MEMORY, SPEAK!
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Ein Projekt der Mobilen Akademie Berlin in Zusammenarbeit mit: Aliaksei Bratachkin, Guillaume Cailleau, Vaginal Davis, Anselm Franke, Lamin Leroy Gibba, Shadi Habib Allah, Karin Harrasser,
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Ein Projekt der Mobilen Akademie Berlin in Zusammenarbeit mit: Aliaksei Bratachkin, Guillaume Cailleau, Vaginal Davis, Anselm Franke, Lamin Leroy Gibba, Shadi Habib Allah, Karin Harrasser, Alice Hasters, Heinrich Horwitz, Hannah Hurtzig, Marian Kaiser & Florian Stirnemann, Anna Jermolaewa, Aurélia Kalisky, Nina Katchadourian & Sina Najafi, Sarah Lewis Cappellari & Anton Kats, Fiston Mwanza Mujila, Mukenge/Schellhammer, Farkhondeh Shahroudi, Jakob Racek, Susanne Sachsse, Eran Schaerf und Cécile Tuseku.
15 EUR (Ermäßigt: 9 EUR) Tickets 12.12., Tickets 13.12. 15–18 Uhr, Tickets 13.12. 19–22 Uhr, Tagesticket 13.12.
Freitag, 12.12.
19–23 Uhr
€ 15/9
Samstag, 13.12.
15–22 Uhr
€ 15/9 (jeweils 15–18 Uhr; 19–22 Uhr)
€ 20/10 (Tagesticket)
In deutscher und englischer Sprache mit Simultanübersetzung
Der Veranstaltungsort ist barrierefrei für rollstuhlnutzende Menschen und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zugänglich; bei Bedarf wird Unterstützung angeboten.
Programm
Freitag, 12.12.
18 Uhr: Einlass
19 Uhr: Casting I
20 Uhr: Casting II
21.30–22.30 Uhr: Kleiner Markt für nützliches Wissen (Foyer Version)
23 Uhr: Ende
Samstag, 13.12.
14 Uhr: Einlass
15 Uhr: Casting III
16 Uhr: Casting IV
17 Uhr: Casting V
18–19 Uhr: Pause
19 Uhr: Casting VI
20 Uhr: Casting VII
21 Uhr: Casting VIII
22 Uhr: Ende
Über die Veranstaltung
Erinnerungsprobleme? Probieren wir ein anderes Gedächtnistheater. Die Mobile Akademie Berlin präsentiert einen performativen Vorschlag für Erinnerungskultur in einer Migrationsgesellschaft.
Drei Bühnen des Erinnerns
Die Zukunft war immer da. Sie wartet in den nicht realisierten emanzipatorischen Projekten der Vergangenheit auf ihre Reanimierung. In der Performance „Memory, Speak!“ taucht sie auf in vielstimmigen biografischen Erzählungen. Diskurse und Debatten über Erinnerungskultur erhalten keinen Auftritt, dafür der Akt des Erinnerns und die Erinnerungen der Leute selbst – in all ihrer Detailliertheit, Prekarität und fulminanten Inkohärenz. Installation und Performance eröffnen einen Resonanzraum, in dem Besucher*innen über zwei Tage hinweg verschiedenen Techniken und Arten des Erinnerns zuhören können.
Die Bühne in„Memory, Speak!“ funktioniert als „Screen Memory“ (engl.: ‚Deckerinnerung‘). Kollektive Erinnerung ist hier ein Spiel der Addition, kein Prozess der Reduktion. Alles passiert jetzt, nichts ist vergangen, wir sind mittendrin. Auf drei Bühnen des Erinnerns durchkreuzen sich weit auseinanderliegende Orte, Zeiten, Ereignisse, fremde und eigene Erfahrungen, Anwesendes und Abwesendes. Die Zuschauer*innen und Zuhörer*innen können sich im Raum frei bewegen und sich den einzelnen Stationen auf verschiedenen Kanälen per Infrarotkopfhörer zuschalten.
CASTING für eine Langzeitdokumentation
Die Mobile Akademie Berlin hat zehn prominente Kandidat*innen eingeladen, in einem zweitägigen Casting vor einer dreiköpfigen Jury ihre Erinnerungsfähigkeiten zu testen – live vor Publikum. Sind die Kandidat*innen geeignete Protagonist*innen für eine filmische Langzeitdokumentation, die sie über zehn Jahre begleitet, um festzuhalten, wie sie das kommende Jahrzehnt erlebt haben werden? Sind sie gute Seismografen zukünftiger gesellschaftlicher Veränderungen? Die aus erfahrenen Interviewer*innen und aufmerksamen Zuhörer*innen bestehende Jury interessiert sich insbesondere für die analytische oder intuitive Fähigkeit der Casting-Kandidat*innen, in ihren Erinnerungen und Biografien mögliche Zukünfte aufblitzen zu lassen.
Roter Faden der Gespräche ist ein Fragebogen, der auf Oral-History-Interviewtechniken, Künstler*innenfragebögen, der Zusammenarbeit mit der kolumbianischen Wahrheitskommission sowie dem spezifischen Hintergrundwissen der Jurymitglieder basiert. Die Berliner Version ist der erste Teil einer geplanten Serie von Castings, nächste Station ist Wien im April 2026. Die anschließende filmische Langzeitdokumentation wird in den kommenden zehn Jahren von der in Russland geborenen und in Wien lebenden Künstlerin Anna Jermolaewa realisiert.
RADIO REHEARSAL: The Black Caribbean, Memory Techniques for Approximating Ghosted Realities
Wir lauschen dem Re-Hearsal einer Radiosendung. In Loops und Brüchen, in Worten, Musik und Sound kehrt sie zu etwas zurück, was nie erinnert werden sollte. Die Sendung handelt von El Corte, dem vergessenen Petersilienmassaker in der Dominikanischen Republik 1937, einem der am umfassendsten zum Schweigen gebrachten Genozide des 20. Jahrhunderts. Wie spricht man über Leben, die aus der Geschichte herausgeschnitten wurden und doch unterhalb ihrer weiterpulsieren, beharrlich und widerspenstig die plantation logics stören, die die Gegenwart bestimmen? Die Radioübertragung stimmt auf Frequenzen dessen ein, was einfach nicht verschwinden will: Klänge und Träume, Erinnerungsfetzen und Familiengeschichten, theoretische, literarische und poetische Spuren beschwören die Geister, die aus den offiziellen Archiven vertrieben wurden.
Die Sugar Woman driftet aus dem Sound zurück. Sie begegnet uns zuerst in einem Traum aus Edwidge Danticats Roman The Farming of Bones. Bittersüß und scharf, die Ränder der Erinnerung reizend, besteht sie darauf, dass das, was zum Schweigen gebracht wurde, noch immer im Takt der Revolte bebt. Der aus der Ukraine stammende Künstler und Musiker Anton Kats begleitet die gelesenen und gesprochenen Texte Sarah Lewis-Cappellaris, montiert, schichtet und rekomponiert sie live über das G.O.S.P. Sound System zur Collage. You see, I know a sugar woman who dances in chains but laughs at locks, / who wears a muzzle but speaks in dreams, / who vanishes but never leaves. / She’s got a story that’ll make your teeth rot.
VIDEO PERFORMANCE: Kasala Kontinuum
Kasala bedeutet auf Tshiluba Anrufung, Beschwörung oder Lobpreisung. Es ist nach einer Definition von E. M. Mirembe ein Lobgedicht in freien Versen, das von professionellen Rezitator*innen bei Beerdigungen und anderen Familienfesten vorgetragen wird. Es stellt Personen und Biografien in einer bildhaften Sprache vor, die nicht Informationen teilen, sondern vor allem Emotionen wecken soll. Eine Kasala Performance bindet über mehrere Stunden hinweg die Aufmerksamkeit der angesprochenen Community, versammelt Anwesende und Abwesende, Tote und Lebende. Sie verändert sich mit dem Kontext, in dem sie vorgetragen wird, ist nie zweimal dieselbe.
In der Videoinstallation des kongolesisch-deutschen Duos Mukenge/Schellhammer findet ein Kasala für die kongolesische Kunstszene in Kinshasa statt. Wie kann die Kunstgeschichte eines Ortes geschrieben werden, an dem Diskurse und Debatten vor allem mündlich stattfinden und selten archiviert werden? Das Video zeigt eine Performance der Kasala-Sprecherin Cécile Tuseku im Kunstraum Plateforme Contemporaine. Ihre Rezitation versammelt Akteur*innen und Ahnen der Kunstszene, erzählt von Biografien und Initiationen, künstlerischen Bewegungen und Beziehungen. Anstatt eine chronologische Geschichte der Kunst festzuschreiben, eröffnet sie einen performativen Raum kollektiver Erinnerung. Das Video wird begleitet von Live-Auftritten des österreichisch-kongolesischen Poeten und Performers Fiston Mwanza Mujila, dessen zeitgenössische poetische Form des Kasala in Dialog tritt mit Cécile Tusekus Performance.
Erinnerung ist das Gegenteil von Abspeichern und Abrufen. Sie ist die Komplizin des Vergessens, kommt eher über uns, als wir zu ihr. Sie akzeptiert keine harten Grenzen zwischen Gestern und Heute, passiert genau jetzt und ist auf die Zukunft gerichtet. Sie existiert nicht außerhalb ihrer selbst, verändert und verschiebt sich. Sie kann nicht erzählen, was war, sondern was zu erzählen ist oder wäre – mit ihr lässt sich kein Staat machen.„Memory Speak“ eröffnet einen Raum des Zuhörens, in dem diese besondere Form der Erinnerung auftauchen kann.
Mit „Memory, Speak!“ setzt die MAB eine Reihe von Erinnerungs- und Gedächtnisprojekten fort, die vor 25 Jahren mit der „Filiale für Erinnerung auf Zeit“, inspiriert von Aleida Assmann, in Hamburg begann. Es folgten „Das Milieu der Toten“ in Wien und Berlin 2013–2018, die „Gespräche aus der Dunkelkammer“ in Novosibirsk 2016 sowie eine Reihe von Projekten, die zwischen 2018 und 2021 gemeinsam mit der kolumbianischen Wahrheitskommission (Comisión de la Verdad) in Bogotá und Barrancabermeja entstanden sind. Die nächste Station von „Memory, Speak!“ nach Berlin ist Wien im April 2026.
Sind wir es, die vergessen werden?
Oder sind wir es, die vergessen werden?
Begleitet von einem Rechercheprojekt des Co.Lab Erinnerungsarbeit – ästhetisch-politische Praktiken / Kunstuniversität Linz.
