Juli 2022

Mo18JulGanztägigDi19Form und AffordanzInterdisziplinärer und internationaler Workshop veranstaltet vom SFB-Teilprojekt B02 „Das Wunderbare als Konfiguration des Wissens in der Literatur des Mittelalters“

Details

Dinge können durch ihre Form und Materialität spezifische Umgangsweisen nahelegen. Aus menschlicher Sicht kann sich etwa ein Baumstumpf als Sitzgelegenheit eignen, ein handlicher Stein bietet sich als Wurfgeschoss an und die helle und glatte Rinde von Birken legt es nahe, sie als Schriftträger zu benutzen. Das theoretische Konzept der „Affordanz“ (engl. affordance, to afford) bezeichnet solche Handlungsangebote, welche Dinge menschlichen (wie tierischen) Akteuren ‚unterbreiten‘ können. Seit der Prägung des Begriffs durch den Psychologen James Jerome Gibson im Rahmen seiner ökologischen Wahrnehmungstheorie werden dabei Reziprozität und Situativität von Affordanz unterstrichen: Welche Handlungen sich anbieten, hängt nicht allein von der Beschaffenheit eines Dings ab, sondern ergibt sich auch in Relation zu den Handlungspotentialen und -intentionen der wahrnehmenden Akteure.

Das Konzept der Affordanz ist von verschiedenen Disziplinen aufgegriffen worden, insbesondere in den science studies (Bruno Latour), in der Archäologie (Ian Hodder) und in der Designtheorie (Donald Norman). Im Zuge des material turn wurde dem Affordanz-Konzept auch von Seiten der Geistes- und Kulturwissenschaften Aufmerksamkeit zuteil, bietet es doch Möglichkeiten, die Relationen zwischen Artefakten wie Bildern oder Texten und ihren sozialen wie materiellen Bedingtheiten – gerade in ihrer Wechselseitigkeit – zu bestimmen.

Einen besonderen Impuls für den Workshop gibt Caroline Levines (2015) Konzeptionalisierung von Formen (engl. forms): Sie beschreibt verschiedene ästhetische wie soziale, ferner politische und historische Ordnungsmuster als ‚Formen‘, die je spezifische Affordanzen und damit ihnen eigene Handlungsmöglichkeiten und Beschränkungen aufweisen; ‚Ganzheiten‘ (engl. wholes), wie sie durch  Romane oder auch Architekturen ausprägt werden, erzeugen so Einhegung und Sicherheit genauso wie Exklusion; die Affordanz von ‚Rhythmen‘ besteht im Ordnen von Abläufen, ob in lyrischen Texten oder etwa klösterlichen Lebensformen, wo sie Vorhersehbarkeit erzeugen wie Steigerungsdynamiken ermöglichen können. Aufgrund ihrer Abstraktheit, so Levine, sind ‚Formen‘ wiederholbar und beweglich, treten aber stets in konkreten Kontexten auf. Ihre Affordanzen bleiben zwar konstant, können aber je nach Situation und in Überlagerung mit anderen ‚Formen‘ neue Operationalisierungen hervorbringen. Ziel des Workshops ist es, anhand von Fallstudien unterschiedlicher Disziplinen zu eruieren, welche Anschlüsse sich aus einer Auseinandersetzung mit dem Konzept der Affordanz gewinnen lassen.

Leitung: Prof. Dr. Jutta Eming in Kooperation mit Prof. Dr. CJ (Claire Taylor) Jones, University of Notre Dame

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OrganisatorInnen

Freie Universität BerlinHabelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin