New Alphabet School : #Transmitting

Mi01Sep11:35Mi11:35New Alphabet School : #TransmittingMit Mahmoud Al-Shaer (28 magazine), Munir Fasheh, Meena Kandasamy, Adania Shibli u. a.VeranstaltungsartLesung,Vortrag,Workshop

#Transmitting New Alphabet School

Details

Die vergangenen vierzehn Jahre Blockade im Gazastreifen haben nicht verhindert, dass in den verstecktesten Ecken und Nischen versucht wurde, die Auswirkungen der Isolation und der Einengung zu überwinden. Eine dieser Bestrebungen ist das 2013 von einer Gruppe junger Autor*innen gegründete 28 magazine, dessen Name von der Anzahl der Buchstaben des arabischen Alphabets inspiriert ist. Es entstand aus dem Bedürfnis vieler Künstler*innen, Autor*innen und anderer Menschen nach Räumen für ihre literarische und kreative Praxis, die eine neue Sprache und neue Begriffe sucht, Formen des Widerstands schafft und sich mit der Realität auseinandersetzt. Sprache, das arabische Alphabet und seine achtundzwanzig Buchstaben – und ihre Bewegungsfreiheit – haben schon viele Künstler*innen und Autor*innen dazu befähigt, kraft der Imagination Grenzen zu überwinden und, zumindest sprachlich, Verbindungen zu anderen arabischsprachigen Regionen und dem Rest der Welt herzustellen.

Auf der Suche nach neuen Sprachen und Terminologien, nach kontemplativen und kooperativen Räumen sowie Überwindung der in Gaza herrschenden Einschränkungen nutzt das 28 magazine extensiv das Internet. Gerade für junge Menschen wurde der digitale Raum ein Zufluchtsort, um sich frei auszudrücken und mit anderen außerhalb Gazas in Kontakt zu treten.

Mit dieser Ausgabe der New Alphabet School strebt das 28 magazine an, „transmitting“ nicht nur als Form der Übertragung zu denken und diskutieren, sondern auch, um Räume zu entwickeln, die Platz schaffen für neue Sprachen, Begriffe und Werkzeuge, die den Herausforderungen der Realität begegnen.
Auseinandersetzen werden sich die Teilnehmenden mit literarischen, künstlerischen, widerständigen und Freiheits-Praxen, die aus autonomen und kollektiven Erfahrungen entstehen und auf diese bauen, indem sie Vergangenes mit Zukunftsvisionen und Nähe mit Distanz verknüpfen – sowohl in Palästina als auch darüber hinaus. Sie sind zum Mitwirken an einem semi-utopischen Versuch eingeladen, um Inspiration in der Konfrontation mit der Krise der Realität zu finden und dabei neue Interaktionswelten und Engagements, Aufmerksamkeitsformen und Interessen freizulegen.

Kuratiert von Mahmoud Al-Shaer (28 magazine) im Gespräch mit Ibrahim Hannoon und in Zusammenarbeit mit Adania Shibli

Mittwoch, 01.09.

18.30h MESZ (Berlin) / 19.30h OESZ (Rafah)
HKW
Einführung
Von Olga Schubert und Adania Shibli

18.45h MESZ (Berlin) / 19.45h OESZ (Rafah)
HKW
„Mujaawarah/Nachbarschaft“, „Tahaaduth/Konversation“ und „Turba/Erde“, Visionen für Leben und Lernen
Vortrag von Munir Fasheh

Zu den interessantesten Dingen seines Lebens gehören für den Lerntheoretiker Munir Fasheh Arten und Weisen des Lernens, die er unabhängig von der akademischen Welt kennenlernte. Der Mathematik- und Physikdozent wandte sich im Zuge des Krieges von 1967 in Palästina von der universitären Lehre ab. Damals begann er sich für Lernformen zu interessieren, die damit im Einklang stehen, was die arabische Zivilisation womöglich am besten beschreibt: ein Wissen, das sich durch den Austausch verschiedener Kulturen herausbildet. Dieses Wissen überträgt sich nicht in gesammelter Form, sondern entsteht durch soziale Interaktion der Lernenden. Munir Fasheh reflektierte täglich, was er am Vortag gemacht hatte und überlegte, wie seine Erlebnisse Sinn ergeben könnten. Das ist für Fasheh die Grundbedeutung des Lernens, die aber von akademischen Institutionen unterdrückt wird. Zu seiner zentralen Richtschnur wurde die Vision, nicht das Ziel oder die Strategie. Dabei stellen Wörter, in ihrer viralen sowie heilenden Funktion, die Hauptelemente seiner Vision dar – die er in Form einer neuen Dreiheit erklärt. In seinem Vortrag spricht Fasheh über sein Konzept und dessen drei zusammenhängende Komponenten: „Mujaawarah“ (Arabisch für Nachbarschaft als Handlung und Zustand) als ein sozial gewachsenes Element, das für das Entstehen einer Gemeinschaft wesentlich ist, „Wohlbefinden“ als Leitwert, der durch das Handeln nicht verletzt werden darf sowie „die Pflege der Erde“ als Essenz des Lebens.

19.15h MESZ (Berlin) / 20.15h OESZ (Rafah)
HKW
An Palästina denken: „Thaaimann/Mutterland“, „Thaaimozhi/Muttersprache“ und „Thanmaanam/Self-Respect“
Vortrag von Meena Kandasamy

Auf den ersten Blick scheint es für Tamil*innen in Indien nicht viele Gründe zu geben, an Palästina zu denken. Aber vielleicht ist mit dem Aufbegehren um das eigenständige Tamil Eelam in den 1980er Jahren in Sri Lanka der palästinensische Kampf zu einem inspirierenden Beispiel geworden. Meena Kandasamy geht in ihrem Vortrag davon aus, dass sich viele Tamil*innen auf andere Orte der Ausbeutung und Kolonisierung zurückbeziehen, wenn sie Unterdrückung ausgesetzt sind. Kandasamys These zufolge könnte den Tamil*innen das gleiche Schicksal wie den Palästinenser*innen drohen. Sie sieht das nicht nur als Warnung, sondern auch als einen Keim für die Notwendigkeit des Kampfes und in diesem Sinn als eine stille Form der Solidarität.
In ihrem Vortrag beleuchtet die Aktivistin, Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin einige der drängendsten Themen, die Indien und vor allem den Bundesstaat Tamil Nadu unter einer vorwiegend hinduistischen, rechtsnationalen Regierung betreffen. Dabei nimmt sie Parallelen zwischen der Situation von Tamil*innen in Indien und der Palästinenser*innen in den Blick: von der Sprache über die ungerechte Verteilung von Arbeitsplätzen und Land bis zum Kampf gegen versteckten Siedlerkolonialismus und Widerstand. Wie von Indien aus an Palästina denken?

19.45h MESZ (Berlin) / 20.45h OESZ (Rafah)
28 magazine gallery (Rafah)
Vorträge, Präsentationen und musikalische Beiträge
Von Mahmoud Al-Shaer, Maree BashirMajdal NateelShareef SarhanMuhammad Zohud u. a.

20.45h MESZ (Berlin) / 21.45h OESZ (Rafah)
HKW & 28 magazine gallery (Rafah)
Diskussion
Mit Mahmoud Al-Shaer, Maree BashirMunir Fasheh, Meena Kandasamy, Adania Shibli u. a.

Donnerstag, 02.09.

13–16h OESZ (Rafah)
28 magazine gallery, Rafah
Workshop, mit Anmeldung
Offene Sprache
Mit Mohammed Alzaqzouq und Raed Eshneoura

Führt eine offene Welt zu einer offenen Sprache? In welchem Ausmaß reagiert sie auf ihr Umfeld? Wie formt sich das Verhältnis zwischen Individuum und Sprache? Der Workshop untersucht poetische Modelle, die aus der Isolationserfahrung junger Autor*innen in Gaza entstanden sind. Im Unterschied zu früheren Generationen, die eher eine kollektive als eine individuelle palästinensische Erfahrung zum Ausdruck bringen wollten, beziehen sich junge Autor*innen heute kaum noch auf diese literarische Tradition. Als sie zu schreiben begannen mussten sie sich entscheiden – zwischen einem Neuanfang mit einer Sprache, die ihre eigenen Erfahrungen widerspiegelt oder der Wiedergabe einer Sprache aus der Zeit vor ihnen. Der Workshop geht einer neuen Sprache als Möglichkeit nach und untersucht gemeinsam mit den Teilnehmenden die Schnittstelle zwischen linguistischer Tradition und sprachlicher Realität sowie literarische Genres, die über gegebene Formen hinwegfinden müssen, um sowohl die Bedeutung als auch die Vorstellung einer offenen Sprache zu erneuern. Welche neue Sprache kann die eigenen Erfahrungen wiedergeben und wo lässt sie sich aufspüren?

16.00–18.30h MESZ (Berlin) / 17.00–19.30h OESZ (Rafah)
Workshop im HKW, mit Anmeldung
Ver–Missung: Wege nach Jerusalem
Mit Nahed Mansour und Maiada Aboud

Millionen arabischsprachiger Menschen, vor allem junge Menschen in Gaza, sehnen sich nach Jerusalem. Eine paradoxe Situation; die Stadt ist so nah und für sie trotzdem unerreichbar. Der Workshop entwirft eine virtuelle Plattform möglicher Visionen zur Überwindung von politischen und geografischen Grenzen – durch geteilte Vorstellungen, zerstörte Mauern und private oder kollektive Erinnerungen. Die Teilnehmenden bringen einen Text, einen Clip, eine Videoaufnahme oder ein Gedicht mit, um von ihren tatsächlichen oder fiktiven Wegen nach Jerusalem zu erzählen. Das gesammelte Material macht eine fiktive Landkarte der persönlichen Wege der Bürger*innen Gazas sichtbar. Inwiefern können virtuelle Realitäten und Fiktion dabei helfen, Interaktion zwischen den palästinensischen Gebieten und darüber hinaus zu verbessern? Können sie im Angesicht der gegenwärtigen politischen Barrieren ein Instrument für einen beharrlichen Widerstand sein?
Zur Diskussion steht die Frage, wie Sehnsüchte und Erreichbarkeit vermittelt werden können. Die Performancekünstlerin Maiada Aboud stellt palästinensische feministische Künstler*innen wie Rana Bishara, Larissa Sansour und Raeda Saadeh vor, die in ihren Arbeiten die Verbindung von imaginären Räumen, politischer Identität und Zugehörigkeit erforschen.

Freitag, 03.09.

12–15h MESZ (Berlin) / 13–16h OESZ (Rafah)
Workshop im HKW und online, mit Anmeldung
Welten mit Worten transportieren: Lyrik als Topos von Transfer, Transformation und Trennung
Mit Louis M. BergerTomás Cohen und Jacob Veidt
Gast: Ghayath Almadhoun

Vorab-Online-Workshops:
Freitag, 20.08. 12–15h MESZ (Berlin) / 13–16h OESZ (Rafah)
Freitag, 27.08. 12–15h MESZ (Berlin) / 13–16h OESZ (Rafah)

Der Begriff der Übermittlung („transmission“) meint sowohl im technischen als auch im kulturellen und zwischenmenschlichen Sinn verschiedene Übertragungsweisen, Übersetzungen und Interaktionen, die den Austausch zwischen Individuen mit unterschiedlichen Hintergründen und Aufenthaltsorten möglich machen. Dieser Austausch hat jedoch immer auch Grenzen. Das Sich-Verstehen ist ein von Missverständnissen geprägter Prozess. Während die Kommunikation quer über den Globus technisch gesehen noch nie so einfach wie heute ist, sind die Differenzen zwischen den Lebensrealitäten nur bedingt zu vermitteln. Trotzdem überwiegt der Wunsch, sich verstehen zu können und Unmöglichkeiten zu überwinden, sei es durch Freundschaft, intellektuellen Austausch, Kunst, Empathie oder Solidarität. In drei Online-Sitzungen diskutiert der Workshop Transfers und ihre Formen – sowohl in persönlichen Erfahrungen als auch in akademischen und künstlerischen Praxen. Neben bedeutenden Werken interdisziplinärer Forschung wird die Übertragung, als Metapher und technischer Begriff, Ausgangspunkt der zwei Online-Sitzungen sein. Online-Workshop 1 wird sich mit den Unmöglichkeiten und Online-Workshop 2 mit den Möglichkeiten von Übertragungen befassen. Quellen werden theoretische, vor allem aber zeitgenössische und historische lyrische Texte sein. Im Rahmen der letzten Sitzung (Online-Workshop 3) findet eine Lesung des Dichters Ghayath Almadhoun statt, gefolgt von einem gemeinsamen Gespräch über seine Arbeit.

16–20h MESZ (Berlin) / 17–21h OESZ (Rafah)
Workshop im HKW, mit Anmeldung
Klang und Zeugenschaft
Mit Carolina Mendonça und Esther Poppe

Die Stimme – das ursprüngliche Übertragungsmedium – steht für eine faszinierende Instabilität zwischen Innen und Außen, Materialität und Immaterialität, Körper und Körperlosigkeit. Die Stimme und ihr Potenzial als politisches Instrument stehen im Zentrum des Workshops. Es geht um eine Erkundung und Erprobung der Scores der Klangmeditationen Pauline Oliveros’, des Klanges als Vibration, und um die Frage, wie man sich auf die Stimme der anderen einlässt. Mit dem Einsatz der Stimme(n) wird die Bedeutung von Übertragung als erfolgreiche Kommunikation einer Bedeutung oder Mitteilung durch eine brüchigere und fragilere Auffassung von Übertragung ersetzt: die Verkörperung von Tönen, von Energie, Dichte, Temperatur und Reiz. Der Workshop verfolgt eine Neubewertung des Körperlichen, um auf Gewissheiten zu verzichten und alternative Narrativen hörbar zu machen.
Aus verschiedenen Elementen, Fragmenten und Texten (unter anderem von Brandon LaBelle, Georges Perec, Noor Abuarafeh, Bhanu Kapil, Moyra Davey) entwickeln die Teilnehmenden gemeinsam intertextuelle Kompendien und Collagen über das Lesen, den Klang und den Raum.

Samstag, 04.09.

8–16h OESZ (Rafah)
Unterschiedliche Orte in Rafah
Workshop, mit Anmeldung
„Mujaawarah“ als Ausbildung zur Freiheit
Mit Maree Bashir

„Mujaawarah“ steht für die Nachbarschaft als Handlung und Zustand. Als Reaktion auf die fatalen (bildungs)politischen Zustände in Gaza haben sich Familien und Nachbarschaften, Freund*innen, Partner*innen und Kolleg*innen zu selbstorganisierten Lerngruppen zusammengeschlossen. Diese „mujaawaraat“ („mujaawarah“ im Singular) finden sich spontan und unabhängig und ohne Vorschriften von äußeren Strukturen zusammen. Weil sie zugleich Zuhause und Schule sind, werden sie zu Räumen für lebenslanges Lernen. Wer sich an den mujaawarah beteiligt, entscheidet sich für einen Lebens- und Arbeitsraum, in dessen Mittelpunkt der Dialog, soziale Kontakte, das Lernen und die solidarische Gegenseitigkeit stehen.
Die Teilnehmenden des Workshops setzen sich mit den mujaawaraat als Konzept und Aktionen struktureller Befreiung, als Orte der Zuflucht und als autonome, gemeinschaftliche Lernmodelle auseinander. Gemeinsam mit Beitragenden, die bereits eigene soziale oder kulturelle Initiativen ins Leben gerufen oder damit hoffnungsvolle Erfahrungen gemacht haben, entwerfen die Teilnehmer*innen des Workshops eigene mujaawaraat und beraten mit den Gemeinschaften vor Ort etwa beim gemeinsamen Kochen darüber, inwiefern solche Handlungen soziale Netzwerke heranbilden und neue Horizonte entfalten können.

Für die Veranstaltung im HKW gilt aktuell die Getestet-Geimpft-Genesen-Regelung (GGG).
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Die gesamte Veranstaltung findet hybrid statt: live vor Ort im HKW sowie in Rafah. Beiträge vom jeweils anderen Ort werden per Video gezeigt. Online lässt sich die komplette Veranstaltung im Livestream verfolgen.

Auf Englisch und Arabisch mit Übersetzung

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Haus der Kulturen der WeltJohn-Foster-Dulles-Allee 10, Berlin