„Die Wirklichkeit des Möglichen“; ein Gespräch mit Thomas Heise

Fotograf: Lorenz Becker

Am 29. September 2017 fand im Rahmen der Jahrestagung der Friedrich Schlegel Graduiertenschule eine Podiumsdiskussion statt zwischen der Autorin Svetlana Alexijewitsch und dem Dokumentarfilmemacher Prof. Thomas Heise, moderiert von Prof. Dr. Wolfram Ette. Im Anschluss an die Diskussion sprachen wir mit Thomas Heise. 

Interview von Dennis Schep

Dennis: In der zweiten Einstellung von Ihrem Film Material sind Bilder vom 14. November 1990 von der Räumung der Mainzer Strasse zu sehen. Sie nehmen eine Schlüsselposition im Film ein: Es sind die ersten Bilder, die klar datierbar sind. Was kam mit dieser Räumung zu Ende?

Thomas: Am Anfang gibt es das Bild von den Kindern – ein Tafelbild, könnte man sagen. Dann wird es schwarz und es kommt nur Text. Und dann sieht man das Gegenteil des Tafelbildes – die Wackelkamera. Es geht da um das Sprechen: „Ihr da oben, ich will mit euch reden“, sagt der Polizist. Oben und Unten, Bühne und Zuschauerraum versuchen miteinander in Kontakt zu treten, sei es mit Wörtern, mit Steinen oder mit der Wasserkanone. Der Vorgang ist das Abschaffen der sich entwickelnden Utopie eines anderen Zusammenlebens und das Wiederherstellen von Besitzverhältnissen, die im Grundbuch eingetragen sind. Ein Jahr lang hatte Anarchie geherrscht und das war toll und dann war das vorbei. Wenn ich Revolution machen würde, würde ich zuerst die Grundbücher vernichten, und zwar alle. Das hat die DDR nicht gemacht, und deswegen konnten Leute kommen und sagen: „Das ist mein Haus!” Diese Wiederherstellung der Eigentumsverhältnisse war die erste Maßnahme des gemeinsamen Senats von Ost- und West-Berlin. Und so begann die deutsche Wiedervereinigung: mit einer Straßenschlacht um Grund, Boden und Immobilien, Besitzende gegen Besitzlose.

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FSGS-Jahrestagung 2017 „Fabrics of Time“

AutorInnen: Prof. Dr. Stefan Keppler-Tasaki und Prof. Dr. Cordula Lemke

Jahrestagung FSGS 2017Organisiert von Stefan Keppler-Tasaki, Cordula Lemke und Rebecca Mak fand die Jahrestagung 2017 der FSGS am 29. und 30. September unter dem Titel Fabrics of Time im Clubhaus der Freien Universität statt. Knapp 30 Vorträge in neun Panels adressierten ein unter anderem ideengeschichtlich und kulturtheoretisch, ästhetisch und narratologisch gleichermaßen spannendes Spektrum an Zeittexturen, Zeitkonzeptionen und Zeitverständnissen aus zwei Jahrtausenden. Neben einem Großteil der Stipendiatinnen und Stipendiaten engagierten sich viele PIs der FSGS, darunter von der Philosophie, der englischen, deutschen und romanischen Philologie und der AVL, sowie mehrere Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler unter anderem aus New York, Oxford und Tokyo. Zu den Leitfragen gehörte, in welchen Formen und mit welchen Funktionen literarische und bildkünstlerische Texturen die Texturen von Zeit aufgreifen bzw. in sie eingreifen, wie sie sie produzieren und reflektieren. Zyklisch-episodische und mythisch-achrone Zeit, absolute Zeit nach Newton und relative Zeit nach Einstein, demgegenüber die eigenlogische Zeit von Naturdingen, Artefakten und Biographien waren häufige Bezugspunkte der Vorträge und Diskussionen.

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The irreducible significance of literature: David Wellbery on Goethe, Cavell and de Man

Interview with David E. Wellbery

David E. Wellbery is LeRoy T. and Margaret Deffenbaugh Carlson Professor at University of Chicago, where he chairs the Department of Germanic Studies and is a member of the Committee on Social Thought. A renowned scholar of the German tradition, he has published numerous books and essays on Lessing, Goethe, Kleist, Schopenhauer and many others.

Interview by Chris Fenwick

Professor Wellbery, you’re visiting Berlin as a guest speaker at the ZfL, so it’s perhaps appropriate to begin with a couple of questions about internationalism in academia. Do you think that German and US academics have different approaches within your own field of German Studies? What do you think are the major differences between German and US universities?

First of all, let me say something about internationalism in general, which I see as really having accelerated over the past five years. The conference I’m involved in here is co-organized by colleagues from Potsdam, Tel Aviv and Chicago, and I have a bit of a hand in the organization too. This is rather typical of today. Just before coming here I had a guest from the University of Curitiba in Southern Brazil who is working on a very interesting project, making digitally available all of the German-language publications in Brazil in the nineteenth century. This is the kind of thing we could also do in the US and I am interested in pursuing such possibilities. Moreover, his project is co-supported by the Fritz Thyssen Stiftung, so you get a kind of triangulation there, which I think is typical. Again and again I’m experiencing at conferences that Asian students are listening in, if not participating. It’s only going to be a generational question before we see more of their participation, which I think is really good.

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1. FSGS-Summer School „Rhetorik(en) der Literaturwissenschaft“ (Berlin, 23.–30. Juli 2017)

Verfasser_innen: Organisationsteam der Summer School Jennifer Bode, Simon Godart, Alexandra Ksenofontova, Anna Sophie Luhn, Eva Murašov

Vom 23. bis 30. Juli richtete die Friedrich Schlegel Graduiertenschule ihre erste internationale Summer School zum Thema „Rhetorik(en) der Literaturwissenschaft“ aus. 32 Teilnehmer_innen, in der Regel Doktorand_innen, waren aus den eingegangenen Bewerbungen ausgewählt worden.

Mit einer Führung durch die Ausstellung „Kunst und Narration“ im Hamburger Bahnhof und einer Eröffnungsfeier im Garten der Schlegel Graduiertenschule bot der 23. Juli Gelegenheit zum Kennenlernen. Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm und das Team der Geschäftsstelle hießen die NachwuchswissenschaftlerInnen und eingeladenen ProfessorInnen an der Freien Universität willkommen; Spoken Word Poesie von Ken Yamamoto und Musik von Sonic Drilling bereicherten den Abend.

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Tension, Failure, Errantry – 10 Years of the ICI Berlin

ICI BerlinRecently, the ICI Berlin Institute for Cultural Inquiry celebrated its 10th anniversary. We spoke to the director, Christoph Holzhey, and the staff researcher, Arnd Wedemeyer.

Interview by Dennis Schep

Dennis: During the first seven years of its existence the ICI worked on Tension / Spannung. Could you tell me something about the background of this first core project?

Christoph: The project was initiated by myself and a group of nine associate members who took part in setting up the institute. The idea was to think about the tensions between different cultures in the broadest sense possible. We wanted to see how productive tensions can be developed, what the potentials and limits are. Looking at the coexistence of cultures, we wanted to question the paradigm of harmony or integration, and investigate whether we can look at cultures from the perspective of their internal tensions.

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Do(n‘t) Judge a Book by Its Cover

Roman Kuhn über paratextuelle Fiktionsmarkierungen

Roman Kuhn hat 2016 seine Doktorarbeit über peritextuelle Fiktionsmarkierungen an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule erfolgreich beendet. Momentan arbeitet er innerhalb der DFG-Forschergruppe FOR 2305 „Diskursivierungen von Neuem. Tradition und Novation in Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit“ an einem Projekt über Klassizismus und Aufklärung in der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts.

Interview von Dennis Schep
Roman Kuhn Interview
Le Grelot, Ou Les &c, &c, &c. : Ouvrage dédié à moi

Wovon handelt deine Dissertation?

In meiner Arbeit geht es um paratextuelle Fiktionsmarkierungen. Paratext ist alles, was sich um den „eigentlichen“ Text herum befindet: Titelblätter, Verlagsangaben, Klappentexte und ähnliche Dinge, die den Text rahmen, aber auch Aspekte enthalten, die den Leser in eine bestimmte Richtung lenken. Mich hat interessiert, wie sich literarische Texte als Fiktion oder Nicht-Fiktion präsentieren und während meiner Beschäftigung mit Texten, die zwischen Autobiographie und Fiktion stehen, ist mir aufgefallen, wie zentral solche paratextuellen Signale dabei sind. Die Gattung der Autofiktion funktioniert eigentlich nicht, ohne dass im Paratext widersprüchliche Hinweise gegeben werden, zum Beispiel, wenn der Autorname auf dem Cover sich im eigentlichen Text als Name des Protagonisten wiederfindet, gleichzeitig aber „Roman“ vorne draufsteht. In dem Fall hat man zwei Aspekte, die in unterschiedliche Richtungen weisen.

Das war der Ausgangspunkt, das Thema geht allerdings historisch viel weiter zurück. Meine erste Entdeckung war, dass Paratexte im frühen 18. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen, wobei sich auf der Oberfläche die Lage komplett umkehrt. Schematisch formuliert kann man behaupten, dass es im 18. Jahrhundert kaum Romane gibt, die nicht im Vorwort als wahre Geschichte ausgewiesen werden. Im 20. Jahrhundert findet man genau das Gegenteil: „Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig.“ Auf der Oberfläche eine exakte Umkehrung, man kann aber zeigen, dass unter dieser Oberfläche ganz ähnliche Strategien und auch ganz ähnliche Anliegen vorhanden sind.

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„The Self in Verse. Exploring Autobiographical Poetry“

Bericht zur Tagung         

von Marie Lindskov Hansen                                                                    

Zeit: 9.- 11. April 2017
Ort: St Hilda’s College, University of Oxford

Über historische und kulturelle Wandlungen hinweg fasziniert die Lyrik als Modus der literarischen Selbstdarstellung. Schon in der Antike schrieben römische Dichter wie Catull und Ovid lateinische Verse, die von ihren Leben und von zentralen Episoden wie z.B. der Exilerfahrung handelten. Im Mittelalter verwendeten französische und deutsche Minnesänger wie Chrétien de Troyes und Walther von der Vogelweide Elemente des self-fashioning in ihren höfischen Liedern. Und auch seit der Renaissance haben sich etliche große Dichter mit ihren Werken in die Tradition der autobiographischen Lyrik eingeschrieben, siehe z.B. Dantes Vita Nuova, Petrarcas Canzionere, Shakespeares Sonnets, Goethes Sesenheimer Lieder, Wordsworths Prelude, um nur einige kanonische Beispiele zu nennen. Die autobiographische Repräsentation und Narration eines Selbst fungiert hier jeweils als Kern der lyrischen Praxis und verleiht dieser besonderes Potenzial: Liebesgedichte, religiöse Lyrik, historiographische und epische Gedichte oder andere Subgenres der Lyrik sind nur einige Ausdrucksformen, bei denen sich das Leben der Dichter und Dichterinnen besonders stark mit der Literatur verflochten zeigt.

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Verführung als Erschließungskategorie moderner Prosa

Interview mit Agnieszka Hudzik

„Philosophie der Verführung in der Prosa der Moderne. Polnische und deutschsprachige Autoren im Vergleich“ – so lautet der Titel der Doktorarbeit, die Agnieszka Hudzik zurzeit für den Druck vorbereitet. Die Verfasserin ist Alumna der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Potsdam. Noch vor der Veröffentlichung sprachen wir mit ihr über ihr Buch.

Interview von Dennis Schep

Wovon handelt deine Studie?

Agnieszka Hudzik: Der Ausgangspunkt meiner Überlegungen war die Beobachtung, dass man die Prosa der Moderne häufig als einen Wendepunkt in der Literaturgeschichte betrachtet. Erich Auerbach etwa betont in seiner Abhandlung Mimesis das ungeheure Tempo der Veränderungen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts vollzogen und mit denen sich die Schriftsteller konfrontiert sahen. Von der Zerrissenheit des Subjekts und dessen gestörter Weltwahrnehmung zu erzählen, erfordert Auerbach zufolge eine Abkehr von den narrativen Schemata der „klassischen“, realistisch

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On Hermeneutics and Secularism

Interview with Yael Almog

Yael Almog is a fellow at the Lichtenberg-Kolleg – The Göttingen Institute for Advanced Study. She finished her PhD at UC Berkeley, was a visiting member of the PhD-Net “Das Wissen der Literatur,” and worked at the Zentrum für Literatur- und Kulturforschung in Berlin. In her dissertation and during her time at the ZfL, she worked on the history of literary theory and secularism.

Interview by Dennis Schep

How did you get into this project?

I started my PhD in Comparative Literature at Berkeley, but also had a strong interest in religion. Comparative literature in the US is not quite the same as in Israel or Germany; in the US the emphasis was very philological, whereas I wanted to do something more along the lines of intellectual history. I switched to the German department after a year-and-a-half and first needed to improve my knowledge of German… I then began a long period of moving between Berkeley and Berlin. In Berkeley, I was influenced by a theoretical climate that emphasized the critique of secularism; from Berlin I took the emphasis on the eighteenth century, Enlightenment studies and Romanticism.

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Puerto Berlín

Ein Symposium über Berlin als Heimathafen lateinamerikanischer Literaten

Stadtsprachen
http://stadtsprachen.de/event/puerto-berlin/
von Jeanette Kördel

Innerhalb des Projekts PARATAXE – die internationalen Literaturszenen Berlins fand am Freitag den 19.05.2017 das Symposium „Puerto Berlín“ im Literarischen Colloquium statt. In drei Panels und einer Abendlesung wurden die Etappen einer ebenso faszinierenden wie kosmopolitischen Literaturgeschichte untersucht: das Wirken lateinamerikanischer AutorInnen in Berlin, einer Stadt die für viele Literaten als temporärer oder permanenter Heimathafen fungiert. Das erste Panel am Vormittag stand unter dem Motto „TRANSIT – Aufbruch und Exil. Die 1960er und 1970er Jahre“ und betrachtete Berlin als Metropole geflüchteter Literaten und Kulturschaffender, die aus den Diktaturen ihrer Heimatländer fliehen mussten. Ein Schwerpunkt bildete hier Chile, aus dem während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) zahlreiche Intellektuelle ins Exil gezwungen wurden. Fragen hierzu waren u. a.: Welche exilierten AutorInnen fanden in Berlin – Ost oder West – einen neuen Aufenthaltsort oder schrieben im Transit? Wie das insilio (innere Emigration) barg das exilio Risiken. Welche sind dies, literarisch, kulturell und politisch gesprochen gewesen? Und: Konnten sich die in Berlin exilierten AutorInnen in den Boom der lateinamerikanischen Literaturen einschreiben? Gemeinsam mit der chilenischen Autorin und Historikerin Patricia Cerda diskutierten Chile-Experten und LiteraturvermittlerInnen diese Fragen und beleuchteten die Anfänge der lateinamerikanischen Literaturgeschichte in Berlin genauer.

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Literature Away from Home: Jake Schneider on Translation, Little Magazines and More

Jake Schneider is the editor in chief of SAND, Berlin’s English literary journal. His translation of Ron Winkler’s poetry collection Fragmentierte Gewässer (Fragmented Waters) was released by Shearsman Books last October. He works as a freelance translator from German to English.

Interview by Chris Fenwick

SAND is an English-language journal based in a German city. How do you think it differs from journals in English-speaking countries?

SAND itself is a Berliner by birth, even if virtually everyone who’s worked on it over the past eight years is a Berliner by choice, born elsewhere and likely to move on eventually. This a city of fleeting convergences, eager arrivals and sudden departures, and all that history has left many layers of unique creative residue, which is why we aren’t just a direct transplant from some other place where English is the official language.

In cosmopolitan Berlin, English now represents a kind of horizontal communication, often between people who grew up speaking a third or fourth language. English is the language people arriving here speak. That makes it a symbol of inclusion, while German is a daunting gate that fresh Berliners who are serious about settling down can only pass with years of study and practice.

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Roundtable: Beauty

On April 26, a roundtable discussion on beauty took place at Spektrum in Berlin. The event was organized and moderated by Dennis Schep (Friedrich Schlegel Graduiertenschule). Participants were:

Christina Dimitriadis (Visual artist, NYU Berlin)
Chris Fenwick (Literary scholar, Friedrich Schlegel Graduiertenschule)
Joshua Fineberg (Composer, Boston University)
Melissa Steckbauer (Visual artist)

roundtable beauty
Marcel Duchamp’s Fountain, 1917

 

What follows is an abridged and edited transcript of the input statements and the subsequent discussion.

Dennis: What got me interested in this topic is the observation that, whereas one might suppose that art is about making beautiful things, nowadays this aim does not figure in artist’s statements, and neither is beauty a dominant concern in the discourse about art. After spending 10 years in the university and being accustomed to a critical vocabulary, I myself have come to suspect judgments of beauty: to say something is beautiful almost sounds naive. Recently, Sianne Ngai has argued that our aesthetic categories are no longer the beautiful and the sublime, but the cute, the zany and the interesting. Perhaps we could say that beauty is marginalized in the fields of art and academia. I am interested in the reasons for this marginalization.

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Internationalisierung und Exzellenzinitiative: Jutta Müller-Tamm stellt die FSGS vor

Jutta Müller-Tamm ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin und Direktorin der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien.

Interview von Chris Fenwick

Die Friedrich Schlegel Graduiertenschule hat vor kurzem den Hauptpreis der Einstein Stiftung Berlin für das beste Doktorandenprogramm der Stadt gewonnen. Was bedeutet diese Förderung für die FSGS? Was wird sie künftig damit machen?

Zunächst bedeutet dieser Preis eine große Bestätigung: Anregung, Unterstützung, Ermutigung. Ganz konkret ist diese Förderung natürlich Geld wert. Wir haben verschiedene Dinge geplant, die wir jetzt umsetzen möchten. Die erste Idee folgt einer Anregung unserer StipendiatInnen: Wir werden 2017, -18 und -19 jeweils eine Summer School ausrichten. Das zweite Vorhaben soll die Internationalisierung der FSGS vorantreiben: Mit einem Teil des Preisgeldes möchten wir neue Kooperationen in Gang setzen und werden im Hinblick darauf Kontakt mit Universitäten in Südafrika aufnehmen. Der dritte Bereich betrifft unser genuines Geschäft, das heißt wir finanzieren Stipendien mit den Geldern der Einstein-Stiftung. Das ermöglicht uns zum Beispiel, den Jahrgang, den wir jetzt auswählen und im Oktober zulassen werden, tatsächlich vollkommen auszufinanzieren und mit entsprechenden Mitteln für Reisen auszustatten. Wir haben auch ein neues Förderformat eingeführt, die Einstein Projektstipendien, die wir an Bewerber in der Endphase oder kurz nach Abschluss des Masterstudiums vergeben und denen wir mit einem dreivierteljährigen Stipendium ermöglichen, ein Exposé zu schreiben, mit dem sie Stipendien einwerben können. Damit können sie dann Mitglieder der Schule bleiben, so dass wir hoffen, auf diese Weise auch in die weitere Zukunft der Schlegel-Schule zu investieren.

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Kleine Formen – an der HU Berlin nimmt ein neues literaturwissenschaftliches DFG-Graduiertenkolleg seine Arbeit auf

Am 1. April 2017 nimmt das DFG-Graduiertenkollegs 2190 “Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen” seine Arbeit an der Humboldt-Universität auf. Ein Interview mit dem Sprecher des Graduiertenkollegs, Prof. Dr. Joseph Vogl.

Interview von Dennis Shep

Können Sie kurz schildern, womit das Kolleg sich beschäftigen wird?

Der Ausgangspunkt des Forschungsprojekts “Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen” besteht zunächst in der Annahme, dass kleine Formen, die genremäßig wenig fixiert sind, einen großen Anteil an der Verfertigung, Zirkulation und Organisation von Wissen haben, oft aber unter der Beobachtungsschwelle bleiben. Damit hängt – und das wäre ein zweiter Punkt – zusammen, dass der Bezug dieser Formen zu unmittelbaren Praxiskontexten oder Gebrauchsroutinen sehr stark ist; dass sie sich weitgehend durch bestimmte praxeologische Perspektiven definieren, unter anderem in Zusammenhang mit bestimmten Medienformaten, und zwar vom medizinischen Aphorismus in der Antike bis zu Fragen von sozialen Netzwerken und Twitter in der gegenwärtigen Kommunikation.

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Die unsichtbare Germanistik. Über eine Debatte in ihrer Krise

Manuel Clemens promovierte 2013 an der Yale University mit einer Dissertation über „Das Labyrinth der ästhetischen Einsamkeit. Eine kleine Theorie der Bildung.“ Derzeit unterrichtet er German Studies an der Rutgers University in New Jersey. Jüngste Veröffentlichung: „Dumme Fragen beantworten. Für einen populistischen Turn in der Literaturwissenschaft“ (KulturPoetik, Heft 16, Vol. 2, 2016). In diesem Artikel schlägt er vor, dass sich die gegenwärtige Literaturwissenschaft nicht nur mit ihren kanonischen Werken und Diskursen beschäftigen sollte, sondern auch mit dummen Fragen und populistischen Themen. Würde man diesen Fragen und Themen so gewissenhaft nachgehen wie der Lektüre Kafkas oder Benjamins, könnte sich eine neue Literaturwissenschaft mit einem neuartigen Wissen im öffentlichen Raum etablieren.

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Zeit für einen „conscious turn“?

Plädoyer für eine politisch aufmerksame Literaturwissenschaft

von Eva Murasov

Vergangenen Herbst lud die Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien (FSGS) im Rahmen ihrer Jahrestagung zu einer Podiumsdiskussion ein über „Techniken und Technologien der Lektüre – Alte Kulturtechniken, literaturwissenschaftliche Methoden und die Digital Literary Studies“. Fünf LiteraturwissenschaftlerInnen (Irmela Krüger-Fürhoff, Christine Ivanovic, Thomas Weitin, Hans Ulrich Gumbrecht und Bernhard Metz) dachten öffentlich darüber nach, wie sich das Fach in einer digitalisierten Gesellschaft positionieren kann. Bedarf es unter den sich ändernden medialen Bedingungen und Möglichkeiten eines neuen Umgangs mit Texten? Wenn ja, welchen? Die Diskussion blieb keinesfalls bei einer Auseinandersetzung mit Methodik stehen, sondern warf die Frage nach dem Selbstverständnis der Literaturwissenschaft und ihrer gesellschaftlichen Relevanz auf. Die politische Tragweite von Debatten über Forschungsrichtungen und Studienfächern zeigte sich nicht nur jüngst im Germanistik-Bashing des Spiegels – oder vielmehr in Frauke Berndts kluger Antwort  darauf –, sie rückte auch auf dem FSGS-Podium im November 2016 in den Vordergrund.

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Die Wunde zeigen

Im interdisziplinären Forschungsprojekt „PathoGraphics“ untersuchen Wissenschaftlerinnen die Darstellung von physischen und psychischen Grenzerfahrungen in Literatur und Comics

Nora Lessing
„Die Anstandsdame – Chaperone“ nennt die kanadische Künstlerin Stef Lenk ihr Bild, bei dem der Schatten kritisch auf das tanzende Skelett schaut. Die Künstlerin zeichnet sowohl Comics wie auch medizinische Illustrationen.                           Bildquelle: Stef Lenk / steflenk.com

Die Diagnose Hirntumor war Ausgangspunkt für Wolfgang Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“, Daniela Schreiter vermittelt in ihrem Comicbuch „Schattenspringer“ die Welt aus der Perspektive einer Autistin, und der Theatermacher Christoph Schlingensief machte Leid, Angst und Hoffnung mit der Veröffentlichung seines Krebstagebuchs „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“ zu zentralen Themen seines Spätwerks.

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Size Matters: Knowledge, Storage, and the History of Compression

Hansun Hsiung recently finished his PhD about textbooks and the globalization of scientific knowledge in the nineteenth century at Harvard. He is currently working on a project about compression at the Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. An interview with Hansun Hsiung on the History of Compression

Interview by Dennis Schep

What is the history of compression?

In the past decade or so, several historians, most notably Ann Blair, have attempted to historicize our contemporary “information overload” by excavating precursors from the early modern era. These studies have shown that since the rise of commercial print at latest, we’ve been creatively struggling with the problem of “too much to know.” My project takes this line of inquiry, and refocuses it on problems of material infrastructure. Knowledge is embedded in objects, and we build infrastructures such as libraries and archives to house these objects. But objects take up space. Thus, if information overload does have a long history, then this history is not only a problem of “too much to know.” It must also be a problem of “too much to store.”

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Bob Dylan – Die Stimme und die Stimmen

WorkshopDylan Wokshop, Die Stimme und die Stimmen

Zeit: Donnerstag, 23. Februar 2017, 10.00 – 18.00 Uhr
Ort: Topoi-Villa Dahlem
Konzeption: Wolfram Ette, Georg Witte

Rund vier Monate nach der seit langem immer wieder geforderten Vergabe des Nobelpreises an Bob Dylan haben die Friedrich-Schlegel-Schule für literaturwissenschaftliche Studien und das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft mit dem Workshop Bob Dylan Die Stimme und die Stimmen reagiert. Organisiert wurde der Workshop von Wolfram Ette, gegenwärtig Gastprofessor an der FSGS, und von Georg Witte, der der Schule seit vielen Jahren verbunden ist.

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Roundtable: Critique

On January 21, a roundtable discussion on the history and current meaning of critique

Credit: Jean-Paul Sartre, Gilles Deleuze, and Michel Foucault; picture by Elie Kagan

took place at Spektrum in Berlin. The event was organized and moderated by Dennis Schep (Friedrich Schlegel Graduiertenschule). Participants were:

Luce deLire (Philosophy and German and Romance Languages and Literatures, Johns Hopkins University)

Hansun Hsiung (Max-Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte)

Jule Govrin (Friedrich Schlegel Graduiertenschule)

Jan-Philipp Kruse (Rechts- und Verfassungstheorie, TU Dresden)

The afternoon began with preliminary provocations from each participant. What follows is an abridged and edited transcript of the subsequent audience discussion only. A full audio recording, including the presenters’ preliminary provocations, can be found here.

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Ernst, Tragisch, Problematisch – Guido Mazzoni on Late Capitalism and the Theory of the Novel

Guido MazzoniGuido Mazzoni is a poet, essayist and a founding editor of Le parole e le cose, Italy’s leading cultural webzine. He is a professor at the University of Siena. In 2011 he published Teoria del romanzo, which has now been translated into English for Harvard University Press.

Interview by Chris Fenwick

Guido Mazzoni, you gave a talk at the Freie Universität summarizing ideas from your new book, Theory of the Novel. Could you tell us in more detail about the argument of your book and how it differs from past theories of the novel?

In my view the novel is defined by two elements. One element is linked to a language game: the novel is something that narrates; the novel tells a story. The second element is the fact that the novel has become the genre in which you can narrate anything in any way whatsoever.

To turn to the first element – what does it mean to narrate a story? In the twentieth century, narratology established one ahistorical answer. My answer has a historical starting point.

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Stick to the facts

„Postfaktisch“ – das Wort des Jahres 2016

Pro/Contra: Stick to the facts. „Postfaktisch“ – das Wort des Jahres 2016

von Simon Godart

Das Oxford Dictionary hat (am 16. November 2016) den Neologismus „post-truth“ zum internationalen Wort des Jahres 2016 bestimmt. Der Begriff, der sich nicht ganz maßstabsgetreu als „postfaktisch“ ins Deutsche übersetzt, ist ein Adjektiv zur Beschreibung von Diskursformationen oder politischen Haltungen, in denen Fakten oder anerkannte Überzeugungen nicht zur Basis der Argumentation genommen werden. Oder nicht mehr, müsste man sagen; der Begriff hat vor allem zeitdiagnostischen Wert und geht mit der Behauptung einher, dass das Jahr des Post-Faktischen insbesondere wegen des viel diskutierten Präsidentschafts-Wahlkampfes in den USA eine neue Debattenkultur eingeläutet habe. Mit gleichbleibender Begründung und Hervorhebung der steigenden Popularität des Adjektivs zog nun die Gesellschaft für Deutsche Sprache einen knappen Monat später (am 9. Dezember) nach und wählte diese „Lehnübertragung“ auch zum deutschen Wort des Jahres. 

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Chiffren des Sozialen. Realistisches Erzählen und politische Ökonomie im 19. Jahrhundert

Till Breyer hat kürzlich seine Doktorarbeit bei Joseph Vogl an der Humboldt-Universität abgegeben. Momentan arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum.

Interview von Dennis Shep

Worum geht es in deiner Arbeit?

In meiner Dissertation habe ich versucht, den Zusammenhang von realistischen Erzählweisen und ökonomischen Wissensgegenständen im 19. Jahrhundert zu beleuchten. In den letzten Jahren sind gerade zum Verhältnis von Realismus und Ökonomie einige Studien erschienen, denen gegenüber ich den Fokus noch einmal etwas verschieben und ausweiten wollte.

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Statements zu den Digital Humanities

„Trotz der verschiedensten Entwicklungen des 20. Jahrhunderts basieren die Methoden der ‚Analogue Humanities’ immer noch auf Praktiken, die über 200 Jahre alt sind. Im digitalen Zeitalter sind sie nicht mehr zeitgemäß.“

Lev Manovich:

Digital Humanities scholars use computers to analyze mostly historical artefacts created by professionals. The examples are novels written by professional writers in the 19th century. Time wise, they stop at the historical boundaries defined by copyright laws in their countries. For example, according to the U.S. copyright law, the works published in the last 95 years are automatically copyrighted. (So, for example, as of 2015, everything created after 1920 is copyrighted, unless it is recent digital content that uses Creative Commons licenses.) I understand the respect for the copyright laws – but it also means that digital humanists shut themselves out from studying the present.

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Stimmung 2016 – an interview with Hans Ulrich Gumbrecht

30-stimmung-lesen-gumbrechtHans Ulrich Gumbrecht is a literature professor at Stanford University, a public intellectual and a naturalized citizen of the United States. This interview took place in Berlin, three days after Donald Trump won the U.S. presidential election.

Interview by Chris Fenwick and Dennis Schep

You have written a book about the Stimmung after 1945, describing the ‘50s as a claustrophobic era. How would you see the Stimmung of today?

I feel it is a Stimmung of the end of something. It’s not quite clear what has come to an end, maybe nothing has come to an end, but if there is one motif that goes through all this confusion and the centrifugal interpretations of what is happening, there is always a claim for something ending. We have to seriously ask whether the institutional forms and rituals that emerged under certain historical conditions in the 18th century are no longer viable, whether accidents that have always been possible, like on January 30th 1933 in this city in this country, are now more frequently possible – so that we should imagine something else. Something has come to an end, but we aren’t sure what it might be. This gives us a double uncertainty, for as long as we don’t know what has come to an end, we don’t know what might come, and we cannot develop a recipe or strategy.

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The 2016 Nobel Prize for Literature is awarded to Bob Dylan

Ben Northern CC BY-NC-ND 2.0
Ben Northern CC BY-NC-ND 2.0

Pro/Contra: Nobel Prize for Literature to Bob Dylan

Chris Fenwick and Brian Poole

Contra

Chris Fenwick

I’m going to set out two arguments against awarding the Nobel Prize to Bob Dylan. The first concerns the potential political function of the prize within the literary landscape. It ultimately suggests that Dylan is a conservative choice. The second is about the scope of the category “literature,” specifically whether it should include songwriters. Here I admit that Dylan is a provocative choice, but maybe not productively so. I’m not going to assess Dylan’s artistic merit, say he shouldn’t get the prize because William Faulkner is better or, for that matter, say that he should since half the pre-war laureates aren’t read any more and/or are rubbish. Dylan is clearly a hugely talented lyricist who has exerted a great influence on culture. However, because his body of work is significantly dissimilar in kind from that of previous Nobel laureates, carrying out a comparison of quality is impossible. The issue isn’t whether it’s fair that he get the prize, rather whether it’s coherent.

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