Jage die Ängste fort
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„Sei klug / Und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet / Im großen Plan. / Jage die Ängste fort / Und die
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„Sei klug / Und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet / Im großen Plan. / Jage die Ängste fort / Und die Angst vor den Ängsten.“
So endet eines der bekanntesten Gedichte von Mascha Kaléko (geboren 1907 in Chrzanów, Galizien, gestorben 1975 in Zürich), die heute als meistgelesene deutsche Dichterin gilt. In seiner Kaléko-Biografie Wenn ich eine Wolke wäre (Kiepenheuer & Witsch 2025) widmet sich Volker Weidermann vor allem dem Jahr 1956, in dem Mascha Kaléko – nach langem Zögern – erstmals nach fast zwei Jahrzehnten im Exil wieder deutschen Boden betritt, „die erste Deutschlandreise, / Seit man vor tausend Jahren mich verbannt“. Anfang der 1930er Jahre, vor dem Krieg, war sie mit ihren heiter-lebensnahen Gedichten, die zugänglich den Lebensalltag der Großstadt einfingen, in Berlin ein Star. Im Romanischen Café, an dessen Platz heute das Europacenter steht, verkehrte sie mit Schriftsteller:innen der Neuen Sachlichkeit wie Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Ihr Förderer wird schließlich Franz Hessel und ihr Debütband Das lyrische Stenogrammheft, der 1933 im Rowohlt Verlag erscheint, ein Publikumserfolg. Wenige Jahre später, gerade noch rechtzeitig, flieht Mascha Kaléko, die aus einer österreichisch-russisch-jüdischen Familie stammte, mit ihrem zweiten Mann, dem Komponisten Chemjo Vinaver, und ihrem gemeinsamen Sohn vor dem Nazi-Regime in die USA. Als Dichterin kommt sie dort nicht an, der Band Verse für Zeitgenossen (1944) findet kaum Anklang (Thomas Mann attestiert ihm „eine gewisse aufgeräumte Melancholie“). Als sie 1956 auf Drängen ihres Verlegers wieder nach Deutschland kommt, wird sie zunächst überschwänglich empfangen, und es scheint, als könnte sie mit der Wiederauflage des Stenogrammhefts an ihren alten Erfolg anschließen. Jedoch ist der Rausch von kurzer Dauer, der bittere, anklagende Ton ihrer neuen Gedichte, geprägt durch die Vertreibung und das Leben im Exil, trifft anders als ihre frühen, unbeschwerten Texte auf wenig Resonanz. Als sie 1959 den Fontane-Preis der Akademie der Künste, der ihr durch das ehemalige SS-Mitglied Hans Egon Holthusen verliehen werden soll, ablehnt, kippt die Stimmung zusehends. „Wenn es den Emigranten nicht gefällt, wie wir die Dinge hier handhaben, dann sollen sie doch fortbleiben“, wird ihr mitgeteilt. Kurz danach zieht sie mit ihrem Mann nach Jerusalem, fühlt sich aber auch dort nie heimisch. Verlust und Heimatlosigkeit sind prägend, in den folgenden Jahren stirbt erst ihr Sohn, dann ihr Mann. Zwei Jahre vor ihrem eigenen Tod schreibt sie folgende Zeilen: „Mein schönstes Gedicht ...? / Ich schrieb es nicht. / Aus tiefsten Tiefen stieg es. / Ich schwieg es.“
An diesem Abend sprechen Max Czollek, Monika Grütters und Volker Weidermann mit Asmus Trautsch über Mascha Kalékos Schreiben und lesen aus ihren Gedichten.
Vor der Veranstaltung findet ab 17.30 Uhr ein Warm-Up zu Kalékos Gedichten statt.
In Lesung & Gespräch Max Czollek, Monika Grütters, Volker Weidermann
Moderation Asmus Trautsch
- Eintritt:8/5 €
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