In unserer Serie Drei Sätze schreiben Literaturwissenschaftler*innen über eine Textpassage, die ihnen nie aus dem Kopf ging.

Hoffnung aber knüpft sich im Bericht von der Untat daran, daß es schon lange her ist. Für die Verstrickung von Urzeit, Barbarei und Kultur hat Homer die tröstende Hand im Eingedenken von Es war einmal. Erst als Roman geht das Epos ins Märchen über.

Das sind die letzten Sätze des ersten Odysseus-Exkurses von Adorno und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“. Sie beziehen sich auf die grausame Strafe, die der Sohn nach der Rückkehr seines Vaters Odysseus an den treulosen Mägden am Hofe Ithakas vollzieht. Die gehenkten Frauen, zitieren die Verfasser Homers Erzähler, „‘zappelten dann mit den Füssen ein weniges, aber nicht lange‘“. Die folgende Zäsur im Text decke „die unnennbare ewige Qual der einen Sekunde auf, in der die Mägde mit dem Tod kämpfen“. – Das hatte ich schon verstanden: dass die Zäsur die bodenlose Ungerührtheit des Erzählers Lügen straft; so wird den Frauen Recht gegen den Erzähler und gegen ihren Henker. Gerade weil es auch ein Glücksversprechen war, konnte Odysseus das „Hetärentum“ in sich selbst nur so weit überwinden, dass er sich an ihren Repräsentantinnen mythisch rächend des erreichten Stadiums zu versichern gezwungen war. Jedenfalls: Auch und gerade der entronnene Selbstbezwinger und Heimgekehrte war und blieb ein Verstrickter. Doch, so viel hatte ich von der ‚Dialektik der Aufklärung‘ schon verstanden. Aber nicht diese letzten drei Sätze: Wo liegt hier Hoffnung, wo Trost? Was für ein halb therapeutisches, halb theologisches Kunstverständnis, Kunstversprechen war das? – So hätte ich das damals kaum formulieren können. In meiner Ausgabe steht bloß ein rotes Fragezeichen am Rand dieser letzten Sätze.

In den Semesterferien in Freiburg war im Spätsommer 1982 die erste Hausarbeit in der Philosophie zu schreiben, bei Ute Guzzoni, die ein Proseminar zur „Dialektik der Aufklärung“ abgehalten hatte. Dabei ging es darum, die Heimkehr des Odysseus von Utopie der ‚Versöhnung‘ zu unterscheiden. Wenn es einen Zusammenhang zwischen Heimkehr und Versöhnung gab, so konnte er nichts mit der story zu tun haben, sondern bestenfalls mit dem Text der „Odyssee“. Das machte die letzten Seiten des Exkurses zentral. Ich weiß nicht mehr, ob ich auch die drei letzten Sätze zitiert habe, und die Hausarbeit habe ich nicht mehr. Lange geblieben ist ein Unbehagen, weil Trost und Eingedenken auf ein Einverstanden-Sein mit der Verstrickung von Urzeit, Barbarei und Kultur deuteten. Lag in der Entrückung ins Märchenhafte nicht eine fatale Beruhigung über indirekt eben erst und gegen die Erzählerintention aufgedecktes Leid?

Das Schöne an solchen Sätzen, an denen man lange gerätselt hat, ist, dass man darauf hoffen oder sich damit trösten kann, im Laufe der Zeit klüger geworden zu sein. Dass Trost bei Adorno auch, aber nicht nur ein theologischer Restbestand ist, hatte ich irgendwann nach der Lektüre seiner „Ästhetischen Theorie“ verstanden. Auch das Rätsel der Gattungszuordnung lichtete sich im Laufe der Zeit. Die Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ begreifen die „Odyssee“ nämlich von vornherein als einen Roman und nicht als Epos; das überliest man eingangs leicht, aber der Vergleich des homerischen Erzählers mit Flauberts impassibilité im unmittelbaren Umkreis der letzten Sätze macht diese Voraussetzung noch einmal sehr deutlich. (Und sie stützen sich dabei auf konservative Autoren der Zwischenkriegszeit, die, wie beispielsweise Borchardt, die „Odyssee“ im Unterschied zur „Ilias“ schon immer verdächtigt hatten, kein ‚echtes‘ Epos zu sein.) Als Roman also geht das Epos ins Märchen über, heißt, dass es erst als jener Widerspruch zwischen der ‚ewigen Qual der einen Sekunde‘ und der Versicherung, dass sie schon lange her sei, jene zeitlose Urvergangenheit gewinnt, die dem Epos im Unterschied zum Roman immer wieder zugesprochen worden ist. Erst mit dem Es war einmal aus dem Märchen wird die Geschichte von den Mägden unverlierbar, erfüllt sich das Versprechen des Romans, sich selbst als „Eingedenken“ zu transzendieren. (Dass die Autoren diesen Begriff beim späten Benjamin entlehnt haben, der ihn für die Aktualisierbarkeit vergangener Erfahrungen im Jetzt gebraucht, habe ich erst später hinzugelernt und daraufhin die Homerische Zäsur mit dem Einspruch des Ausdruckslosen gegen den schönen Schein in Benjamins Wahlverwandtschaftenaufsatz in Verbindung gebracht.) So konnte der Verdacht, den diese Sätze früh und dauerhaft erregt hatten, sukzessive, wenn nicht ganz ausgeräumt, so doch entkräftet werden. Das Geheimnis auch der 3000 Jahre alten „Odyssee“ als Kunstwerk besteht darin, an den äußersten Grenzen der Darstellung, eben in Gestalt der Zäsur, in der Entrückung die Aktualisierbarkeit zu wahren.

Nun gehören in meinem Kopf zu diesen drei Sätzen aber noch drei andere, die ich lange vor Adorno gehört oder gelesen hatte. Sie erscheinen mir bis heute wie ein Einspruch nicht nur gegen Adornos und Horkheimers Schlusssätze, sondern auch wie eine Warnung vor bestimmten exegetischen Anstrengungen. Einmal habe ich die Sätze auch öffentlich vorgelesen, im ‚Märchenzelt‘ der „Langen Nacht der Wissenschaften“ in Bonn. Die Zuhörenden waren sehr erschrocken ob des Endes.

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.

Eva Geulen ist seit 2015 Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. Im Jahr 2016 erschien ihre Studie Aus dem Leben der Form. Goethes Morphologie und die Nager im Berliner August Verlag.

Bild: Manuskript Dostoevskijs (Die Dämonen), © wikimedia commons

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