Seit Mai 2018 gibt es das Online-Magazin Ada, das in Kooperation mit dem amerikanischen Jacobin Magazine einen kritischen Blick auf die Gegenwart anbietet. Der Streit mit einer unverhofften Namensschwester führte unlängst zur Umbenennung in – Jacobin. Wir haben mit dem Herausgeber Ole Rauch über das Magazin, die Lage der Linken und den Ruf nach neuen Erzählungen gesprochen.

Interview von Till Breyer

LiB: Du bist der Herausgeber des politischen Magazins Ada – stimmt das eigentlich noch, oder seid ihr schon das deutschsprachige Jacobin?

Ole Rauch: Weder noch. Wir haben vor zwei Wochen die Losung rausgegeben: „Ada ist tot, es lebe Jacobin“. Jetzt gibt es auf www.jacobin.de nur eine Ankündigung, aber so richtig online gehen wir erst im Januar 2020. Später im Frühling erscheint dann auch die erste gedruckte Ausgabe.

Der Namenswechsel von „Ada“ zu „Jacobin“ hat ja mit einer kuriosen Geschichte zu tun. Euer Name wurde euch – wie ihr in eurem Newsletter schreibt – von einem Frankfurter Wirtschaftsmagazin geklaut, das zeitgleich gegründet wurde. Das wurde auch in der Presse beachtet. Wie ist diese Namensverwirrung abgelaufen?

Als wir im April Ada ankündigten, war der Name in der deutschen Presselandschaft noch ungenutzt. Einige Wochen nach unserem Launch im Mai kam plötzlich die Meldung einer Namensschwester rein, nämlich dass die Wirtschaftswoche ein gleichnamiges Magazin startet. Als wir davon erfuhren, haben wir unseren Namen sofort im deutschen Markenregister schützen lassen. Das hat alles gut geklappt und wir hatten die Marke noch vor der Rechtsabteilung ihres Konzerns geschützt. Es wurde aber klar, dass die andere Seite noch vor uns ein Printprodukt rausbringen wird. Deshalb sagte uns auch unser Anwalt: Den Prozess werdet ihr wahrscheinlich gewinnen, aber das kann sich Ewigkeiten hinziehen, und der Konzern der ‚anderen‘ Ada würde sicherlich versuchen, die Prozesskosten in die Höhe zu treiben.

Die haben mehr Kapital…

Genau. An den Punkt haben wir gesagt: Lass uns das tun, was wir eigentlich wollten – ein sozialistisches Magazin herausgeben, gleichzeitig online und gedruckt. Und mit dem amerikanischen Jacobin haben wir ja ohnehin von Beginn an kooperiert. Ada, die bislang nur online erschien, wird dann sozusagen ein Testballon gewesen sein, aus dem wir vieles lernen konnten.

Seit diesem Namensstreit bekommt ihr manchmal Einladungen zu dubiosen Start-Up-Konferenzen.

Ja, als das Ada-Magazin der Wirtschaftswoche startete, bekamen wir mehrmals pro Woche Anfragen wie: Wann wird mein Heft geliefert? Wir hatten aber gar kein Heft… Oder es ging um Werbeanzeigen, mit denen wir nichts zu tun hatten. Auf jeden Fall war klar: Es gibt viele Menschen, die sich zu uns verirren. Erst letzte Woche meldete zum Beispiel die taz, dass Miriam Meckel, die ehemalige Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, nun Verlegerin des sozialistischen Magazins Ada sei. Das ist so absurd, das kann man sich gar nicht ausdenken…

Das andere Ada-Magazin schreibt sich aufs Cover: „Heute das Morgen verstehen.“ Ist der Anspruch der sozialistischen Ada, beziehungsweise des neuen Jacobin: „Heute das Heute verstehen“?

Eine Gemeinsamkeit aller neoliberalen Tech-Zeitschriften ist es, ständig über die Zukunft zu reden, aber über das, was gerade passiert und gar nicht funktioniert, hinweg zu reden. Apps, Big Data oder Blockchain werden präsentiert als Lösung gesellschaftlicher Probleme…

… eine technokratische Ideologie…

…und eine naive Ideologie, die politischen, sozialen und kulturellen Fortschritt über dem technologischen vergisst. Unser Punkt wäre eher, dass wir in dieser Gegenwart gefangen sind. Zumindest in Deutschland liegen derzeit keine alternativen Gesellschaftsentwürfe in der Luft. In anderen Worten: Man kann sich das Ende des Planeten eher vorstellen als das Ende des Kapitalismus.

Ole Rauch, Till Breyer © LiB

Das amerikanische Jacobin Magazine ist eine große linke Zeitschrift, deren Webseite monatlich etwa zwei Millionen Besucher hat. Wie kam es eigentlich zu dieser Kooperation zwischen eurem ehrenamtlichen Projekt Ada und dem Jacobin Magazine?

Das amerikanische Jacobin Magazine gibt es ja seit zehn Jahren. Es startete tatsächlich in einer ähnlichen Konstellation, sowohl politisch als auch was die eigenen finanziellen Mittel anging, und wurde durch Bhaskar Sunkara und einen kleinen Kreis von Freund*innen in einer Studi-Wohnung gegründet, die sich gesagt haben: Man braucht ein ernstzunehmendes linkes Magazin, das sich mit dem Mainstream anlegt. Am Anfang waren es bloß 200 Abonnenten. Stück für Stück konnten sie aber ein kleines ökonomisches Modell entwickeln, das funktionierte. In dem Moment, als es große ökonomische und politische Verschiebungen in den USA und in der amerikanischen Linken gab, entstand diese große Erzählung von den 99 % und den 1 %. Occupy Wall Street war zahlenmäßig keine große Bewegung, aber es war ein Symbol für eine Aussage: So geht es nicht weiter, die Menschen leiden unter diesem System. Das war eine neue Entwicklung in der amerikanischen Linken, die es vorher so nicht gab. Auf diese Entwicklungen konnte Jacobin mit dem Magazin reagieren, es war wie ein Surfbrett an der richtigen Stelle. Wir selbst sind dann durch persönliche Bekanntschaften mit Jacobin in Kontakt gekommen. Loren Balhorn zum Beispiel, der neben Ines Schwerdtner, Linus Westheuser und anderen mit in unserer Redaktion ist, ist auch Mitglied der amerikanischen Redaktion. Ich selbst war 2016 für vier Monate in New York und habe der Jacobin-Redaktion über die Schulter geschaut.

Gibt es noch andere Kooperationen mit Jacobin außerhalb der USA?

Ada war eine Kooperation, aber in anderen Ländern – z.B. in Italien und Brasilien – gibt es bereits direkte Jacobin-Ableger. In Großbritannien gibt es das verbandelte Tribune Magazin, und auch Africa is a Country kooperiert mit Jacobin. Da stoßen wir sozusagen nächstes Jahr dazu: Wir werden die deutschsprachige Ausgabe, mit Übersetzungen, aber zum größeren Teil mit eigenen Texten.

Die drei Broschüren des ABC des Kapitalismus von Vivek Chibber (c) Jacobin

Neulich fand die Buchpremiere des ABC des Kapitalismus von Vivek Chibber statt, das ihr übersetzt habt. Eure Übersetzung ist nicht bei einem etablierten Verlag erschienen, sondern ihr habt die Broschüren selbst hergestellt. Ich würde das als „wilde Publizistik“ im besten Sinn bezeichnen. Welche Bedeutung haben für euch solche Nebenprojekte diesseits der digitalen Welt?

Wir wollten das im Eigenverlag machen, im Brumaire Verlag, der in wenigen Tagen auch offiziell startet. Das war uns auch wichtig, um unabhängig zu bleiben, gerade nach der Erfahrung mit dem Namensstreit. Zum anderen haben sich solche Broschüren politisch als sehr nützlich erwiesen. Das sieht man einerseits an der Nachfrage: Nach wenigen Wochen ist die erste Auflage des ABCs schon ausverkauft und wir drucken gerade die zweite. Aber viel wichtiger ist, und das ist auch der Ansatz vom amerikanischen Jacobin, dass Bildungsarbeit eben nicht vereinzelt stattfinden muss. Damals bildeten sich die „Jacobin Reading Clubs“, in denen aktuelle politische Themen diskutiert wurden. Die Rolle von Jacobin bestand einfach darin, Texte zusammenzustellen und als Diskussionsgrundlage anzubieten.

Das ABC des Kapitalismus ist also auch als Gruppenlektüre konzipiert?

Genau. Natürlich kann man das auch einzeln lesen. Aber in den nächsten Monaten wollen wir selbst „Jacobin Reading Clubs“ starten mit Leuten, die Lust haben, das in verschiedenen Städten zu organisieren. Auf diese Weise lassen sich auch solche Teile der Linken zusammenführen, die normalerweise im Clinch miteinander liegen. Der Titel bezieht sich dabei auf das ABC des Kommunismus, ein Buch von Bucharin von 1920, in dem er der gerade entstandenen Sowjetunion die Grundsätze des Kommunismus allgemeinverständlich erklären wollte. Wir machen mit Vivek Chibber dasselbe mit dem gegenwärtigen System.

Bucharins ABC des Kommunismus, deutsche Ausgabe von 1921, Titelseite © wikimedia commons

Du hast eben die unterschiedlichen Krisen der Gegenwart beschrieben. Wie greifen eure Artikel in dieses Geschehen ein? Konkret: Geht es mehr um Information oder mehr um Agitation?

Ich stelle mal mit Blick auf die gegenwärtige linke Publizistik zwei Strohpuppen auf. Die eine Strohpuppe macht tages- oder wochenaktuelle Berichterstattung, die agitatorisch ist und von Protest zu Protest eilt. Die andere Strohpuppe wäre die akademische, für Außenstehende unverständliche Theoriezeitschrift, die selten, aber mit ganz viel Fließtext erscheint. Die Rolle von Jacobin ist nun nicht die tagesaktuelle Berichterstattung, also nicht einfach: Spiegel Online, aber links. Aber auch nicht, nach einem Jahr Diskutieren über das Für und Wider von Digitalwährung eine Monographie rauszubringen. Unsere Aufgabe ist es, so verständlich wie möglich zu sein. Damit komme ich zu dem Verhältnis von Information und Agitation. Es gehört zu den journalistischen Grundtugenden, so klar wie möglich zu erzählen und für uns als Sozialisten kann das eben auch bedeuten, sich das eine oder andere Gramsci-Zitat zu sparen und nicht immer an unseren abgedroschenen Ausdrucksweisen zu kleben, wenn es der Sache dient. Dazu gehört auch Realismus, man muss nicht alles durch Adjektive aufblasen. Ich erinnere mich an einen Bericht zu einem politischen Kongress in Berlin, in dem es hieß: „In Scharen strömten die Jugendlichen nach Berlin…“. Das meine ich mit abgedroschen. Bei beiden Strohpuppen gibt es dann auch das Problem der ‚wahren Linie‘: Hier ist die einzig wahre Linie, so läuft die Geschichte… 

Was hältst Du persönlich von orthodoxem Marxismus?

Da ist erstmal die Frage: Was ist Orthodoxie? Das kann natürlich wertend gemeint sein: Die Positionen von vorgestern, die heute nicht mehr greifen. Dann wäre auch Marx komplett nutzlos. Vieles konnte er damals ja nur erahnen…

… und er hat später einmal gesagt: Ich weiß nur eins, dass ich kein Marxist bin…

Was Marxismus bedeutet, hat sich ja ohnehin immer wieder verändert. Der Historiker Perry Anderson hat einmal den Versuch unternommen, den Marxismus holzschnittartig in vier Phasen einzuteilen. Zuerst der frühe Marxismus bei Marx und Engels selbst. Dann die „Systematisierer“: Mehring, Kautsky, Plechanow usw. Und dann als dritte Kompagnie der revolutionäre Marxismus von Lenin, Luxemburg, Trotzki, Hilferding oder Bucharin. All diese Leute aus den ersten drei Phasen waren orthodoxe Marxisten. Nach dem Faschismus und zweiten Weltkrieg folgte der westliche Marxismus, der sich auf Fragen der Kultur, der Ideologie und auch der Theorie konzentrierte. Das hatte damit zu tun, dass viele aus dieser Generation selbst geflüchtet waren und sich an Universitäten und im akademischen Diskurs behaupten mussten. Und natürlich mit dem Faschismus. Die Fragen nach dem Staat und der Ökonomie gerieten dabei aber zunehmend in den Hintergrund. Meiner Meinung nach ist das heute ein großer Mangel. Es gibt in Deutschland – anders an in den USA oder Großbritannien – sehr wenige sozialistische Ökonominnen und Ökonomen, die über aktuelle Verschiebungen klar und verständlich schreiben können und gleichzeitig scharfe Analysen vorlegen.

Die Linke gilt ja in Deutschland als besonders zerstritten. Der Begriff „Mosaik-Linke“, den zum Beispiel das in Berlin ansässige Institut Solidarische Moderne oft verwendet, ist ein Versuch, das positiv zu wenden. Sind die inneren Streitigkeiten der Linken produktiv?

Meine polemische Antwort wäre: „Mosaik-Linke“ ist ein Begriff dafür, dass man es irgendwie akzeptiert hat, dass die Gewerkschaften eine jährliche Latschdemo mit Wurststand haben, die Linkspartei alle Jahre wieder einen bräsigen Wahlkampf macht, die SPD sich verrät, und die außerparlamentarische Linke irgendwo protestiert und eingekesselt wird. Die Herausforderung ist dabei, diese – ich glaube: falsche – Arbeitsteilung zwischen Parteien, Bewegungen und Arbeiter*innenbewegung infrage zu stellen. Warum sollen nicht die Gewerkschaften mehr Rabbatz machen? Und warum sollten Bewegungen nicht viel mehr Druck auf die konkreten Politikdebatten ausüben und konkrete eigene Vorschläge machen? Was oft fehlt oder nur partiell gelingt, ist, in einem kurzen Zeitraum gemeinsame und konstruktive Antworten auf Probleme zu finden, die viele, ganz normale Leute außerhalb linker Blasen ansprechen, sodass sich Regelungen und Gesetze materialisieren können. Ein positives Beispiel ist der Mietendeckel in Berlin – zumindest als Anfang. Da werden auch Ausgangsbedingungen für die nächsten Debatten und Kämpfe verschoben.

Es wird in den letzten Jahren häufig davon gesprochen, dass der Linken ein „Narrativ“ fehle. Man ruft nach einer linken Erzählung. Wie stehst Du dazu? Kommt hier ein Zeitschriftenprojekt wie Jacobin ins Spiel?

Ja, ich denke man braucht eine tragfähige Erzählung, die nicht nur defensiv ist, die also mehr ist als: Wir verhindern Schlimmeres. Das ist natürlich nur glaubhaft, wenn man über Differenzen hinweg auch hinter einer Sache stehen kann. Für Jacobin sehe ich hier schon eine wichtige Aufgabe. Man braucht zum einen eine zeitgemäße, populäre Sprache. Obwohl sie analytisch richtig sind, transportieren heute Begriffe wie „Klassenkampf“ natürlich eine Erzählung, die irgendwie altbacken wirkt. Zum anderen ist die Frage, welche Erzählungen eine ganze Situation verschieben können. Gute, konkrete Beispiele sind da in den USA „Medicare for All“ von Bernie Sanders, der „Green New Deal“ popularisiert durch Alexandria Ocasio-Cortez oder jüngst in Großbritannien die Kampagne von Labour, kostenloses Glasfaser-Breitbandinternet für jeden Haushalt zu schaffen. Das sind nicht bloß Kampagnen, das sind Narrative. Und keine abstrakten: Der Begriff des Green New Deals beispielsweise knüpft an eine historische Epoche in den USA – den New Deal – an und aktualisiert sie. Das wäre auf Deutschland so nicht einfach übertragbar. Wir müssen uns also fragen, wie man so etwas wie eine „sozialökologische Transformation“ – die etwas Richtiges meint, aber technokratisch klingt – in eine narrative Form bringen kann.

Hast Du bei dieser Frage der narrativen Form etwas Bestimmtes im Blick?

Ich lese mich gerade zum Beispiel in die Geschichte der deutschen Anti-Atom-Bewegung ein. Die hat es geschafft, klar zu machen, dass die Welt an einem Kipppunkt steht. Sie hat das hinbekommen, für sich zu reklamieren, was man in der Politikwissenschaft „securitization“, also Versicherheitlichung, nennt. Die Aussage war: Die Welt geht zugrunde, wenn wir jetzt nicht reagieren. Es hat einige Jahre gebraucht, um das überhaupt in weiten Kreisen plausibel zu machen. Darum wurde gekämpft. Was in den letzten Jahrzehnten hingegen passiert ist, ist die Besetzung dieses Versicherheitlichungsdiskurses durch die Neoliberalen: Das Schlagwort „Too Big To Fail“ transportierte in der Wirtschaftskrise von 2007 und der folgenden Eurokrise dieses Narrativ: Wenn wir nicht mit den Steuergeldern aller Menschen die Banken retten, dann wird es noch schlimmer. Also: Ihr müsst euch unserer Logik anschließen, um nicht am Ende zu den Leidtragenden zu gehören. So funktioniert Ideologie meistens: Einzelinteressen so zu formulieren, dass man beansprucht, für die Allgemeinheit zu sprechen. Die Linke in der Gesellschaft müsste es eigentlich schaffen, dagegen zu halten, nicht nur mit einer Kritik an der Politik, sondern auch mit einem positiven Gegenentwurf.  Ich habe keinen X-Punkte-Plan für ein solches Narrativ, aber das wird die gemeinsame Aufgabe linker Publizistik und der Bewegungen sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

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