In unserer neuen Rubrik Fragebogen.doc stellen wir in loser Folge aktuelle literaturwissenschaftliche Promotionsprojekte aus Berlin vor. Heute: Charlotte Alex von der Humboldt-Universität zu Berlin.
Antworten von Charlotte Alex
Das Thema deiner Dissertation in 4 Sätzen:
In meiner Dissertation geht es um literarische Auseinandersetzungen mit Sorge (care) in Britischen Romanen der 1980er Jahre. Ich interessiere mich besonders für die Beziehung zwischen aufkommenden Diskursen des Neoliberalismus im Zuge der Wahl von Margaret Thatcher, Konzeptualisierungen von Sorge und dem Subjekt, und literarischen Formen. Ich frage in der Arbeit zum einen, wie sich verändernde Sorgeverhältnisse und -auffassungen zu dieser Zeit dargestellt werden, und zum anderen, wie Fragen von Sorge auf der formellen und narratologischen Ebene ausgehandelt werden. Sorge ist notwendigerweise ein materielles Thema (verbunden mit Körpern, Arbeit, und oft mit Geld) aber es ist auch durch Affekte gekennzeichnet – ich will wissen, welche Rolle Literatur in dieser Beziehung spielen kann und ob Literatur so etwas wie ein ‚sorgendes Potential‘ haben kann.
Wie sah dein Weg in die Promotion aus?
Ich habe meine Masterarbeit schon über das Thema Sorge geschrieben und wusste schnell, dass ich weiter daran arbeiten möchte. Dann hatte ich das große Glück, ein halbes Jahr nach meinem Masterabschluss eine Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der HU zu bekommen. Ich habe während der Pandemie mit der Promotion angefangen, als Fragen zu den Verstrickungen von Sorge, Ökonomie und Kultur plötzlich viel stärker im öffentlichen Diskurs verhandelt wurden. Durch die vielen Meinungen zu diesen Fragen hat sich mein Thema sehr aktuell angefühlt. Über das Cotutelle Verfahren der HU mit dem King’s College London konnte ich dann mit für ein Jahr nach Großtbritannien und habe dort einen Einblick in eine andere Wissenschaftskultur bekommen.
Was beschäftigt dich derzeit besonders – thematisch oder im Arbeitsalltag?
Im Moment beschäftige ich mich im Rahmen der Dissertation thematisch mit Fragen der Zeit, etwa mit den Zusammenhängem zwischen verschiedenen Zeitlichkeiten wie Arbeitszeit, Auffassungen von historischer Zeit, und Zeit in der Narratologie. Im Arbeitsalltag beschäftigen mich vor allem die Kürzungen des Senats im Kultur- und Bildungssektor, und was das für mich persönlich aber auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften, die Universität und die Stadt Berlin bedeutet. Beide Themen haben also im weiteren Sinne etwas mit Zukunftsvorstellungen zu tun, und mit Zeit als politischer Kategorie.

Für wen schreibst du deine Dissertation? Hast du ein bestimmtes Publikum im Blick?
In ihrer spezifischen Form als Doktorarbeit richtet sich meine Dissertation in erster Linie an andere Anglist*innen und Literaturwissenschaftler*innen, und natürlich an Interessierte im Allgemeinen. Ich glaube aber, dass die Frage, welche Geschichten über Sorge erzählt werden und besonders wie sie erzählt werden relevanter ist denn je und auch in den kommenden Jahren für uns alle wichtig bleiben wird. Nach Abschluss der Arbeit möchte ich daher gerne mehr über andere Publikationsformate und das anwendungsbezogene Potential meiner Arbeit nachdenken, in der Hoffnung, ein breiteres Publikum zu erreichen und damit auch andere Unterhaltungen über das Thema führen zu können.
Welchem Buch wünschst du mehr Leser:innen?
Ich lese momentan wieder Sianne Ngais Buch Ugly Feelings aus dem Jahr 2004, in dem Ngai über die Politik der Ästethetik ambiger Affekte schreibt. Ich finde Ngais theoretische Herangehensweise in ihrer Kategorisierung von Gefühlen und deren Rolle in Film und Literatur nicht nur überzeugend, ich bin auch großer Fan von der Art wie sie schreibt. Ngai verbindet in ihrem Buch komplexe Theorie mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Texten, von Klassikern bis zu Popkultur, auf eine Art die es mir schwer macht, das Buch wegzulegen.
Charlotte Alex promoviert nach einem Studium der Anglistik sowie Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft in Berlin, Paris und Zürich an der Humboldt Universität und am King’s College London.
