Dezember 2020

Do03Dez19:15Do20:45Mosse-Lecture: Ute FrevertEdler Zorn und Wut im Bauch. Historische Metamorphosen

Details

Mosse-Lectures: „Zorn – Geschichte und Gegenwart eines politischen Affekts“

Der ‚Zorn‘, wie auch ihm verwandte Regungen wie ‚Wut‘, ‚Empörung‘ oder ‚Hass‘, ist in Wort und Tat ein Movens der politischen Auseinandersetzung. Historisch betrachtet handelt es sich um eine von jeher prominente Ausdrucks- und Eskalationsbewegung, die Aufschluss gab über politische Belange. ‚Zorn‘ ist das erste Wort der „Ilias“ und markiert, so gesehen, den Beginn der europäischen Literaturgeschichte. Die Skalierung von Affekt und Leidenschaft ist bis heute Gegenstand der Religionsgeschichte, der Ethnologie und Sozialpsychologie. Vor diesem affektgeschichtlichen Hintergrund wollen die Mosse-Lectures erkunden, was es mit der politischen Verhaltenslehre des thymós auf sich hat. Erst die Moderne hat ein ambivalentes Verhältnis zum Zorn und seiner politischen Wucht hervorgebracht: mit dem Schreckbild des rasenden ‚Mobs‘ und ‚Pöbels‘ einerseits und der gezielten Mobilisierung von Massen andererseits. Aktuell wird der im Kollektiv gesteigerte Affekt des ‚Wutbürgers‘ als Krisensymptom der repräsentativen Demokratie wahrgenommen. Ist die auch im etablierten Bürgertum aufkommende ‚Wut‘ nur eine militante Form des privilegierten Ressentiments, der selbstbezogenen und selbstgerechten Aggression? Ist die ‚Empörung‘ der offensichtlich Subalternen und Unterprivilegierten, wie etwa Stéphane Hessel behauptet hat, eine aufrichtigere und dadurch legitimere Art des Protests und des Widerstands?

Ute Frevert, Berlin: „Edler Zorn und Wut im Bauch. Historische Metamorphosen“
Einführung und Gespräch: Michael Kämper-van den Boogaart

Der Vortrag analysiert die semantischen Verschiebungen von Zorn und Wut, vor allem mit Blick auf das 20. und frühe 21. Jahrhundert. Er fragt nach den sozialen Standorten dieser Gefühle und nach ihrem Verhältnis zur Demokratie. Wer darf sich Zorn – oder Wut – leisten, wer nicht? Welche Wut gilt als akzeptabel und unter welchen historischen Umständen?

Ute Frevert ist Professorin für Geschichte, Sozial- und Geschlechtergeschichte, seit 2008 Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin; zahlreiche Publikationen zur Geschlechterdifferenz und zur Politik und Sozialgeschichte der Gefühle, zuletzt »Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung« [2020], »Kapitalismus. Märkte und Moral« [2019], »Zur Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht« [2017]; 2020 erhielt sie den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Der Vortrag findet im Senatssaal der Humboldt-Universität statt und kann ab Veranstaltungsbeginn als Live-Streaming über unseren YouTube-Kanal verfolgt werden. Zum Streaming geht es hier.

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Zeit

(Donnerstag) 19:15 - 20:45

HU BerlinUnter den Linden 6