Dann sind alle Tage verloren

Di28Apr19:0021:00Dann sind alle Tage verlorenPoesie lesen von: Debora VogelVeranstaltungsartGespräch, Lesung

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Debora Vogel (geboren 1920 in Burshtyn (Galizien, damals Österreich-Ungarn; heute Ukraine), ermordet 1942 im Ghetto von Lwów) entstammte einer aufgeklärten jüdischen Familie aus Verlegern, Schriftstellern, Juristen und Übersetzern. Als Kosmopolitin fühlte sie sich gleichermaßen zuhause in Berlin, Paris, New York, Wien und Stockholm. Sie sprach Polnisch und Deutsch seit ihrer Kindheit, lernte früh Französisch und Latein und später, während des Studiums, Jiddisch – eine Sprache, die zum Medium ihrer Kunst werden sollte.

Von Lemberg aus, wo sie künstlerisch arbeitete, knüpfte sie Kontakte zu den Krakauer Avantgardisten, zu Stanisław Ignacy Witkiewicz und Bruno Schulz, dessen Förderin sie wurde und in dessen Schatten sie bis heute zu Unrecht steht. In ihrem vielfältigen und kurzen Leben, dem die Faschisten gewaltsam ein Ende setzten, war Vogel getrieben von der Idee des Konstruktivismus. Geschult an den Philosophien Kants und Hegels, über den sie promovierte, ging es ihr stets um die Wechselbeziehung zwischen Spracherwerb und Wahrnehmung der Wirklichkeit. Am Beispiel der Malerei Chagalls (obwohl Cézanne in ihrem Fall vielleicht die glücklichere Wahl gewesen wäre) legte sie ihr Ideal der Wesensgleichheit von Inhalt und Form dar, wobei der Idee stets Vorrang vor der Materie eingeräumt wurde. In ihren frühen kubistisch-konstruktivistischen Gedichten, die ab Mitte der 20er Jahre erschienen, erfand sie sich eine moderne Formensprache, die zutiefst geprägt war von Technik, Industrie und Ökonomie. Es entstand eine auf die Fläche montierte Wirklichkeit, aufgelöst in geometrische Grundfiguren wie Ellipse, Kreis und Rechteck. Vorherrschend waren urbanes Grau und der Rhythmus von Maschinen. Das Wort übernahm die Funktion von Pinselstrich und Farbe. Komplexität und Überfluss gingen über in reine Geometrie. Das höchste Ziel, das Ideal: die graue asketische Linie.

Vogel strebte in ihrem Werk exakt das an, was andere Schriftsteller:innen tunlichst vermeiden: die unbedingte Monotonie. Ihre Gedichte sind Querschnitte, Stillleben aus Glas oder klirrender Kälte. Sie klingen dann beispielsweise so: „Der Tag ist eine Länge, glasfarben, / geteilt in zwei Hälften / mit einem flachen roten Kreis.“ Vogel entwirft eine Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, in der aber gleichzeitig „die Süße der Statik“ gefeiert wird. Ihre Gedichte sind spröde Schönheiten von einer stillen Radikalität, die ihresgleichen suchen. Der Einzelvers bewegt sich dabei nah an der Radierung, mit einer Kaltnadel Zeile für Zeile eingeritzt in „die graue Zinkplatte der Welt“. Und doch schleicht sich in späteren Gedichten – sie schrieb Legenden, Trinkerlieder und am Groschenheft orientierte „Schundballaden“ – eine große Zartheit in die Verse, und plötzlich wird alles „leise und langsam / wie ein sehr langes Floß / das duftende Tannen führt“.

Eine gemeinsame Veranstaltung des Haus für Poesie mit dem Polnischen Institut Berlin

In Lesung & Gespräch Anna Maja Misiak, Tomasz Rózycki
Moderation Matthias Weichelt

Eintritt frei

Event Type

Zeit

28. April 2026 19:00 - 21:00(GMT+02:00)

Polnisches Institut Berlin

Burgstrasse 27, 10178 Berlin

Polnisches Institut Berlin