Eine queerfeministische Aktualisierung der kritischen Theorie unternimmt die Philosophin, Autorin und Filmemacherin Lea Schlude in ihrem Buch Lustdenken. Für einen zärtlichen Materialismus auf den Spuren Adornos (2026).
Von Gabriel Kombasséré
In Lustdenken, im April bei transcript erschienen, entwirft Lea Schlude eine Theorie der epistemischen, ontologischen und phänomenologischen Lust. Es geht ihr dabei um einen herrschaftsfreien, zärtlichen Bezug zur Welt, der sich der begrifflichen Verdinglichung widersetzt. Im Interview führt Schlude aus: „Meine Theorie einer zärtlichen Annäherung an die Dinge setzt die Grenze vor dem Übergriff. Es geht nicht um eine Aneignung, um ein Angreifen, Angrabschen, sondern um eine nicht-gewaltvolle, also konsensuelle Austauschbeziehung zwischen Subjekten, zwischen Subjekten und Objekten, Phänomenen, Dingen, ohne auf sie überzugreifen.“
Dafür entwickelt Schlude Gedanken Adornos weiter: „Adorno beschreibt in der Dialektik der Aufklärung die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt als ‚organische Anschmiegung ans andere‘. Das finde ich eine ganz wunderbar friedliche, wirklich haptische, zärtliche Vorstellung, die mich sehr berührt hat, als ich das das erste Mal gelesen habe. Und dann spricht er in der Negativen Dialektik von der ‚Hingabe an den spezifischen Gegenstand‘. Auch diese Hingabe denke ich als zärtlich.“
Das Begehren: Selbsterhaltung als Herrschaft über die Natur
Einen wesentlichen Bezugspunkt für Lustdenken bildet Adornos Kritik an der bürgerlichen Existenz. Um diese zu verstehen, muss man dort ansetzen, wo das Subjekt seine lebendige Verbindung zur Welt verliert, nämlich beim Begehren. Adorno differenziert scharf zwischen der bloßen Lust und dem Begehren. Beide driften in der verwalteten Welt schmerzhaft auseinander: „Es gibt die Lust auf etwas und die Lust an etwas – zwei verschiedene Welten, in der Zeit getrennt: Begehren und Befriedigung. Die Lust dazwischen, in der aufhaltenden Bewegung der Dauer, ist dem Subjekt vergangen“ (Dialektik der Aufklärung, S. 39).
Diese Melancholie der verpassten Lust ist kein bloß psychologisches Phänomen, sondern das Resultat eines traumatischen zivilisatorischen Prozesses. Das bürgerliche Identitätssubjekt, so zeigt Adorno in der Negativen Dialektik, ist das Produkt eines hypertrophen Selbsterhaltungstriebs. Um sich in einer bedrohlichen Natur zu behaupten, reagiert das Subjekt mit begrifflicher Aneignung, Identitätszwang und letztlich der Vernichtung des Nichtidentischen. Dieser Zwang zur Selbstbeherrschung führt zu einer tiefen Beschädigung der menschlichen Psyche. Wo das Subjekt im „unversöhnten Stand“ vor der Erfahrung des Nichtidentischen zurückweicht, kompensiert es seine eigene Ich-Schwäche durch ein regressives „Bedürfnis nach Halt, nach dem vermeintlich Substantiellen“ (ND, S. 102). Der Preis für diese vermeintliche Stärke ist die Abspaltung der eigenen Lebendigkeit.
Eine Alternative dazu, die ohne Zwang und begriffliche Aneignung auskommen soll, formuliert Lea Schlude in Lustdenken. Dabei nimmt sie auch in den Blick, dass dieses Konzept der Stärke auch schon bei Adorno als spezifisch männlich beschrieben wird.
Die maskuline Matrix der Gewalt: Odysseus und die „Lust an der Härte“
In der Dialektik der Aufklärung wird diese Dynamik am Ur-Mythos der europäischen Geistesgeschichte konkretisiert: der Odyssee. Odysseus ist der Prototyp des bürgerlichen, männlich identifizierten Subjekts, das sich durch List und Entsagung über die Natur erhebt. Doch diese Herrschaft über die Sinne bedeutet eine fundamentale Verarmung des Denkens wie der Erfahrung: „Der Geist wird in der Tat zum Apparat der Herrschaft und Selbstbeherrschung[…]“ (DA, S. 42).
Mit der Herrschaft über die Natur ist auch eine moralische Bewertung verbunden: Das Fremde, das Heterogene, muss als „das Böse“ markiert werden, um seine Vernichtung zu rechtfertigen: „Das zu fressende Lebewesen muß böse sein“, (ND, S. 33). Da die Versöhnung durch Angst blockiert ist, tritt an die Stelle echter Rezeptivität eine sadistische Perversion: Das Subjekt kultiviert eine verdinglichte „Lust an der Härte“ (DA, S. 111), während Offenheit und Einfühlungsvermögen als Schwäche verpönt werden.
Die Unterwerfung des Anderen und das Zurückdrängen des Unbekannten schlagen um in Destruktivität. Um die traumatische Angst vor dem Rückfall ins „Chaos“ – das in der patriarchalen Zivilisationsgeschichte stereotyp mit dem Weiblichen identifiziert wird – zu bewältigen, greift das Subjekt zu Hass und Gewalt, wie Schlude ausführt (Lustdenken, S. 43).
Die Ausgrenzung des Nichtidentischen: Foucault, Lacan und die sexuelle Differenz
An diesem Punkt setzt Lea Schlude an, um Adornos Argumentation kritisch zu erweitern und seine patriarchale Engführung offenzulegen. Denn was Adorno als allgemeines Schicksal des „Subjekts“ beschreibt, ist, wie auch Michel Foucault und Luce Irigaray zeigen, die spezifische Ökonomie des männlich identifizierten Begehrens. Die Rationalitätskonzepte unserer Kultur sind nicht neutral; sie basieren auf einer Verdrängung des weiblichen, non-binären und queeren Subjekts aus dem philosophischen Diskurs. Foucaults Konzept des „Sexualitätsdispositivs“ verdeutlicht, dass das moderne Subjekt erst über eine normative Produktion von Sexualität konstituiert wird, die auf Besitz, Fortpflanzung und der Domestizierung der ursprünglichen, „polymorph perversen“ (Freud) Triebe abzielt.
Lea Schlude zeigt, dass das männlich identifizierte Begehren auf einer Verdrängung der Affekte des Anderen beruht. Jacques Lacans berühmtes Diktum „il n’y a pas de rapport sexuel“ (Es gibt kein sexuelles Verhältnis) (zitiert nach: Lustdenken, S. 48) bringt diese Unmöglichkeit auf den Punkt: Solange die herrschende Identitätslogik die unaufhebbare Differenz – und damit den notwendigen dritten Term zur Vermittlung des Anderen – eliminiert, bleibt eine echte, gewaltfreie Beziehung zwischen verschieden sexuierten Subjekten unmöglich. Das Weibliche wird in dieser Logik zur bloßen Projektionsfläche degradiert: wahlweise als mangelhaftes Wesen („tierlicher Mangel an Selbst“, Lustdenken, S. 49) oder als unerreichbar transzendiertes Ideal.

Adornos blinder Fleck
Lea Schludes Kritik an Adorno ist, dass er mit den Ansprüchen seiner eigenen negativ-dialektischen Methode bricht. Während er die Verdinglichung des Begehrens glänzend analysiert, reflektiert er die Historizität geschlechtsspezifischer Zuschreibungen kaum. Er bleibt gefangen in der Aporie des männlich identifizierten Subjekts, das das Weibliche und die Natur instrumentalisiert, um sich selbst zu erhalten, und sich dadurch letztlich selbst vernichtet. Selbst in seiner Ästhetik, in der das „transzendente Schöne“ als Fluchtpunkt der Versöhnung fungiert, droht Adorno in den Modus des bloß kontemplativen, verdinglichenden Genusses zurückzufallen. Die Utopie einer Lust am Nichtidentischen gerät so unbewusst zur Fortschreibung des männlich identifizierten Blicks auf das Weibliche.
Lea Schlude beruft sich hier auf eine feministische Kritik an der Frankfurter Schule, die bereits von Regina Becker-Schmidt, die bei Adorno promovierte, geäußert wurde. Eine konsequente negative Dialektik, so könnte man diese Kritik zusammenfassen, darf das nichtidentische (weibliche, queere) Subjekt nicht bloß als stummes Opfer oder transzendentes Ideal behandeln. Sie muss – gegen Adornos eigenen blinden Fleck – dessen autonomes Potenzial reflektieren, welches die starren Identitätsmechanismen des Patriarchats von innen heraus zu transzendieren vermag.
Während Theodor W. Adorno die Möglichkeit eines Auswegs aus der gesellschaftlichen Erniedrigung in die Utopie einer Versöhnung verlegt, bleibt dieser Entwurf unvollständig. Ihr fehlt die dialektische Einsicht, dass das männlich identifizierte Subjekt des Dialogs mit dem nicht-männlichen Gegenüber bedarf, um Versöhnung überhaupt denken zu können. Der Protest gegen die Verfügungsgewalt dieses Subjekts müsste, um erfolgreich zu sein, aus einem ihm gänzlich entzogenen, unkalkulierbaren Anderen entspringen (Lustdenken, S. 70).
Die Grenze der Argumentation…
Die Argumentation, die Schlude vorlegt, beruht wesentlich auf einer Kritik der Monogamie: Wichtig für die Analyse von sowohl Adorno als auch Schlude ist die Ehe. Adornos Analyse der Ehe in den Minima Moralia und Dialektik der Aufklärung offenbart die Institution als janusköpfig: Sie gilt als einer der letzten Rückzugsorte des Humanen. Wenn diese bürgerliche Schutzhülle zerfällt, bricht das gesellschaftlich Entfremdete ungefiltert herein. Das Fundament der Ehe bildet jedoch „die barbarische Verfügung des Mannes über Eigentum und Arbeit der Frau, die nicht minder barbarische Sexualunterdrückung“ (Minima Moralia, S. 43f). Die angeführte Kritik von Lea Schlude legt treffend offen, dass Adornos Klage über diese Unterdrückung stark aus einer privilegierten Männerperspektive formuliert ist, die vor allem den zivilisatorischen Zwang zur Monogamie betrauert:
„Die Sexualunterdrückung der Frau* hingegen, die sie dazu nötigt, für den ein Leben lang zu sorgen, mit dem zu schlafen ihr vielleicht einmal Lust bereitete, bleibt unbedacht. So lässt sich nostalgisch eine vergangene Solidarität behaupten, in der sich, ohne Reflexion der sexuellen Differenz, lediglich die männliche Sehnsucht reproduziert:“(Lustdenken, S. 68)
An dieser Stelle greift die Argumentation von Lea Schlude jedoch zu kurz. Die implizite Annahme, dass die Befreiung von der monogamen Norm das patriarchale Grundproblem der Ehe lösen würde, vernachlässigt kulturspezifische Realitäten. Ein Blick auf nicht-monogame Eheformen wie die Polygamie oder die seltenere Polyandrie zeigt, dass Ehe- und Beziehungsstrukturen stets kulturell codiert und selten frei von Herrschaftsansprüchen sind. Auch in polygamen Systemen weicht die vermeintliche sexuelle oder partnerschaftliche Freiheit oft strikten Hierarchien, ökonomischen Abhängigkeiten und internen Verteilungskämpfen um Status und Ressourcen.
Das Konfliktpotenzial verschiebt sich in solchen Strukturen lediglich, statt sich aufzulösen. Die fundamentale Kritik an der Ehe als Herrschaftsinstrument darf sich daher nicht auf das Lamento über die Monogamie verengen. Vielmehr muss sie anerkennen, dass jede Institutionalisierung von Partnerschaft – ob monogam oder plurizentrisch – Gefahr läuft, die Individuen den entfremdeten Ordnungen von Recht und Eigentum (Lustdenken, S. 67) zu unterwerfen.
Lustdenken als neuer Weg
Lustdenken ist eine Praxis der ontologischen Phänomenologie, die einen neuen Weg weisen will – und zwar für eine Phronesis der ethischen Unverletzbarkeit des Anderen in einer Welt, in der der Andere aufgrund seines Gender, Herkunft, seiner Hautfarbe, seiner Religionszugehörigkeit oder seiner sexuellen Orientierung unter der Gefahr von Ausgrenzung, Diskriminierung oder Übergriffen leidet. Der situierte Universalismus und die Communities, die als Schutzraum davor verwendet werden, stoßen ebenfalls auf Widerstand. Da kann die Praxis des Lustdenkens dazu beitragen, die „Beziehungskomponente und die affektive Komponente in Wissensvollzügen zu betonen“, wie Schlude im Interview formuliert. Und noch darüber hinaus können auch nichtmenschliche Lebewesen wie Tiere, Pflanzen und Pilze sowie Wasser, Steine etc. als das Andere begriffen werden, mit dem wir in lustvollen Dialog treten sollten. Lustdenken bietet dafür einen anregenden Ausgangspunkt.
Gabriel Kombasséré hat in Burkina Faso und an der University of Nairobi studiert, mit Gastaufenthalt an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Er promoviert an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule zur Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Neokolonialismus im deutschen und afrikabezogenen Dokumentartheater.
Beitragsbild: Giles Laurent, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons, Schwarz-Weiß-Filter.
