Mai 2022

19Mai19:1520:45Mosse Lecture: Terje TvedtThe Nile. History’s Greatest River and the confluence of hydropolitics, empire and the postcolonial worldVeranstaltungsart:Vortrag

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Flüsse sind Schauplätze von Zivilisationsbildung, nationalen Identitätsordnungen und kriegerischen Konflikten, sie sind fließende Erinnerungs- und Projektionsräume sowie hochfrequentierte Handelswege. Sie fungieren als „natürliche“ Grenzen zwischen Staaten und verbinden diese zugleich, weshalb sie seit je als Migrations- und Fluchtwege genutzt werden. Die bis heute währenden Streitigkeiten der Anrainerstaaten Sudan, Ägypten und Äthiopien um den Nil und sein Wasservorkommen, in denen wirtschaftliche Interessen, koloniale Erblasten, aber auch die Herausforderungen des Klimawandels zusammentreffen, sind nur eines von vielen Beispielen für den politischen Druck, dem Flüsse ausgesetzt sind.

Hinzu kommt der ganz konkrete Nutzungsdruck, der durch regulierende wasserbauliche Eingriffe entsteht und von Umweltschützer:innen zunehmend problematisiert wird. An Flüssen lassen sich die Ausmaße des Anthropozäns gut studieren. Flutkatastrophen wie das 2021 geschehene Hochwasser im Ahrtal zeigen, dass es längst nicht nur die großen Ströme, sondern auch deren lokale Verzweigungen sind, die zu Brennpunkten globaler Krisen werden. Die Indienstnahme von Flüssen als politische Grenzzonen kann aber auch zur Entstehung weitgehend unberührter Biosphären beitragen – wie etwa an den Flussauen der Elbe, dem einstigen „Todesstreifen“ der innerdeutschen Grenze, dessen vermintes Gelände ironischerweise ökologische Vielfalt entfalten konnte. Menschen, Flüsse und deren (Evolutions-)Geschichten stehen in Austauschbeziehungen, die erst in Ansätzen erschlossen sind.

Seit je hat die kollektive Einbildungskraft die Flüsse zu Orten der Passage, des Übergangs (ins Jenseitsreich) oder der Initiation (z.B. Taufe) gemacht, Quelle, Flusslauf, Ufer und Mündung in Lebenssymbole verwandelt, den Gewässern Flussgötter, Elementargeister und Nixen zugeordnet. Das Austrocknen und die Überschwemmung als Katastrophenmodi der Flüsse verbinden die aktuellen ökologischen Debatten mit den Mythologien der Flüsse. Ziel der Mosse Lectures im Sommersemester 2022 ist es, das Nachdenken über die raumstrukturierende Dimension der Flüsse, über ihre geographische, geopolitische, wirtschaftshistorische und ökologische Bedeutung mit ihrer Reflexion als Ressource der Selbstdeutung vormoderner und moderner Gesellschaft zu verbinden.

Terje Tvedt: »The Nile. History’s Greatest River and the confluence of hydropolitics, empire and the postcolonial world«

– Respondenz: Tahini Nadim

Donnerstag, den 19. Mai 2022 | 19.15 Uhr | Senatssaal der HU, Unter den Linden 6 (Berlin) bzw. auch als Livestream über unseren YouTube-Kanal

Terje Tvedt ist Professor für Geographie an der Universität Bergen; Tvedt forscht seit Jahrzehnten zu Themen der globalen Geschichte, darunter insbesondere auch zur (Sozial-)Geschichte des Wassers; Herausgeber der mehrbändigen Reihe »A History of Water« (2006-2016) und Autor zahlreicher Publikationen zum Thema, u.a. »A Journey in the Future of Water (2014), »Der Nil. Fluss der Geschichte« (2021) und »Water and Society« (2021); seine Beiträge wurden in diverse Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet; Tvedt ist zudem Produzent von Dokumentarfilmen, darunter der Dokumentation »A Journey in the History of Water« (1997), welche weltweit Resonanz fand.

Tahani Nadim ist Juniorprofessorin für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, in gemeinsamer Berufung mit dem Berliner Museum für Naturkunde; Nadim beschäftigt sich im Rahmen ihrer ethnographischen Forschung v.a. mit wissenschaftssoziologischen Fragen rund um die Produktion, Sammlung und Verarbeitung naturkundlicher Daten; Gründerin und Leiterin der inoffiziellen Forschungssektion »Bureau for troubles« am Museum für Naturkunde Berlin, wo sie seit 2018 am Aufbau des Forschungsprojektes »Data natures« beteiligt ist.

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Zeit

(Donnerstag) 19:15 - 20:45

HU BerlinUnter den Linden 6