Januar 2020

Mi29Jan16:15Mi17:45Ringvorlesung Knigge – Über den Umgang mit MenschenUlrike Schneider: Galanterie. Zu Geschichte und Aktualität eines Ideals der Geselligkeit zwischen den Geschlechtern

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Über den Umgang mit Menschen ist der Titel eines Buches, das heute kaum noch Leser*innen zu finden scheint, dessen Verfasser aber nachgerade zu einer Marke geworden ist: Der Name des Freiherrn Knigge steht als Chiffre für gutes Benehmen, für tadellose Manieren – kurz: für das Beherrschen der gesellschaftlichen Codes, nicht zuletzt mit Blick auf ein berufliches und gesellschaftliches Fortkommen. Wer allerdings in seinem Buch nach einem Crashkurs in guter Kinderstube oder gar urbaner Eleganz sucht, wird enttäuscht. Anders als moderne Ableger wie www.knigge.de bietet Knigge alles andere als „Manieren per Mausklick“. Der Text ist vielmehr eine Anleitung zur Selbsterziehung: der Bürger möge sich selbst zu einem angenehmen Gesellschafter und zu einer redlichen, aufrichtigen Person erziehen. So verstanden, empfiehlt uns Knigge gerade nicht, wie man am leichtesten in der Gesellschaft aufsteigt und welche Tricks diesen Aufstieg erleichtern. Statt eines Regelkatalogs findet sich in Über den Umgang mit Menschen der aufklärerische Aufruf zur Eigenverantwortlichkeit, und damit zu einer neuen Form gesellschaftlicher Selbstbestim­mung und Freiheit.

Was bedeutet das heute? Ausgehend von Knigges Betrachtungen von 1788 soll in der Vorlesung ergründet werden, was in unterschiedlichen historischen und kulturellen Kon­texten als ein guter Umgang miteinander gesehen wurde und wie sich darüber hinaus Kategorien wie ‚der gute Ton‘, ‚Höflichkeit‘ oder ‚Anstand‘ für die Gegenwart fruchtbar bestimmen lassen. Nicht zuletzt soll Knigges Rezeptionsschicksal, das ihn zum Synonym für starre Benimmregeln hat werden lassen, einer kritischen Revision unterzogen werden. Dabei sollen literarische Vermittlungen ebenso eine Rolle spielen wie aktuelle Debatten etwa um geschlechter­gerechte Sprache, die Streit- und Kommentarkultur der Sozialen Medien, sprachliche und gesellschaftliche Repräsentation und deren politische Implikationen sowie die diskursiven und sozialen Mechanismen von Inklusion und Distinktion im sozialen Umgang.

Die Ringvorlesung ist Teil des Projekts #kniggegehtum, mit dem das Dahlem Humanities Center bei dem bundesweit ausgeschriebenen Wettbewerb „Eine Uni – Ein Buch“ des Stifterverbands und der Klaus Tschira Stiftung erfolgreich war. Die Auseinandersetzung mit Knigges Text an der Freien Universität wird hauptsächlich drei Formate beinhalten, die miteinander verknüpft sind. Den Auftakt bildete die Lange Nacht der Wissenschaften am 15. Juni 2019, der Tag der offenen Tür der Berliner Hochschulen, bei der Knigge und seine Aktualität mit Vorträgen, Lesungen, einer Videoinstallation und Mitmachaktionen einer breiten Öffentlichkeit näher gebracht wurde. Die Ringvorlesung im Rahmen des Offenen Hörsaals im WS 2019/20 wird dann wissenschaftliche Reflexion und öffentliche Diskussion verbinden. Und schließlich wird die Social Media-Aktion #kniggegehtum auf Twitter, Instagram und Facebook das Thema das akademische Jahr hindurch präsent halten.

Konzeption: Dahlem Humanities Center, Prof. Dr. Anita Traninger, Simon Godart

Veranstaltungsort: Hörsaal 1B, Freie Universität Berlin, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin

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Freie Universität BerlinHabelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin