Februar 2020

Di04Feb20:00Real Talk: The Oblivious TongueDiaspora, Poetry, and Transnational Expression

Details

Diskurs
In englischer Sprache

Ich komme aus
keinem Mutterleib.
Ich komme aus
keinem Mutterland.

Meine Zunge kennt keine
einzige Muttersprache.
Mutterlos; habe keine
Ursache zu streben.

Ich habe tausend Welten und eine.
Ich sehne mich noch nach
einer mehr.

Ich will die eine,
die zwischen deinen
goldenen Ohren liegt.

(Integrationswillig von Sam Zamrik)

Dieser Real Talk beschäftigt sich mit Identitäts- und Sprachverlust und mit dem aktiven Streben nach einem Ausdruck durch Poesie, das ihm entgegenarbeitet.

Wir gehen aus von dem Phänomen der Entfremdung. Entfremdung – im sozialen, rechtlichen und literarischen Sinne – prägt die gesamte Moderne und drängt sich heute zunehmend auf, in den Lebensumständen eines wachsenden Teils der Weltbevölkerung. Die nicht mehr abreißende Kette von Revolutionen, die weltweiten Flüchtlingskrisen, die Destabilisierung und Dysfunktionalität internationaler Politik – all das zeigt die Auswirkungen der Entfremdung auf immer mehr Menschen. Ausschluss, Marginalisierung, eine exklusive, nur wenigen nützende Politik haben seit dem 2. Weltkrieg vermehrt Populationen geschaffen, die in eine Klasse der Außenseiter*innen und Dissident*innen eingehen. Die Paria sucht nach Vehikeln, um ihrem Hadern und ihrem Widerspruch gegenüber dem Status quo Ausdruck zu verleihen.

Das Thema der Veranstaltung geht zurück auf eine Reihe interdisziplinärer Diskussionsrunden im Rahmen von Lehrveranstaltungen am Bard College Berlin, wo eine heterogene Student*innenschaft ihre Position in Geschichte und Gesellschaft reflektiert. Sam Zamrik, Student am Bard College Berlin, nahm sich die Lyrik von Gibran Khalil Gibran, Christina Rossetti und Erich Fried sowie die Lyrik der deutschen Romantik und der englischen Dekadenzbewegungen vor, und fand in ihr den roten Faden der Entfremdung ebenso wie Methoden des idealistischen Kampfes gegen sie.

In seiner demnächst erscheinenden Gedichtsammlung Sophistry of Survival (kurz: SOS) bezieht er Spielarten der Entfremdung auf Themen wie Religion, Krankheit, Diaspora, „Integration“, im Versuch, Marginalisierung und das Bedürfnis nach Identität in Einklang zu bringen, in einer limerick-artigen Poesie. Diese Poesie wird zur Aufführung gelangen, ergänzt um eine Panel-Diskussion, die transnationalen, transhistorischen Lesarten und Produktionen von Lyriken der Entfremdung und „vergesslichen Zungen“ auf den Grund geht, an der Schnittstelle zwischen Disziplin und Erfahrung.

Real Talk ist eine neue Reihe im Grünen Salon, die den politischen Diskurs von jungen, widerständigen, demokratisch-freiheitlich gesinnten Diasporas des Mittleren Ostens in Berlin sichtbar und diskutierbar macht. Es geht um die transnationalen Wirklichkeiten und Kämpfe zwischen dem „hier“ und dem „dort“, dem “damals” und dem “jetzt”, die der Nationalismus auszuradieren sucht und die sich in den Diasporas zeigen. Die Serie gibt syrischen, afghanischen, irakischen und anderen Intellektuellen und Künstler*innen eine Plattform, um politische Themen gemeinsam mit Expert*innen in unterschiedlichen diskursiven und/oder künstlerischen Formaten zu diskutieren.

Die Serie ist eine Kooperation zwischen dem Bard College Berlin, der Volksbühne Berlin und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Vorträge, Kurzfilme, Paneldiskussionen und Performances werden die Abende prägen. Der Überlebenskampf der Zivilgesellschaften im Nahen Osten, die Rückgewinnung politischer Handlungsfähigkeit, die in den Gefängnissen Verschwundenen, die politische Dimension des (Post-)Traumatischen, die Erfahrung von Staatenlosigkeit, das Schicksal der Frauen in der Revolution – diese und andere, Diaspora und Welt verbindende Themen werden zur Diskussion stehen.

Mehr anzeigen

VolksbĂĽhne BerlinLinienstraĂźe 227, 10178 Berlin