Oktober 2019

Di08Okt19:00Kontinuitäten des AntisemitismusMärtyrerkult und populistische Bewegungen

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Die Angst vor Kultur- und Identitätsverlust hat einen zentralen Platz in gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Debatten eingenommen. Daraus folgt eine Partikularisierung in Freund/Feind-Antagonismen und eine Emotionalisierung von Politik. Die Idee einer universalistischen Gesellschaft scheint ein Auslaufmodel zu sein. Eine Zunahme antisemitischer Rhetoriken und Stereotypisierungen – besonders im Rückgriff auf Verschwörungstheorien – zeigt, wie kultiviert und tradiert der Antisemitismus und seine Codes sind. Die „Kontinutäten des Antisemitismus“ sind Anlass der neuen Veranstaltungsreihe des Forums demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst im Grünen Salon, in der die Bedeutung von Antisemitismus in aktuellen politischen Debatten herausgestellt und reflektiert wird.

Kontinuitäten des Antisemitismus 1:
Märtyrerkult und populistische Bewegungen

Rechtsextreme und Islamisten zeigen deutliche Überschneidungen in ihren antisemitischen und patriarchalen Weltbildern. Der Märtyrerkult steht im Zentrum ihrer Ideologie und Ikonographie. Auch in weit weniger radikalen Bewegungen gibt es ein starkes Bedürfnis nach Figuren, die sich vermeintlich opfern, um „das System“ zu stürzen. Diese Märtyrer können Parteien und außerparlamentarische Bewegungen inspirieren und lenken, indem sie lagerübergreifende, populistische Botschaften wie „Volk versus Elite“ etablieren. Um die Bewegung und solche identifikativen und einenden Haupterzählungen nicht zu gefährden, werden Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit geleugnet, als Kollateralschaden relativiert oder gar als aktiver Widerstand gegen eine elitäre, politische Korrektheit affirmiert. Politische Normen werden auf allen Ebenen in Frage gestellt und ausgehebelt. Eine zentrale Frage ist, ob heutige Bewegungen sich mehr durch gemeinsame Feindbilder und ihren Personenkult konstituieren als durch ein Interesse an tatsächlicher politischer Gestaltung. Welche Grundbedingungen und Gemeinsamkeiten hat der Märtyrer in extremen und populistischen Bewegungen? Auf welche Weise findet die Figur des Märtyrers Widerhall in Kunst und Kultur?

Güner Balci war bis 2010 Fernsehredakteurin beim ZDF. Heute arbeitet sie als freie Autorin und Fernsehjournalistin. 2012 erhielt sie für ihre Reportage Tod einer Richterin den Civis-Fernsehpreis. 2016 erschien ihr Dokumentarfilm Der Jungfrauenwahn.

Catrin Lorch
Seit 2009 ist sie bei der Süddeutschen Zeitung für zeitgenössische Kunst zuständig. Sie ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin und hat 2006 den Kunstkritikerpreis der Art Cologne gewonnen.

Jan Rathje ist Politikwissenschaftler. Er studierte in Potsdam und Greifswald mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus und Politische Theorie. Seit 2015 leitet er das Projekt No World Order. Handeln gegen Verschwörungsideologien der Amadeu Antonio Stiftung zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Verschwörungsideologien.

Marko Martin
Im Mai 1989 verließ er als Kriegsdienstverweigerer die DDR und siedelte in die Bundesrepublik über, wo er Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte an der TU und FU Berlin studierte. Sein publizistischer Fokus liegt u. a. auf Israel, Lateinamerika und Südostasien sowie auf Fragen der Menschenrechte im Zeitalter der Globalisierung.

Das Forum demokratische Kultur und zeitgenössiche Kunst hat sich mit der Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung gegründet, um einem kulturpessimistischen Wandel zu begegnen. Dieser Kulturpessimismus erlebt nicht nur durch nationalistische und andere regressive Bewegungen eine Renaissance, sondern wird auch zunehmend in der Kunst und Kultur unkritisch reproduziert und affirmiert. (forum-dcca.eu)

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