Vom Userchen und der Flexibilität der deutschen Sprache

Die Kritik an gendergerechter Schreibweise stützt sich häufig auf das Argument der „Sprachbewahrung“. Dabei ist Sprache immer ein flexibles System gewesen, und das kann man feiern. Ein Plädoyer

Von Anja Ketterl und Nina Tolksdorf

Was in vielen Bereichen mittlerweile selbstverständlich ist, wird in anderen vehement abgelehnt: die sogenannte Genderisierung der Sprache. Die Kritik am gendergerechten Sprechen wird dabei zunehmend bissiger und ist nicht selten herablassend. Hinzu kommt, dass etliche dieser Stimmen meinen, Genderisierung als solche sei zwar irgendwie wichtig und richtig, nerve aber dort gehörig, wo die Sprache unnötig verkompliziert wird, etwa weil von Studenten und Studentinnen, von StudentInnen, Student*innen, Student_innen oder Studierenden – statt von Studenten – die Rede ist. Das klingt fast so, als sei das, worum es (uns) geht, nämlich das Sichtbarmachen aller Geschlechter, unabhängig von Sprache denk- und machbar.
Weil in jüngster Zeit wieder sprachwissenschaftliche Argumente mobilisiert werden, um gegen die Genderisierung vorzugehen (z.B. von Peter Eisenberg oder Peter von Becker), stimmen wir als Literaturwissenschaftler*innen kräftig dagegen und machen einen anderen Vorschlag: Warum nicht die Flexibilität der Sprache feiern, statt sie starr und unbeweglich zu machen? Denn gerade darin liegt doch ihre Faszination.

Das Hauptargument der Sprachbewahrenden – so nennen wir jene, die Veränderungen an der deutschen Sprache ablehnen – gegen ein gendergerechtes Sprechen lautet, dass das generische Maskulinum im Deutschen nicht auf das biologische Geschlecht der bezeichneten Personengruppe referiere. Aus diesem Grund, so das Argument weiter, seien Frauen im generischen Maskulinum auch nicht „mitgemeint”, sondern – genauso wie Männer – gar nicht gemeint. Und eben deshalb sei gendersensibles Sprechen – die Vermischung von grammatischem und biologischem Geschlecht – nicht nur überflüssig, sondern eine „Manipulation des Sprachgebrauchs”.

Klingt plausibel. Aber natürlich gibt es eine Parallele zwischen dem grammatischen Geschlecht und der Bezeichnung etwa von Professionen. Wenn sie vielleicht auch nicht grammatisch begründet ist, so ist sie doch historisch gewachsen. Wir wissen doch, dass Frauen die im generischen Maskulinum angezeigten Berufe zumeist überhaupt nicht ausüben konnten. Was nützt es also, dass die Generika „der Politiker”, „der Arzt” oder „der Professor” unabhängig vom biologischen Geschlecht operieren, wenn diese Berufe de facto immer von Männern* ausgeübt wurden? Und dort, wo Frauen diese Berufe ausgeübt haben, wurden sie – auch aufgrund der Verwendung des generischen Maskulinums – nicht rezipiert, sie wurden und werden schlichtweg nicht gesehen/gelesen/gehört. Umgekehrt kann man sich fragen, warum Berufsbezeichnungen wie „die Hebamme”, „die Schwester”, „die Nonne” nicht im generischen Maskulinum stehen: weil es sich hier um weiblich kodierte Berufe handelt, um Berufe, die von Frauen* ausgeübt wurden. Warum ist der Krankenpfleger nicht die Schwester? Sicherlich hat das auch etwas mit der Säkularisierung des Berufes zu tun, aber lässt sich daraus folgern, dass alle Schwestern*, denen man immer noch in Krankenhäusern begegnet, gläubige Christinnen* sind? Und wen wundert es, dass im Krankenpfleger ein wunderbares generisches Maskulinum gefunden wurde, mit dem auch Männer* diesen Beruf ausüben können?

Nina Tolksdorf Anja Ketterl
© wikimedia commons

Die Kritik am gendersensiblen Sprechen betrifft auch den Umgang mit Anglizismen. Erst jüngst war von Peter von Becker zu lesen, dass die Feminisierung von Anglizismen besonders absurd sei. Sein Beispiel: „die Userin”. Dabei ist dieser Anglizismus ein wunderbares Beispiel für das, was man im Englischen so schön default, unschön übersetzt, den „Standard” oder die „Standardeinstellung” nennt. Das Maskulinum und auch das Männliche sind, wenn es darum geht, Personen zu benennen, zum default der deutschen Sprache geworden, was sich an „der User” hervorragend erkennen lässt. Automatisch wird hier ein personenbezogener Anglizismus dem generischen Maskulinum zugeschrieben. Dabei lässt sich argumentieren, folgt man beispielsweise der Linguistik-Professorin Gabriele Diewald[1] dass das generische Maskulinum keine sprachsystemische Verankerung im Deutsche kenne, sondern vielmehr eine Gewohnheit im Gebrauch darstelle. Und diese „Gebrauchsgewohnheit” sei es eben auch, die dazu geführt habe, dass der Mann zum Prototyp geworden ist. Aber zurück zum Beispiel, an dem sich wunderbar einige Widersprüchlichkeiten – oder auch Möglichkeiten – der deutschen Grammatik aufdecken lassen: Nomen, die auf -er enden, sind im Deutschen häufig maskulin und „user“ könnte einfach in dieses Raster fallen. Allerdings gibt es sie auch im Femininum (zum Beispiel „die Nummer“ oder die bereits genannte „Schwester”). Warum also nicht einfach mal „die User” im Singular“? Dann bräuchten wir das „-in” vielleicht gar nicht mehr. Es wäre auch möglich, wie es mit Anglizismen üblich ist, einfach das Neutrum zu verwenden: „Das User” für alle Geschlechter. Klingt schräg? An „das Mädchen” haben wir uns auch gewöhnt. Ja, hier haben wir es mit einem Diminutiv zu tun; also schlagen wir vor: „das Userchen“!

Immer wieder wird für die Nicht-Kongruenz zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht das Femininum „die Person” angeführt, welches genauso wenig ausschließlich Frauen* bezeichne wie „der Mensch” nur Männer*. Stimmt. Keine Frage. Aber warum ist es denn dann gerade dieser Begriff, der jenseits der juristischen Sprache so selten und gerne mal pejorativ verwendet wird? Wen hört man denn im eigenen Umfeld, in der Politik, der Schule, auf dem Spielplatz von „die Person” sprechen? Jede*, die sich dieser Sprache annimmt, erweist sich sofort als gendersensible Sprecher*in, die bei konsequenter Verwendung Gefahr läuft, das Gendern, wie etwa von Becker meint, auf „hysterische“ Weise zu übertreiben – ein Attribut im Übrigen, das, bedenkt man seine Geschichte, ganz klar verwendet wird, um Frauen* abzuwerten. Und da soll noch einmal jemand sagen, dass hinter der Ablehnung eines generischen Femininums kein Machismo, kein Patriarchat steckt.

Ob nun das generische Maskulinum weder Männer noch Frauen explizit bezeichnet, mag für die Sprachbewahrenden von Relevanz sein. Uns geht es um die Sichtbarkeit aller Geschlechter. Wenn uns das *in dabei hilft, lassen sich die vermeintlich „manipulierenden” Eingriffe in die Sprachnorm dann nicht verkraften? Sollte daraus folgen, dass Frauen* in der Formulierung „Politiker und Politiker*innen” tatsächlich zweimal sichtbar werden, so Peter Eisenbergs Sorge, dann ist das großartig und wird von uns gerne dann wieder zur Debatte gestellt, wenn das Bundesinnenministerium mindesten zu zwei Dritteln aus Frauen*, Transpersonen*, Intersexpersonen*, Queers*, People of Color und weiteren marginalisierten Personen besteht, deren Stimmen einfach nicht gehört oder verhöhnt werden.

Ein beliebtes Argument der Sprachbewahrenden gegen das sprachliche Kenntlichmachen von Frauen* ist, dass sie sich nicht vorschreiben lassen wollten, wie sie zu schreiben hätten. Dieses Argument ist absolut hinfällig, denn sie haben sich spätestens seit Duden ihre Grammatik vorschreiben lassen. Sobald die Stimme jedoch nicht von einem weißen, nicht feministischen Cis-Mann kommt, versuchen die Sprachbewahrenden sie mit dem Vorwurf „Gedankenpolizei“ (Peter von Becker) zum Schweigen zu bringen. Uns geht es nicht darum, allgemeine Vorschriften zu formulieren. Wir wollen die Flexibilität des Deutschen feiern, denn Sprache ist – wie Cornelia Klinger es auf den Punkt bringt – kein Kulturdenkmal. Da, wo die Sprachbewahrenden – manchmal gar in einem Ton, der sich fast als Drohung liest – meinen, Veränderungen der Sprache verbieten zu können, weil niemand das Recht habe, das generische Maskulinum aus der Sprache zu verbannen, da unterstützen wir diejenigen, für die Sprache mehr ist als ein starres System, das um jeden Preis bewahrt werden muss. Denn dass es so großen Spaß macht, Autor*innen wie Heinrich von Kleist, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek zu lesen, liegt doch vor allem daran, dass sie die Flexibilität der Sprache aus- und überreizen und die Regeln aus ihren Angeln heben. Nein, wir sind nicht Kleist und auch nicht Jelinek, aber auch jenseits von Literatur lässt sich mit sprachlichen Wendungen und neuen Verknüpfungen Welt anders sehen, lassen sich Perspektiven verändern und erweitern. Lyrik, Werbung, Social Media machen vor allem dann Spaß und erweitern Horizonte und Strukturen eines festgefahrenen Denkens, wenn sie den Witz der Sprache offenlegen. Warum also nicht auch jetzt das Potenzial der Sprache testen, ausreizen und überschreiten und vor allem nicht in Binaritäten verweilen, sondern ihre Möglichkeiten vervielfältigen.

[1] Gabriele Diewald: Richtig gendern. Wie Sie angemessen und richtig schreiben. Berlin, 2009.

X