservative, heteronormative Denk- und Verhaltensweisen. Sie experimentieren auf dem Feld der Finanzierungsoptionen, erinnern an vergessene bzw. verdrängte Kapitel der polnischen Geschichte oder erzählen die etablierten identitätsstiftenden Narrative neu; außerdem entwerfen sie nichtheteronormative Figuren, die es laut der offiziellen öffentlichen Meinung wie auch laut der Statistiken in der polnischen Gesellschaft nicht gibt. Viele von diesen Comics gehören zum polnischen Comic-Underground, so ist auch ihre Formsprache – Zeichenstil, Farbgebung, Lettering – in vielerlei Hinsicht „nichtnormativ“.

Das Politische an den ausgewählten Comics liegt im Aufzeigen der sanktionierenden und normierenden Diskurse, sowie in einem subversiv-parodistischen Umkreisen der Machtfelder, die als „naturgegeben“ die Kategorie des „Normalen“ bestimmen und überwachen. Das Phänomen „Körper“ bekommt eine vielfache semantische Besetzung – es handelt sich dabei um den menschlichen Körper als „eine Oberfläche, deren Durchlässigkeit politisch reguliert ist“ (Butler 1991), aber auch um symbolische Körper, die im kulturellen Imaginarium Polens eine Rolle spielen – heilige Figuren, allen voran die Heilige Maria, nationale Embleme (das Wappentier Adler, die Farben der Nationalfahne), die ins Mythische verklärte „urpolnische“ Landschaft. „Körper“ als diskursive Kategorie wird gerade vor dem Hintergrund der rezenten rechtskonservativen Entwicklung und der damit zusammenhängenden rhetorischen Verrückung brisant. In der öffentlichen Debatte lassen sich heute Echos der xenophoben, rassistischen und völkischen Parolen vernehmen, die in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durch die einflussreiche Partei Nationale Demokratie (endecja) die politische Debatte mitbestimmten. „Der Körper der Nation“ ist einer der Bestandteile dieser nationalistischen Rhetorik, mit der das rechte Gedankengut naturalisiert wird. Die Rhetorik des „nationalen Körpers“ legt nahe, wie in Prozessen der „Ausscheidung“ (Kristeva 1980) bzw. des „Abschneidens“ (Borowicz 2019) derjenigen Teile des Organismus, die als fremd bezeichnet werden, die Stärkung der nationalen Identität erfolgt.

Vor diesem Hintergrund verfolge ich in der Analyse der alternativen Comics folgende Fragestellungen: Inwiefern reflektieren/pervertieren die alternativen Comics in ihrer Formsprache und vor allem in ihren Körperbildern die zunehmend sicht- und hörbare rechte Rhetorik? Inwieweit bringen diese Comics Erscheinungsformen dessen hervor, was Butler als leiblichen Stil (Butler 1991) bezeichnet – d.h. inwiefern stellen sie im Bereich des Zeichenstils Möglichkeiten der performativen Erzeugung von Geschlechtsidentität dar? Erfolgt das Ausprobieren des „leiblichen Stils“ in realistischen (d.h. historischen, (auto)biografischen) oder in fiktionalen/fantastischen Narrativen? Und, last but not least – lassen sich manche alternativen Comics in die Tradition der „romantischen Geister“ einschreiben, die laut Maria Janion (1991) in der polnischen Gegenwartsliteratur den verdrängten Anderen (die Frau, den Juden) heraufbeschwören.

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