In unserer Serie Drei Sätze schreiben Literaturwissenschaftler*innen über eine Textpassage, die ihnen nie aus dem Kopf ging.

Da gieng ich, in mich gekehrt, durch das gewölbte Thor, sinnend zurück in die Stadt. Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine aufeinmal einstürzen wollen – u. ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn Alles mich sinken läßt.

Dieser Passus aus einem Brief von Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, vom 16. November 1800, ist in der Germanistik längst zu einem Gemeinplatz geworden. Dennoch: diese drei Sätze fallen mir zuerst ein, wenn ich an eine Textstelle denke, die mir nicht aus dem Kopf gegangen ist – und die mir immer wieder auch in ganz unerwarteten Zusammenhängen begegnet. Während meiner Schulzeit hat mich eine pensionierte Lehrerin, die an einer Akademie für angehende Studierende fabelhaft gute Literaturseminare abhielt, Dr. Ingeborg Scholz (dieser kleine Beitrag sei ihr darum auch gewidmet), auf diesen eigenwilligen Brief aufmerksam gemacht. Von Anfang an hat mir nicht nur die merkwürdige Paradoxie, dass ein Einstürzen von allen Seiten Haltbedeuten kann, sondern auch die Form von Kleists gewagtem Vergleich durchaus einiges Kopfzerbrechen bereitet. Später, während meines Studiums, in einer Vorlesung an der Sorbonne, begegnete mir dann eine ähnliche, nicht weniger bekannte Gedankenfigur bei Montaigne, wie sie pointiert etwa in Formulierungen wie „rien ne tombe là où tout tombe“ oder „tout ce qui branle ne tombe pas“ zum Ausdruck kommt; irgendwann habe ich auch meinen späteren Doktorvater, Helmut J. Schneider, zu dem Thema gehört, mich von Werner Hamachers „Beben der Darstellung“ beeindrucken lassen, noch später dann von Bernhard Greiners „Sturz als Halt“ und Christian Mosers „Angewandte Kontingenz“.

Für mich hatte das Kleist’sche ‚Halten im Sturz‘ allerdings eine andere Bedeutung als bei den genannten von mir so bewunderten Lesern. Diese verhandeln alle in der ein oder anderen Weise das Moment der Kontingenz: Die Weltordnung, die in dem Bild zum Ausdruck komme, sei keine notwendige, sondern eine gestörte, das Ergebnis indifferenter Zufallskräfte (also nicht Leibniz, sondern Epikur). Mir schien es dagegen bemerkenswerter, dass Kleist an dieser Stelle gar nicht von einem als kontingent lesbaren Naturphänomen ausgeht (bei allem von ihm selbst so betonten „[L]ernen von der Natur“), sondern von einem Erzeugnis der Baukunst, nämlich einem „gewölbte[n] Thor“ – eigentlich dem architektonischen Kunstwerk schlechthin. Einem gebauten Bogen mithin, der nach den Gesetzen der Statik so konstruiert sein muss, dass sich gleichsam widerstreitende Kräfte gegenseitig in Schach halten. Kleist mag Kenntnis gehabt haben von den Experimenten des berüchtigten Naturphilosophen Robert Hooke, der 130 Jahre vor Kleists Brief mit Hilfe von hängenden Ketten auf die beste Form für die Konstruktion eines Bogentors kam, oder von Abraham Bosses Ausführungen zu den unterschiedlichen Bogenarten (und seinen in der deutschen Übersetzung besonders metaphernreichen Umschreibungen, wie etwa, dass bei einem Torbogen die „Steine einander tragen“). Vorausgesetzt, die Bogensteine fallen buchstäblich selbst massiv ins Gewicht, handelt es sich bei dem, was schon im 17. Jahrhundert mit hängenden Ketten auf die Probe gestellt werden konnte, tatsächlich um die perfekte Bogenform. Dass sich die Baukunst oder Statik dabei die Möglichkeit zunutze macht, schwere, an sich nach unten strebende Gewichte und dadurch entstehende potentiell destruktive Kräfte so kontrollieren zu können, dass sie sich in ihren Wirkungen gleichsam gegenseitig aufheben, ist unbedingt bemerkenswert – gleichwohl, so scheint mir, gerade nicht kontingent in dem Sinne, in dem dieser Begriff zumindest post-leibnizianisch nurmehr verstanden wird, nämlich als willkürliches Zufallsereignis. Mit Leibniz gedacht, freilich, gibt es zwischen Kontingenz und Notwendigkeit nur den Unterschied, dass es in dem ersten Fall auch noch andere und zwar unendlich viele Möglichkeiten gibt – keinesfalls aber, dass das jeweils Zu- oder Eintreffende das Resultat eines würfelnden Zufallsgenerators wäre.

            Was ich an Kleists Beobachtung und seinem verwegenen Analogieschluss so interessant fand und nach wie vor finde, sind darum auch zwei Dimensionen, die seltener besprochen werden: zum einen die Gleichzeitigkeit, denn die Steine fallen ja bei Kleist „auf einmal“; zum anderen das hyperbolisch anmutende „alle“ und „Alles“. Denn es scheint der „unbeschreiblich erquickende Trost“ bei Kleist ja eben daraus zu erwachsen, dass alles und zwar zugleich einzustürzen droht. Ohne diese zweifache Radikalität des ‚alles‘ ‚auf einmal‘, die sich, wenn man so will, auch die Statik zunutze macht, kommt die Stabilität nicht zustande. Oder anders gesagt: Ohne dieses simultane und totale Zusammenwirken starker und gegenstrebiger Kräfte (die allerdings in ihrer Gegensätzlichkeit genau ausgeglichen sein müssen) gäbe es auch nicht das, was hier so überdeutlich als ein Drittes aus dem Antagonismus hervorgeht: den Halt. Oder, folgt man Kleists eigenwilliger Analogie genauer: das Ich, das sich hält. Denn es heißt bei Kleist ja nicht, er werde gehalten, sondern eben wörtlich „daß auch ich mich halten würde, wenn Alles mich sinken läßt“.

Es ist zurecht immer wieder die Frage aufgeworfen worden, woher denn in dieser Analogiebildung das „ich“ komme, und vor allem, das „mich“ – denn die Steine eines Torbogens lassen ja nicht etwas, sondern allenfalls sich selbst fallen. Aber nicht nur die Physik des Torbogens erzeugt mit dem ‚Halt‘ ein Drittes, sondern die Ökonomie der Analogie selbst bringt bei Kleist unerwartet etwas Neues hervor, das ursprünglich gar nicht Teil der Gleichung war: eben das Ich, das sich hält, und das in diesem Bild wie aus dem Nichts ins Spiel kommt. Oder, wenn man den Satz weniger aktivisch liest (denn „dass auch ich mich halten würde“ kann natürlich auch schlicht meinen, dass das Ich nicht mit fällt): das Gehaltensein. Einer solchen Lektüre spielt auch die nicht minder viel kommentierte Zeichnung zu, die Kleist am 30. Dezember nachträgt – mit dem sicher nicht ganz zufällig so gesetzten Zusatz: „den Xbr 1800, am vorletzten Tage im alten Jahrhundert“. Hier hebt Kleist zeichnerisch vor allem den Schlussstein des Bogens hervor:

Abb. aus: Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke und Briefe, hg. v. Helmut Sembdner, Bd. 2, München 1984, S. 598

Das zweifache sich gegenseitig aufhebende ‚Einstürzenwollen‘ wird nicht irgendwie oder willkürlich fixiert, es ergibt sich auch nicht zufällig aus der doppelten Fallbewegung, sondern (von anderen nötigen für Kleists Vergleich irrelevanten Maßnahmen abgesehen) mittels eines in die Mitte des Bogens eingesetzten Schlusssteins. Also eines Steins, der zu den anderen noch hinzukommt, eines Steins, der selbst gar nicht zu den aufeinander einstürzenden Steinreihen gehört, sondern als einziger senkrecht nach unten strebt. Zudem eines Steins, der in seiner Meißelung von den anderen Steinen maßgeblich abweicht und zwischen die ihn flankierenden und fallenden Steine gesetzt ist. Es handelt sich zugleich um den einzigen Stein des Torbogens, der sich nicht deshalb hält, weil er ‚stürzen‘ will, sondern der durch die rechts und links schräg ‚fallenden‘ Steine von beiden Seiten, ganz wie Kleist selbst in seiner Analogie, gehalten wird. 

Und so verbindet sich dieser Passus bei Kleist für mich auch mit zwei weiteren nicht minder bekannten Texten: Franz Kafkas „Er“ und Hannah Arendts Lektüre dieser kurzen Parabel. Bei Kafka heißt es:

Er hat zwei Gegner: Der erste bedrängt ihn von hinten, vom Ursprung her. Der zweite verwehrt ihm den Weg nach vorn. Er kämpft mit beiden. Eigentlich unterstützt ihn der erste im Kampf mit dem Zweiten, denn er will ihn nach vorn drängen, und ebenso unterstützt ihn der zweite im Kampf mit dem Ersten; denn er treibt ihn doch zurück. So ist es aber nur theoretisch. Denn es sind ja nicht nur die zwei Gegner da, sondern auch noch er selbst, und wer kennt eigentlich seine Absichten? Immerhin ist es sein Traum, daß er einmal in einem unbewachten Augenblick – dazu gehört allerdings eine Nacht, so finster wie noch keine war – aus der Kampflinie ausspringt und wegen seiner Kampfeserfahrung zum Richter über seine miteinander kämpfenden Gegner erhoben wird.

Auch wenn das Kafka’sche Bild natürlich ein ganz anderes ist – hier kämpft „Er“ mit zwei Antagonisten, die ihn von vorne und von hinten bedrängen –, so haben Kleists fallende Steine und Kafkas zwei Gegner doch etwas gemeinsam: In beiden Fällen geht es um zwei Kräfte, die in entgegengesetzte Richtungen drängen (Kafka) oder stürzen (Kleist) und in beiden Fällen geht es um eine dritte Größe, die sich in der ein oder anderen Weise ‚dazwischen‘ befindet oder aus dem Zwischen hervorgeht. Liest man Kafkas Parabel mit Hannah Arendts Zwischen Vergangenheit und Zukunft, so ist die beschriebene „Szene ein Schlachtfeld, auf dem die Kräfte der Vergangenheit und der Zukunft aufeinanderprallen“. Diese gegenstrebigen Kräfte drohen, das sich in der Gegenwart befindende Subjekt zu zermalmen – oder eigentlich: ohne den kämpfenden „Er“ hätten sich die „Kräfte der Vergangenheit und der Zukunft, so vermutet man, vor langer Zeit gegenseitig […] zerstört“. Bei Kafka, so Arendt, wäre der Ausweg ein Sprung aus der Linie – bei Arendt selbst ergibt sich ein „Parallelogramm der Kräfte“, und das heißt, nicht einfach ein „Intervall“ in der Zeit, sondern „eine dritte Kraft“. In Arendts Parallelogramm entspringt aus dem „Zusammenprall der antagonistischen Kräfte“ eine „Diagonale“, die selbst buchstäblich quer zu dem Antagonismus steht, dem sie entstammt. Sie ist wie eine Zeitlücke: eine Lücke, ein Möglichkeitsraum, eigentlich eine „Nicht-Zeit“ – für Arendt „die perfekte Metapher für die Tätigkeit des Denkens“. Eine Lücke, die in einer besonderen Konstellation zwischen den antagonistischen Kräften entsteht und womöglich auch nur aus diesen erwachsen kann. Vielleicht ließe sich aus dieser Perspektive auch Kleists Bild des zweifachen Falls noch einmal neu verstehen. Ob es in finsteren Zeiten ‚Halt‘ zu geben vermag, ist freilich eine ganz andere Frage.

Christiane Frey, nach Stationen an der University of Chicago und Princeton University bis 2017 Associate Professor an der New York University, lehrt und forscht seit vielen Jahren immer wieder an der Humboldt-Universität zu Berlin, in der Vergangenheit als Gastwissenschaftlerin im Rahmen des Netzwerks „Literatur und Wissen“, jüngst als Vertretungsprofessorin sowie Alexander von Humboldt-Stipendiatin unter der Ägide von Joseph Vogl. 2016 erschien bei Fink die Monographie „Laune: Poetiken der Selbstsorge von Montaigne bis Tieck“, 2020 bei Suhrkamp der zusammen mit Uwe Hebekus und David Martyn herausgegebene Band „Säkularisierung“.

Titelbild: Manuskript Dostoevskijs, © wikimedia commons

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