Zum Workshop „Huh? Literary Incomprehensibility” an der FU Berlin.
Von Caroline Geck
Wer literarische Texte liest, stößt unweigerlich auf Momente von Unverständlichkeit. Sie ergeben sich aus zufälligen sprachlichen und orthographischen Hindernissen wie komplexen Sätzen, veralteten Wörtern oder Fachbegriffen, oder sind ganz strategisch in der Textkomposition vorgesehen. Beim Sprechen über Literatur kann die Zuschreibung von Unverständlichkeit als Defizit oder als besondere Qualität gewertet werden.
Am 9. und 10. Juli 2026 sind wir auf Anregung von Dr. Barbara Bausch, Dr. Anna Luhn und Ansgar Riedißer in einem interdisziplinären Team zum Workshop „Huh? Literary Incomprehensibility“ an der FU Berlin zusammengekommen, um uns in eine intensive Diskussion über die verschiedenen Dimensionen von literarischer Unverständlichkeit zu vertiefen. Der Workshop stand unter dem Zeichen einer erneuten Relevanz des Phänomens von Unverständlichkeit in einer Zeit, in der Large Language Models darauf programmiert sind, scheinbar objektive Aussagen in einer klaren, leicht zugänglichen Sprache bereitzustellen. Wenn Sprache hier als angeblich neutraler Behälter für den problemlosen Transfer von Wissen und Information verstanden wird, wird die Frage nach sprachlicher Verfügbarkeit von Bedeutung – nach Zugänglichkeit und Unzugänglichkeit, eben nach Unverständlichkeit – neu problematisch. Welche Konsequenzen kann Unverständlichkeit hier haben? Und welche Rolle kommt einer spezifisch literarischen Unverständlichkeit in diesem Kontext zu?
Zu Beginn haben uns die Veranstalter:innen zur gemeinsamen Lektüre von John Ashberys Gedicht Just Walking Around (1984) eingeladen. Das Gedicht entzieht sich zunächst einer klaren Deutung und lädt stattdessen zu einer Reise durch Bilder und Bewusstseinszustände ein. Auch wenn es schwer zu sagen war, wie genau, so waren wir uns doch alle einig, dass dieses Gedicht mit Unverständlichkeit arbeitet. Dabei war auffällig, dass die meisten die Unverständlichkeit nicht nur als Frustration wahrnahmen, sondern auch als eine Art Befreiung – eine produktive Öffnung für neue Verstehensprozesse und Bedeutungen.

Die ersten Vorträge widmeten sich der Geschichte und Poetik von Unverständlichkeit. PD Dr. Yvonne Al Taie untersuchte in ihrem Beitrag verschiedene Konfigurationen der poetologischen Denkfigur von Hülle und Kern (Shell and Seed), mithilfe derer das Verhältnis von Form und Bedeutung von vormodernen religiösen und esoterischen Diskursen bis ins 18. Jahrhundert unterschiedlich durchdacht wurde. Während es in den vormodernen Diskursen zumeist darum ging, einen wertvollen, als göttliches Wissen verstandenen Bedeutungskern durch die sprachliche Form als eine Art Hülle zu schützen, wird diese Figur in aufklärerischen Diskursen mit Verfahren der Kritik verknüpft. An die Stelle der Möglichkeit, einen Bedeutungskern freizulegen, tritt die Problematisierung des Verhältnisses von Hülle und Kern selbst. Aus einer äußeren, schützenden Unverständlichkeit wird also eine Unverständlichkeit, die nicht unbedingt von der Bedeutung getrennt sein muss, sondern diese verschiedenartig mitgestaltet. Dr. Manuel Ghilarduccis darauffolgender Beitrag über das 1862 vom serbischen Lyriker Đorđe Marković Koder geschaffene Werk Romoranka stellte uns eine Poetik vor, die mit diesem Verhältnis von Form und Bedeutung experimentiert, und sich mit idiosynkratischem Sprachgebrauch, archaisierenden Schriftzeichen und mit Bezug auf verschiedene Mythologien einer traditionellen Bedeutungsproduktion bewusst und radikal verweigert.
Mit den Beiträgen von Dr. Jana Weiß zu Multilingualismus in Franz Kafkas und Paul Celans Werken sowie von Dr. Hannah Wallenfels zum Phänomen eines scheiternden Verstehens hat die zweite Tageshälfte vor allem philosophische und gesellschaftliche Dimensionen in den Blick genommen. Jana Weiß zeigte, wie Celan sein Verhältnis zur Mehrsprachigkeit im Laufe seines Werks entwickelt und immer weiter in einzelne, etymologisch komplexe Wörter konzentriert hat, um in den Gedichten ein „Recht auf Fremdheit“ zu bewahren. In Dr. Wallenfels’ Gegenüberstellung des Denkens von Hannah Arendt und Édouard Glissant wurde zum einen mit Arendt deutlich, wie wichtig der ständige Versuch des Verstehens für eine Gesellschaft ist, die auf einer wohlwollenden Auseinandersetzung mit dem Anderen und Unbekannten fußt. Der verfrühte Abbruch des Verstehensprozesses wäre gefährlich für eine tolerante Gesellschaft. Doch mit Glissant wurde auch klar, wie wichtig das individuelle Recht ist, nicht ständig für alle transparent sein zu müssen. Vor allem für Minderheiten ist es zentral, sich nicht ständig einer Mehrheitsgesellschaft erklären zu müssen, also auch opak bleiben zu können. Unverständlichkeit wird hier also noch einmal auf eine andere – dezidiert politische – Art zum äußeren Schutz.
Der zweite Workshoptag erweiterte unsere Diskussion um medientheoretische Perspektiven und fokussierte die Frage nach Möglichkeiten von (literarischer) Kommunikation. Professor Lori Emerson teilte in ihrem Beitrag Ergebnisse aus ihrem Media Archeology Lab an der University of California (Boulder) und setzte Störungen historischer Kommunikationstechnologien mit literarischen Ästhetiken des asemischen Schreibens in Verbindung. Sie verglich etwa den Output des von Rudolf Hell Mitte des 20. Jahrhunderts erfundenen und nach ihm benannten Hellschreibers mit asemischen Schriftstücken der argentinischen Künstlerin Mirtha Dermisache. Dieser Vergleich erwies sich als produktiv, um die vorsemantische, nicht menschliche Dimension von Sprache, und ihre Beziehung zum menschlichen Akt der Bedeutungsproduktion näher zu erforschen. Informationstechnologien wie der Hellschreiber sind nicht auf die Übermittlung bestimmter semantischer Bedeutungen ausgelegt, sondern darauf, alle möglichen Bedeutungen übermitteln zu können. Die übermittelten Einheiten werden also nicht als semantische Zeichen, sondern als Einheiten mit unterschiedlicher statistischer Wahrscheinlichkeit aufgefasst. Interessant für die Informationstheorie ist daher weniger die Interpretation einer Nachricht als ihre Übermittlung, für die Semantik zweitrangig ist. Was durch den Hellschreiber bei Adressat:innen als kommunizierter Inhalt ankommt, ist bereits Ergebnis des menschlichen Dazutuns einer semantischen Bedeutung. Prof. Emerson präsentierte uns nun, wie der Output eines Hellschreibers, dessen Empfang durch Rauschen gestört wurde, optisch an Ästhetiken des asemischen Schreibens erinnerte. Nimmt man diese Verbindung schließlich ernst, und betrachtet das Produkt des Hellschreibers tatsächlich als asemischen Text, werden genau diese menschlichen und nicht-menschlichen Aspekte von Sprache sichtbar. Die durch Störungen der Kommunikation hervorgerufene Unverständlichkeit – beispielsweise in der Orthographie – ist hier also nicht lediglich als Hindernis zu verstehen, sondern als produktiver Bestandteil (literarischer) Kommunikation und potenzielle Sensibilisierung für verschiedene Dimensionen von Bedeutungsproduktion.
Im Anschluss haben wir uns verschiedenen literarischen Momenten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet. Dr. Barbara Bausch untersuchte Franz Mons Text herzzero (1962/1968) als Beispiel experimenteller Literatur, die eingeübte Kommunikations- und Verstehensprozesse offenlegt. Die lineare Lektüre des Textes wird dadurch erschwert, dass er in zwei Spalten abgedruckt ist, die kontinuierlich nebeneinander laufen. Erstmals wurde herzzero 1962 als Hörspiel im deutschen Radio gesendet. Mit dem Aufbrechen literarischer Konventionen zeigte es eine Alternative zur auf Immersion und Klarheit angelegten Hörspielästhetik des alliierten Programms zur Re-Education auf. Denn es gibt drei Sprecher, die den gleichen Text in unterschiedlichen Sprechtempi präsentieren, sodass man als Zuhörer:in immer wieder Fragmente zu verstehen meint, die dann aber wieder durch die Fülle von Stimmen destabilisiert werden. Wie Dr. Bausch erläuterte, wird durch diese Inszenierung die Bedeutung der bis zur Selbstverständlichkeit eingeübten Gebrauchssprache im Text aufgebrochen. Das fordert eine Art von Aufmerksamkeit ein, die den Prozess des Verstehens überhaupt neu eintrainiert. Unverständlichkeit tritt hier also als absichtsvolle „Störung“ einer andernfalls zur Routine werdenden Rezeption auf und dient dem Erlernen und Trainieren von neuen Formen von Aufmerksamkeit und Verstehensprozessen.
In einem weiteren Zugriff analysierte Dr. Anna Luhn in ihrem Beitrag dann unterschiedliche Formen einer „weichen Unverständlichkeit“ bei den deutschen Schriftstellern Carl Einstein, Helmut Heißenbüttel und Roman Ehrlich und zeigte, wie grammatische Verschiebungen daran mitarbeiten können, soziale Realitäten zu verändern, indem sie eine Neuorientierung ermöglichen.
Den Abschluss bildete Ansgar Riedißers Analyse der frühen John Ashbery-Rezeption, die unseren Blick noch einmal auf die Rolle von Unverständlichkeit als Kategorie in der Rezeption von Literatur erweiterte. Er zeigte, wie sich in literaturkritischen Diskursen spezifische Lektüregemeinschaften ausbilden, indem sich die Akteur:innen kollaborativ auf bestimmte Begriffe und Wertungen von Unverständlichkeit einigen. So identifizierte Riedißer in frühen Besprechungen von Ashberys Werk einen häufig defensiven Ton, mit dem Kritiker:innen die erlebte Unverständlichkeit der Gedichte in diesen selbst zu verorten strebten, anstatt in einem Defizit ihrer eigenen Lese- oder Interpretationsfähigkeit. Je nach Lektüregemeinschaft wurde diese Unverständlichkeit dann unterschiedlich definiert, indem Kritiker:innen in ihren Besprechungen direkt aufeinander Bezug nahmen. Wie Riedißer erläuterte, weiteten sich diese Dynamiken besonders bei Ashbery weiter aus, sodass sich die Diskurse um seine Lyrik zunehmend von den Gedichten selbst entkoppelten und Spielfeld für die Auseinandersetzungen über viel breitere kulturelle Fragen und Identitäten wurden. Unverständlichkeit erscheint hier weniger als ästhetisches Phänomen denn als fast strategische Zuschreibung von außen durch bestimmte Lektüregemeinschaften.
In unserer Abschlussdiskussion sind wir schließlich noch einmal auf Ashberys Just Walking Around (1984) und die darin wahrgenommene Unverständlichkeit als Befreiung zurückgekommen. Über die beiden Workshoptage hinweg haben wir aus verschiedenen Perspektiven gesehen, wie literarische Unverständlichkeit nicht als bloßes Hindernis verstanden werden sollte, sondern als Eröffnung neuer Möglichkeiten von Bedeutungsproduktion. Daraus ergab sich für uns an vielen Punkten das Bedürfnis genauer weiterzufragen, wie beispielsweise nach einer Differenzierung zwischen Kategorien wie Obskurität, Unintelligibilität, Intransparenz und Opazität als verschiedenen Formen von Unverständlichkeit, die eventuell auch zu unterschiedlichen Antworten bei Lesenden führen können. Der Umgang mit einer Offenheit der semantischen Bedeutungsproduktion schien uns dabei eine spezifisch menschliche Herausforderung zu sein, die sich eventuell von anderen Formen der Bedeutungsproduktion unterscheidet. Besonders in Zeiten von Large Language Models ermöglicht uns ein Nachdenken über und Arbeiten mit literarischer Unverständlichkeit also, gerade die verschiedenen menschlichen und nicht-menschlichen Dimensionen von informationstechnologisch geprägter Kommunikation genau zu beobachten und herauszufinden, wie wir uns eigentlich am produktivsten dazu verhalten können. In den Diskussionen des Berliner Workshops haben wir uns dem Phänomen literarischer Unverständlichkeit also aus vielfältigen Perspektiven produktiv angenähert, und zugleich weitere präzise Fragen formuliert, die wir nun in die Arbeit an unseren jeweiligen Projekten mitnehmen.
Caroline Geck studierte Kulturreflexion sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Witten und Berlin und promoviert am Department of Germanic Languages der Columbia University, New York.
Beitragsbild: Feldhellschreiber paper tape, Wikimedia Commons
