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Ein eigenartiges Buch hat David Wagner da geschrieben, einen Roman mit dem Titel Romania (Verbrecher Verlag) über das Romane-Schreiben…

Eine Empfehlung von Ana Maria-Schlupp

Doch die Manie, einen Roman zu schreiben, bleibt nicht alleiniges Thema, ebenso wenig Rumänien, das zum Handlungsort wird. Es geht um wichtige, um große Dinge: Einsamkeit, Trennung, Schmerz, um ein Kind und um die Ungewissheit. Leicht kommen sie daher, diese großen Themen, spielerisch, melancholisch, schlicht.

Romania
© Verbrecher Verlag

Der Protagonist, ein junger Mann aus Berlin, geht in den ersten Jahren des Postsozialismus, finanziert durch ein Künstlerstipendium, nach Bukarest und trifft dort eine etwas ältere ‚Austauschdichterin’, in die er sich kindlich verliebt. Dabei verzehrt er sich ebenso kindlich nach seiner kleinen Tochter, die er für einige Wochen verlässt, auch um über die Trennung von deren Mutter hinwegzukommen. So wird deutlich, dass in den großen Dingen, in der Liebe, im Schmerz, eine kindliche Verzagtheit überdauert, die auch dann nicht verschwindet, wenn man eigentlich der ‚Erwachsene’ in der Geschichte ist.

Das Buch kommt in Form von Tagebucheinträgen daher, es enthält Beobachtungen und Erlebnisse in diesem fremden Land, durch das der Protagonist meist von einer Gruppe rumänischer Dichterinnen und Dichtergattinnen geführt wird. Dabei erweist er sich als bemerkenswert schlechter Interpret seines eigenen Innenlebens und zugleich als bemerkenswert guter Beobachter des postsozialistischen Rumänien, das in diesen Tagen dem Konsum verfällt, der Popkultur, SUVs, Sex and the City, MTV, KFC, den Leuchtreklamen. Noch haben diese Boten des Turbokapitalismus nicht alles verdrängt, die Pferdewagen, die struppigen Hunde, die gehäkelten, „goldgewirkten Kosmetiktuch-Überpuschelungen” und die Erinnerungen an die Gewalt. Aber bald…

Rumänien
© Ana-Maria Schlupp

Forciert mutet einzig der kontinuierliche Vergleich des Gesehenen mit Mexiko, Kalifornien, England, Wien oder Berlin an, mit Orten, die sich alle auf nicht weiter ausgeführte Weise mit Frauennamen verbinden, sodass die vermeintliche Bedeutung der noch frischen Trennung manchmal schwer nachvollziehbar erscheint. Vielleicht aber sollen all diese Orte auch nur die Kluft zwischen dem westlichen und dem rumänischen Leben verdeutlichen, denn zwischen ihnen liegen Welten – damit aber auch die Möglichkeit, andere Welten zu sehen. Die Feststellung, „zu verreisen ist viel besser als sich umzubringen”, gewinnt so gesehen eine ganz neue Bedeutung, da sie – mehr als nur eine witzige Formulierung – zum Ausdruck eines unterschätzten Privilegs wird.

Ein eigenartiges Buch hat David Wagner da geschrieben: Auf knappem Raum deutet es Vieles an und lässt Vieles offen, sprachlich unprätentiös und lakonisch. Es besticht.