• Beitrags-Kategorie:Drei Sätze

In unserer Serie Drei Sätze schreiben Literaturwissenschaftler*innen über eine Textpassage, die ihnen nie aus dem Kopf ging.

Martin Krumm, der, wenn er König wäre, sie alle, alle umbringen wollte, wurde König. Und der Patriarch hat es zumindest geschehen lassen. Die allseitigen Umarmungen am Schluß Nathans des Weisen, als gestische Zitate aus dem bürgerlichen Drama, sind von Lessing als Einspruch gegen die schlimme Realität gesetzt. Über die Gründe, weshalb sie zum Sedativum verkamen, muß jede Generation wohl von neuem nachdenken.

Der Verfasser dieser Sätze, der Lessing-Forscher Wilfried Barner, hat in Hausarbeiten wie Dissertationen nicht selten Sätze, die mit “Und” eröffnet wurden, angestrichen. Am Rand fand sich dann der Hinweis, dass die Konjunktion Sätze verbinde und nicht trenne. Wahrscheinlich stehen hier also bewusst vier Sätze, wo nur drei stehen müssen.

Martin Krumm ist ein Dieb und Betrüger in Lessings Die Juden, letztlich wenig mehr als eine Nebenfigur. Das Stück ist einer der ersten Texte der deutschen Literaturgeschichte, der ein zwar nicht gänzlich unproblematisches, im Kern aber positives Judenbild zeichnet. Martin Krumm ist der Gegenentwurf dazu. Sein Name ist Programm. Er ist ein Christ, der als Räuber nicht nur unchristlich handelt. Er diffamiert pauschal und ohne Grund alle Juden. Er wirft ihnen das vor, was sein tägliches Geschäft ist: “So viel als ihrer sind, keinen ausgenommen, sind Betrieger, Diebe und Straßenräuber. Darum ist es auch ein Volk, das der liebe Gott verflucht hat. Ich dürfte nicht König seyn: ich ließ keinen, keinen einzigen am Leben.”

Wilfried Barner hat in seinem Aufsatz Vorurteil, Empirie, Rettung. Der junge Lessing und die Juden nicht nur eine Linie von den Pogromphantasien Martin Krumms zum Holocaust gezogen. Indem er in seinem Aufsatz, der auf einen Vortrag zurückgeht, den der Aufklärungsforscher am 31.1.1982 im Leo Baeck Institut Jerusalem gehalten hat, zusätzlich zu Martin Krumm den Patriarchen aus Lessings Nathan der Weise mit dem “Und” aufruft, betont er den Umstand, dass es nicht nur diejenigen gab und gibt, die ihren Antisemitismus unverhohlen artikulieren. Barner erinnert mit dem Patriarchen an die, die Recht und politische Macht nutzen, um ihren abgrundtiefen Hass gegen Juden vielleicht weniger laut, aber umso effizienter zu betreiben. Drei Mal hält der Patriarch in Nathan der Weise gegen die moralischen Einwände des Tempelherrn fest: “Thut nichts! Der Jude wird verbrannt.” Es gehört zu den bitteren Erfahrungen dieser Tage, dass Lessings Die Juden und Nathan der Weise wie Barners Nachdenken darüber von anhaltender Aktualität sind.

Wann ich den Aufsatz das erste Mal gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Es muss Mitte der 1990er Jahre gewesen sein. Ich studierte in Göttingen Germanistik und war seit der Zwischenprüfung, die nach dem 4. Semester absolviert wurde, studentische Hilfskraft. Vor- und Zuarbeiten zu Barners im Deutschen Klassiker Verlag erscheinender Lessing-Ausgabe waren meine Hauptaufgabe. Sein Aufsatz war schon ein Jahrzehnt alt. 1984 war er im Bulletin des Leo Baeck Instituts erschienen. Als ich ihn erstmals las, saß ich in der Bibliothek des Seminars für deutsche Philologie in Göttingen. Bereits damals ging ich gerne ins Theater. Vielleicht nahm mich deswegen Barners argumentativer Schwenk von Lessings Die Juden, das dieser nach eigener Auskunft bereits im Alter von 20 Jahren 1749 “verfertiget” hat, zum 30 Jahre später publizierten Nathan der Weise mit Wucht ein.

Barner spielt mit dem Hinweis auf die “Umarmungen” auf dessen bemerkenswertes Schlussbild an: “Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.” Er deutet die Szene nicht als Utopie, sondern als “Einspruch” gegen die “Realität”. Für diese steht Martin Krumm. Und der Patriarch.

Barner versteht das Schlussbild als einen Theatermoment, der den Martin Krumms und den Patriarchen dieser Welt nicht das letzte Wort lassen will, auch wenn klar ist, dass sie es sich immer wieder nehmen und versuchen, ihr tödliches Werk mit aller Konsequenz fortzusetzen. Indem Barner im letzten der oben zitierten Sätze davon spricht, dass das Schlussbild meist nicht als “Einspruch” gedeutet worden sei, sondern als “Sedativum” gewirkt habe, erinnert er an den schlichten Umstand, dass das ‘dramatische Gedicht’ (so der Untertitel des Nathan) vorwiegend nicht als Herausforderung, sondern als harmonisierende Selbstbestätigung interpretiert wurde (und bis heute wird). Mit bitterer Stimme hat Barner immer wieder daran erinnert, dass Nathan der Weise eins der meistgespielten Stücke war, als die deutschen Theater ab dem Herbst 1945 allmählich wieder öffneten – und dadurch nicht selten zu kaschieren versuchten, dass im Publikum vielleicht nur selten Martin Krumms, häufig aber Patriarchen saßen.

2017 habe ich ein Buch mit Lessing-Aufsätzen von Wilfried Barner im Wallstein-Verlag herausgegeben. Die Auswahl konnten wir noch vor seinem Tod 2014 gemeinsam erörtern. Für uns beide war selbstverständlich, Vorurteil, Empirie, Rettung. Der junge Lessing und die Juden in den Band aufzunehmen. Dafür sprachen viele Gründe. Beispielsweise war Lessings Frühwerk immer eins, mit dem Barner sich besonders intensiv befasst hat. Aber dass dieser Artikel in das Buch aufgenommen werden musste, war letztlich schon wegen der drei Sätze, die vier sind, klar: Es sind eben Martin Krumm und der Patriarch, gegen die Einspruch erhoben werden muss. Und das nicht nur in Jerusalem, sondern überall und weiterhin.

Kai Bremer ist seit dem Sommersemester 2023 Professor für deutsche Literatur der Frühen Neuzeit im europäischen Kontext an der FU Berlin. Im Moment ist er u.a. an der Vorbereitung einer digitalen Lessing-Ausgabe beteiligt. Mit der Latinistin Melanie Möller (ebenfalls FU Berlin) hat er das DHC-Netzwerk “Philologie als Provokation” gegründet, das im Frühjahr 2024 seine Arbeit aufnimmt. Außerdem ist er verantwortlicher Herausgeber des Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der deutschen Literatur.

Titelbild: Manuskript Dostoevskijs, © wikimedia commons