Juli 2022

Do14Jul16:00Do18:00Johannes F. LehmannPolitik der Rettung. Überlegungen zu einem politischen Narrativ jenseits von Sicherheit und Heil

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Dem Politischen, das ist meine zu überprüfende Hypothese, liegt auf der tiefsten Ebene das Narrativ der Rettung zugrunde. Die rettende Funktion von Herrschaft und Regierung kann sich immer wieder auf den Ernstfall der Lebensrettung gründen, sei es, dass die römischen Feldherren und Kaiser mit dem Rettertitel geehrt werden, sei es, dass in der frühneuzeitlichen Souveränitätstheorie die Macht aus dem Willen der Unterworfenen abgeleitet wird, ihr Leben zu retten. Sei es, dass im Rahmen biopolitischer Gouvernementalität in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Lebensrettungsedikte erlassen werden, sei es, dass die nationalsozialistische Politik der Rassenhygiene ihre Politik der Vernichtung der Juden als Rettung der arischen Rasse begreift. Auch die Coronapolitik hat ihre (im Westen) seit dem 2. Weltkrieg nie dagewesene Ausweitung der Exekutive unter den Begriff der Lebensrettung gestellt. Da das ›Leben‹ als Objekt der Rettung ein zwischen bloßem und gutem Leben gespaltener Begriff ist, öffnet er Rettung außerdem einerseits auf Größen, die das physische Leben übersteigen: Nation, Freiheit, Integrität, Ehre etc. und andererseits auf Grundlagen, die das ›Leben‹ ermöglichen, wie in Bankenrettung, Eurorettung oder Klimarettung erkennbar wird.

Der Vortrag fragt vor diesem Hintergrund nach zwei benachbarten Phänomenen zur Rettung, die dessen Reichweite womöglich wieder einschränken: Zum einen nach der Beziehung von Rettung zum Komplex der Begriffe ›Sicherheit‹, ›Gefahr‹ und ›Vorsorge‹. Ist die Rede von einer Politik der Rettung in Sicherheitspolitik, Vorsorge und Versicherungswesen nicht schon längst abgegolten? Zum anderen nach der Beziehung von Rettung zum Komplex der Begriffe ›Apokalypse‹, ›Messianismus‹ und ›politisches Heil‹. Geht die Rede von einer Politik der Rettung nicht auf in politischem Messianismus oder Vorstellungen politischen Heils? Ich möchte beide Abgrenzungsprobleme erörtern und dabei die These vertreten, dass (Lebens-)Rettung in beiden Feldern jeweils eine zentrale, ja eine grundierende Rolle spielt.

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