September 2021

Do23Sep11:00Do19:00Recht auf ÖffentlichkeitArbeit mit TV-Archiven

Details

Seit mehr als 50 Jahren produzieren und koproduzieren öffentlich-rechtliche Sender Kinofilme und kaufen diese an. Sie initiieren Sendungen und beauftragen freie Autor*innen und Filmemacher*innen. Der unschätzbare Fundus, der dadurch entstanden ist, verdankt sich dem Enthusiasmus einzelner Redakteur*innen und Redaktionen, aber auch dem gesetzlich verankerten Bildungsauftrag der Sender. Von Beginn an bestand dabei ein Spannungsverhältnis zwischen der öffentlich-rechtlichen Finanzierung der Sender und der eingeschränkten Öffentlichkeit der produzierten und erworbenen Beiträge, die nach der Ausstrahlung im Archiv verschwanden und heute kommerziell ausgewertet werden. In einem ganztägigen Symposium am 23. September widmen wir uns in drei Panel-Runden der Möglichkeit, aus den Archiven der TV-Sender „Living Archives“ zu machen, deren Bestände für die Forschung und kulturelle Bildung zur Verfügung stehen. Am Beispiel der Filmemacher*innen Navina Sundaram, Harun Farocki und Sohrab Shahid Saless, die vor allem mit NDR, WDR und ZDF eng zusammengearbeitet haben, sollen konkrete Modelle entwickelt werden, gemeinsam mit den Sendern und anderen gesellschaftlichen Akteur*innen den Zugang und die Öffentlichkeit der öffentlich-rechtlichen Archivbestände und damit die Vergegenwärtigung von Filmgeschichte zu sichern.

Begleitend widmen wir in der zweiten Septemberhälfte das arsenal-3-Programm (www.arsenal-3-berlin.de) dem Symposium: Der im Auftrag vom WDR produzierte Film ZUR ANSICHT: PETER WEISS (BRD 1979) von Harun Farocki, sowie ZUR ANSICHT: PETER WEISS. DREHARBEITEN IN STOCKHOLM, nicht verwendetes Material desselben Films aus dem Archiv des Harun Farocki Institut,  ORDNUNG (BRD 1980) von Sohrab Shahid Saless, der unter Senderbeteiligung des ZDF entstand, und als Ausblick auf die 2021 erscheinende Werkbiografie „Welt-Spiegel“ über die NDR-Journalistin Navina Sundaram ein Beitrag für das Panorama: „Ehe mit Ausländern: Panorama vom 13.4.1982“.

Das Symposium findet mit Unterstützung des Goethe-Instituts statt. Eine Veranstaltung von „Archive außer sich“, ein Projekt des Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. im Rahmen einer Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und der Pina Bausch Foundation, Teil des HKW-Projekts „Das Neue Alphabet“, gefördert von der Beauftragten für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Projektpartner sind die Kurzfilmtage Oberhausen, die Film – Feld – Forschung gGmbH, das Harun Farocki Institut, SAVVY Contemporary, die Filmproduktion pong GmbH sowie der Masterstudiengang „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“ der Goethe-Universität Frankfurt.

Programm

Mi 23.9.2020, 11–20h im silent green Kulturquartier, Kuppelhalle, Gerichtstraße 35, 13347 Berlin-Wedding

Der Eintritt ist frei. Die Veranstaltung findet auf Deutsch statt. Sie wird live auf der Projekt-Webseite von „Archive außer sich“ übertragen sowie nachträglich bereitgestellt (www.archive-ausser-sich.de).
Aufgrund der geltenden Hygienebestimmungen ist die Anzahl der Sitzplätze begrenzt. Wir bitten daher um eine Anmeldung bis zum 21. September unter der Adresse archive(at)arsenal-berlin.de.

11–12 Uhr Willkommensrede von Stefanie Schulte Strathaus und Keynote Speech von Matthias Dell

12–13.30 Uhr „Eine brauchbare Bibliothek aus Bildern“
„Wenn man im Fernsehen eine Kritik macht, hat man Archiv und Schneidetisch zur Verfügung, die dem schreibenden Kritiker meistens fehlen. Man kann Material wieder und wieder sehen, und man kann damit die Geschichte der Bilder ans Licht holen“, schreibt Harun Farocki 1973. „Die Geschichte der Bilder“ – das ist auch die Geschichte der Bilder, die Farocki selbst gemacht hat und die oft für das Fernsehen entstanden.
Die umfassende Sicherung der Fernsehfilme und TV-Sendungen Harun Farockis wurde durch eine enge Kooperation zwischen unterschiedlichen Akteuren möglich. Die co-produzierenden Sender – vor allem der WDR, aber auch andere Dritte Programme sowie 3sat – ermöglichten die Lizensierung von Farockis Arbeiten durch das Goethe-Institut. So gelang es, die im Kontext der öffentlich-rechtlichen Medien produzierten Filme fast lückenlos in den TV-Archiven zu recherchieren, sie in hoher Auflösung zu digitalisieren, und in vielen Fällen zu restaurieren und zu untertiteln. Auf diese Weise sind der Verleih und Zugang ebenso wie die Langzeitarchivierung des Ausgangsmaterials dauerhaft gewährleistet. Das Projekt begann schon zu Farockis Lebzeiten und wurde nach seinem Tod von Antje Ehmann gemeinsam mit der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst und der Firma FILM SHIFT von Farockis engem Mitarbeiter Matthias Rajmann fortgesetzt.

Im Gespräch zwischen Antje Ehmann (Harun Farocki GbR), Detlef Gericke, dem langjährigen Koordinator des Bereichs Film, Fernsehen, Hörfunk des Goethe-Instituts, sowie Wilfried Reichart, dem Leiter der Filmredaktion des WDR von 1980 bis 2004, sollen die Chancen und Möglichkeiten diskutiert werden, die sich aus dieser Kooperation ableiten lassen.

Moderation: Prof. Dr. Volker Pantenburg (FU Berlin, Harun Farocki Institut)

15–16.30 Uhr „Ein neues Archiv“
Sohrab Shahid Saless ging in den 1970er Jahren aus dem Iran in die BRD, um freier als in seiner Heimat Filme machen zu können. Den Schwierigkeiten mit der Filmförderung damals entsprechen die Schwierigkeiten des Zugangs, mit denen sein filmisches Erbe heute konfrontiert ist. Saless’ zwölf in Deutschland produzierten Spielfilme wurden erst durch die Finanzierung von Fernsehsendern umsetzbar. Deshalb liegt heute das meiste Filmmaterial in Fernseharchiven, dessen Herausgabe mit hohen Kosten verbunden ist und nicht in Kino-Vorführqualität herausgegeben wird. Zu Lebzeiten schon begrenzt durch ein Filmfördersystem, das deutsche Produktionen einem migrantischen Regisseur, der deutsche Verhältnisse inszenierte, vorzog, und einer Filmgeschichtschreibung, die solche transnationalen Filmografien innerhalb des Neuen Deutschen Films bis heute ungenügend abgebildet hat, findet ein erneuter Ausschluss durch die Archivpolitik der Fernsehsender statt. Gibt es Wege, Filmmaterial aus den Sendern in neue Archive zu überführen, um die Zugänglichkeit zu gewährleisten?

Im Gespräch mit Reza Haeri (Kurator der Teheraner Retrospektive zu den BRD-Produktionen von Saless), René Ruppert (Lizenzmanagement Provobis/Tellux-Film), Frieder Schlaich (Filmproduzent, Filmgalerie 451) und Marc-André Schmachtel (Referent für audiovisuelle Medien, Goethe-Institut) soll transparent werden, welche unterschiedlichen Interessen das Werk Saless verbindet. Dabei stellt sich die Frage, welche Schnittmengen es trotz Heterogenität zwischen den Akteur*innen gibt, die oftmals neben Senderauftrag, Rechtslage und cinephilen Gelüsten übersehen werden.

Moderation: Vivien Buchhorn (Filmwissenschaftlerin, Kuratorin)

16.45–18.15 Uhr „Fenster zur Welt“
Navina Sundaram kam 1964 aus Neu-Delhi nach Hamburg. Für den NDR war sie jahrzehntelang als Reporterin, Moderatorin und Redakteurin im In- und Ausland unterwegs, um das politische Zeitgeschehen zu dokumentieren. Das Online-Archiv „Welt-Spiegel“ hat sich zum Ziel gesetzt, Sundarams Gesamtwerk, in dem sich journalistische Positionen ihrer Zeit, Migrations-, Mediengeschichte, Kalter Krieg, Klassenfrage und Feminismus miteinander verschränken, aus bisher verschlossenen TV-Beständen zu holen und einer breiten Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen.
In Zeiten, in denen Forderungen nach digitalem Lernen und der Diversität von Lerninhalten beinahe täglich an Bedeutung gewinnen, möchten wir gemeinsam mit Nanna Heidenreich, Professorin für Transkulturelle Studien, Vertretern der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und von Wikimedia Deutschland die demokratischen Utopien des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in den 1970er und 1980er Jahren und des Internet in den 1990er und 2000er Jahren aufgreifen und in die politische und kulturelle Debatte um den Zugang zu Archiven von heute einbringen. Es wird von verschwundenen Sendemitschnitten und globalen, durchkommerzialisierten Rechteketten zu berichten sein, aber auch von (Archiv-)Türen, die sich nach und nach zu öffnen beginnen.
Die Bundeszentrale für politische Bildung fördert politische Partizipation und versteht sich als Schnittstelle zwischen Bürger*innen mit Interesse an Politik und politischer Meinungsbildung und Institutionen mit staatlichem Bildungsauftrag. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darauf, die Repräsentation von Migrant*innen in den Medien, die Diversität innerhalb der Redaktionen sowie die Mediennutzung von Menschen mit Migrationshintergrund zu thematisieren und zu fördern.
Wikimedia Deutschland schließlich setzt sich mit der Kampagne „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!“ dafür ein, dass durch öffentliche Gelder finanzierte Beiträge dauerhaft der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden – mit ersten großen Erfolgen im Bereich beitragsfinanzierter Bildungsinhalte. Gemeinsam wollen wir den Blick auf eine Zukunft richten, in der der Zugang zu freiem Wissen und demokratischem Kulturgut kostenlos und möglich ist.

Mit: Thorsten Schilling (Leiter Fachbereich Multimedia, bpb), Bernd Fiedler (Wikimedia Deutschland), Merle Kröger (Online-Archiv Welt-Spiegel / pong film)
Moderation: Prof. Dr. Nanna Heidenreich (Medienkulturwissenschaftlerin, Kuratorin)

18.30–20 Uhr Abschlussdiskussion

Mit: Madeleine Bernstorff (Kulturproduzentin, Filmkuratorin, Autorin) und Dr. Paul Klimpel (Jurist)

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Zeit

(Donnerstag) 11:00 - 19:00

Silent GreenGerichtstraße 35, 13347 Berlin