„Die Lehrstühle abschaffen“

Dieser Artikel erscheint zugleich auf dem Merkur Blog.

Die Klage über die Arbeitsverhältnisse an deutschen Universitäten wurde in den letzten Jahren immer lauter. Regelmäßig erfahren auch im Feuilleton kritische Stimmen aus dem Mittelbau ein großes Echo. De facto geändert hat sich bisher jedoch wenig. Nicht zuletzt in Reaktion auf eine Podiumsdiskussion beim letzten Germanistentag 2016 in Bayreuth widmet sich das neueste Heft der Mitteilungen des deutschen Germanistenverbands unter dem Titel Prekär. Berichte, Positionen und Konzepte zur Lage des germanistischen ›Mittelbaus‹ nun dem Thema und lässt dabei Stimmen aus allen Statusgruppen zu Wort kommen. Inwiefern betrifft das Problem gerade auch die Germanistik? Lenkt die Forderung nach mehr Geld nicht von den eigentlichen Konfliktfeldern ab? Und welche alternativen Modelle werden derzeit diskutiert? Roman Widder hat mit Mark-Georg Dehrmann, Professor für Neuere deutsche Literatur an der HU Berlin und einer der Herausgeber der Mitteilungen, über das Heft und seine eigenen Vorschläge gesprochen.

Roman Widder: Dass im deutschen Universitätssystem irgendetwas faul ist, ist mittlerweile ja weithin bekannt. Eine ganze Reihe von Themen werden diskutiert: Tenure-Track, Juniorprofessuren, Habilitation, Wissenschaftszeitvertragsgesetz, Charakter und Finanzierung der Promotion. Kann man all das trotzdem auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Wie kann man das Dilemma im Kern erklären?

Mark-Georg Dehrmann: Zunächst einmal muss man feststellen, dass es in einer bestimmten Hinsicht keinen schlechteren Arbeitsplatz zu geben scheint als das Wissenschaftssystem. Einige der Bedingungen, die in der Wissenschaft gelten, würden in anderen Arbeitsverhältnissen zurecht skandalisiert. Hier passiert das aus verschiedenen Gründen nicht. Das Hauptproblem ist in meinen Augen tatsächlich die extrem lange Unsicherheit für eine sehr hohe Zahl an Leuten, die in der Wissenschaft arbeiten wollen, also die ungewöhnlich späte Übernahme in ein entfristetes Dienstverhältnis für nur sehr wenige.

RW: Euer Heft weist sehr vehement auf die Dringlichkeit des Problems hin, nicht zuletzt um „Schäden für das Fach“ abzuwenden. Was ist damit gemeint?

MGD: Das würde ich nicht so hoch gewichten. Die Germanistik lebt von vielen Leuten, die zur Selbstausbeutung in hohem Maß bereit sind. Insofern wird das Fach kaum Schaden nehmen. Was die Forschungs- und Lehrqualität angeht, wird es von seinen Vertreterinnen und Vertretern exzellent versorgt, nicht zuletzt vom ausgesprochen engagierten Mittelbau. Schaden nehmen eher die Individuen. Dass dies sich in der derzeitigen Karrierestruktur nicht auf die fachliche Qualität auswirkt, wird ja immer wieder als Argument für deren Aufrechterhaltung angeführt, als positiver Effekt der Konkurrenz. In meinen Augen ist es jedoch das falsche Mittel, Qualität auf Kosten der Beteiligten zu sichern. Mitarbeiterzufriedenheit ist in der freien Wirtschaft ja auch etwas Wichtiges.

RW: Vielleicht ist es aber auch umgekehrt so, dass viele sehr begabte und qualifizierte Leute schon frühzeitig abwandern, entweder aus der Wissenschaft heraus oder in das Wissenschaftssystem anderer Länder. Das wäre schon ein Schaden fürs Fach. Aber was genau hat Euch dann dazu veranlasst, das neue Heft der Mitteilungen des Germanistenverbands dem Thema zu widmen? Und wie seid Ihr dabei vorgegangen?

MGD: Ein Grund ist natürlich, dass Albrecht Hausmann und ich das Problem aus eigener Erfahrung kennen. Meine ganze wissenschaftliche Laufbahn lang habe ich das Problem als schwerwiegend erfahren. Der letzte Germanistentag in Bayreuth mit der von undercurrents angestoßenen Podiumsdiskussion war dann der Anstoß dazu, selbst etwas zu unternehmen.1 Einige andere Fachgesellschaften hatten ja bereits zu dem Problem Stellung genommen. Unser Heft sollte dabei vor allem durch viele kurze Texte die Vielfältigkeit der Debatte reflektieren. Dabei hat sich gezeigt, dass es in unserem Fach gar nicht so einfach ist, jemanden zu finden, der mit dem bestehenden System einverstanden ist. Trotzdem bilden sich aus den unterschiedlichen Erfahrungshorizonten gänzlich verschiedene Perspektiven.

RW: Bei der Diskussion vor zwei Jahren hat undercurrents den Germanistenverband auch explizit aufgerufen, sich zu positionieren, wie das in anderen Fachgesellschaften schon geschehen ist. Die Idee dahinter war, dass die einzelnen Fachkulturen eine wichtige Rolle in dem ganzen Zusammenhang spielen. Der Germanistenverband hat das aber bisher noch immer nicht gemacht. Wieso nicht?

MGD: In Bezug auf eine offizielle Stellungnahme ist unser Diskussionsprozess noch nicht abgeschlossen. Meine Hoffnung wäre, dass es so ein Papier irgendwann noch gibt. Das Problem ist, dass der Germanistenverband für eine große Gruppe von Menschen spricht, nämlich sowohl für die Literaturwissenschaft als auch für die Sprachwissenschaft, die wiederum eine eigene Fachkultur hat, und außerdem auch für die Deutschlehrer. Das ist eine besondere Architektur. Trotzdem sind viele im Verband der Meinung, dass diese Probleme zweifellos zum Aufgabengebiet des gesamten Verbandes gehören.

RW: Als Herausgeber des Hefts habt Ihr nun selbst einige Ideen entwickelt, wie sich die Situation der Beschäftigten im sogenannten Mittelbau durch strukturelle Änderungen verbessern ließe, und zwar in Richtung einer erhöhten Planbarkeit der wissenschaftlichen Laufbahn vor allem dadurch, dass der Übergang von Promotion zur Postdoc-Phase als Einstieg in die akademische Arbeitswelt ernst genommen wird. Momentan kann man ja von überall aus dem System heraus, aber nirgendwo hinein, bzw. eben erst sehr spät und mit hohem Risiko. Stattdessen wollt Ihr die Entscheidung nach vorne verlegen.

MGD: Genau. Der gemeinsame Nenner unserer Vorschläge ist, den berühmten Flaschenhals nicht abzuschaffen, aber ihn vorzuverlegen. Die Entscheidung, ob eine wissenschaftliche Karriere stattfinden kann oder nicht, muss in einem überschaubaren Zeitraum nach der Promotion fallen, nicht erst nach einer weiteren Qualifikationsphase. Nur so kann man die Unsicherheit über die berufliche Zukunft deutlich mindern.

RW: Für die Promotion empfehlt Ihr, die Mindestförderungsdauer bei einer Promotion auf 4½ Jahre auszudehnen, dafür aber auch die Anforderungen an eine Promotion zu erhöhen: Neben der Qualifikationsarbeit sollen Doktoranden auch Lehre anbieten, Aufsätze publizieren, an Tagungen teilnehmen – also Berufserfahrung sammeln.

MGD: Die Promotion ist in den letzten Jahren eine polyvalente Qualifikation geworden, ein weiterer Bildungsschritt, der in einer professionalisierten Wissensgesellschaft an sich kein Problem darstellt, sondern zu begrüßen ist. In Dänemark beispielsweise gibt es das Modell, bereits den Zugang zur Promotion sehr zu erschweren. Ich empfinde die Promotion als Schritt in ein wissenschaftsbasiertes Denken aber als zu wichtig. Warum sollte man sie größeren Teilen der Gesellschaft unbedingt vorenthalten? Außerdem sind die Qualitätsstandards für Promotionen sehr hoch, und die entstehenden Forschungsbeiträge sind für das Fach äußerst bereichernd.

RW: Also nicht nur „Simulation“ von Wissenschaft, wie es manchmal heißt.

MGD: Promotion ist auf jeden Fall wirkliche Wissenschaft. So konzentriert wie in dieser Zeit kann man später nur noch ausnahmsweise an einem einzelnen Thema arbeiten. Was aber das Berufsfeld insgesamt angeht, kann die Promotionsphase schon einen Probecharakter haben.

RW: Das heißt aber auch, dass in Promotionen noch viel mehr investiert werden müsste. Man hört ja oft auch das Gegenteil, dass nämlich in den letzten Jahren zu viel in Promotionen investiert und das Problem so überhaupt erst geschaffen worden sei. Ihr fordert also das Gegenteil?

MGD: Ja.

RW: Zu den Postdocs klingen Eure Vorschläge dann aber etwas anders. Die Idee einer Generalumstellung auf Tenure-Track-Professuren mit Evaluation entspricht doch eigentlich sehr dem amerikanischen Modell, oder? Wie lässt sich das vereinbaren mit der Habilitation, die ja gerade in der Germanistik noch immer eine wichtige Rolle spielt?

MGD: Die Habilitation sollte abgeschafft werden. Meiner Vermutung nach hat das Scheitern der Juniorprofessur dazu geführt, dass die Habilitation nach wie vor so wichtig ist. Heute gibt es zu wenige Juniorprofessuren, die außerdem zu oft ohne Tenure-Track ausgeschrieben werden. Unser Vorschlag ist deshalb, die Stellentypen signifikant umzustellen. Wie das genau aussehen könnte, ist die Frage. Die Junge Akademie hat dazu ja Vorschläge gemacht. Man müsste wohl mittelfristig schauen, dass man in den Strukturplänen frei werdende Professuren dazu nutzt, Tenure-Track-Stellen mit Entfristungsoption auszuschreiben. Nur so wird die Habilitation auch in der Germanistik überflüssig.

RW: Der Entwurf der Jungen Akademie sieht aber doch letztlich vor, den Mittelbau zugunsten von mehr Professuren de facto abzuschaffen. Ist das also identisch mit Eurem Vorschlag? Reduzierung der Prekarität durch „weniger Menschen im System“, heißt es in Eurem Text. Ist diese Lösung nicht zu simpel und verschiebt das Problem letztlich nur auf die außerakademischen Arbeitsmärkte? Es gäbe ja auch die andere Lösung: weniger Professuren, mehr Mitarbeiter mit „Dauerstellen“. Und darüber schreibt Ihr ja auch: Ein Kern von unbefristet im Mittelbau Beschäftigten ist in Eurem Entwurf eigentlich durchaus gefordert. Wie geht das zusammen?

MGD: Man muss zwei Dinge unterscheiden. Einerseits das Tenure-Track-Modell, andererseits die sogenannte Department-Struktur, eine hierarchisch flache Struktur, bei der die Professur der Regel-Status nach der Promotion und einem erfolgreichen Einstieg in den universitären Lehrberuf ist. Beide sind durchaus miteinander kompatibel. Wir haben uns aber auf ersteres konzentriert. Die Department-Struktur erwähnen wir nur kurz am Rande. Aber ich persönlich wäre in der Tat dafür, flachere Hierarchien zu etablieren, und das bedeutet letztlich, die Lehrstühle abzuschaffen.

RW: Mit den Lehrstühlen wäre in diesem Fall aber auch der Mittelbau weg.

MGD: Unser Papier ist da eher segmenthaft angelegt: Es enthält langfristige Perspektiven, es werden aber auch ein paar Dinge vorgeschlagen, die im bestehenden System gut wären. Die Dauerstellen im Mittelbau wären etwas, was sich sofort umsetzen ließe. Das wären aber keine Qualifikationsstellen.

RW: Die Prekarisierung des Mittelbaus wird dadurch aber doch gar nicht adressiert. Er wird so nicht gestärkt, sondern alle anderen Statusgruppen. Bei der Jungen Akademie ist das noch verschärft formuliert: Die Prekarität des Mittelbaus wird durch die Abschaffung des Mittelbaus bekämpft.

MGD: Der Mittelbau ist in meinen Augen aber auch nichts, was man als solches für schützenswert halten muss. Der sogenannte Mittelbau ist hierzulande doch aus der Habilitation entstanden und eben genau mit dieser Existenz verbunden, bei der man sich von Befristung zu Befristung hangelt.

RW: Das kann man so sehen. Es ist aber ein Unterschied, ob man nun mehr oder weniger Stellen will. Angesichts der Trägheit der Lehrstuhl-Struktur gegenüber Reformen frage ich mich aber auch, ob es sich bei alldem wirklich nur um ein verwaltungstechnisches und nicht vielmehr auch um ein ideologisches Problem handelt. Steht nicht die viel allgemeinere Frage dahinter, was eigentlich Wissenschaft und was ein akademisches Subjekt ist? Sandra Beaufays hat das in ihrem Buch Wie werden Wissenschaftler gemacht? (2003) gut beschrieben.4 Gerade die Postdoc-Phase wird von den Beteiligten, etwas überspitzt ausgedrückt, wie ein Fegefeuer wahrgenommen. Der Wissenschaftler ist ein dabei im Kern heroisches Subjekt, das diese Läuterung irgendwie durchgestanden hat, oder eben nicht. Das wäre sozusagen das habituelle Archiv der Wissenschaft, durch das sich die Praxis gegen alle Reformen am Leben hält. Der Held ist natürlich ein Mann, die Zielvorstellung des Martyriums der Professorenstatus. Sollte dieses Wissenschaftssubjekt wirklich konkurrenzlos bleiben?

MGD: Das Heroische könnte vielleicht wirklich eine Rolle spielen, aber das können auch Frauen sein, wie sich ja durchaus zeigt. Nichtsdestotrotz ist es lohnend, darüber nachzudenken, inwiefern die Wissenschaft ihr symbolisches Kapital falsch verteilt. Die Lehre etwa wird wohl kaum als Element dieses heroischen Teils angesehen. Ihr symbolisches Kapital sollte aber sicherlich viel höher sein. Das Profil einer wissenschaftlichen Persönlichkeit sollte nicht nur über dicke Bücher bewertet werden.

RW: Die Gesellschaft für Philosophie hat neulich zwei Vorschläge für Department-Strukturmodelle durchgerechnet. Einerseits ein Tenure-Track-, andererseits ein sogenanntes Lecturer-Modell auf Basis britischer Stellenprofile. Lecturer klingt zunächst wieder nach den befürchteten Lehrsklaven, tatsächlich könnte das aber auf ein anderes Modell hinauslaufen, das den personellen Schwerpunkt eines Instituts weg von der klassischen Professur verschiebt.

MGD: Das Lecturer-Modell wäre wohl finanziell effizienter, gleichzeitig würde die hierarchische Unterscheidung zum ‚Professor‘ aufrechterhalten. Bei einer Vermehrung von Tenure-Track-Professuren würde ein größerer Teil der beschäftigten WissenschaftlerInnen den Titel tragen. Bei beiden Modellen – und das wäre mir das Wichtigste – würde das unbefristete Beschäftigungsverhältnis zum Normalfall.

RW: Das Lecturer-Modell zeigt jedenfalls, dass sich Modelle vorstellen lassen, in deren Zentrum nicht mehr die Professur steht. Der Unterschied wäre vor allem, dass man nach der Promotion nicht immer noch „Nachwuchs“ ist und sich weiter qualifizieren kann, aber nicht muss. Man würde die Leute bereits in einem Alter um die 30 in die Mündigkeit entlassen. Außerdem wäre es für die Lehre ein tragfähiges System, wenn es wirklich darum ginge, niemandem diese Hochdeputatsstellen zumuten zu wollen, die vielen Lehraufträge endlich zu bezahlen, genauso wie die Titellehre.

MGD: Dauerstellen unmittelbar nach der Promotion einzuführen und die Promotion allein als Zugangsvoraussetzung zu formulieren, wäre mir etwas zu früh. Entsprechend schlagen wir in unserem Entwurf vor, dass man nach der Promotion, mit entsprechender finanzieller Förderung, für ein bis anderthalb Jahre ein zweites Forschungsinteresse entwickelt, das dann auch eine wesentliche Grundlage für die Bewerbung auf eine Tenure-Track-Stelle wäre. Ich schätze am deutschen System, dass man sich nach der Promotion weiterhin fachliche Breite erwerben muss, schon allein, weil man so die kommenden Aufgaben besser bewältigen kann. Und ich glaube auch, dass eine bestimmte Phase sinnvoll wäre, in der die Leute den Beruf kennenlernen, der Beruf aber auch die Leute kennenlernt.

RW: Der Beruf wird aber vor allem durch eine Statusgruppe vertreten, die ProfessorInnen. Die Frage stellt sich ja schon, weshalb sich trotz der bekannten Probleme seit Jahren so wenig ändert. Die derzeit kursierenden Modelle kommen ja alle ohne finanzielle Aufstockung aus. Wenn es aber nicht am Geld hängt, woran dann? Wer sind die Agenten?

MGD: Ein eigenwilliger, aber wirklich relevanter Teil des Problems ist vielleicht auch die deutsche Nomenklatur. Hierzulande ist die Bezeichnung ‚Professor/Professorin‘ extrem rar und auf wenige Stellentypen beschränkt, der damit verbundene Status ist entsprechend sehr groß. In den USA ist das anders. Bei der Einreise stand ich einmal als Promovend einem Immigration-Beamten gegenüber, der mich nach meinem beruflichen Status fragte. Und als ich ihm sagte, ich würde einen Vortrag an einer Uni halten, beharrte er darauf, ich sei also „professor“. Für mich wäre es kein Problem, an den Begriffen zu drehen und zu sagen: nicht nur wenige, sondern alle, die an einer Universität lehren, sind „Professor“.

RW: Aber da geht es ja schon um mehr als die Bezeichnung. Denn während der Nachwuchswissenschaftler sich heroisch durchkämpfen soll, ist der Lohn dann als Professor/Professorin die Verbeamtung. Eine Professur ist ja etwa doppelt so teuer wie eine unbefristete Mittelbau- oder eben „Lecturer“-Stelle, dabei könnten beide theoretisch in etwa dasselbe leisten. Sind also nicht die ProfessorInnen, die in den Gremien die Mehrheiten haben, die Agenten des Status Quo? Sie halten an der Abhängigkeit ihrer Assistenten fest, weil Assistenten die wesentliche „Währung“ sind, wie Ihr auch schreibt, um die es im Kampf um wissenschaftliches Prestige geht. Oder glaubst Du, mit Deiner Generation, die bestimmte Erfahrungen schon durchgemacht hat, ändert sich das Ganze jetzt allmählich? Und wie konkret kann man nun vorgehen, um die Probleme anzugehen?

MGD: Wieviel sich aus den einzelnen Gremien heraus tatsächlich verändern ließe, kann ich noch nicht genau sagen, dazu bin ich noch zu neu im ‚Geschäft‘. Aber die Frage, wie man das ganze konkret angeht, ist natürlich komplex. Wenn man nun einfach anfangen würde, Professuren als Tenure Track auszuschreiben, was würde dann mit denen passieren, die jetzt gerade habilitiert sind, die gerade jetzt, statistisch gesehen, die höchste Berufungschance hätten? Wenn man die Stellenstruktur in der beschriebenen Weise umstellt, dann würde man also auch Opfer schaffen. Wie man das genau nachhaltig regelt, weiß ich auch nicht.

RW: Auf unbefristete Stellen im Mittelbau könnten sich Habilitierte aber ja durchaus bewerben. Dass nicht jede Stelle die Krönung der eigenen Entwicklung ist, ist das eine. Aber dass es überhaupt Stellen gibt, die es einer großen Zahl qualifizierter Leute auf lange Sicht möglich macht, im System zu bleiben, ist etwas anderes.

MGD: Jede Art von Multiplikation jenes Stellentyps, der alle Aufgaben übernehmen kann, die anfallen, wäre für die ProfessorInnenschaft gut, nämlich eine riesige Entlastung.

 

Mark-Georg Dehrmann ist seit 2016 Professor am Institut für Deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied im Vorstand des Deutschen Germanistenverbands. Gemeinsam mit Albrecht Hausmann (Oldenburg) gab er die aktuelle Ausgabe der Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes heraus, die sich unter dem Titel Prekär. Berichte, Positionen und Konzepte zur Lage des germanistischen ›Mittelbaus‹ den Arbeitsverhältnissen in der Germanistik widmet.

Roman Widder ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin und beteiligte sich in den letzten Jahren an der Organisation diverser Veranstaltungen zum Thema.

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