November 2019

Fr01Nov11:00Fr23:00Geist in MaschinenÜbersetzung in Zeiten der künstlichen Intelligenz

Details

Übersetzertag mit Hannes Bajohr, Cordelia Borchardt, Imke Brodersen, Valentin Döring, Christiane Frohmann, Mahmoud Hassanein, Hannes Langendörfer, Samuel Läubli, Birthe Mühlhoff, Leonie Ott, Mads Pankow, Kathrin Passig, Olga Radetzkaja, Dania Schüürmann, Nina Thielicke

Anfang diesen Jahres machte die Organisation »Open AI« bekannt, dass sie ihre neue, mit Texten von über acht Millionen Websites trainierte künstliche Intelligenz zur Texterstellung »GPT-2« nicht veröffentlichen würde, um „trügerischer, vorurteilsbelasteter oder missbräuchlicher Sprache in großem Maßstab“ vorzubeugen. Tatsächlich sind Algorithmen heute zu überraschenden Ergebnissen fähig – und sie sind in unserem Alltag angekommen. Beim diesjährigen Übersetzertag beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz einerseits für die Sprache und Literatur, anderseits für den Beruf des Literaturübersetzens. Wird die Arbeit der Übersetzer·innen auf ein Lektorieren von maschinellen Übersetzungen (Post-Editing) hinauslaufen? Was bedeutet das für die Urheberschaft? Und wie verändert Maschinenübersetzung unsere Sprache? In verschiedenen Panels werden diese Fragen verhandelt, künstlerische Installationen und Interaktionen flankieren das Programm.

„Aber die Übersetzer? Sind sie nun arm dran?”

„Aber die Übersetzer? Sind sie nun arm dran?”, fragte sich Dieter E. Zimmer in seinem 1990 erschienenen Buch Die Elektrifizierung der Sprache. Fabelhaft schnelle, kleine Computer, die maschinelle Übersetzung mühelos beherrschten und von denen man immer höre, dass es sie in fünf oder zehn Jahren geben werde, hielt Zimmer damals bis auf weiteres für unrealistisch. Zu groß seien Reichtum und Komplexität gerade literarischer Sprache. Nein, der Computer werde die Übersetzer so schnell nicht verdrängen, wohl aber teils den Übersetzeralltag verändern – es sei sicher nicht nach jedermanns Geschmack, „statt zu übersetzen Computerpatzer auszubügeln.” Knapp zwanzig Jahre nach der Jahrtausendwende tragen wir fabelhaft schnelle, kleine Hochleistungscomputer in den Hosentaschen, die (in der neuesten Inkarnation von Google Translate) sogar offline übersetzen und dabei den Klang unserer Stimme imitieren. Doch wie steht es um die Qualität der maschinellen Übersetzung? Neuronale Netzwerke und Deep Learning verheißen den Durchbruch und werfen neue Fragen auf: wer definiert die Textkorpora, mit denen die Computer trainiert werden, und was macht es mit unserer Sprache, wenn maschinell übersetzte Texte wiederum Trainingsmaterial werden? Kommt auf Literaturübersetzerinnen und -übersetzer zu, was bei Fachübersetzungen oft schon üblich ist: das bloße Redigieren maschineller Rohübersetzungen – Post-Editing statt Übersetzen? Beim diesjährigen Übersetzertag beschäftigen wir uns damit, was die Entwicklung und Anwendung von künstlicher Intelligenz einerseits für die Sprache und Literatur, anderseits für den Beruf des Literaturübersetzens bedeutet. Eines scheint bisher unbestritten: Algorithmen sind kein Ersatz für menschliche Kreativität. Und noch halten wir es nicht für möglich, dass Maschinen zwischen den Zeilen lesen, Ironie erkennen oder Emotionen erfassen, geschweige denn in andere Sprachen und Kulturen übertragen können. Aber was sind die Konsequenzen, wenn „selbstlernende” Maschinen in immer mehr Bereiche des menschlichen Lebens Einzug halten und für uns Entscheidungen treffen? Um Historie und Status quo neuronaler maschineller Übersetzung zu beleuchten, ihre Möglichkeiten und Grenzen im Literaturbereich zu diskutieren und einen Blick in die Zukunft zu wagen, haben wir Expertinnen und Experten eingeladen und stellen aufs Neue die Frage: „Aber die Übersetzer? Sind sie nun arm dran?”

PROGRAMM

11.00 Begrüßung

11.15 Hype oder Zukunftsrealität? Drei Gründe, warum wir Maschinelle Übersetzung nicht unterschätzen sollten
Eröffnungsvortrag von Samuel Läubli

11.50 anschließendes
Podiumsgespräch mit Samuel Läubli, Mads Pankow und Olga Radetzkaja
Moderation: Birthe Mühlhoff

12.30 Imbiss

13.30 Artifizielle Schöpfungstiefe: wem gehört der Text? Maschinenübersetzungen und Urheberrecht
Vortrag von Valentin Döring

14.15 Poesieautomat, Hypertext, Twitteratur!… und jetzt noch die Bots Über Chancen und Grenzen, Archive und Visionen, Coups und Flops mit Computern in der Literatur
Hannes Bajohr und Christiane Frohmann im Zwiegespräch
Moderation: Dania Schüürmann

15.15 Kaffeepause

15.45 Menschliche Kreativität und maschineller Makel? In puncto Geschwindigkeit schlagen Algorithmen jeden Übersetzer. Doch wie steht es um Ironie, kulturelle Besonderheiten oder poetische Assoziationen – kapituliert die künstliche Intelligenz vor uneigentlicher Sprache?
Impulsvorträge von:

Mads Pankow: Automatenlyrik – Wie kreativ ist der Computer?
Mahmoud Hassanein: Codes und Kultur – wenn das Sams Schijar heißt
Kathrin Passig: Ein warnender Blätterteig von Spatzen. Was automatische Übersetzung mit unserer Sprache macht
17.30 Zukunft des Übersetzens: Post-Editing? Besteht der Alltag des Literaturübersetzens bald aus dem Redigieren maschinell übersetzter Texte? Ein Blick auf den Stand der Dinge in der Fachübersetzung und Gedanken zu Möglichkeiten und Grenzen von KI-Übersetzung in der Literatur.
Podiumsgespräch mit Cordelia Borchardt, Imke Brodersen und Samuel Läubli
Moderation: Birthe Mühlhoff

18.30 Imbiss

19.30 Chinesisches Zimmer und Kleist-Test Mensch gegen Maschine: ein Team aus Übersetzerinnen und Übersetzern tritt gegen DeepL an. In einer zweiten Runde schreibt das Team im Wettstreit mit dem Algorithmus GPT-2 von Open AI eine Geschichte weiter. Das Publikum kürt den Sieger.
Moderation: Hannes Langendörfer und Nina Thielicke

20.30 Die Bar ist geöffnet

Parallel zur Veranstaltung sind im Foyer Installationen und Interaktionen zu sehen:

Leonie Ott: Machine/No Machine
Philip Wang: This person does not exist/Articles
Benjamin Laird und Oscar Schwartz: Bot Poet
Anna Ridler: No replacements found
Konzept und Projektleitung: Hannes Langendörfer und Nina Thielicke

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