September 2019

Do19Sep18:00Adriano SofriKafkas elektrische Eisenbahn

Details

Buchpräsentation und Gespräch mit Adriano Sofri und Hans–Gerd Koch

Menschen verwandeln sich in Insekten – aber wie wird aus einer Straßenlampe eine Straßenbahn? Und woher kommt das Licht in Gregor Samsas Zimmer? Adriano Sofris literaturwissenschaftliche Detektivgeschichte ist eine charmante Liebeserklärung an das Lesen und die Lust am Text.

Als Adriano Sofri Franz Kafkas Erzählung »Die Verwandlung« in einer zweisprachigen Ausgabe liest, bemerkt er in der italienischen Version einen Fehler. Die erfahrene Übersetzerin hat die »Straßenlampen« des Originals mit »Straßenbahn« übertragen. Ein Lapsus? Keineswegs: Denn Sofri entdeckt, dass bei Übersetzungen in unterschiedlichste Sprachen – Türkisch, Englisch oder Spanisch – auch das Licht der »elektrischen Straßenbahn« zu Gregor Samsa dringt.

Sofris detektivischer Spürsinn ist geweckt, er blickt zurück in die Übersetzungsgeschichte von Kafkas Erzählung. An deren Anfang steht das abenteuerliche Leben der Künstlerin und Frauenrechtlerin Margarita Nelken – und ein Plagiat von Jorge Luis Borges. Alle Indizien zur Verwandlung der »Verwandlung« werden gesammelt: die Ähnlichkeiten von Samsas und Kafkas Zimmer, Felice Bauers Briefe aus der Berliner Tram, die »Elektrischen« in Kafkas Prag und seinen Schriften – und jene Fassung des Originals, die den Übersetzern Recht zu geben scheint …

Unterhaltsam und anekdotenreich erzählt Sofri von den nur flüchtig beleuchteten Nischen der Literaturgeschichte: ein elegantes Plädoyer für die Neugier, die Freude am Nachdenken – und gegen die Eindeutigkeit.

Adriano Sofri, 1942 in Triest geboren, Intellektueller, Politiker und Autor. Als ehemaliger Vordenker der linken Bewegung »Lotta Continua« wurde er 1997 nach einem umstrittenen Prozess wegen Anstiftung zum Mord an einem Polizeikommissar zu 22 Jahren Haft verurteilt. Zahlreiche Autoren wie Umberto Eco, Carlo Ginzburg und Hans Magnus Enzensberger protestierten gegen das Urteil. Eine Begnadigung lehnte Sofri ab. Er arbeitet – wie schon vor dem vorzeitigen Ende seiner Haftstrafe 2012 – als Journalist und Essayist.
(Text: Verlag Klaus Wagenbach)

Hans-Gerd Koch, 1954 geboren, ist Literatur- und Editionswissenschaftler, seit 1982 mit der Kritischen Kafka-Ausgabe betraut. Außerdem arbeitet er als Übersetzer, Lektor, Dozent und Ausstellungsmacher.

Moderation: Luigi Reitani

Mehr anzeigen

Collegium Hungaricum BerlinDorotheenstraße 12, 10117 Berlin-Mitte