Formen und Wissen des Rests

Interessiert man sich für die Funktionsweise von Wissens- und Erklärungsansätzen, ist die Rede vom Rest als absolut Heterogenes nicht unproblematisch. Sie wird herausgefordert von – oft strukturalistisch ansetzenden – Teil-Ganzes-Diskussionen, metabolistischen Erklärungsmodellen oder kultursemiotischen und geschichtsphilosophischen Theorien der ‚Ewigen Wiederkehr‘. Im Zentrum steht damit die Frage: Lässt sich der Rest in seiner radikalen Negativität überhaupt denken als etwas, das sich nirgendwo integrieren lässt, und als schieres Störmoment, das sich gegen jede Kontinuität sperrt?

Ein Bericht von Eva Murasov

Am 19.10.2018 fand an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien ein Workshop zu dieser Frage statt. Marion Maurin, Eva Murasov und Elena Stingl luden dazu ein, über das Thema „Epistemologien des Rests“ zu diskutieren. Den Einstieg dafür lieferten zwei Vorträge von Johanna-Charlotte Horst und Johannes Kleinbeck, beide zu Gast von der LMU München. Vor dem Hintergrund aktueller Diskurse zur ökologischen Krise und dem Anthropozän widmeten sich die Vorträge und Diskussionen der Frage, wie verschiedene Phänomene oder Vorstellungen vom „Rest“ psychologische, geschichtsphilosophische, aber auch poetologische Denk- bzw. Erklärungsmodelle prägen.

Auf der einen Seite finden sich Theorien, die der Anspruch motiviert, ganzheitliche Ansätze zu formulieren oder die geschlossene Wissensmodelle als Ziel der Analyse und Auseinandersetzung begreifen. Ein Beispiel hierfür ist Sigmund Freuds Sexualtheorie, wie Johannes Kleinbeck in seinem Vortrag „…was […] erübrigt.“ –  Freuds Sehnsucht nach der “ganzen Befriedigungslust“ veranschaulichen konnte. Freud etwa problematisiert in seinen Untersuchungen zur Entwicklung des Begehrens, dass sich die (sexuelle) Objektwahl „in zwei Schüben“[1] ereigne – ein erstes Mal in der frühen Kindheit, ein weiteres Mal in der Pubertät. Die Inkongruenzen („das Nichtzusammentreffen der beiden Strömungen“[2]), die sich durch diese Zweizeitigkeit im Begehren entwickeln können, sieht Freud als Ursache von sexuellen Störungen, einer ‚falschen‘ Ausrichtung oder Aufspaltung des Begehrens anstelle der erstrebten „Vereinigung aller Begehrungen in einem Objekt“.[3] Bei Freud wird der Rest als ein Überbleibsel aus den früheren Phasen der sexuellen Entwicklung in Formen des Aufschubs, der Inkongruenzen und Fehlgerichtetheit als Störung begriffen, die es durch Psychoanalyse und Vordringen in die Tiefenschichten des Begehrens zu überkommen gilt.

Abfall im Berliner Mauerpark
© Literaturwissenschaft in Berlin

Die alternative Geschichtsphilosophie der 1960-70er Jahre (u.a. Carlo Ginzburgs microhistoire) macht den Begriff des Rests dagegen emphatisch, indem sie sich den Rändern des Geschehens, jenseits der großen Narrative einer Kriegs- und Technikgeschichte widmet. Hier meint der Rest die marginalen Einzelexistenzen, profanen Ereignisse und das undokumentierte Alltagsleben. Er wird als blinder Fleck der institutionalisierten Geschichtsschreibung bedeutsam und ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Johanna-Charlotte Horst entwickelte mit ihrem Vortrag Minima Historia. Alltagsgeschichte(n) schreiben diese Perspektive auf das Thema. Am Beispiel von La vie des hommes infâmes zeigte sie zunächst, wie Michel Foucault versucht, durch die Auswahl bestimmter Passagen eines Internierungsregisters aus dem 18. Jahrhundert die marginalisierten Existenzen der Gesetzesbrecher wiederaufleben zu lassen. Ihm geht es darum, Intensitäten nachzuspüren: In geradezu vitalistischer Rhetorik beschreibt Foucault die Veröffentlichung als „Anthologie der Existenzen“ und als „Herbarium“ [4] und gibt sich gleichzeitig als zurückhaltender Kurator der Sammlung. In den von den Hütern der Norm verfassten Abrechnungen mit den Verfemten drückt sich die Partikularität des Unglücks gerade im Pathos der Verurteilungen, in den Vorannahmen und Auslassungen ihrer bürokratischen Aufzeichnungen aus. Foucault präsentiert die Archivfunde mit dem Anspruch, „ein Stück in der Dramaturgie des Wirklichen“[5] erkennbar werden zu lassen, und setzt das Lückenhafte in Szene. Anhand von Annie Ernaux’ Roman Les années ging Johanna Charlotte-Horst anschließend der Frage nach, wie kollektives Erinnern funktioniert und wie Ernaux gerade das Scheitern solcher Erinnerungsversuche im Schreiben vorführt. Bei der Suche nach latenten ‚Realitätsindizes‘ würde unter anderem der Zufall als Motivationsrest der Geschichtsschreibung bedeutsam.

Am Nachmittag diskutierte die Runde drei weitere Texte darauf hin, wie sie den Rest darstellen, definieren, im Zuge ganzheitlicher Erklärungsansätze negieren – oder auch produktiv machen: Vilém Flussers Essay Flaschen (entstanden in den 1970er Jahren), das Kapitel  „Verlorene Buchstaben“ aus Katja Petrowskajas Roman Vielleicht Esther (2014 erschienen), und Auszüge aus Max Blechers Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit (1936 erschienen). Hier kamen dann – insbesondere mit der Diskussion von Flussers Flaschen-Essay – auch Wissensmodelle zur Sprache, die sich gegen ein finales, abgeschlossenes Argument bzw. eine Ideologie sperren und stattdessen in ihrer Denkbewegung immer weitere Verschiebungen vornehmen, die sich nicht unter ein widerspruchsfreies Theorem subsumieren lassen. Auch an der Prosa von Katja Petrowskaja und Max Blecher lassen sich solche Verschiebungsprozesse beobachten, die den Rest zum einen auf Ebene der histoire nachdrücklich thematisieren, zum anderen auf Ebene des discours immer wieder neue Bedeutungsreste, offene Fragen und semantische Brüche generieren. Beide Texte kreisen um Motive des Abjekten, Randständigen und Verdrängten und lassen diese sogar als Handlungsträger erscheinen, wenn vergessene, marginale oder obsolete Dinge mystifiziert werden, ihnen eine besondere Aura oder sogar eine gewisse agency verliehen wird. Gleichzeitig geht das Rest-Motiv nicht in einer widerspruchsfreien Deutung auf.

Zum Abschluss wurde in einer breiter gefassten Perspektive das Rest-Konzept in seiner Funktion als Nostalgie-Trigger und Authentizitäts-Marker problematisiert. Mit Blick auf Flussers Formulierung ‚nostalgie de la boue‘ (Schlamm-Nostalgie) wurde hinterfragt, ob nicht der Stilisierung des Rest-Begriffs zur authentischen, unverfremdeten Größe ein essentialistisches Denken zugrunde liegt, das den Ursprung emphatisch macht und von der Annahme einer singulären Wahrheit ausgeht, die es nur zum Vorschein zu bringen gelte. Vor diesem Hintergrund wäre es interessant, sich mit Fiktionalisierungen oder Theorien kritisch und ausführlicher auseinanderzusetzen, die dem Rest per se ein subversives Potential zuschreiben.

[1] Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905), in: Ders., Studienausgabe, Bd. 5, hg. v. Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey, Frankfurt a.M. 1972, S. 105.

[2] Ebd.

[3] Ebd. 106.

[4] Michel Foucault/ Walter Seitter (Übers.), Das Leben der infamen Menschen. Berlin 2001, 7f.

[5] Ebd. 14.

Eva Murasov hat in Freiburg und Berlin Literaturwissenschaften studiert, mit Studienaufenthalten in Sankt Petersburg und Chicago. In ihrem Promotionsprojekt an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien der FU Berlin untersucht sie die Rhetorik und Semantik des Rests in der Gegenwartsliteratur von u.a. Don DeLillo, Tom McCarthy und Leif Randt.

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