Di06Okt19:3021:30Demokratie im KlimawandelGespräch mit Jacob Blumenfeld | Morten Paul | Daniela RussVeranstaltungsartGespräch

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Während in einem beispiellosen Hitzesommer große Teile Europas im Wortsinne brennen, ist der Klimawandel als Gegenstand öffentlicher Diskussion und politischen Handelns nahezu vollständig von der Bildfläche verschwunden. Wie ferne Vergangenheit wirkt, dass vor gerade einmal sieben Jahren rund sechs Millionen Menschen weltweit an Klimastreiks teilnahmen, um mit ihm ein Umdenken der Politik zu erzwingen.

Angesichts dieser Ausgangslage lädt diffrakt im Rahmen der Reihe damaged deliberations zu einer kontrazyklischen Übung mit Jacob Blumenfeld („Dialektik der Petrifizierung“, „Was war Sozialisierung?“) und Daniela Russ (Working Nature. A History of the Energy Economy). Dennn mit den massiven Protestbewegungen verbanden sich damals Hoffnungen, dass sich von hier aus auch eine politische Erneuerung im globalen Maßstab vollziehen könnte, die nicht zuletzt den neoliberalen Status Quo und sein Mantra der Alternativlosigkeit wie die unternehmerische Übermacht zu brechen in der Lage wäre. Das globale Problem menschengemachter Klimawandel setzte mit seinen ungleichen Ursachen wie auch seinen ungleich sich auswirkenden Folgen nicht nur Fragen der globalen Gerechtigkeit auf die Agenda, sondern verlangte zu seiner Lösung auch nach globaler Abstimmung und Kooperation.

Von dieser Hoffnung ist nur noch das Schreckensbild einer totalitären Klimabewegung geblieben, das Regierungen und fossile Energieunternehmen malen, um unverdrossen weiterzumachen wie bisher. Der Zusammenhang von Naturausbeutung, kapitalistischem Wirtschaftswachstum und sozialer Integration, wie er als wesentlich für die Ausweitung des westlich-liberalen Demokratiemodells charakterisiert wurde, hat sich nicht so leicht verwandeln lassen. Und das, obwohl die Einsicht in die natürlichen Grenzen unbegrenzten Wachstums wie auch in die innere Krisenhaftigkeit dieser Wirtschaftsweise so weit verbreitet ist wie vielleicht noch nie zuvor.

Mehr noch: Der Knoten aus individuellen Freiheitsrechten und wirtschaftlichem Wohlstand droht sich in der Zuspitzung nationaler Konkurrenz fester zuzuziehen, die angesichts der als unausweichlich gedachten Klimakatastrophe vor allem die eigene Haut – und mit ihr womöglich eben auch Reste ihrer nationalen demokratischen Institutionen – retten möchte. Sie ist dafür bereit, die Zukunft aufzugeben und schon in der Gegenwart alle Übrigen unter den Bus zu werfen. Während die Zerstörung der Natur als unabwendbare Tatsache hingenommen, eine Lösung allenfalls in technologischer Innovation, einen Noch-mehr an Wachstum und Konkurrenz halluziniert wird, suggeriert restriktive Migrationspolitik Wirkmacht und Souveränität. Darin berührt sich die Verwaltung des Status Quo mit der Apokalyptik faschistischer politischer Projekte, die nicht von ungefähr im Aufwind sind.

Diese Verschiebungen haben aber auch auf der linken Gegenseite Spuren hinterlassen, wo der Klimawandel überhaupt noch Thema ist. Während die einen ihr Heil selbst in autoritären staatlichen Maßgaben suchen, weil die liberalen Institutionen und langsamen Verfahren der Deliberation zumal im Weltmaßstab so offenkundig an der Herausforderung versagen, und Vorbilder dafür im Kriegskommunismus, einer Klimadiktatur oder der Volksrepublik China finden, bereiten sich andere mit Konzepten der Kollapsologie und des – nun allerdings im Gegensatz zur Rechten solidarischen – Preppens auf die Katastrophe vor, die für viele doch schon längst eingetreten ist. Ein Umgang mit dem Klimawandel, der ihn eindämmt und zugleich mit seinen unausweichlichen Folgen einen gerechten Umgang findet, und die demokratische Organisation unserer Gemeinwesen samt individuellen Freiheiten scheinen zu Gegensätzen geworden zu sein.

Im Gespräch werden Daniela Russ und Jacob Blumenfeld nachzeichnen, wie es zu dieser Verschiebung gekommen ist. Welche längere Vorgeschichte hat sie? Was ist im Rückblick von den Hoffnungen und Erwartungen zu halten, die sich darauf richteten, im Umgang mit dem Klimawandel auch die politische Organisation unseres gemeinsamen Lebens in solidarischer und freiheitlicher Weise erneuern zu können?

Lohnt es sich, angesichts der wenig attraktiven politischen Wahlmöglichkeit zwischen Klimaschutz und Demokratie, die sich auf allen Seiten der politischen Spaltungslinien aufzudrängen scheint, in der Geschichte nach anderen Abzweigungen zu suchen – etwa nach alternativen Modellen von Freiheit, Mitbestimmung, Wohlstand, Energie und Natur oder auch nach lange zur Seite geschoben Konzepten wie (ökonomischer) Planung und Sozialisierung – und sie auf ihr Potenzial für die Gegenwart abzuklopfen? Und wie überwinden wir, was einem solchen anderen Weg derzeit ganz augenfällig entgegensteht?

Diese Fragen werden sich in einem Gespräch nicht beantworten lassen. Aber wenn das diesen Sommer massenhaft geteilte Meme, dass es sich bei ihm um den kältesten Sommer des Rests unserer Leben handeln wird, nicht einfach nur zynische Resignation ausdrücken soll, sondern Einsicht in die Notwendigkeit zu handeln, wird kein Weg daran vorbeiführen, auch unsere politischen Konzepte daraufhin zu befragen, wo sie in die gegenwärtige Situation verstrickt sind – nicht zuletzt, um herauszufinden, wo sie sich wirkungsvoll gegen ein Weiter-so wenden lassen.

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