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In unserer Rubrik Fragebogen.doc stellen wir in loser Folge aktuelle literaturwissenschaftliche Promotionsprojekte aus Berlin vor.
Heute: Fanny Helena Wehner vom EXC 2020 Temporal Communities (Freie Universität Berlin), dem Institut für Slawistik und Hungarologie der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL).

Antworten von Fanny Wehner

Das Thema deiner Dissertation in 4 Sätzen:

In meiner Dissertation mit dem Arbeitstitel Re-Presenting Pushkin, Challenging the Canon – An Afropean Poet at the Borders of Europe beschäftige ich mich mit zwei Perspektiven der Rezeption des russischen Nationaldichters Aleksandr Sergeevič Puškin. Da ist zum einen die afropäische Rezeption Puškins, die sich circa Mitte der 2000er Jahre herausbildet, ihre Vorläufer aber in der afroamerikanischen/afrodiasporischen Puškin-Rezeption des 20. Jahrhunderts hat (die Herkunft von Puškins Urgroßvater, Patensohn von Peter I., ist nach wie vor nicht letztgültig geklärt, lange vermutete man seinen Geburtsort im heutigen Äthiopien, jüngere Forschung lokalisiert ihn im heutigen Kamerun). Zum anderen interessiert mich der Umgang mit Puškin aus minoritären Perspektiven im 20. Jahrhundert, und zwar spezifisch an den Grenzen des russischen Imperiums, wie sie zu Puškins Zeit bestanden, beziehungsweise durch imperiale Expansion erweitert wurden. Im Zentrum der Arbeit stehen die Verflechtungen dieser beiden Rezeptionslinien, die einerseits historisch gegeben sind und die ich andererseits an formalen und thematischen Parallelen feststelle.

Wie sah dein Weg in die Promotion aus?

Ich hatte nach dem Masterstudium der Europäischen Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin zunächst ein sogenanntes Projektstipendium der Friedrich Schlegel Graduiertenschule (FSGS), das mir die Möglichkeit gegeben hat, mein Exposé auszuarbeiten und mich verschiedentlich zu bewerben. Gelandet bin ich dann in einer für mich idealen Konstellation zwischen dem EXC 2020 Temporal Communities und der FSGS an der FU, dem Institut für Slawistik und Hungarologie der HU und dem Projekt „Schwarze Narrative transkultureller Aneignung. Literarische Akte des Konstruierens afroeuropäischer Welten und der Infragestellung europäischer Grundlagen“ am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. In dieser Dreieckskonstellation fühle ich mich sehr gut aufgehoben, weil sie die unterschiedlichen Themenbereiche, in denen ich mich in meiner Dissertation bewege, sehr gut abdeckt.

Selbstporträt von Aleksandr Sergeevič Puškin. © Wikimedia Commons

Was beschäftigt dich derzeit besonders – thematisch oder im Arbeitsalltag?

Derzeit beschäftige ich mich mit Briefen Katharinas II. und aus ihrem Umfeld nach der imperialen Annexion der Krim 1783. Die Briefe sind im Vorfeld der Reise Katharinas auf die Krim 1787 entstanden und nehmen (noch vor der tatsächlichen Reise) eine imaginative Inbesitznahme der Krim vor. Diese ist stark geprägt durch das ‚griechische Projekt‘ Katharinas, es geht also häufig um eine Hellenisierung der Krim als ‚Tauris‘. Man könnte sagen, dass das russische Imperium sich damit im Schwarzmeerraum so etwas wie seinen Mittelmeerraum erschließt – inklusive der Anknüpfung an das Erbe der Antike. Gleichzeitig stellt die Krim für das russische Imperium 1783 offensichtlich einen ‚ersten Orient‘ dar. Letzteres schlägt sich später stark in Puškins Poem Bachčisaraiskij Fontan nieder, dem in der ersten Ausgabe aber Texte beifügt sind, die immerhin eine reflexive Distanz zu den orientalisierenden Topoi schaffen.

Diese Distanz hält dann zum Beispiel auch der armenisch-georgische Regisseur Sergej Paradžanov, wenn er sich von Puškins Poem zu einem Drehbuch inspirieren lässt, das mit diesen Topoi spielt – sie auf die Spitze treibt, auf eine, wie ich finde, extrem humorvolle Art und Weise. Gleichzeitig enthält diese Auseinandersetzung eine Kritik nicht nur an Puškins Text, sondern vor allem an der offiziellen sowjetischen Puškin-Rezeption.

Für wen schreibst du deine Dissertation? Hast du ein bestimmtes Publikum im Blick?

Darüber habe ich lange nachgedacht. Jetzt bin ich mir sicher, dass ich nicht ausschließlich für ein slawistisches Publikum schreiben möchte. Das bringt natürlich seine eigenen Herausforderungen mit sich, die ich aber als sehr produktiv empfinde. Manchmal bemerke ich bei den dadurch notwendigen Erklärungen/Einordnungen, was ich nur dachte, verstanden zu haben.

Welchem Buch wünschst du mehr Leser:innen?

Einem im Erscheinen begriffenen: Die von Susanne Frank und Julia Koifman herausgegebene Anthologie Die Züge gehen nach Berlin. Die Metropolis in ukrainischer und jiddischer Literatur der 1920er Jahre (Arco Verlag) stellt hierzulande überwiegend unbekannte jiddische und ukrainische Texte vor, im Original und (häufig erstmals) in deutscher Übersetzung. Man hat also die Möglichkeit, zugleich Berlin und zwei miteinander verflochtene ‚kleine‘ Literaturen neu kennenzulernen.