Tilo Renz

Do22Jun18:15Do19:45Tilo RenzAlexander in Utopia? Zur idealen Gemeinschaft der Gymnosophisten im mittelalterlichen AlexanderromanVeranstaltungsartVortrag

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Vortrag von PD Dr. Tilo Renz, Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät, Institut für deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin. Der Vortrag findet im Rahmen der Ringvorlesung “Unterseeboote, Flugmaschinen und nackte Philosophen: Das Nachleben Alexanders des Großen zwischen Macht und Märchen” statt und ist Teil des Programmes des Offenen Hörsaals der Freien Universität Berlin, Sommersemester 2023.

Kaum eine historische Figur hat die Phantasie so sehr angeregt wie Alexander der Große. Über Epochen und Kontinente hinweg tritt er uns in immer neuer Gestalt entgegen, nicht nur als Eroberer, sondern auch als Forscher, Entdecker und Magier, der Flugmaschinen baute und Unterseeboote konstruierte. Von Anfang an umrankten ihn geradezu märchenhafte Legenden, die spätestens ab dem 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als der sogenannte “Alexanderroman” entstand, ein veritables Eigenleben führten. Von seiner Entstehung bis ins 16. Jahrhundert gehörte dieser Roman zu den weltweit meistgelesenen Erzähltexten. Er wurde unter anderem ins Lateinische, Koptische, Syrische, Arabische, Armenische, Hebräische, Persische und fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Gerade die märchenhaften Züge, die der makedonische Herrscher in Mittelalter und Früher Neuzeit annahm, trugen zu seiner anhaltenden Beliebtheit bei und machten es möglich, dass sich immer wieder ganz neue Deutungen und Perspektiven an den Bestand der Legenden anlagerten. In Indonesien beispielsweise wandelte sich der griechische Held zum legendären Vorkämpfer des Islam. Doch auch jenseits der Tradition des Alexanderromans lebte Alexander fort und beanspruchte einen hybriden Raum zwischen Fiktion und Geschichtsschreibung. Er taucht im Koran auf und spielt eine wichtige Rolle im persischen Shahnameh, dem “Buch der Könige”. Kaiser, Könige und Päpste nannten sich nach ihm und sogar der Name Alexander selbst machte erstaunliche Wandlungen durch, vom arabischpersischen “Iskander” bis zum gälisch-schottischen “Alastair”.

Diese Ringvorlesung setzt sich mit der verwirrenden Vielfalt kultureller Aneignungen Alexanders auseinander. Wir wollen anhand ausgewählter Beispiele aus verschiedenen Kulturen, Epochen, Sprachen sowie literarischen und künstlerischen Gattungen untersuchen, wie uns die historische Gestalt Alexanders von Makedonien in immer neuen Formen entgegentritt, welchen kulturellen und literarischen Deutungen sie unterworfen wird, wie sich mit ihr Träume von Expansion und Größe entfalten, aber auch, welches kritische Potenzial sie birgt. Denn schon früh gab es auch das: Die Kritik an Macht und Expansion, die sich an die Figur des Herrschers knüpfte. So etwa, wenn der in einer Tonne lebende Philosoph Diogenes dem Makedonen nichts anderes zu sagen hat als: “Geh mir aus der Sonne”.

Gerade weil in Alexander über mehr als 2000 Jahre hinweg Historisches und Märchenhaftes eine unauflösliche Verbindung eingingen, bietet er uns einen einmaligen, kaleidoskopartigen Blick darauf, wie sich Mythenbildung und politische Propaganda, künstlerische Überformung und ideologische Inanspruchnahme in immer neuen Konstellationen und in fast unübertroffener Vielfalt miteinander verbinden.

Hörsaal 2
Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin

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Zeit

22. Juni 2023 18:15 - 19:45(GMT+02:00)

Freie Universität Berlin

Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin

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