Januar 2020

Mo13Jan19:30Denkerei mobilKunst und Kult – über Kulturkämpfe

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Wie immer erneut versucht wird, die Trennung von Kunst/Wissenschaft und Kultur/Religion rückgängig zu machen. – Im Rahmen der Reihe „Europa fällt? Europa bleibt!“
Leider ist bis heute in aller Welt die Gleichsetzung von Kunst und Kult scheinbar fraglos, also gedankenlos gegeben. Es hat aber fatale Folgen, Kunst und Kultur als gleichbedeutend, als Synonyme zu gebrauchen. Das bestärkt zum Beispiel die Autokraten, die alles Geschaffene unterschiedslos in seine Brauchbarkeit für politische, soziale oder religiöse Kultdienste einordnen.

Die gedankenlose Gleichsetzung von Kunst und Kultur hat auch unabsehbare Konsequenzen hinsichtlich der Forderung nach Rückgabe von Museumsbeständen an Kultgemeinden, die heute zumeist gar nicht mehr in der Form bestehen, dass sie die Objekte entsprechend nutzen könnten. Diese Objekte aber in formaler Hinsicht, also als attraktive Kunstwerke zu betrachten, ist ja keine Leistung der Herkunftsgesellschaften, sondern verdankt sich gerade ihrem Gegenteil, der Kunst, die als Autorität von Individuen erst den Blick auf die gestalterische Qualität des Kollektivausdrucks im Kultobjekt ermöglichte.

Erst durch Picassos und Braques Besuche der Pariser Sammlungen von afrikanischen Kultobjekten zu Beginn des 20. Jahrhunderts lernten die Zeitgenossen, deren gestalterische Kraft und Macht wahrzunehmen. So gut wie alle Künstler stellten sich der Herausforderung, ihren individuellen Gestaltungsausdruck an dem der Kultobjekte zu messen.

Besonders auffällig wurden in diesem Zusammenhang die Reisen westlicher Künstler in Regionen afrikanischer oder ozeanischer Kulturen. Im Mittelpunkt stand die sowohl wissenschaftliche wie künstlerische Frage, in welchem Verhältnis die Wirksamkeit der Kultobjekte zu der von Kunstwerken in offenen Gesellschaften steht. Die meisten von ihnen erkannten die Gefahr der Rückverwandlung von Kunstarbeit in Kulturarbeit durch die unübersehbare Tatsache, dass sich in den westlichen offenen Gesellschaften Formen der kultischen Kunst-Verehrung entwickelten. Heute gehören vor allem die Auktionen zu solchen Kulten der Kunstverehrung. Da ist es erst recht die Aufgabe von Museen, für die erkenntnisträchtige Unterscheidung von Kultur und Kunst zu sorgen und zu würdigen, dass wir erst in den letzten 600 Jahren durch Künstler die ungeheure Gestaltungskraft der Kultobjekte zu erkennen gelernt haben.

Wer behauptet, dass etwa die delikateste farbliche Gestaltung von Teppichgeweben im nordöstlichen Persien vor Jahrhunderten genau auf die gleiche Weise zu würdigen sei wie etwa die Werke eines Rothko, begeht einen grundsätzlichen Fehler. Wir haben erst durch Rothkos Arbeit, die Arbeit eines ausgebildeten Profikünstlers, gelernt, die malerische Qualität der Teppiche aus der Kollektivproduktion von Analphabetinnen zu schätzen und als hochwertige Artefakte anzuerkennen. Das bekunden Museen wie z.B. das Leopold Museum in Wien, indem sie in die Präsentation von Kunstwerken auch die Kultobjekte des modernen Designs aufnehmen. Das bedeutet eben nicht die Vermischung von Kult und Kunst, sondern ihre wechselseitige Erhellung.

Informationen und Termine zur Reihe „Europa fällt? Europa bleibt!“ unter: www.denkerei-berlin.de/kalender/?id=1336

Denkerei mobil zu Gast im Arts Club Berlin im Verein Berliner Künstler: www.vbk-art.de

Einlass ab 19 Uhr, Eintritt frei.

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OrganisatorInnen

Arts Club Berlin im Verein Berliner KünstlerSchöneberger Ufer 57, 10785 Berlin