Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien (FSGS) fand am 9. November 2018 im ICI Berlin eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Comp Lit Global. (Wie) Kann die Komparatistik den Eurozentrismus überwinden?“ statt.

Eine Nachlese in Form eines Gesprächs von Camilo Del Valle und Dorothea Trotter

Camilo Del Valle: Liebe Dorothea, wir sind beide Komparatist*innen, stammen ursprünglich aus dem außereuropäischen Raum und arbeiten zu Autor*innen, die sich mit dem babelartigen Geflecht der Mehrsprachigkeit in unserer heutigen Welt auseinandersetzen. Die Podiumsdiskussion zum zehnjährigen Bestehen unserer Friedrich Schlegel Graduiertenschule beschäftigte sich mit der Zukunft der Disziplin der Komparatistik, also mit einem Thema, das uns direkt betrifft.

Dieses Thema führte unüberhörbar eine politische Dimension mit: Es wurde nämlich die Frage gestellt, wie dem Eurozentrismus in der Komparatistik zu entkommen sei. Auf dem Podium saß jedoch – was die Diskussion aus einer Außenperspektive problematisch erscheinen ließ – weder eine Komparatist*in noch eine Person aus dem außereuropäischen Raum — die Diskussion fand zwischen Eva Geulen (ZfL/Germanistik), Jutta Müller-Tamm (FU/Germanistik), Susanne Klengel (FU/Lateinamerikanistik), Andrew James Johnston (FU/Anglistik) und Russell West-Pavlov (Tübingen/Anglistik) statt.

Kontrovers diskutiert wurde vor allem die von Eva Geulen vorgeschlagene These einer für die Philologien konstitutiven Einzelsprachlichkeit, die sie 2017 zur Verteidigung der Germanistik als selbstständigem Fach ins Feld geführt hatte. Der Begriff der Einzelsprachlichkeit scheint dem Anliegen der Komparatistik und vor allem dem Versuch, sie aus der Falle des Eurozentrismus zu befreien, jedoch unmittelbar entgegenzustehen: Für Geulen gehört zu „den Besonderheiten der Literatur (im Unterschied zur Malerei oder zur Musik) […] unverzichtbar ihre Einzelsprachlichkeit, was Experimente mit innertextueller Mehrsprachigkeit nicht in Frage stellen, sondern markieren und unterstreichen“ solle. Ich stelle mir aber die Frage: Wo fängt diese eine Sprache an? Wir können vielleicht von Familienähnlichkeiten (Wittgenstein) sprechen, ist es aber das, was Geulen meint? Wo ist diese Einheit der einen Sprache festzulegen? Wo fängt das Deutsche an und wo endet es? Oder das Spanische oder das Afrikaans? Was für eine Sprache sprechen wir, wenn wir, Du und ich, Deutsch sprechen?

Ist es nicht gerade bezüglich der akademischen Beschäftigung mit Literaturen aus ehemaligen europäischen Kolonien problematisch, von einer Einzelsprachlichkeit zu sprechen? War nicht diese (Euro)Zentrierung der Sprache gerade das, was eine postkoloniale Perspektive in der Komparatistik dekonstruieren sollte?

Dorothea Trotter: Kennst Du Thomas Gardis Roman Broken German? Es wurde gefragt, ob das ein deutscher Roman sei. Ganz klar ist er gleichzeitig auf Deutsch und doch nicht auf Deutsch geschrieben, genauso wie unser Deutsch als Deutsch verstanden werden kann, zugleich aber nicht immer den linguistischen Standard-Sprachnormen folgt. Diese Frage nach der Einzelsprachlichkeit in der Diskussion fand ich nicht nur unpassend, weil sie für ein Weiterführen der Nationalphilologien gebraucht wird – was wenig mit unserer Auffassung der Komparatistik zu tun hat –, sondern auch, weil das potenziell diskriminierende Gedanken zu Sprachen im nicht-europäischen Raum unterstützt. Speziell in der postkolonialen Literatur ist die Verflechtung der Sprachen oft eine Auflehnung gegen die institutionalisierte Sprache der Macht im kolonialen und postkolonialen Staat.

Natürlich entwickelte sich die Diskussion in die Richtung der Einzelphilologien, weil, wie Du schon sagtest, keine Komparatist*innen eingeladen wurden — wobei man sagen könnte, dass alle fünf, aber hauptsächlich Jutta Müller-Tamm, Susanne Klengel und Russell West-Pavlov in ihren Forschungen komparatistisch arbeiten.

Gerade deswegen fand ich es auch interessant, dass einer der Teilnehmer an der Podiumsdiskussion, Herr Johnston, Vorwürfe eines Eurozentrismus in der Anglistik von sich wies, weil er in der Mediävistik arbeitet. Er geht von der These aus, dass Großbritannien vor der Aufklärung ein melting pot aus Römern, Kelten, Wikingern und Germanischen Völkern gewesen sei und deshalb, anders als beispielsweise Frankreich, keine nationalen Narrative auf Englisch hervorgebracht hat. Aber gerade hier ist zu sehen, wie oft sprachspezifische historische Zeiträume aus dem europäischen Kontext in Gesprächen über Eurozentrismus hervorgehoben werden, wenn es eigentlich auch um Forschungsmethoden und Textauswahl außerhalb des europäischen Raums gehen sollte, wie Jutta Müller-Tamm zum Schluss klar gemacht hat.

Camilo Del Valle: Besonders wichtig an Johnstons Beitrag war die Betonung der Schwierigkeit einer Eingrenzung des Begriffes der Einzelsprachlichkeit, wofür die Mediävistik interessanterweise als Beispiel diente. Die wichtige historische Frage wäre, wie die Bildung der zentralgeregelten Einzelsprachen mit der Herauskristallisierung sogenannter Nationalsprachen zusammenhängt. Wichtig ist also Einzelsprachlichkeit als implizit politische Frage, wie Jacques Derrida bereits in seinem Text zur Einsprachigkeit herausgearbeitet hat.[1] 

In der Bildung einer Sprache sind politische, zentralisierende und institutionalisierende Aspekte relevant, die in der gesprochenen Sprache (langue) selbst unterminiert werden. Ein gutes Beispiel ist die spanische Sprache, die von der Real Academia Española reglementiert wird, die sich aber in ihrer Erneuerung wiederum an der Mehrsprachigkeit der spanischen Sprache orientiert. Was ist dann also die versprochene, zu reglementierende Einzelsprachlichkeit oder die mannigfaltige, chaotische, gesprochene Mehrsprachigkeit?

Die Komparatistik erlaubt diese wesentliche Mehrsprachigkeit der Literatur mit ihren unendlichen Echoräumen in einem globalisierten Kontext herauszuarbeiten. Geulen meint: Zuerst haben wir mit einer Einzelsprachlichkeit des Forschungsobjektes zu tun. Ich dagegen frage mich: Welche ist die Einzelsprache in Peter Turrinis Rozznjogd oder in Fernando Vallejos Los caminos de Roma? Beide Autoren werden ihrer Biographie wegen einer bestimmten Philologie zugeordnet (erster der Germanistik, letzterer der Hispanistik); Turrinis Sprache ist aber durchaus kein Deutsch, und Vallejos Roman ist teilweise in ladinischem, teilweise in kolumbianischem Spanisch, teilweise aber auch auf Italienisch und auf Französisch geschrieben. Wenn man Geulens These akzeptiert, dann muss man diese Frage in Bezug auf diese Autoren beantworten können – was mir sehr schwierig zu sein scheint.

Andererseits: Aus einer theoretisch-philosophischen Perspektive kann man auch die Arbeit von Schriftsteller*innen an der Sprache als eine sich immer erneuernde Erfindung einer Fremdsprache begreifen (z. B. mit Deleuze[2] gedacht), diese aber immer im Kontext einer mehrsprachigen Konfrontation im globalen Kontext. Mir scheint, dass die Komparatistik für einige Literaturwissenschaftler*innen eine Bedrohung der Existenzberechtigung der Nationalphilologien bedeutet – eine Bedrohung, die jedoch meines Erachtens für die Erneuerung der Nationalphilologien vielleicht notwendig ist. Man findet etwa in Anne Fleigs Forschung an der FU ein zunehmendes Interesse der Germanistik an der Betrachtung der Mehrsprachigkeit in der deutschsprachigen Literatur, dies jedoch im Rahmen der akademischen Germanistik. Wozu dann dieser Begriff der Einzelsprachlichkeit? Welches Unbehagen führt die Komparatistik in die Germanistik ein? Das Unbehagen einer ausufernden einzelsprachlichen Einheit im kolonialisierten Raum?

© ICI Berlin

Dorothea Trotter: Ich finde Deine Argumente gegen eine Einzelsprachlichkeit treffend formuliert und stimme Dir zu. Jedoch glaube ich, dass Eva Geulen nicht die Mehrsprachigkeit der Sprachen an sich bestreitet, sondern Argumente wie Deines, dass es keine Konzepte von Einzelsprachlichkeit gäbe. Sie will, soweit ich sie verstehe, daran erinnern, dass es, um überhaupt von einer Erneuerung einer Sprache reden zu können, ein einheitliches Konzept einer Sprache geben muss, die erneuert werden kann. Es ist dieses Konzept, das es möglich macht, von Romanen in irgendeiner Sprache zu sprechen und sie Einzelphilologien zuzuordnen. Aber Deine Beispiele, besonders Vallejo, entsprechen, wie Du schreibst, keinen Einzelsprachen. Trotzdem werden die Romane bestimmten Ländern und Philologien zugeordnet, weil sie als in eine einzelne Sprachkategorie passend anerkannt werden.

Ich glaube die Frage, die wir stellen sollten, wäre eher: Wie würde man Literaturwissenschaft studieren, wenn es nicht diese nationalphilologischen Kategorien gäbe? Ich denke vielmehr, es sollte um Kultur gehen und nicht um Sprache, denn die Komparatistik ist eine Wissenschaft von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Literaturen verschiedener Kulturen (und nicht Sprachen) in grenzüberschreitender Perspektive. Oder ist das genauso problematisch?

Camilo Del Valle: Meine Frage bezieht sich auf das Politische der Herausbildung dieses Begriffs der Einzelsprachlichkeit. D. h. meine kritische Frage wäre: Wohin mit diesem Begriff? Was vermag dieser Begriff oder was vermag er nicht? Zu welchen Resultaten wollen wir kommen? Zu welchem Zweck? Mir scheint, dass der Begriff mehr Probleme als Chancen hinsichtlich einer Weiterentwicklung der Philologien mit sich bringt.

Der von Jutta Müller-Tamm herausgearbeitete Punkt der Lehre und insbesondere der Lehrnachfrage von der Seite der Studierenden ist ein sehr wichtiger. Die Zukunft der Germanistik hängt auch vom Interesse der Studierenden ab, die dieses Fach in der Zukunft weiterführen werden: Man merkt, dass das Fach Komparatistik an den Universitäten sehr populär geworden ist, und somit die Fragen nach der Literatur im globalisierten Kontext, und wir wollen überlegen, wie es dazu gekommen ist.

Die Grenzen einer Kultur (wie Du meinst) waren nie statisch, sie haben sich herausgebildet bzw. bilden sich im Austausch mit fremden Kulturen, ihre Grenzen lassen sich nicht streng markieren. Ich sage nicht, dass es keine einer Kultur eigenen Eigenschaften gibt, mein Problem liegt eher in der Erforschung einer Kultur ohne diese als mehrsprachig durchdrungen zu verstehen: Wie ist eine Sprache ohne die der Anderen zu verstehen? Wozu dieser Begriff der Einzelsprachlichkeit? Das Problem der Germanistik (vor allem in den USA) ist ein durchaus politisches, und aus begriffstheoretischer Perspektive muss man sich die Frage stellen, welche politische Funktion jeder Begriff erfüllen soll. Nicht umsonst wird den Fragen nach einer World Literature (Apter, Damrosh, D’haen, u. a.) in der Comparative Literature in den USA erst nach dem 11. September 2001 eine besondere Beachtung zuteil. Hier geht es nicht bloß um eine literaturtheoretische Angelegenheit, sondern – in Bezug auf das Thema der Podiumsdiskussion – um eine durchaus politische.
Wie kann die Komparatistik aus Deiner Sicht dem Eurozentrismus entgehen?

Dorothea Trotter: Ich verstehe, was Du meinst, Camilo. Es sind oft politische Kräfte, die entscheiden, welche Texte oder Autor*innen welchen Nationalphilologien zugeordnet werden. Ich stimme dir auch zu hundert Prozent zu, dass diese Nationalliteraturen von Mehrsprachigkeit durchdrungen werden. Jedoch gibt es feste Vorstellungen von Einzelsprachigkeitsräumen im Unterricht, zum Beispiel untersucht man keine deutsche Literatur über 9/11 in englischsprachigen Klassenzimmern, auch wenn diese übersetzt sind.
Dass die Grenzen der Kultur ebenso wie der Sprache nicht statisch sind, hat man längst erkannt, und deswegen gibt es auch mehr und mehr Literatur zu den dynamischen Grenzen im globalen Kontext, zu interkulturellem Austausch und Möglichkeiten der Transkulturalität. Studierende erfahren heute persönlich, politisch etc. viel stärker als früher eine Verflechtung der Kulturen (und ja, auch der Sprachen), und vielleicht ist es auch dies, was die Komparatistik zu einem viel attraktiveren Studiengang für Studienanfänger*Innen macht.

Allerdings ist die Komparatistik an sich nicht die Lösung für das Problem des Eurozentrismus, denn sie orientiert sich immer noch an bestimmten kulturellen Einheiten, z.B. Europa. Sogar in den Vereinigten Staaten wird Comparative Literature noch streng von Critical Theory aus dem europäischen Raum geprägt. Um diesen Eurozentrismus zu ändern, muss man damit anfangen, wie es Susanne Klengel in der Diskussion gefordert hat und wie es in einigen Kontexten schon praktiziert wird, dass man Forschung und theoretische Texte aus anderen Ländern sichtet und verwendet, dass man also in literaturtheoretischen Vorlesungen nicht nur mit der aristotelischen Poetik anfängt, sondern vielleicht auch mit dem Buch der Wandlungen aus dem alten China usw.

Aber hierzu muss man anerkennen, dass selbst die Primär- oder Sekundärtexte aus dem außereuropäischen Raum, die für den Unterricht oder für wissenschaftliche Arbeiten ausgesucht werden, von einem eurozentrischen Blick nicht gänzlich unabhängig sind, denn das, was in unseren Bibliothekskatalogen abrufbar ist, wird auf Basis einer gewissen eurozentrischen Relevanz ausgewählt und evaluiert. Das beeinflusst auch, wie Daten katalogisiert werden. Deswegen ist der Begriff „World Literature“ auch problematisch, insofern das, was zum Weltliteratur-Kanon gehört, wiederum von einer bestimmten Gruppe ausgesucht wird (ganz davon zu schweigen, dass einige Definitionen von Literatur viele Texte a priori ausgrenzt).

Die provokante Frage: „Gibt es vielleicht schon einen Schlüssel zu einer eigenständigen Form der Überwindung des Eurozentrismus im philosophischen Kern der Komparatistik oder führt eine radikale Erneuerung der Komparatistik zwangsläufig zu den Kulturwissenschaften?“ blieb ebenfalls unbeantwortet (oder die Antwort zumindest zu ambivalent) — auch, weil sie von fünf Professoren und Professorinnen beantwortet werden sollte, die der Komparatistik nicht wirklich verpflichtet sind.

Camilo Del Valle: Ich stimme Dir zu, allerdings hat zumindest der Begriff der Weltliteratur einen klaren politischen und theoretischen Zweck, der auch kanonkritisch ist – ich würde die Frage aber eher FU-spezifisch beantworten wollen: Wenn man sich die Struktur des Peter-Szondi-Instituts anschaut, merkt man sofort, dass die Komparatistik in Berlin (die es an der HU ja gar nicht gibt) nicht nur eurozentristisch, sondern zu wenig oder gar nicht komparatistisch ist: Die Lehrstühle sind in die jeweiligen klassischen europäischen Philologien aufgeteilt (Anglistik, Slawistik, Germanistik und Romanistik), deren Forschung sich mit fast ausschließlich europäischen Literaturen beschäftigt und gemeinsam fast keine komparatistischen Fragen zu beantworten versucht. Es wird am Peter-Szondi-Institut kaum vergleichende Forschung zwischen Sprachräumen oder Kulturen betrieben, und dies sogar noch weniger mit außereuropäischen Literaturen. Es reicht nicht, französische und deutsche Literatur zu vergleichen, um zu sagen, dass man komparatistisch arbeitet.

Außerdem wird, indem außereuropäische Literaturen nicht in Betracht gezogen werden, die Frage nach einem Überwinden des Eurozentrismus von vornherein ausgeklammert – eine Frage, die der Praxis einer ethischen Selbstkritik jeder Geisteswissenschaftler*in angehören sollte. Die Komparatistik muss sich mit dem gesamten globalen Kontext beschäftigen, und dies betrifft nicht nur Ex-Kolonien wie Lateinamerika, sondern auch all jene Räume, in denen eine oder mehrere nicht-indogermanische Sprachen gesprochen werden – nur so kann die Komparatistik eine Kanon-Kritik ausüben, den Kanon öffnen und vielleicht die Kunstform Literatur im inter- und transkulturellen Raum anders verstehen.

Hier gibt es die Diskussion in voller Länge.

[1]               Jacques Derrida (2003): Die Einsprachigkeit des Anderen oder die ursprüngliche Prothese. München: Wilhelm Fink.

[2]               Gilles Deleuze (1993): „La littérature et la vie“, in: Critique et clinique. Paris: Minuit, 11-17.

Dorothea Trotter hat in Sarasota (Florida), Boca Raton (Florida) und
Hamburg Vergleichende Literaturwissenschaft studiert. Derzeit promoviert
sie an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für
literaturwissenschaftliche Studien der FU Berlin über die Rolle des Fernsehens
in zeitgenössischen Romanen wie Monica Alis „Brick Lane“, Zadie Smiths „White
Teeth“ und „Autograph Man“ und Olga Martynovas „Sogar Papageien überleben
uns“.

Camilo Del Valle hat in Wien Vergleichende Literaturwissenschaft und
Philosophie studiert. Derzeit promoviert er an der Friedrich Schlegel
Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien der FU Berlin zum
Verhältnis von Religion und Homosexualität bei Josef Winkler und Fernando
Vallejo.

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