In unserer Serie Drei Sätze schreiben Literaturwissenschaftler*innen über eine Textpassage, die ihnen nie aus dem Kopf ging.
Her parents behaved towards each other with a distant courtesy; Edith never saw pass between them the spontaneous warmth of either anger or love. Anger was days of courteous silence, and love was a word of courteous endearment. She was an only child, and loneliness was one of the earliest conditions of her life.
John Williams, Stoner, London, 2012 [1965], S. 54.
Die Eltern wahrten stets eine distanzierte Höflichkeit; nie erlebte Edith, dass sie einander mit der spontanen Wärme von Zorn oder Liebe begegneten. Zorn bedeutete Tage höflichen Schweigens, Liebe war ein Wort höflicher Zuneigung. Edith blieb ein Einzelkind, und Einsamkeit gehörte zu den frühesten Befindlichkeiten ihres Lebens.
John Williams, Stoner, übersetzt von Bernhard Robben, München, 2013, S.72
(Übersetzung leicht verändert)
Stoner handelt von William Stoner, einem mittelmäßigen Dozenten für englische Literatur an einer mittelmäßigen amerikanischen Universität, der viel erleidet, ohne dass in seinem Leben viel geschieht. Kurz vor den drei Sätzen hat er eine junge Frau namens Edith kennengelernt, und wir ahnen, dass diese Begegnung große Folgen haben wird, schon deshalb, weil der Erzähler sich Zeit nimmt, Ediths Backstory nachzureichen. In diese Backstory gehören die drei Sätze.
Wir haben schon fünfzig Seiten hinter uns und wissen, dass dieser Roman uns kein romanhaftes Portrait der Figur bieten wird, keine einprägsame Anekdote aus der Schulzeit, keine scharfkantigen Details, die sich wie ein Mosaik zusammenfügen und die Person Edith vor unserem inneren Auge erscheinen lassen. Vor allem erfahren wir, was nicht passiert. Die Eltern haben sich nichts zu sagen. Dass sie sich berühren – ob durch Streicheln oder Ohrfeigen –, lässt sich kaum vorstellen, auch nicht, dass sie ihr einziges Kind auf den Schoß nehmen. In dieser Welt hat das Abwesende eine unermesslich größere Macht als das Vorhandene – eine Welt beherrscht von der Geste, die verweigert wird, vom Wort, das unausgesprochen bleibt, vom Geschwister, das nie kommt. Das Vorenthaltene überwältigt das Gegebene. Manchmal scheint es, als besäße das Gegebene – Tage höflichen Schweigens, ein Wort höflicher Zuneigung– keine eigene Substanz, als sei es nur da, um das erdrückende Gewicht des Abwesenden spürbar zu machen.
Das gilt auch für den Roman selbst. Er ist übersät mit unsichtbaren Worten, schwarzen Löchern, die die sichtbaren Worte aus ihrer Bahn ziehen. Und so wie schwarze Löcher im Weltraum nicht direkt wahrnehmbar sind, sondern allein durch die Brechung des Lichts anderer Körper, so macht das Schweigen im Roman seine massive Abwesenheit spürbar, indem es Wörter auf vielsagende Art deformiert. Zum Beispiel: Zwischen den Sätzen, die die Distanziertheit der Eltern beschreiben, und dem abschließenden Satz des Abschnitts, der Edith als Einzelkind beschreibt –
Zorn bedeutete Tage höflichen Schweigens, Liebe war ein Wort höflicher Zuneigung. Edith blieb ein Einzelkind …
– steht lediglich ein Punkt, und doch ist der von ihm eingenommene Raum weit und dunkel. Er trennt zwei Zustände: Auf der einen Seite eine auf Distanz aufgebaute Ehe, in der das Paar einander in festen, eisigen Umlaufbahnen umkreist, stets in Sichtweite, doch nie sich nähernd. Dann – ohne Überleitung, ohne abfederndes Wenn und Aber – erscheint Edith in ihrer Einsamkeit. Wir Leser können vielleicht mit jeder dieser Situationen für sich umgehen, doch der schroffe Wechsel von der einen zur anderen – von der kalten Ehe zum einsamen Einzelkind – erdrückt uns mit Wehmut. Wie erwächst aus der Frostigkeit des Paares die Vereinsamung des Kindes? Der Erzähler schweigt.
Wenn er uns den ersehnten Übergang verwehrt und uns uns selbst überlässt, dann nicht, weil er mit uns kokettiert, noch weil er uns zappeln lassen will. Kokett oder grausam wäre er, wenn er uns ein Stück Verständlichkeit vorenthielte, das uns besänftigen könnte. Aber ist zu verstehen, wie und warum ein Kind, gezeugt im lieblosen „Liebesakt“, die Unfähigkeit zur Liebe von den Eltern erbt? Wir wissen, dass es ständig geschieht, doch wird dadurch nicht begreiflicher, wie die eine Generation ihr Unglück und ihre Hartherzigkeit an die nächste weitergibt. Gerade die Tatsache, dass es ständig geschieht, macht diesen Vorgang so schwer begreiflich.
Wie jede Wunde im Gewebe der Bedeutung ist auch diese Unverständlichkeit kaum zu ertragen. Verzweifelt suchen wir nach Wegen, sie mit psychologischem und soziologischem Gerede zuzupflastern. Der Erzähler von Stoner geht einen anderen Weg. Er trotzt dem Druck zu beschwichtigen. Er schweigt, nicht weil er nichts zu sagen hätte, sondern weil das Schweigen eine Art der Anerkennung ist: Es erkennt an, dass das Verlangen, die Lücke des Verstehens mit Worten zu füllen, unbefriedigt bleiben muss. Das Schweigen entspringt nicht der Zurückhaltung oder Reserve, sondern ist stumme Zeugenschaft. Die Worte drängen nach vorn, doch können sie sich nicht artikulieren. Sie sind zu viel und zugleich nicht genug.
Bald merkt man, dass vieles in diesem Roman – eigentlich alles, was zählt – nicht erzählt wird. Der Erzähler sagt nicht – er muss nicht sagen –, dass William und Edith heiraten; in dem Moment, da sie in die Geschichte tritt, spüren wir es mit der gleichen Evidenz, mit der man aufkommende Kopfschmerzen verspürt. Ebenso wenig muss uns gesagt werden, dass ihre ererbte Kälte unweigerlich in Williams Leben eindringen und es bis ins Mark durchfrieren wird.
Manchmal begegnet uns in der Poesie eine „Epiphanie, durch Worte etwas zu erkennen, was sich in Worte nicht fassen ließ“ (S. 100 / S. 126). Das ist William Stoners großartige Charakterisierung der Literatur: mit Worten sagen, wo Worte versagen. Der Gedanke greift weiter und tiefer, als man glaubt. Denn unsere drei Sätze – und Stoner überhaupt – zeigen, dass es für poetische Epiphanien nicht immer Worte braucht. Auch durch fehlende Worte – durch die Schwerkraft der schwarzen Löcher der Sprache – lässt sich erkennen, was sich in Worte nicht fassen lässt. Mitten im Wust der gedruckten Seite, im dunklen Raum zwischen den Worten, blitzt urplötzlich eine Epiphanie – eine schweigende – auf.
Michel Chaouli ist Professor für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft an der Indiana University, Bloomington. Von 2018 bis 2023 war er Einstein Visiting Fellow an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule.
Titelbild: Manuskript Dostoevskijs, © Wikimedia Commons
