My white male bookshelf

Seit einem Jahr schreibt Tillmann Severin die Kolumne My white male bookshelf auf fixpoetry. Darin berichtet er, wie er alle Bücher männlicher Autoren in seinem Bücherregal umgedreht hat, sodass man nur noch den Buchblock sieht. Das Regal war weiß geworden. Seitdem liest er nur noch Autorinnen. Hier erzählt er wieso, weshalb, warum – und was ihm dabei passiert ist.

 

»leghlaHchu’be’chugh mIn lo’laHbe’ taj jej«
Klingonisches Sprichwort
(Dt.: Ein scharfes Messer ist nichts wert, wenn das Auge nicht scharf sieht.)

Weltraumliteratur

In der fünften Klasse durfte ich im Deutschunterricht ein Buch meiner Wahl vorstellen. Ich wählte ein Star-Trek-Buch. Das Buch hatte bei meinem großen Bruder im Zimmer gelegen und einen glitzernden Umschlag mit einem schneidigen Außerirdischen in Uniform darauf.

Mein Tischnachbar wählte Als Hitler das rosa Kaninchen stahl von Judith Kerr. Man kann sich denken, wer am Ende das bessere Abitur gemacht hat. Ich hätte mir für das Star-Trek-Buch auch keine gute Note gegeben. Dennoch hatte ich damals das Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein. Als Hitler das rosa Kaninchen stahl mag ein großartiger Roman sein, aber mir war klar, dass er so sehr zum schulischen Kanon gehörte, dass seine freiwillige Lektüre ungefähr so war, als würde man als Geburtstagsessen Spinat wählen.

Meine Lehrerin hat mir jedenfalls – und das habe ich eigentlich erst später verstanden –, ziemlich deutlich gemacht, dass mein Star-Trek-Buch nicht angemessen war. Wahrscheinlich war das Buch wirklich ziemlich schlecht. Oder sie hatte nicht verstanden, dass die Unterscheidung zwischen U- und E-Kultur nicht mehr gilt.

My white male bookshelf © Tillmann Severin

Worum es in meinem Star-Trek-Buch ging, wie es hieß oder wer es geschrieben hatte, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Teil des Referats war allerdings, einen Ausschnitt aus dem Buch vorzulesen, der einen besonders faszinierte. Ich wählte einen Teil, in dem der Klingone Worf durch einen dunklen Raumschifftunnel kriecht und an etwas leidet, an dem Figuren im 21. Jahrhundert eben leiden. Phaser-, Warpkernverstrahlung oder etwas Ähnliches. Drum herum ging nebenbei die Welt unter und es hing von Worf im Tunnel ab, ob sie gerettet würde. Er musste es nur bis zum Licht am Ende des Tunnels schaffen.

Weltliteratur

In meinem literaturwissenschaftlichen Studium habe ich dann gelernt, dass ich genau den richtigen Abschnitt gewählt hatte. Denn darum geht es schließlich in der gesamten Weltliteratur: Eine Figur ist im dunklen Tunnel und man fragt sich, ob sie am anderen Ende ankommt. Tolstoj bläst Anna Karenina das sprichwörtliche Licht am Ende aus, während Anna Seghers ihren Georg Heisler in Das siebte Kreuz durchkommen lässt. Um zu verstehen, dass literarischen Texten solche Strukturen zu Grunde liegen, musste ich ziemlich lange studieren.

Um zu verstehen, dass diese Strukturen keine Regeln sind, die sich irgendwer ausgedacht hat und die für gut befunden wurden, musste ich selbst ziemlich viele Texte schreiben. Dabei habe ich gemerkt, dass nicht nur die Frage wichtig ist, ob Worf am Ende heil aus dem Tunnel herauskommt, sondern auch, dass die Person, die im Tunnel steckt, meistens weiß und männlich ist und umgeben von Frauen, die sie mehr oder weniger anhimmeln.

Die Erkenntnis, dass es immer um die Gleichen geht, ist eigentlich nicht viel komplizierter als die Erkenntnis, dass es immer um das Gleiche geht. Trotzdem ging es in meinem gesamten literaturwissenschaftlichen Studium – wenn überhaupt – nur am Rande darum. Feministische Literaturwissenschaft kam praktisch nicht vor. Dabei lasen wir permanent Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft, in denen stand, warum in diesem oder jenem Text durch Strukturen Macht ausgeübt wird. Dass die Texte selbst eine Liste ergaben, die bestimmten Strukturen unterlag und deshalb sehr männlich und weiß war, das kam nicht vor, bzw. hat nicht dazu geführt, die Listen selbst zu befragen. Ich möchte diese Bücher hier gar nicht angreifen, denn ich habe viel von ihnen gelernt, bin voller Bewunderung für komplexes Denken und bin fest davon überzeugt, dass Philosophie und Theorie für feministische wie überhaupt für Machtkritik von großer Bedeutung sind.

Trotzdem habe ich den größten Teil meines Lebens nur weiße männliche Autoren gelesen. Und das ist ziemlich peinlich für jemanden, der genug Theorie gelesen hat, um zu wissen, dass diese Kanonbildung an Machtstrukturen hängt, die 50% meiner Liebsten ausschließen.

Video killed the Suhrkamp-Taschenbuch-Wissenschaft-Stars

Um zu verstehen, wie sehr die Welt meines Kulturgenusses männlich geprägt ist, musste ich mich erst mal wieder in die Niederungen der U-Kultur bewegen. Und zwar in den YouTube-Kanal feministfrequency von Anita Sarkeesian, die sich vor allem mit Computerspielen beschäftigt. In einem ihrer Videos erklärt sie den Bechdel-Test, der in meinem Geburtsjahr von der Comiczeichnerin Allison Bechdel erfunden wurde und der deutlich macht, wie unterrepräsentiert Frauen in Comics, Filmen, Romanen, Computerspielen sind.

Bookshelf mit Neuzugängen seit dem Start der Kolumne © Tillmann Severin

Nachdem ich das als Autor gesehen hatte, wollte ich mir zumindest über meine eigenen Texte Gedanken machen. Ich habe mich hingesetzt und mir Figurenkonstellationen überlegt, die nicht nur Männer repräsentieren und keine sexistischen tropes reproduzieren (auch darüber hat Antia Sarkeesian großartige Videos unter dem Titel tropes vs women gemacht). Das Faszinierende für mich ist, dass ich das nicht kann. Ich kann nicht einfach so vom Reißbrett Figuren erschaffen, die theoretischen Ansprüchen entsprechen. Gleichzeitig entspricht alles, was ich nicht vom Reißbrett erschaffe, auf so eine deutliche Weise dem Klischee, dass es peinlich ist. Da tauchen immer wieder Spuren des Heilige/Hure-Schemas auf, da sind Frauen nur die Anhängsel und Projektionsflächen von Männern. Dass ich beim Schreiben auf diese Strukturen zurückgreife, haben offenbar die Jahre angerichtet, die ich in der Welt und ihrer Weltliteratur verbracht habe. Strukturen sind real. Und so schnell komme ich aus ihnen sicher nicht heraus.

Ich denke auch nicht, dass das mein Anspruch sein muss. Wer kann schon von sich behaupten, ein Manuskript mit einer weißen Weste abgeschlossen zu haben? Und wer will das überhaupt? Trotzdem ist es beschämend, wie sehr ausgerechnet mein Scheiben – die subjektive, individuelle Tätigkeit überhaupt – mir zeigt, wie wenig individuell und ausgesprochen stereotypisch ich über Geschlecht nachdenke – und dabei weiß, dass es obendrein an sich schon problematisch ist, die Welt mit dieser Kategorie zu ordnen.

Lesen und Schreiben

Irgendwann bin ich dann auf ein Foto im Internet gestoßen: In einer Buchhandlung waren sämtliche Bücher männlicher Autoren umgedreht worden. Die Buchhandlung war weiß geworden. Daraufhin ist die Kolumne My white male bookshelf entstanden. Mit der Hoffnung, dass mein Regal irgendwann bunter wird und mit der Hoffnung, dass sich durch die Lektüre ein anderes Wissen in meinem Schreiben niederschlägt und andere Geschichten und Subjekte denkbar werden.

Ob das bis jetzt passiert ist? Wahrscheinlich nicht. Das Bücherregal mit meinen Neuerwerbungen wächst zwar stetig, aber dreißig Jahre holt man nicht in einem Jahr auf. Dafür sind mir im letzten Jahr Dinge klar geworden, die sehr wichtig für mich sind: Am Anfang habe ich im Buchladen bemerkt, wie ich eher nach Männern als nach Frauen griff, obwohl ich weder Autor noch Autorin kannte. Auch das ist sicher eine Folge meiner bisherigen sehr männlichen Lektüre und ich habe es als anstrengend empfunden, entgegen meiner Intuition zu kaufen.

Nach einer Weile haben sich dann andere Effekte eingestellt: Mein Blick ist weiter geworden, ich sehe buchstäblich mehr Bücher. Außerdem ist die Bandbreite dessen, was ich lese, gewachsen. Ich lese offener. Vor allem lese ich aber wesentlich mehr und mit wesentlich mehr Lust. Ich weiß nicht warum, aber ich habe das Gefühl, dass es damit zusammenhängt, dass ich mit dieser einfachen Leseregel auch einen großen Teil des Kanons abgeschüttelt habe. Ich will mich damit keinesfalls gegen Klassiker wenden, ich lese sogar regelmäßig welche. Aber nach einem literaturwissenschaftlichen Studium mit seinen endlosen Leselisten und einer Schulzeit, die einem Star Trek verbot, gibt es da immer noch ein weiteres Buch eines Kanonautors, das man gelesen haben muss und das einem die Augen für anderes verschließt.

Und dieses MUSS, das vom männlichen weißen Kanon ausgeht, empfinde ich in etwa als so lustfeindlich wie mir damals Als Hitler das rosa Kaninchen stahl vorkam. My white male bookshelf ist also auch die Geschichte meiner Emanzipation vom weißen männlichen Kanon, der zwar viel Lesenswertes enthält, der aber immer von Verwaltern der Hochkultur und damit Wachleuten der Unlust umgeben ist. Und genau darum geht es mir, denn Spinat mag ich mittlerweile. Wenn ich darüber nachdenke, würde ich eigentlich auch gerne Als Hitler das rosa Kaninchen stahl einmal lesen – vielleicht an meinem nächsten Geburtstag.

My new bookshelf

Ich habe großartige Klassikerinnen kennengelernt, lese weitläufig in der Gegenwartsliteratur und habe meinen ersten richtigen Unterhaltungskrimi gelesen (Das Schwarze Corps von Dominique Manotti aus der Ariadne-Reihe im Argument-Verlag), der mir noch einmal deutlich gemacht hat, dass gute Unterhaltung Hochliteratur ist und Hochliteratur gute Unterhaltung. Und bei Christa Wolf habe ich gelesen, dass auch sie sich für Star-Trek begeistern kann. U und E sind also kein Gegensatz.

White male bookshelf bei Victor Kümel (Kabeljau & Dorsch) © Victor Kümel

An dieser Stelle könnte man natürlich auch fragen, ob es nicht völlig überholt ist, Bücher danach einzuteilen, ob sie von einer Autorin oder einem Autoren geschrieben wurden. Schließlich sind Geschlechter nicht binär. Ich teile die Skepsis. Und es gibt Autor*innen in meinem Regal, bei denen ich tatsächlich nicht wüsste, auf welche Seite ich sie drehen soll (immerhin bietet ein handelsübliches Buch mindestens sechs Möglichkeiten). Aber ist das ein Argument dagegen, männliche Autoren umzudrehen und auf diese Weise über die Strukturen des eigenen Lesens nachzudenken? – Nein, denn es geht nicht darum, andere Identitäten zu markieren, sondern darum, dass ich mir darüber klar werde, wie sehr die Strukturen dazu führen, dass ich vor allem weiße männliche Autoren lese. Insofern haben sich auch die Regeln für mein Regal geändert: Ich drehe nicht mehr alle Bücher von Autoren um, sondern die von weißen, heterosexuellen cis-Männern. Und zwar, um genau diese Machstruktur zu markieren und zumindest beim Lesen abzuschwächen.

Am Ende ergibt sich für mich auch die Frage, was eigentlich Wissen ist. Denn ich weiß nicht erst seit gestern, dass der Literaturkanon und meine Lesepraxis weiß und männlich dominiert sind. Ich weiß auch schon lange, dass das problematisch ist. Ich weiß auch, dass mein Handeln von Strukturen geprägt ist, die real sind. Das steht schließlich in den vielen Suhrkamp Taschenbüchern Wissenschaft, die umgedreht in meinem Regal stehen. Ich weiß das so sehr, dass ich mich frage, ob es überhaupt interessant ist, das hier noch einmal zu schreiben. Trotzdem habe ich etwas völlig Neues gelernt: dass kognitives, theoretisches Wissen etwas sehr anderes ist als praktisches Wissen. Zu jeder Ausgabe der Kolumne gehört, dass eine Person aus dem Literaturbetrieb ihr Bücherregal mit umgedrehten Büchern fotografiert. Die Fotos sprechen für sich. Wirklich interessant fand ich allerdings, dass alle erschrocken waren. Obwohl ihnen die Problematik bewusst war, sah es in ihrem Regal anders aus. Die Körperlichkeit von Strukturen wird also erst verständlich, wenn sie tatsächlich körperlich werden. Wenn ich im Buchladen nach einem Buch greife und schon wieder einen weißen Mann in der Hand habe. Und dann, wenn ich versuche eine komplexe weibliche Figur zu schreiben und scheitere. Die Praxis folgt insofern nicht nur aus der Theorie, sondern macht die Theorie erst verständlich. Witzigerweise musste ich für dieses tiefere Verständnis kein einziges Buch öffnen — es hat gereicht, sie umzudrehen.

My white male bookshelf hat für mich tatsächlich viel mehr umgekehrt als nur Bücher. Nach einem Hamburger Abitur, einem Münchner Komparatistik-Magister und einem DLL-Master habe ich noch einmal neu lesen gelernt: Ich lese offener, diverser und lustvoller. Und ein bisschen fühle ich mich wieder wie der Fünftklässler, der too-cool-for-school ist und deshalb Star Trek liest.
Nebenbei bemerkt: Auch Lieutenant Commander Worf aus den Star-Trek-Filmen ist ziemlich männlich konnotiert. Aber er ist kein weißer Mann, sondern ein Klingone.

Tillmann Severin hat an der LMU München und dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Er ist Mitinitiator der Initiative „Unabhängige Lesereihen“ und lebt als freier Autor und Übersetzer in Berlin.

Dieser Text ist erstmals erschienen bei Kabeljau & Dorsch.

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