Januar 2021

Do28Jan16:15Do17:45Katharina SerlesDer posthumane Körper in Mokis „Sumpfland“ (2019)

Details

Teil der Ringvorlesung „Comic – Kunst – Körper. Konstruktion und Subversion von Körperbildern im Comic“ im Rahmen des Programms „Offener Hörsaal“ der Freien Universität Berlin.

Als ‚neunte Kunst‘ erfreuen sich Comics großer Beliebtheit sowie wachsender Aufmerksamkeit im kulturellen Leben und akademischen Kontext. Vertreter*innen zahlreicher Fächer und Hochschulen forschen zu diesem Bild-Text-Medium und integrieren graphische Erzählungen in ihre Lehrveranstaltungen. Die Ringvorlesung möchte die vielfältigen Aktivitäten in Kunst und Wissenschaft disziplin- und institutionsübergreifend sichtbar machen und dabei Brücken zwischen akademisch Forschenden, Studierenden und einer interessierten Öffentlichkeit schlagen.

Im Mittelpunkt der Vorlesungsreihe stehen die unterschiedlichen Körper, in denen Comics ihre Protagonist*innen visualisieren. Ob es sich dabei um Wunschbilder, Stereotype oder Karikaturen handelt, immer werden kulturelle Vor­stellungen von menschlichen, tierischen oder technischen Körpern, von Gender, Alter, ethnischer und kultureller Zugehörigkeit, sozialer Schicht und körperlichen oder geistigen Fähigkeiten vermittelt. Die Vorträge der Vorlesungsreihe diskutieren Comics als Seismograph von und Kommentar zu kulturellen Normierungen, Hoffnungen und Ängsten, die häufig über Körper­bilder ausgehandelt werden.

Die Vorlesungsreihe ist öffentlich und kostenfrei. Sie findet vor Publikum statt und wird zusätzlich gestreamt. Da die Plätze wegen der Hygieneauflagen begrenzt sind, ist für den Besuch der Präsenzveranstaltung eine einmalige Anmeldung unter comic-vl@fsgs.fu-berlin.de erforderlich.

Katharina Serles (Germanistik, Wien, Österreich)
Etwas „wächst“, etwas „geht vor sich“, etwas „stimmt nicht“ in Mokis rezentem Comic Sumpfland (2019). Buchstäblich zwischen aufkommendem Nebel und in einem titelgebenden, mal auf hellgrünem Grund nicht-verortbaren, mal ‚natürlich‘ (vgl. Brittnacher 2017), mal ‚kultiviert‘ erscheinenden Mikro- oder Makro-‚Sumpf‘, verzahnen sich Geschichten seltsamer Geschöpfe – von sprechenden Alraunen zu Ableger produzierenden Formwandlern – zu einem „super organism rizoomatic think tank“ (Moki 2019) um die Themen Identität, Umwelt, Beziehung, Reproduktion und Krankheit/Tod. Dabei wird ein dichtes Netzwerk intertextueller wie interpiktorialer Bezüge von Rosas ‚Resonanz‘ und Deleuzes/ Guattaris ‚Rhizom‘ über Studio Ghibli zu Alan Moores ökokritisch-posthumanistischer Fortschreibung von Swamp Thing eröffnet und zum ‚gespenstischen‘ Ort der (Selbst-)Reflexivität des Mediums (vgl. Frahm 2018).

Wie zu zeigen sein wird, ist nicht nur dieses Medium in seiner formalen Hybridität (vgl. Chute 2008) kritisch-posthumanistisch (vgl. Kelp-Stebbins 2012), sondern lassen sich posthuma­nistische Theorien für die Analyse von Sumpfland fruchtbar machen: Entsprechend sind die Kör­per in Sumpfland etwa nicht „situiert oder lokalisiert“, sondern „konstituier[en]“ ‚Sumpfland‘ und ‚Körper‘ einander „intraaktiv gemeinsam“ (Barad 2012), werden die Figuren als „Gefährt*innenspezies“ (Haraway 2016) lesbar, oder reflektieren ihre „Körper-Zeichen“ (Klar 2011) die (Un)Möglichkeit von Geschichtlichkeit, Geschlechtlichkeit und Sexualität posthumaner Körper (vgl. Halberstam/Livingston 1995). Wenn Sumpfland mit den Worten „Wir werden verschwinden“ (Moki 2019) schließt, ist dies im posthumanistischen Sinn insofern bereits vollzogen, als das republikanische/humanistische ‚Wir‘ – und das führt dieser Comic wie das Medium an sich vor – problematisch geworden ist als das, was ‚nicht stimmt‘.

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