Hijacking Memory

Do09Jun(Jun 9)15:00So12(Jun 12)20:00Hijacking MemoryThe Holocaust and the New RightVeranstaltungsartKonferenz

Details

Konzipiert von Emily Dische-Becker, Berlin; Susan Neiman, Potsdam; Stefanie Schüler-Springorum, Berlin
mit Gilbert Achcar, London; René Aguigah, Berlin; Tareq Baconi, London; Omer Bartov, Providence; Peter Beinart, New York; Hannah Black, New York; Omri Boehm, New York; Mykola Borovyk, Frankenberg; Avrum Burg, Jerusalem; Dany Cohn-Bendit, Frankfurt am Main; Joseph Croitoru, Freiburg i.Br.; David Feldman, London; Alexander Friedman, Saarbrücken; Konstanty Gebert, Warsaw; Sander Gilman, Atlanta; Lewis Gordon, Mansfield; Jan Grabowski, Ottawa; Lutz Hachmeister, Berlin; Daniel Kahn, Hamburg; Volkhard Knigge, Jena; Nikolay Koposov, Atlanta; Yeva Lapsker, Hamburg; Hanno Loewy, Hohenems; Eva Menasse, Berlin; Andrea Pető, Budapest; Yohanan Petrovsky-Shtern, Evanston; Diana Pinto, Paris; Valentina Pisanty, Bergamo; Ben Ratskoff, Los Angeles; Susanne Rohr, Hamburg; Eran Schaerf, Berlin; Rachel Shabi, London; Jelena Subotić, Atlanta; Ksenia Svetlova, Jerusalem; Hannah Tzuberi, Berlin; Alexander Verkhovsky, Moscow; Lothar Zechlin, Duisburg

Das Gedenken an den Holocaust gilt seit vielen Jahren als wichtiges Mittel, um einem Wiedererstarken von exkludierendem Nationalismus und der Verfolgung von Minderheiten vorzubeugen. Die Erinnerung an den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden wurde so zur Grundlage einer Politik universeller Menschenrechte. Jüngst ist jedoch eine neue Entwicklung zu beobachten: Gedenkphrasen werden von genau jenen Akteur*innen aufgesagt, die antidemokratische, xenophobe und oft antisemitische Politiken verfolgen. Zunächst zeigte sich dieser Prozess am deutlichsten in den USA unter Donald Trump, heute ist Putins Rede von der „Entnazifizierung der Ukraine“ das jüngste Beispiel. Der Prozess ist aber auch in Ungarn, Polen, Israel, England, Frankreich, Österreich und in Deutschland sichtbar. In welchem Verhältnis stehen die Ritualisierung des Holocaust-Gedenkens und der internationale Aufstieg der radikalen Rechten? Mit welchen unterschiedlichen Strategien versucht diese, das Gedenken zu kapern – und was lässt sich dem entgegensetzen?

 
Veranstaltung in englischer und deutscher Sprache mit Simultanübersetzung
German and English talks will be simultaneously translated

 
Programm
 

Do 9.6.2022

15h
Begrüßung & Einführung
Emily Dische-Becker, Susan Neiman, Stefanie Schüler-Springorum
Auf Deutsch und Englisch

15.30–17h
Who are the Nazis; who are the Jews? The Holocaust in the NOW
Sander L. Gilman

Is the refunctioning of the Holocaust unique or is it simply that the passage of chronological time blurs the edges of every historical event? The experiences of the immediate past, of NOW, the age of Trump and Putin, the global pandemic, all seem to warrant a specific explanation. Not only of how the Holocaust is being refunctioned but why now; why its centrality in the context of a resurgent nationalism, populism, and, yes, the concomitant anti-Jewish sentiment. Are social media at the core of this or are they simply a vehicle for its increased dissemination? When rightwing protestors at the “Unite the Right” rally in 2017 in Charlottesville, Virginia, simultaneously denied the reality of the Holocaust and wished that more Jews are been murdered during it, we are indeed presented with a social reality that needs both granular description as well as theoretical consideration.


What Went Wrong? The Politics of Memory and the Return of the Xenophobic Right

Valentina Pisanty

Two facts are there for all to see: In the last decades the Shoa has been the object of widespread commemorative activities throughout the Global North. In the same lapse of time intolerance and racism have increased dramatically. Are these facts unrelated, or is there a connection? How can societies combat the current waves of ultra-nationalism and xenophobia? And what does it take to investigate the reasons for the failure of contemporary memory culture to fulfil its universalistic pledge, based on the simplistic equation Never Forget = Never Again?

Vorträge mit anschließendem Gespräch, moderiert von Emily Dische-Becker
Auf Englisch

17.30h
Grußwort
Bernd Scherer
Auf Deutsch

17.45h
Wir sind alle deutsche Juden
R: Niko Apel, Drehbuch: Daniel Cohn-Bendit, Frankreich 2020, 78 min
Filmscreening, anschließend Diskussion mit Daniel Cohn-Bendit, moderiert von Susan Neiman
Auf Deutsch

„Ich bin Jude. Was bedeutet das?“, fragt sich Daniel Cohn-Bendit in diesem begegnungsreichen Film. Er bricht auf nach Israel und beginnt eine persönliche Suche nach seinem eigenen Judentum. Die Menschen und Orte, denen er auf seiner Reise begegnet, könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch kreist die Diskussion immer um die zentrale Frage dieses Films: Was ist „Jüdische Identität“? Auf seiner Reise wird er – immer wieder von Neuem – auf sein Verhältnis zum eigenen Judentum zurückgeworfen und gezwungen, es zu überprüfen. Cohn-Bendit diskutiert mit liberalen und ultrafrommen Jüdinnen und Juden, mit einer Siedlerin in der Westbank, einem Palästinenser in Ost-Jerusalem und sogar mit einem besatzungskritischen Ex-Geheimdienstchef, der zugibt: Wäre er ein Palästinenser, würde er zu den Waffen greifen.

 

Fr. 10.6.2022

10–11.30h
Von der Verleugnung des Holocaust zum Bekennen. Über Rechte in KZ-Gedenkstätten und Erinnerungskultur

Volkhard Knigge
Desiring Victimhood: German Self-Formation and the Figure of the Jew
Hannah Tzuberi

How did victimhood become a desirable resource in contemporary negotiations of transhistorical justice and memory politics? Its recognition, associated in post-1989 Germany primarily with the figure of the Jew, became a focal point of democratic, collective self-formation: The “new Germany” established itself as a fully sovereign, stable member of the league of civilized nations through institutionalizing the memory of the Holocaust as its (post-)national foundation and identifying the figure of the Jew as a primary victim. Which are the political and epistemological premises and power effects of an understanding of justice premised on the recognition of victimhood? How do processes of post-genocidal nation-building that are premised on identification with the figure of the victim feed into the ongoing regulation and problematization of those subjects and forms of life that contest the figure of the victim?

Vorträge mit anschließender Diskussion und Q&A, moderiert von Stefanie Schüler-Springorum
Auf Deutsch und Englisch

11.30–13h
Der Holocaust und die deutschen Leitmedien nach 1945
Lutz Hachmeister

Bundesdeutsche Leitmedien haben sich selbst gern als Hüter*innen von Demokratie und Grundgesetz dargestellt – beaufsichtigt zunächst durch alliierte Presseoffizier*innen. Tabuisiert wurde dagegen ein antisemitischer Subtext in vielen Artikeln der Nachkriegszeit, der sich etwa gegen jüdische „displaced persons“ richtete. Lutz Hachmeister gibt dafür Beispiele aus Spiegel, FAZ und Süddeutscher Zeitung und beleuchtet die besondere Rolle des Springer-Verlags. Zudem wird die Rolle von NS-Seilschaften in der westdeutschen Presse nach 1945 thematisiert.

Mit Lippenbekenntnissen dem Konsens hinterher: Wie die AfD über Holocaust, Juden und Israel spricht – und schweigt
Joseph Croitoru

Der Diskurs der AfD hat sich zunehmend demjenigen der rechtsextremen NPD angenähert. In öffentlichen Äußerungen zu Holocaust, Israel, Jüdinnen und Juden grenzt sie sich von der NPD zwar ab, laut AfD-Aussteiger*innen werden intern aber auch ganz andere Töne angeschlagen. Öffentlich ist die AfD bei diesen Themen um eine gewisse Nähe zum allgemeinen Konsens bemüht. Der Holocaust wird nicht geleugnet, jedoch für unbedeutend erklärt. Antisemitismus wird verurteilt und Judenfreundlichkeit demonstriert, aber in eigenen Verschwörungstheorien werden einflussreiche Jüdinnen und Juden in kodierter Form als Feind*innen markiert. Der Ruf nach bedingungsloser Solidarität mit Israel dient der AfD auch zur Zementierung eines islamfeindlichen Weltbildes.

Vorträge mit anschließender Diskussion und Q&A, moderiert von Stefanie Schüler-Springorum
Auf Deutsch

14.30h
Anti-Zionism Can Be Anti-Semitic. Zionism Too

Peter Beinart und Daniel Cohn-Bendit im Gespräch
Auf Englisch

Es gibt keine zwangsläufige Verbindung zwischen Antizionismus und Antisemitismus, weder theoretisch noch empirisch. Tatsächlich legen Belege nahe, dass in den USA Zionist*innen eher antisemitische Ansichten vertreten als Antizionist*innen, sofern man einer traditionellen Auffassung von Antisemitismus folgt. Das ist wenig überraschend, denn wenn man Juden und Jüdinnen nicht in seinem Land haben will, kann es helfen, wenn sie ein separates Land haben. Und wer findet, eine vorherrschende Ethnie, Religion oder rassifizierte Gruppe solle gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen gesetzlich privilegiert sein, findet Juden und Jüdinnen im Land problematisch, da sie als Minderheit oft gegen solche gesetzlichen Diskriminierungen protestieren. Doch Israel mögendiese Menschen bewundern, weil es ein Modell für gesetzliche Verankerungen solcher Hierarchien darstellt. Das erklärt, weshalb es für viele rechtsextreme Führungspersonen nur konsequent erscheint, im eigenen Land den Antisemitismus zu befeuern und gleichzeitig Israel zu verherrlichen.

15.30–16.45h
American Israels: Christian Zionism in Comparative-Historical Perspective
Philip Gorski

There is no necessary connection between anti-Zionism and antisemitism, either theoretically or empirically. In fact, in the US the evidence suggests that if you measure antisemitism by traditional criteria, Zionists are probably more likely to hold antisemitic views than anti-Zionists. That’s not surprising. If you don’t like the Jews in your country, it’s useful for them to have their own country. And if you believe in legalized privilege for a dominant ethnic, religious or racial group over the other people with whom they share a country, you may find Jews in your country problematic – since as a minority they often oppose such legalized discrimination. But you may admire Israel because it offers a model of how such hierarchies can be enshrined into law. This helps to explain why so many far-right leaders find it entirely consistent to traffic in domestic antisemitism and lionize Israel at the same time.

Hijacking Holocaust Memory as a Dehumanizing Practice
Lewis R. Gordon

The right is marked by a tendency to cherry-pick the past in a project of avowed order and security, which belies truth. This often includes rewriting locations of harm to rally resources of supposed “protection.” The result is an investment in pleasing falsehoods that eliminate distinctions and difference. This, thus, elides the nuance, precision, and uncomfortable truths of Holocaust memory in directions of either extreme particularity (which absolutizes it) or exaggerated metonymy and metaphor (which trivializes it). Both are dehumanizing. Further, they lead to constructions of innocence under liberal, neoliberal, and neoconservative models of political membership premised on a duality of victimizers and victims, in which there is little room for being neither and only room for innocence among those who are harmed.

Vorträge mit anschließender Q&A, moderiert von Susan Neiman
Auf Englisch

17.15–18.30h
James Baldwin and the Politics of Holocaust Exceptionalism
Ben Ratskoff

Die jüngsten Debatten über heutigen Rassismus und nationale Erinnerungskulturen wurden zum Teil ausgelöst durch die globalen Bewegungen gegen das anti-Schwarze Vorgehen der Polizei. Sie stellten die historiografische Annahme in Frage, der Holocaust sei grundlegend anders als andere Formen rassifizierter Gewalt. Ebenso hinterfragten sie die Ritualisierung der Holocaust-Erinnerung. James Baldwins lange und ambivalente Auseinandersetzung mit der Rolle des Holocaust in der antirassistischen Politik der Nachkriegszeit und vor allem im Kampf gegen anti-Schwarzen Rassismus in den Vereinigten Staaten zeigt, dass dominante und institutionalisierte Formen von Holocaust-Geschichtsschreibung und -Erinnerung antirassistischen Aktivismus neutralisieren können, und dazu beitragen, den Status quo zu erhalten.

Baldwin, BLM, and “Black Antisemitism”

Vortrag und anschließendes Gespräch mit Ben Ratskoff, Hannah Black, René Aguigah, moderiert von Emily Dische-Becker
Auf Englisch

18.45h
Boycott
R: Julia Bacha, Produzent*innen: Suhad Babaa, Daniel J. Chalfen, USA 2021, 70 min, englische OV mit englischen UT
Filmscreening, anschließend Diskussion mit Suhad Babaa, Peter Beinart, Lothar Zechlin
Auf Deutsch und Englisch

When a news publisher in Arkansas, an attorney in Arizona, and a speech therapist in Texas are told they must choose between their jobs and their political beliefs, they launch legal battles that expose an attack on freedom of speech across 33 states in America.
Boycott traces the impact of state legislation designed to penalize individuals and companies that choose to boycott Israel due to its human rights record. A legal thriller with “accidental plaintiffs” at the center of the story, Boycott is a bracing look at the far-reaching implications of anti-boycott legislation and an inspiring tale of everyday Americans standing up to protect our rights in an age of shifting politics and threats to freedom of speech.

 

Sa 11.6.2022

10–12.15h
The Hidden Agenda: The Holocaust in Israel between Tragedy and Strategy
Avraham Burg

In the first decades of its existence, the State of Israel did not identify with the Holocaust. Indeed, as Tom Segev and other historians have shown, the Holocaust was in conflict with the image the State wanted to convey: that Jews were finally agents of history and not its subjects, heroes rather than victims. Only later did certain Israeli politicians decide it was opportune to underscore the Holocaust as the prime example of murderous antisemitism in order to discredit all criticism of state policies as antisemitic. This lecture will describe the history of the deliberate strategies involved in this process.

Holocaust Singularity and German National Identity
Omri Boehm

Antisemitism in History and Politics
Omer Bartov

Antisemitismus lässt sich nur über die Zusammenhänge zwischen seinen historischen Wurzeln und modernen Erscheinungsformungen begreifen. Weil auf antisemitische Argumente stets Gegenargumente folgten, hat der Anti-Antisemitismus eine ähnlich lange und facettenreiche Geschichte. Beide haben im Laufe der Zeit für verschiedene Menschen Unterschiedliches bedeutet, wurden wiederholt für politische Zwecke instrumentalisiert, und voneinander abhängig. Lange bevor es Antisemitismus als Begriff gab, spielten antijüdische Einstellungen eine Rolle dabei, wie Juden und Jüdinnen von anderen wahrgenommen wurden, wie sie mit der Welt interagierten und sich selbst wahrnahmen. Umgekehrt bekommt anti-antisemitische Rhetorik immer dann Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit, wenn sie die Öffentlichkeit von der realen und gegenwärtigen Gefahr des Antisemitismus überzeugen kann.

Vorträge mit anschließender Diskussion und Q&A, moderiert von Susan Neiman
Auf Englisch

13.45–15.15h
T.b.a.
Tareq Baconi
British Jews and the Psychodrama of the Corbyn Years
Rachel Shabi
Vorträge mit anschließender Diskussion und Q&A, moderiert von Daniel Levy
Auf Englisch

15.45–17.45
Hijacked from the Centre: Holocaust Memory in Britain
David Feldman

Als der Abgeordnetenrat der britischen Juden und Jüdinnen vor vierzig Jahren auf dem Parlamentsgelände ein Holocaust-Mahnmal errichten wollte, tat die britische Regierung unter Margaret Thatcher den Vorschlag gleichgültig ab. Laut Außenminister Lord Carrington hatte es nichts mit Großbritannien zu tun. Heute hingegen setzen sich sowohl die konservative Regierung, die Labour Partei als auch die Liberal Democrats dafür ein, ein Holocaust-Mahnmal neben dem Parlament zu errichten. Der Holocaust ist außerdem das einzige verpflichtende Thema im nationalen Geschichtslehrplan für Schüler*innen im Alter von 13 bis 14 Jahren. Feldmann untersucht und erklärt diesen Wandel in der Holocaust-Erinnerung: Wie kann es sein, dass in Großbritannien, wo der Antirassismus aktuell die Öffentlichkeit spaltet, der Kampf gegen den Antisemitismus die politische Klasse wie kaum etwas anderes eint?

Whitening of the Jews and Misuse of Holocaust Memory
Gilbert Achcar

“Antisemitism” was originally coined to relegate the European Jews to a non-white status. It was linked to the inflow of Eastern European Jews into Western countries in the late 19th century. While the defeat of Nazism favoured the gradual (re)whitening of European Jews after 1945, the rise of anticolonial struggles and the inflow into Western countries of Muslim migrants determined a shift in xenophobia and racism, supported by the Zionist far right. There has been a reorientation of Western racism involving its own whitening of European Jews to pervert the Holocaust legacy into an ideological weapon that could be instrumentalised for its anti-Muslim agenda.

Dubious Benevolence: The Holocaust and the Extreme Right in France and Italy
Diana Pinto

What are we to make of Holocaust remembrance and commemoration by Europe’s extreme rights in today’s topsy-turvy world? Who is hijacking whom? Does it still make sense to view the Holocaust in terms of left-right wing divides? What is one to make of Jewish (and Israeli) support for these illiberal movements? On these counts, France and Italy offer two interesting examples of how the extreme rights have “adopted” generic Holocaust commemoration while still honoring their fascist ancestors and pursuing their own present-day racist programs. In their use of shocking equivalences, their rereading of the fate of the Jews in World War II, they can be seen as precursors for Putin’s own “anti-Nazi” war against Ukraine, one of the most sensitive territories in which the Holocaust unfolded.

Lectures, followed by a discussion and Q&A, moderated by Carinne Luck
In English

18.15h
Sentiment, Seduction, Soreness: Countering the Right with Holocaust Comedy
Susanne Rohr

In ihrem Vortrag spricht Susanne Rohr über die jüngsten Entwicklungen eines hochsensiblen Genres, das der Philosoph Slavoj Žižek als „Lagerkomödie“ oder „Holocaust-Comedy“ bezeichnet hat. Welche Bedeutung hat ein grundlegender Tabubruch für die künstlerische Arbeit? Erzwingt ein anfänglicher Tabubruch ständig weitere Grenzüberschreitungen und Tabubrüche? Oder löst die Provokation eher den Wunsch nach Versöhnung und Linderung aus? Susanne Rohr bespricht diese und andere Fragen im Kontext des weltweit erstarkenden Rechtsextremismus.

Lecture followed by a Q&A, moderiert von Miriam Rürup
In English

19–20h
Andere (Täter-)Länder, andere Sitten?
Conversation with Hanno Loewy und Eva Menasse
In German

In Sachen Vergangenheitsaufarbeitung könnten die Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich kaum größer sein – im Grunde hat Österreich kollektiv erst mit der Affäre Waldheim 1986 das eigene bequeme Geschichtsbild als „erstes Opfer Hitlers“ zu hinterfragen begonnen. Was bedeutet das für die Gegenwart? Zwar holen rechtsextreme Parteien in Österreich regelmäßig bis zu 25 Prozent, dafür scheint es kaum gewaltbereite Rechtsextreme zu geben. Und wie steht das offizielle Österreich zum Nahost-Konflikt? Immerhin war Bruno Kreisky nicht nur der einzige jüdische Bundeskanzler, sondern ein dezidierter Unterstützer der Palästinenser*innen. Lange her: Heute beschwört die Wiener Politik das „christlich-jüdische Abendland“ gegen „den Islam“. Über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Nachbarländern diskutieren Hanno Loewy und Eva Menasse.

21h
Concert
Daniel Kahn & Yeva Lapsker

Der in Detroit geborener Troubadour bestreitet ein radikales Programm mit neuen und alten Liedern, geschmuggelt über die Grenzen von Jiddisch, Englisch, Russisch, Deutsch, Vergangenheit und Zukunft. Eine zeitgemäße Sammlung aus brüchigen Balladen, windschiefem Klezmer, Gefängnislamentos, Revolutionshymnen und apokalyptischem Blues. Das Programm wird begleitet und geziert von projizierten Bildern und Übertiteln von der Videokünstlerin und Übersetzerin Yeva Lapsker.

So 12.6.2022

10–12.45h
Appropriation of the Holocaust by the Eastern European Far Right
Jelena Subotić

Subotić nimmt das postkommunistische Osteuropa in den Blick und zeigt, wie sich osteuropäische Rechtsextreme gängiger Narrative und Bilder des Holocaust bedienen, im Wesentlichen, um zwei politische Ziele zu erreichen: Zum einen nutzen sie die Erzählungen und visuellen Narrative des Holocaust, um das Leiden von nichtjüdischen nationalen Mehrheiten in der jüngeren und ferneren Geschichte zu hervorzuheben durch Vergleiche mit dem Leiden jüdischer Menschen im Holocaust. Zum anderen sollen die Verbrechen des Kommunismus als die vorherrschenden Verbrechen des 20. Jahrhunderts verankert und dem Holocaust gleich-, wenn nicht sogar übergeordnet werden. Im Kontext globaler Politik ist die Aneignung des Holocausts ein wichtiges Mittel der politischen Legitimation für die extreme Rechte, deren öffentlicher Rückhalt auf die Verbindung von nationaler Trauer und Ressentiments baut.

Illiberal Memory Politics of the Holocaust in Hungary
Andrea Pető

In the past few years, Hungary has been portrayed as a negative example of memory politics in both mainstream and academic press. It was charged with being the “ground zero” for a paradigm change in World War II memory politics that was echoed in Poland when the right-wing populist PiS government passed its infamous law on criminalizing certain perspectives in historical research. The elements of this paradigm change include the nationalization of a hitherto transnational narrative, de-Judaization, competing victimhood, establishing new terminology, double speech, and anti-intellectualism. The talk discusses examples of how this new Holocaust memory paradigm is created in cooperation with international institutional actors and the academic community in Hungary. It also analyses the impacts of the war of Russia against Ukraine on the illiberal Holocaust narrative.

“Denazification of Ukraine”: Political Semantics in the Age of Fusion Genocide
Yohanan Petrovsky-Shtern

Putin’s propaganda identified self-conscious Ukrainians as the Nazis and pro-Russian Ukrainians as the real Slavic brothers. This dichotomy shaped the military goals of the Russian invaders and the long-lasting plans for the unmaking of Ukraine as a sovereign state. Petrovsky-Shtern will show that the denazification of Ukraine was rooted in and realized as a genocidal plan precisely because it was based on racist assumptions and xenophobic myths.

Empty Symbols: The Memory of the Holocaust in Fascist Russia
Nikolay Koposov

Most authoritarian regimes and populist parties today claim they are committed to democratic values. On the one hand, this testifies to a world-wide triumph of democracy. On the other, however, the use of democratic concepts and symbols by the authoritarians and populists is no innocent operation. It depreciates these concepts and symbols and transforms them into empty signs. In which ways does Putin’s propaganda deprive notions and symbols of the democratic culture of memory of their true sense and transform them into empty signs?

Vorträge mit anschließender Diskussion und Q&A
Auf Englisch

14.15–17h
Russische Propaganda: Instrumentalisierung des Völkermords bei dem Angriff auf Ukraine
Mykola Borovyk

Die Instrumentalisierung der Geschichte, insbesondere des Gedenkens des Zweiten Weltkriegs, ist eines der Hauptmotive der russischen Propaganda während der Herrschaft von Wladimir Putin. Verwendet werden in diesem Zusammenhang nicht nur Konzepte und Symbole, die der russischen Gesellschaft bekannt sind und bedeutsam erscheinen. Auch Konzepte, die für die westliche Erinnerungskultur von zentraler Bedeutung sind, werden instrumentalisiert. In seinem Beitrag untersucht Borovyk, wie der Begriff „Völkermord“ gegenwärtig benutzt wird, um die russische Aggression gegen die Ukraine zu rechtfertigen: Wie hat sich seine Bedeutung verändert? Welche Zielgruppen sollen damit erreicht werden?

The Misuse of the Holocaust and the Fluid Russian Nationalism Today
Alexander Verkhovsky

What is worth discussing at the time of war? Verkhovsky first addresses some quantitative changes in the manifestations of anti-Semitism in Russia since 2014. Second, he looks at the changes in the way the Holocaust theme has been instrumentalized for the needs of state propaganda after February 24, 2022. And third, he describes a more complex attitude towards the prosecution for Holocaust denial in Russia’s liberal circles, which has to do with the Russian anti-extremism law enforcement practice.

Die Instrumentalisierung des Holocausts in Russland und Belarus
Alexander Friedman

„Der Russe ist nun wie ein Jude im Berlin des Jahres 1940“, brüllt der extravagante Leningrad-Sänger Sergei Schnurow in seinem Lied Kein Zutritt, das im März 2022 erscheint. Er spielt dabei offensichtlich auf die Deportationen der Jüdinnen und Juden aus der Reichshauptstadt an, die 1941 begannen: So heißt es im Text, in Europa behandle man heute die Russ*innen wie Hunde; sie seien Menschen zweiter Klasse. Bald müssten sie möglicherweise spezielle Abzeichen tragen. Und am liebsten würden die Europäer*innen sie verbrennen. Schnurows Lied verdeutlicht die Instrumentalisierung des Holocausts in Russland und in Belarus im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Hintergründe und Besonderheiten dieser Instrumentalisierung stehen im Mittelpunkt des Vortrages.

Unholy Alliance: Israel and the Far-Right in Europe
Ksenia Svetlova
Vorträge mit anschließender Diskussion und Q&A, moderiert von Mischa Gabowitsch
Auf Deutsch und Englisch

17.30–19h
Hijacking Memory of the Holocaust: From Treblinka, Through Auschwitz to the Warsaw Ghetto
Jan Grabowski

The distortion of the history of the Holocaust has become, over the years, an unstated policy of the agencies of the Polish state and various institutions serving as its proxies. One of the aspects of this policy is an attempt to “de-Judaize” the memory of the event, or to weaken or remove the Jewish presence from the historical account. In Poland, today, it is being done in a variety of ways: shifting focus from Jewish victims to righteous gentiles, or appropriating spaces originally devoted to the Jewish suffering. The process of falsification and distortion of the history of the Shoah is best seen today in places of Jewish memory such as Treblinka, Auschwitz, or the area of the former Warsaw ghetto.

How the Polish Right is Rewriting the History of the Shoah
Konstanty Gebert

Since 2016, there has been a major reversal in the way the history of the Shoah in Poland is being presented in official discourse. The concept of Polish participation in the Shoah is being rejected as slanderous, while the efforts of Polish Righteous are being presented as typical for Polish society at the time. Vast public funds are being invested in this effort, which has been endorsed by leading political personalities, while academic and law enforcement repression is directed at critics. This is combined with a sustained campaign of refusing to provide property restitution to victims of the Shoah and their descendants. These processes make historical distortion official Polish policy.

Vorträge mit anschließender Diskussion und Q&A, moderiert von Susan Neiman
Auf Englisch

19h
Blinded in Remembering the Present? Ask Franz
Eran Schaerf
Lecture Performance
Auf Englisch

Eines Tages taucht Andreas – wie Romanfiguren es so tun – in meinem Leben auf und erzählt mir vom Unterschied zwischen erinnern und gedenken. Beim Besuch einer Gedenkstätte müsse er einsehen, dass er keine Erinnerungen aus dem ehemaligen Konzentrationslager mitnehmen kann. Die Zeit sei vorbei, aber er könne auch ohne eigene Erinnerungen der Geschichte gedenken. Er scheint aus einer Zeit zu kommen, in der Erinnerung als nationalpolitische Währung noch nicht im Handel ist. Ich denke, Andreas muss Franz kennen, der über den Völkermord an den Armeniern geschrieben hat. Franz kommt aus einer anderen Zeit, das weiß ich, also borge ich mir bei Suchan ihre Uhrwerke aus, um die Multichronologie meiner Geschichte zu proben.

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Zeit

9. Juni 2022 15:00 - 12. Juni 2022 20:00(GMT+02:00)

OrganisatorInnen

Haus der Kulturen der Welt

John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Haus der Kulturen der Welt