Februar 2021

Do04Feb(Feb 4)18:00Sa06(Feb 6)22:00#Healing (Faju)New Alphabet School

Details

Lücken, Löcher und Löschungen in der Geschichtsschreibung hinterlassen gespenstische, kollektive Wunden. Wie kann eine Entschädigung – jenseits eines materiellen Ausgleichs – im Kontext des Black Atlantic und der Geschichte Afrikas aussehen, die gleichsam anerkennt, dass sich vergangene und zukünftige Erinnerungen, Beziehungen und Möglichkeiten nie mehr vollständig restituieren lassen? Lassen sich koloniale Wunden heilen? Lassen sich die Leerstellen dessen, was die Gesellschaft und das kollektive Bewusstsein heute umtreibt, adressieren, indem fehlende Stimmen und verborgene Geschichten ans Licht geholt und andere Formen des Wissens, Seins und der Beziehung zurückgewonnen werden?

Diese Ausgabe der New Alphabet School widmet sich afrodiasporischen und folkloristischen Praktiken des Heilens, therapeutischen und schamanistischen Methoden der Gesundung und indigenen, dekolonialen und feministischen Techniken mit transformativem Potenzial. Welche Rolle können sie bei der Bewahrung des persönlichen und gesellschaftlichen Wohls innehaben? Vermittelt über Klang, Oralität und rituelle Zeremonien richtet sich der Blick auf das Heilige, Spiritualität, Verbundenheit mit dem Land der Vorfahren, mit der Menschheit und mit nicht-menschlichen Elementen. „Healing“ und „Faju“ (Englisch und Wolof für „Heilen“) meinen einen Prozess der Reparatur traumatischer Beziehungen mithilfe nicht-westlicher Epistemologien und Weltbilder. Es geht darum, hegemoniale und westlich zentrierte Muster zu verlernen. Dazu gehören auch ausbeuterische Formen von Wissensaneignung. Diese Ausgabe lädt dazu ein zu erkunden, ob ein Potenzial zur Überwindung systemischer Unterdrückungssysteme besteht und die Gesellschaft von Kolonialismus, Kapitalismus, Patriarchat geheilt werden kann.

#Healing (Faju) bringt Heilende, Künstler*innen, Praktizierende und Forschende zusammen, um sich über Heilungstraditionen und -techniken auszutauschen, die in indigenen und überlieferten Wissenssystemen gründen. Online finden Workshops und divinatorische Sitzungen mit Teilnehmer*innen der New Alphabet School statt.
Konzipiert von Alessandra Pomarico, Esther Poppe, Yayra Sumah und Maya V. El Zanaty

In Zusammenarbeit mit RAW Material Company, École de Sables, Bibliothèque Terme Sud und Goethe-Institut Senegal

Programm

Donnerstag 04.02.

18h
Our Songs, Our Medicines
Kuratorische Einführung mit Alessandra Pomarico, Esther Poppe, Yayra Sumah, Maya V. El Zanaty

Was bedeutet es, geheilt zu werden? In den heutigen Gesellschaften geht nach wie vor der Geist kolonialer, kapitalistischer und patriarchaler Ausbeutung um. Wie ein Gift zehrt er als Parasit von dem Leid, den Traumata, Ängsten und Depressionen, die er in die menschlichen Köpfe und Körper pflanzt. Die kuratorische Einführung ist eine Passage, durch die sich Verstand und Geist der Teilnehmenden mit der gemeinsamen Reise des Programmes verbinden können: Es ist ein Aufruf und eine Einladung, sich mittels ritueller Praxen auf die Frequenzen der Ahnen und spirituellen Mentor*innen einzustimmen und sich somit auf einen Weg der Heilung zu begeben.

18.30h
Mamelles Ancestrales
Video-Screening

D: Tabita Rezaire, Senegal 2019, 62 Min, auf Französisch mit engl. UT

In Mamelles Ancestrales beschäftigt sich Tabita Rezaire angesichts aktueller Weltraumbesiedelungspläne mit Forschungen der Vorfahren, mit ihren Anschauungen und Anrufungen an die Weiten des Himmels. Mamelles Ancestrales ist inspiriert von den megalithischen Landschaften des Senegals und Gambias, von Weltraummüll, Archäologie, Astronomie, Numerologie, Theologie sowie von afrikanischen kosmologischen Konzepten. Es ist eine Suche nach Verbindungen zwischen Himmel und Erde und zwischen Lebenden und Toten in einer Welt, in der die Himmelskörper, die mineralischen Lebensformen und die Geister gemeinsam erklingen. Die Künstlerin entwickelte das Video im Zuge ihrer Forschungen und Reisen zu den Steinkreisen in Sine Ngayène und Wanar im Senegal und in Wassu und Kerbatch in Gambia. Um auf die Rätsel der tausenden Steinkreise in Senegambia einzugehen, bringt Mamelles Ancestrales die Geschichten der Wächter*innen der Stätten und der lokalen Bevölkerung mit Erkenntnissen von Astronom*innen, Archäolog*innen und Theolog*innen zusammen. Mamelles Ancestrales folgt einer alten afrikanischen megalithischen Zivilisation, um ein besseres Verständnis für die gegenwärtige zu bekommen. Von versteinerten Bräuten bis zu Grabesstätten, von historischen Observatorien zu zeremoniellen Plätzen oder Spuk- und Kraftorten, die Steinkreise sind für Rezaire Zentrum einer wissenschaftlichen, mystischen und kosmologischen Forschung.

19.30–23h
Transatlantic Sounds: “What would you say if I told you that Black history has been denied?”
Sound-Marathon
von Tomás Espinosa, Jorge Gómez, Carina Madsius und Linda-Philomène Tsoungui mit Laeïla Adjovi, Margarita Ariza, Corinna Fiora, Mario Henao, Christian Howard Hooker, Ibaaku, Muhammed Lamin Jadama, LoMaasBello, Macú, Daba Makourejah, Daniela Maldonado (Red Comunitaria Trans), Plu con Pla, Johan Mijail, Yos Piña Narvaez, Ariel Palacios, Fundación Cultural Pilón, Abdulah Sow

In der afrikanischen Diaspora liegt Leid, aber auch das Potenzial für Transformation. Mit den diasporischen Bewegungen wurde der Atlantik vor dem Hintergrund von Trauma und Gewalt zu einer Verbindungsroute für kulturellen Austausch. Verschiedene Afrikas trafen auf die karibische, atlantische und pazifische Küste von Abya Yala – der indigene Name für das prä-kolonisierte Gebiet des heutigen amerikanischen Kontinents. Die Mestizaje – die kulturellen Vermischungen –, die sich auf dieser Grundlage entwickelten, fanden Ausdruck in Tänzen, rituellen Praxen, Religiosität, Musikinstrumenten, Trommeln und Perkussion. Im kolonialen Machtgefüge kam es zu einer Abwertung, Verzerrung und Rassifizierung dieser Ausdrucksformen und zur Trennung der afrodiasporischen Gemeinschaften von einem Teil der Geschichte – der Geschichte des Black Atlantic.

Der digitale Marathon versammelt Klangarchive, Stimmen und Erfahrungen, die Teilnehmenden tauschen Ideen aus, diskutieren und hören einander zu. Für den Marathon kommen Musiker*innen und Künstler*innen, Gäste aus dem Senegal, der Karibik, aus Kolumbien und der senegalesischen Diaspora in Berlin zusammen. Als Mitglieder der Diaspora teilen sie ihre Erfahrungen in Form von Gedichten und Interventionen mit den Teilnehmer*innen. Der Marathon ist die Grundlage des digitalen Audio-Streams am 6. Februar.

Freitag 05.02.

16–18h, ausgebucht
Online-Workshop
Ancestral Altars

Mit Yayra Sumah

Ein Altar ist ein Zugang. Er ist schwarzes Loch und Wurmloch, Ort der Verbindungen und des Informationsaustausches sowie eine Begegnungsstätte der inneren und äußeren Dimensionen des Selbst. Das Teach-In greift auf spirituelle kongolesische Kulturen („Bukongo”) zurück und lädt die Teilnehmenden zum Anfangspunkt eines Altars ein. Am Altar lernen sie, mit den Toten zu sprechen und auf ihre Antworten zu hören: in den Gedanken, den Träumen und in allen Bereichen des Lebens. Am Altar werden die Teilnehmenden mit früheren Generationen in Kontakt treten, die noch heute die eigenen Körper prägen und mit allen Elementen der Erde in Verbindung stehen. „Bukongo” lehrt, dass im Zuge des divinatorischen Erkennens auch Verletzte unter den Vorfahren gefunden werden können, deren Zorn in den Lebenden Krankheiten ausgelöst hat. Werden die Vorfahren durch diesen Prozessgeheilt, dann nehmen auch sie sich der Heilung der Lebenden an. Anzestrale kongolesische Heilrituale kombinieren Farben, Geometrien und Gegenstände auf Altären, die dafür vorgesehen sind, die Vorfahren körperlicher Schmerzen und Traumata wiederzufinden, sie zu versorgen und wieder ziehen zu lassen.

18.30–21h, ausgebucht
Online-Workshop
Mending Broken World(s)*

Mit Mukhtara Yusuf

Traumata finden sich in der Psyche und in Nationen. Dabei werden Traumata auf vielfältige Arten innerhalb und außerhalb der Menschen transportiert. Trauma kann ein sprachloses Narrativ sein oder eine Zwiesprache, die sich durch Interaktionen im Körper entwickelt, aufbaut und verändert. Durch einen mitfühlenden Dialog und Kommunikation mit den entfremdeten inneren und äußeren Teilen des Selbst ist das Freilegen von unverletzten Teilen möglich. Womöglich zeigt sich dann, dass sich an dem Ort einer gespenstischen Wunde kein Geist befindet, sondern Vorfahren sichtbar werden, die in dieser Person leben.
Mit dem Workshop fragt Mukhtara Yusuf, wie das Ökosystem von kolonialen Verletzungen geheilt werden kann und Welten (wieder)aufgebaut werden können. Kann Schmerz bereits als Widerstand gegen Grenzen verstanden werden? Wie sehen die inneren Berechnungen von Trauma und Heilung aus? Die Teilnehmenden gehen diesen Fragen in multimedialen Präsentationen und Diskussionen nach. Yusuf tauscht sich mit ihnen darüber aus, wie sie das indigene und somatische Erbe des Yoruba-Wissens und der Yoruba-Theologie als Leitfaden für ihre persönliche und gemeinschaftliche Arbeit nutzt. Anstatt indigenes Wissen zu universalisieren, verfolgt sie dabei einen pluralistischen Ansatz und stellt Konzepte und Methoden vor, mit denen die Teilnehmenden ihre eigenen, kulturell relevanten und spezifischen Wege des Heilens verfolgen können. Personen, die sich als Yoruba verstehen und jene, die mit inneren Heilungsprozessen vertraut sind, sind besonders willkommen.
* In Anlehnung an Wande Abimbolas Ifa Will Mend Our Broken World

Samstag 06.02.

14–16h
Transatlantic Sounds: “What would you say if I told you that our Black history has been denied?”
Performatives Ritual von Tomás Espinosa, Jorge Gómez, Carina Madsius und Linda-Philomène Tsoungui mit Muhammed Lamin Jadama, Abdulah Sow und weiteren

Sich selbst als afrodiasporisch zu begreifen, geht mit dem Bewusstsein einher, dass Identität das Ergebnis von Brüchen und Fragmentierungen ist. Dabei lässt sich erkennen, dass ein Teil der Geschichte verschwiegen und verdrängt wurde. Diese Wunden sind nicht verheilt, können aber durch Klänge und durch das Zuhören als aktive Handlung Gesundung erfahren. Das performative Ritual wird als Audio-Stream digital übertragen: Die Beitragenden präsentieren auf Grundlage des Materials vom Sound-Marathon am 4. Februar Improvisationen, Klanginterventionen und Jamsessions. Eine gemeinsame Radiofrequenz schafft ein Portal, durch das sich Tumaco mit Dakar, Berlin und anderen Orten der zum Teil unterbrochenen afrikanischen Diaspora verbindet. Das aktive Zuhören und die kathartische Kraft der Musik bringen mit ihren Vibrationen die Körper in Bewegung, um vergangene Traumata zu heilen und gemeinsam zu schwingen.

16.30–18h,
Online-Workshop
The Body Divines

Mit Wangũi wa Kamonji

Workshop in drei Teilen:
1. Teil: Mo 18.01. 15h, ausgebucht
2. Teil: Mo 01.02. 15h, ausgebucht
3. Teil: Sa 06.02. 16.30h, ausgebucht

Koloniale Bildungssysteme verorten das Wissenspotenzial ausschließlich in Büchern und Lehrenden. Dadurch verlieren sowohl die Erde als auch die Körper der Lernenden und Verbindungen zu ihren Ahnen, als Orte des Wissens Anerkennung, Überzeugung und Kraft. The Body Divines ist eine Intervention zur Heilung von Wunden – verursacht durch das koloniale Erbe staatlicher Bildungssysteme – in Form einer Zurückeroberung indigener Lebens- und Wissensformen. Der dreiteilige Workshop lädt die Teilnehmenden ein, über verschiedene indigene Praktiken und durch das Trauern zu Wünschen und Fragen zu kommen. Die Grundlage des ersten Workshops am 18. Januar liegt in der Philosophie der Divination. Das Wissen um die Wunden der Teilnehmenden ist wertvoll, Wünsche werden freigesetzt, es wird auf die augenöffnende Kraft der Fragen gebaut. In den folgenden zwei Wochen können die Teilnehmenden die gemeinsam entwickelte experimentelle Interaktion individuell erproben: als heilige Zeremonie und Beginn eines Austausches mit den lebendigen Dimensionen von Wind, Wasser, Träumen, Pflanzen, Tieren oder Bewegungsabläufen.

In einem zweiten Workshop am 1. Februar kommen die Teilnehmenden erneut digital zusammen, um Erfahrungen rund um das wiedergewonnene Wissen auszutauschen und so vielleicht aus einer individuellen Heilung eine gemeinsame Heilung entstehen zu lassen.
Die ersten beiden Teile des Workshops richten sich insbesondere an Menschen, die in kolonialen Bildungssystemen ausgebildet wurden. Der dritte Teil besteht in einer digitalen Zusammenkunft am 6. Februar, die für ein erweitertes Publikum geöffnet ist. Eine Anmeldung ist nötig. Die Teilnehmenden werden Zeug*innen einer Präsentation der Ergebnisse der zuvor durchgeführten Workshops. In der größeren Runde wird die Gruppe Erfahrungen zu ihrem wiederbelebten Wissen austauschen, so dass individuelle Heilung zu einer gemeinsamen Heilung werden könnte.

20.30h
Taalif, Tëgg ak N’guiss (Poesie, Ton und Bild)
Sound-Performance von Ibaaku

Die Kräfte des Wassers werden aufgrund ihrer zerstörerischen Energie, besonderen Schönheit, ewigen Vitalität und heilender Eigenschaften schon lange als göttliche Kräfte verehrt. In Dakar formten sich anzestrale spirituelle Traditionen einst rund um den Ozean. Ibaakus Sound-Performance schöpft aus den Quellen senegalesischer Wasserrituale. Er bringt Bildmaterial, Gedichte und Musik zusammen, um eine Verbindung zu dem Grundelement aufzubauen.

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Zeit

4 (Donnerstag) 18:00 - 6 (Samstag) 22:00

Haus der Kulturen der WeltJohn-Foster-Dulles-Allee 10, Berlin