In unserer Serie Drei Sätze schreiben Literaturwissenschaftler*innen über eine Textpassage, die ihnen nie aus dem Kopf ging.
Das Handeln ist die einzige Tätigkeit der Vita activa, die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen Menschen abspielt. Die Grundbedingung, die ihr entspricht, ist die Pluralität, nämlich die Tatsache, daß nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern. Für Menschen heißt Leben so viel …wie „unter Menschen zu weilen“ (inter homines esse).
(Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, 1960)
Wenn ich Hannah Arendts Vita activa aus dem Regal nehme (das Regal mit Benjamin und Arendt steht direkt neben meinem Schreibtisch), flattern jedes Mal ein paar Blätter zu Boden, die sich aus der Piper-Taschenbuchausgabe lösen: schlecht gebunden und oft benutzt. Das Buch ist voller Unterstreichungen mit unterschiedlichen Stiften, Spuren wiederholter Lektüren. Erworben habe ich das Buch anlässlich eines Vortrags zu den „Hannah Arendt Tagen Zürich 1996“ während meiner Zeit an der dortigen Universität, weil das Exemplar aus meiner Hamburger Bibliothek (das später bei einem meiner Umzüge verschwunden ist) nicht zur Hand war. Wann ich Arendt erstmals gelesen habe, erinnere ich nicht genau; während meines Studiums in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre standen ihre Schriften, anders als die Benjamins, noch nicht auf der Leseliste der Seminare oder Studienkollektive. 1993 als Jurymitglied für den Lessing-Preis der Stadt Hamburg jedenfalls war für mich Hannah Arendt, die 1959 diesen Preis erhalten hatte, der Maßstab, um über mögliche Preisträger nachzudenken. Seither sind mir ihre Arbeiten immer wichtiger, ja unausweichlich geworden. Neben Walter Benjamin und Sigmund Freud gehört Hannah Arendt zu jenen Autoren, denen ich am meisten verdanke. Auch bei mehrfach wiederholter Lektüre erschöpfen deren Schriften sich nie.
Bei Arendt sind es – neben ihrer luziden kritischen Analyse der Menschenrechte im Totalitarismus-Buch – ihre Überlegungen zur conditio humana, auf die ich immer wieder zurückkomme. Angesichts der jüngsten radikalen Infragestellungen nahezu aller vermeintlichen Gewissheiten menschlichen (Zusammen-)Lebens werden ihre Analysen immer wichtiger. Ein Schlüsselbegriff ihrer Theorie der Vita activa ist der starke, ja emphatische Handlungsbegriff, insofern ‚Handeln‘ bei Arendt nicht etwas ist, das aus der Perspektive eines Subjekts oder Akteurs definiert werden kann. Indem sie die Pluralität menschlicher Existenz auf Erden als Grundbedingung der conditio humana versteht, bestimmt Arendt Handeln als Tätigkeit, die sich zwischen Menschen abspielt, und zwar „ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen“. Damit werden philosophische Handlungskonzepte einer willentlichen, zweckrationalen bzw. -gerichteten Tätigkeit oder verursachenden Aktivität, insofern ihnen eine eindimensionale, zielgerichtete Struktur zugrunde liegt, obsolet. Eine solche Tätigkeit, die auch von einem einzelnen Akteur verrichtet werden kann, bezeichnet Arendt als Herstellen, die Tätigkeit des animal laborans, und grenzt sie kategorial von ihrem Handlungsbegriff ab. Es ist aber genau das Handeln im Sinne Arendts, dessen Spielraum gegenwärtig immer mehr eingeschränkt wird, wenn soziale Medien, das Internet und andere technische Kommunikationsmittel zwischen die Menschen treten – mit weitreichenden Folgen für das Politische.
Denn das Buch Human Condition (1958), in ihrer deutschen Selbstübersetzung Vita activa oder Vom tätigen Leben (1960), entwickelt die Voraussetzungen einer politischen Theorie, in deren Mittelpunkt nicht Institutionen oder Strukturen der Politik stehen (wie es während meines Studiums von der Politikwissenschaft gelehrt wurde), sondern das Handeln und Sprechen miteinander, das Zwischen den Menschen – sie spricht auch vom ‚Zwischenraum‘, vom ‚Bezugsgewebe‘, vom ‚Miteinander‘ oder „unendlichen Gewebe menschlicher Angelegenheiten“ –, aus dem überhaupt erst dasjenige ‚Politische‘ entsteht, das diesen Namen verdient. Es ist bemerkenswert, dass einer der Pioniere des Cyber- und Hyperspace, Douglas Rushkoff, der heute als einer der schärfsten und kompetentesten Kritiker der Tech-Konzerne auftritt, wenn er nach Alternativen gefragt wird, nichts anderes empfiehlt als Begegnung und Austausch in der menschlichen Gemeinschaft.
Arendts Handlungsbegriff wurde mir besonders bedeutsam, als die Actor Network Theory (ANT) Bruno Latours kursierte und in aller Munde war. Die ANT steht für mich paradigmatisch für eine verbreitete affirmative Art und Weise des jüngsten Theoriediskurses, mit der Einführung eigener Begriffe auf technische und wissenschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Ein besonders beliebtes Verfahren besteht darin, neuere technologische Konzepte oder Pathosformeln des politischen Diskurses in Theorie-Metaphern zu übertragen. Im Falle der ANT betrifft dies den Begriff der agency, mit dem Maschinen, technologischen Settings, digitalen Netzwerken oder Funktionsketten ein Handlungsvermögen zugeschrieben wird, womit diese zu Akteuren mutieren. Im Glossar von Latours Parlament der Dinge (2001) heißt es: „Aktant; Akteur (actant; acteur): Aktant ist ein semiotischer Begriff, der gleichzeitig Menschen und nicht-menschliche Wesen umfasst; Akteur ist alles, was einen anderen in einem Versuch verändert; von Akteuren lässt sich nur sagen, dass sie handeln; ihre Kompetenz leitet sich aus ihrer Performanz ab; die Handlung ihrerseits wird stets im Verlauf eines Versuchs und in einem Versuchsprotokoll – wie rudimentär auch immer – aufgezeichnet.“ (285) Auf diese Weise wird das Vermögen zu handeln auf eine Funktion reduziert, auf die Verursachung einer Modifikation, mit dem Effekt, dass Begriff und Bedeutung des Handelns von Qualitäten menschlichen Handelns wie Wechselseitigkeit, Beziehung, Verantwortung u.a. abgeschnitten sind.
Um Missverständnissen oder dem Vorwurf des Kulturpessimismus vorzubeugen: Zweifellos ist es so, dass technische und digitale Systeme und Funktionen immer mehr Tätigkeiten übernehmen, die zuvor von Menschen ausgeführt wurden, womit sich die erkenntnistheoretische Frage stellt, was die technologische Entwicklung seit Arendts Entwurf, insbesondere die digitale Revolution, für die Schlüsselbegriffe der conditio humana heißt. Arendt selbst trägt der Tatsache, dass sich die Verhältnisse, in denen Handeln stattfindet, historisch verändern, mit dem Konzept der Bedingtheit des Menschen Rechnung: „Da der Mensch ein bedingtes Wesen in dem Sinne ist, daß jegliches, ob er es vorfindet oder selbst macht, für ihn sofort eine Bedingung seiner Existenz wird, hat er sich natürlich der Umgebung der Maschinen in dem Augenblick auch angepasst, sich von ihnen bedingen lassen, in dem er sie erfand. Die Maschinen sind heute für unsere Existenz nicht weniger unabdingbare Bedingung als Werkzeuge und Geräte für alle früheren Epochen.“ (133) Was sie über Werkzeuge und Geräte konstatiert, gilt auch für die Techniken und Medien des digitalen Zeitalters. Indem rasant aufeinander folgende Inventionen der digitalen Revolution nach und nach alle Arbeits-, Lebens- und Kommunikationsbereiche erfassen, verändern sich die Bedingungen der conditio humana in fundamentaler Weise. Doch um die Konsequenzen derartiger technologischer Veränderungen beschreiben und analysieren zu können, bedarf es klarer Begriffe, die hinter solche historischen Entwicklungen zurückreichen. So ermöglichen es grundlegende Unterscheidungen, wie Arendt sie entwickelt, etwa von Polis und Oikos oder von ‚öffentlichem Raum‘ und ‚privatem Bereich‘, überhaupt erst, spezifische Konstellationen von Überlagerungen, Vermischungen oder Modifikationen zu beleuchten.
Die Schriften von Hannah Arendt zu verstehen, ist auch eine Frage der Lektüre. Ein nicht geringer Teil der jüngsten Arendt-Kritik, besonders angloamerikanischer Provenienz, ist einem misreading geschuldet, bei dem ihre Überlegungen zu Grundbegriffen wie z.B. Macht und Gewalt, Freiheit und Politik, Wahrheit und Lüge mit Aussagen über einen von ihr propagierten Gesellschaftsentwurf bzw. ihre eigene Haltung oder Meinung verwechselt werden. Denn Arendts Denkanstrengung richtete sich darauf, Klarheit über politische und philosophische Grundbegriffe zu erlangen und deren Bedeutung zu bestimmen, in Aufsätzen etwa über Kultur und Politik, Natur und Geschichte, Wahrheit und Politik, über das Urteilen oder die Frage: was ist Autorität. Diktion und rhetorischer Gestus zur Eingrenzung und Bestimmung des Bedeutungskerns solcher Konzepte sind ein charakteristisches Merkmal ihrer Schriften.
Als ich vor vielen Jahren täglich hundert Kilometer mit dem Auto auf der Seestraße entlang des Lago Maggiore bewältigen musste, um von meinem Sommeraufenthaltsort zur Strahlentherapie zu gelangen, habe ich CDs mit Originalaufnahmen ihrer Reden angehört. Seither habe ich Hannah Arendts spezifischen Sound, ihre ebenso luzide wie unbeugsame Art des Argumentierens, im Ohr – auch beim Lesen ihrer Texte. Inmitten der gegenwärtigen Verwerfungen aller politischen Gegebenheiten, der grundstürzenden Veränderungen der conditio humana und ideologisch aufgeladener Theoriekontroversen empfinde ich die intellektuelle Strenge vieler ihrer Schriften als heilsam.
Sigrid Weigel war von 1999 bis 2015 Direktorin des Leibniz Zenrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL). 2015 erschien Grammatologie der Bilder, 2019 die Studie Transnationale auswärtige Kulturpolitik – Jenseits der Nationalkultur; und 2017 hat sie die Ausstellung „Das Gesicht“ im Deutschen Hygiene-Museum Dresden konzipiert.
Titelbild: Brief von Hannah Arendt an Heinrich Blücher © Library of Congress
