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In unserer neuen Rubrik Fragebogen.doc stellen wir in loser Folge aktuelle literaturwissenschaftliche Promotionsprojekte aus Berlin vor. Heute: Franziska Teubert von der Humboldt-Universität zu Berlin.

Antworten von Franziska Teubert

Das Thema deiner Dissertation in 4 Sätzen:

Keine vier Sätze, aber dennoch: Im Mittelpunkt meines Promotionsprojekts stehen Mehrstimmigkeitsphänomene im journalistischen und literarischen Œuvre der Reporterinnen und Romanautorinnen Luisa Carnés (1905–1964) und Maria Leitner (1892–1942). Der Dialog von Sozialreportagen, feuilletonistischer Kleinprosa und erzählerischem Werk der Zwischenkriegszeit erschließt marginalisierte Positionen im literarischen Feld als produktiven Möglichkeitsraum – in hybriden Formen wie der ›novela-reportaje‹ Tea Rooms. Mujeres obreras (1934) und dem Reportageroman Hotel Amerika (1930) oder formatspezifisch heteronymisch inszenierten Autor:innenidentitäten im mexikanischen Exil, die qua dynamischer Perspektiv- und Rollenwechsel in der periodischen Presse konversieren. Diese polyphone Poetik an der Schnittstelle von proletarisch-revolutionärer Literatur und neusachlicher Dokumentarästhetik und von literarischem und journalistischem Diskurs wird als Strategie einer interventionistischen Praxis weiblich-proletarischer Selbstautorisierung aus komparatistischer und medienhistorischer Perspektive untersucht.

Wie sah dein Weg in die Promotion aus?

Das traf sich sozusagen irgendwo zwischen zwangsläufig und ad libitum: Masterstudium der Europäischen Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin – Rowohlt-Lektorate – freiberufliches Schreiben – Übersetzungsarbeit – Hirnimplosion – Humboldt Research Track Scholarship – Graduiertenkolleg 2190 Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen.

Was beschäftigt dich derzeit besonders – thematisch oder im Arbeitsalltag?

Mein Untersuchungsgegenstand erscheint mir mittlerweile eerily ubiquitär. Mich interessiert eine Reportageliteratur als Grenzgängerin zwischen Ästhetik und Aussage, Erzählen und Beschreiben, als engagierte Sachlichkeit, Brennglas für das Verhältnis von Arbeits- und Lebenswelten, Literatur und Dialog. Es geht also täglich darum, was aufzulesen in und an den Maschinenräumen der Gesellschaft – Wut auf Verhältnisse, Ermutigung auch und was das alles und noch immer mit uns zu tun hat, oft in einer ganz herrlich wahnsinnigen Gleichzeitigkeit. Praxeologisch geht das dann so: Pisswarmer Vormittag an der Seestraße, schon vormittags hält es da keiner mehr aus, die Vögel singen, Müllabfuhr fährt in Rosenbüsche, Baustelle, Hund bellt. »Aufgrund von Kabeldiebstahl fährt die U6 heute unregelmäßig.« Ich tippe auf dem Display, öffne den Scan eines Briefs des alten Herrn Muchow, geboren 1930 im Jüdischen Krankenhaus Gesundbrunnen, schon lange verzogen ins Mecklenburgische, ein Brieffreund sozusagen, mein erster Freund aus der Weimarer Republik!, der sagt dort eben über die Nazarethkirche am Leopoldplatz in seinen mühsam kantigen, blauen, langsamen Buchstaben: »Wir hörten immer die Turmuhr. Erst die Viertelstunden und dann die vollen. Wahrscheinlich schlägt die Uhr heute nicht mehr«, was ich darüber denken würde? Ich denke darüber: Schreibmaschine, Tanzlokal, §218, Existenzminimum – alles wie immer also, bloß die Medien ändern sich und im Tanzlokal war ohnehin lang keiner mehr. Die U-Bahn fährt ein. Blättere ich in Hausers Reportageband Schwarzes Revier (1930) und bin ganz d’accord mit Reger, der attestiert in seiner Kritik »Das dritte Auge des Reporters« dem »an der Ruhr rasenden Reporter […] Kurzsichtigkeit«, er verwische und verschiebe nur mehr »die Phasenbilder, bis alles ineinanderläuft«, im nächsten Augenblick: »Der Rasende ritt zum Tor hinaus, ade!« Und Hauser war immerhin sechs Jahre am Petroleumhafen und produziert dennoch munter die nachhaltigste Reklame, denn das wäre solche Kritik, die nur kritisiert, was von den Sachen selbst als Kritik suggeriert würde (Erhard Schütz 1977). Blassgrün macht die Gaslaterne, »weit über Land wandern wie gewaltige Männer mit langen Schritten die Masten der Hochspannungsleitung«, und die Betonfüße großer Gittermasten erinnerten an Pyramiden, mein Gott. Man solle wech von den Türen: murrt der Schaffner im Lautsprecher, auf dem Nachbarsitz sagt einer dazwischen: Und was machst du so beruflich?, und ein anderer sagt: So eben nüscht, leere Bierflaschen bollern durch das Abteil, grad bei U Naturkundemuseum. Leitner kriegt eben den ersten Dumpinglohn ausgezahlt, da ist Kisch in seinem very own magic Yucatán schon ganz selbstreferenziell eine Pyramide weiter geothered. Wie in Berlin: Kästner noch nicht durch mit seiner vor lauter Empfindsamkeit verwundeten Moral (sagt Hermann Kesten) und Keun indes bereits die halbe Friedrichstraße hoch. Ich mittlerweile ordentlich flaschengrün im Gesicht, erinnere also »Experiment mit einem hohen Trinkgeld« aus dem Rasenden Reporter (1924): Hier ringt sich der Erzählerreporter – »aus der Seestraße im Norden, aus der Gegend, wo die Arbeiterhäuser stehen, der Friedrichstadt zu« – letztlich ob der evidenten unüberwindbaren sozialen Distanz notgedrungen folgendes Addendum ab: »Und mein Scherz kommt mir hier selber besonders deplaciert und töricht vor«. Zu Wort kommt allerdings keiner der commutenden Fahrgäste mit den blauen Flanellschals und den unwilligen Gesichtern, es gibt bloß unverständliches »[F]lüstern«, verschattete »Seitenblicke« und ganze vier Mal ein »vielleicht« ihnen vorangestellt auf einer kleinen Handvoll Zeilen. Leitner hingegen lässt die Leute anders reden, depraviert nicht von der professionellen Augenzeugin zur Touristin, ein bisschen mehr wie Johnson mit seinen Figuren umgeht?, »überlegsam« eben vielleicht, weshalb er sie denn nun auch zeitlebens »Personen« hieß –. Dann ist die Bandansage üblicherweise endlich U Friedrichstraße und dies also der Beginn eines paradigmatischen Werktages.

»… aus der Seestraße im Norden, aus der Gegend, wo die Arbeiterhäuser stehen, der Friedrichstadt zu …« Wunderwald, Gustav: Müllerstraße Ecke Seestraße. Berlin-Wedding, 1927/1928. Bildquelle: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / André van Linn Public Domain Mark 1.0 https://recherche.smb.museum/detail/962501

Für wen schreibst du deine Dissertation? Hast du ein bestimmtes Publikum im Blick?

Wenn ich es recht bedenke, liegt mir denn auch in der eigenen Schreibpraxis noch immer sehr viel an Lesbarkeit – also vielleicht doch für hoffentlich mehr als drei Augenpaare außerhalb der AVL? –, aber eben mit Fragezeichen retour. Ich wäre bezüglich meines Gegenstandes wohl gut beraten, alle Emphase zu verringern und Entfernungen zu vergrößern. Aber so einfach ist das nicht, denke ich, wenn man einmal zur Aufrichtigkeit gegenüber einem Sachverhalt schriftlich verpflichtet ist. Über so ein Unterkapitel lässt es sich verständigen einerseits am Hegelplatz, aber andererseits ebenso mit den Bewohner:innen der alten Weddinger BVG-Mietskasernen, ich bin eben der Ansicht, eine solche Gemengelage und Übersetzung werde benötigt. Wie der große Ausrangierte Fauser folgerichtig meinte: Am Arsch der Welt ließen sich genauso Rückschlüsse über ihre Beschaffenheit ziehen wie vom Venushügel. Also vielleicht doch ohne Fragezeichen? Ich sag das mal so: Wenn einer was liest, weiß er vielleicht wieder, warum er den einen oder anderen wählt und der Wasserdost dabei wohl auch sehr schön stand, wenn einer was schreibt, hat er was mitgekriegt, zwar noch ohne Zusammenhang zwischen so einer Wahl und dem Wasserdost an diesem oder jenem Nachmittag, bloß der Ansicht, dass er wichtig wäre und mehr oder weniger unnachgiebig wird der dann wahlweise Auswurf, Spleen oder Drecksverband, im Falle meiner Dissertationsschrift wohl alles gleichzeitig.

Welchem Buch wünschst du mehr Leser:innen?

Zunächst einmal Maria Leitners Sozialreportagen aus der Weimarer Republik – »Berliner Miniaturen« und »Auf den nördlichsten Landstraßen Deutschlands« zwischen Ausbeutung und Arbeitskampf, Betriebsalltag und Boulevardisierung, »Tauentzien-Girl«, »Bankbeamter vor dem Abbau«, »Eine Kellnerin erzählt« und insbesondere »Wo gibt es Hilfe? Opfer und Schmarotzer um den §218«! –, oder auch den USA-Reportagen, die 1932 unter dem Titel Eine Frau reist durch die Welt in gesammelter Form erscheinen – einer schonungslosen Abrechnung mit der Wunderformel von sozialer Mobilität und eben so gar nicht »wie die Reklamen auf den Pfirsichdosen« (so Hauser). Leitner berichtet »als Arbeiterin aus dem Schatten der Wolkenkratzer«, als Dienstmädchen in Dixieland, als Candy-Girl und »Automat unter Automaten«, aus dem Dunst der Zigarrenfabriken und dem Meldeamt von Saint Laurent, von Claims, Bootleggern und den Kulissen von Palm Beach; »kleine Aufzeichnungen unterwegs« oder »ein ganz kleiner Dialog zwischen zwei Stubenmädchen«, von den gewöhnlich-unglücklichen Lebensläufen an den Rändern des American Dream.

Außerdem natürlich Tea Rooms. Mujeres obreras von Luisa Carnés, jenem Reportageroman also, der das spanische Lesepublikum der frühen 1930er-Jahre erstmalig mit der Perspektive der proletarischen Lohnarbeiterin konfrontiert: In der modernen Metropole Madrid wird geliebt, gelogen und gearbeitet, in den Kaffeehäusern und Büros verhandelt man linke Selbstkritik, Abtreibungsgesetze, Kirche, Kokain und Inflation, Ėjzenštejn trifft Marlene Dietrich trifft Geringverdienerin, während sich die Liaison zwischen Kleinbürgertum und Franco-Militärs unbemerkt anbahnt und der Clash zwischen der jungen Sowjetunion und dem spanischen Anarchismus immer unausweichlicher wird. Stenotypistinnen, Sachlichkeit und Sozialismus im gnadenlosen Zirkus der Schaufenster und Schlagzeilen – Crossdressing, Flapper, Asphalt, Generalstreik, Gender-Pay-Gap, Autofiktion: das große Gefühl auf dem Zeitungsschnipsel. Weiterhin recht ausnahmslos den Schriften von Alice Rühle-Gerstel und Ernst Toller wegen ihrer Anliegen und Johnsons Ingrid Babendererde, zu der die Bundesrepublik 1985 beschied, dass da ein bisschen viel versonnen auf Seen geblickt würde von welchen, die da so stolz wären auf ihre schöne Wortkargheit und dabei fortlaufend goldrichtig handelten. Frag ich mich heute, was daran falsch sein soll.


Franziska Teubert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am DFG- Graduiertenkolleg 2190 Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin. Publikationen in der Zeitschrift für Germanistik, im Internationalen Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, in der iMex. México Interdisciplinario, im Feuilleton und in literarischen Anthologien.